Dienst für die Toten auf dem Wiener Friedhof der Namenlosen

Beim Alberner Hafen im 11. Bezirk der Stadt Wien findet sich der Friedhof der Namenlosen. Hier wurden zwischen 1845 und 1940 Leichen begraben, die im Hafenbereich der Donau angeschwemmt wurden. Ein Wasserstrudel bei Stromkilometer 1918,3 sorgte dafür, dass an dieser Stelle immer wieder Ertrunkene an Land gespült wurden. Ein reguläres Begräbnis gab es für die Leichen nicht, da es sich oftmals um Selbstmörder handelte, die nach christlicher Ansicht das Recht auf eine reguläre Beisetzung verwirkt hatten. 1900 gründete man unter freiwilliger Mitwirkung ortsansässiger Handwerker einen zweiten Teil des Friedhofs, weil der erste durch Hochwasser ständig zerstört wurde. Keine Leiche wurde verscharrt, alle wurden in einem schlichten Holzsarg beerdigt, die eine Tischlerei spendete.

Als 1939 große Neubauten im Alberner Hafen für sich ändernde Strömungsverhältnisse sorgten, wurden keine Leichen mehr angespült.  478 unbekannte Tote liegen auf dem Friedhof der Namenlosen begraben, 1940 wurde der Friedhof offiziell geschlossen, unbekannte Leichen wurden fortan auf dem Wiener Zentralfriedhof begraben.

Liest man die Berichte über den Friedhof, so wird oft von einer eigentümlichen oder beklemmenden Stimmung berichtet: „Auf der einen Seite liegt beschauliche Ruhe über den meist schmucklosen Gräbern, auf der anderen Seite dröhnt tagsüber der Lärm des Hafenbetriebes. Auf manchen Gräbern liegen Blumen und Kränze. Auf den Täfelchen steht „Unbekannt“ oder „Namenlos“. Im Gegensatz zu anderen Friedhöfen ist diese letzte Ruhestätte mehr der Natur überlassen. Statt eines Grabsteins befindet sich auf jedem Grab das gleiche schmiedeeiserne Kreuz.“ Es ist erstaunlich, wie gut erhalten der Friedhof ist, der nie von einem öffentlichen Träger finanziert wurde.

Doch wer kümmerte sich um die Gräber? Von wem stammen die eisernen Kreuze mit den weißen Christusfiguren?

Der Friedhof der Namenlosen ist auch die Geschichte des ehrenamtlichen Totengräbers Josef Fuchs, der den Friedhof bis zu seinem eigenen Tod im Jahre 1996 mit großer Hingabe pflegte und gestaltete. 60 Jahre lang opferte der Mann seine Zeit für ertrunkene Leichen ohne Namen. Ich bin mir nicht sicher, welche Geschichte ich bewegender finde, die der Namenlosen Toten oder die Geschichte eines Mannes, der sich leidenschaftlich für Menschen einsetzte, die er nicht kannte, die ihm nichts bezahlten und seine Dienste nie erwiderten. Mit 16 fand er seine erste Wasserleiche, als er am Ufer bei besagtem Stromkilometer Schilf schnitt. In einem Karton wurde ein toter Säugling angeschwemmt, den er auf dem Friedhof der Namenlosen beerdigte. Auch lange nach seinem Leben als Feuermann und Gendarm arbeitete Fuchs auf dem Friedhof und pflegte die Gräber. Für seine Arbeit erhielt er vom Land Wien das Goldene Verdienstzeichen. 1986 wurde der Friedhof unter Denkmalschutz gestellt. Doch was dem verstorbenen Fuchs viel wichtiger ist als Prunk und Anerkennung sind seine Nachfolger, die die Gräber auch heute noch pflegen.

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Der Fall des alten Friedhofs spiegelt übrigens ganz besonders den Zwiespalt in unserer Gesellschaft. Seit über 150 Jahren wurde das winzige Areal direkt am Hafen der Donau von Menschen geplegt, besucht und belebt. Kein Reiseführer ohne eine Hinweis auf den zugewucherten Originalfriedhof. Anfang 2013 wurde der alte Friedhof gerodet und planiert, die Stadt erklärt: „Es lagen alle erforderlichen Genehmigungen vor.“ Zurück bleiben die Namenlosen und die Menschen, die Leidenschaft, Herz und Arbeit für etwas investierten, was ihnen wichtig erschien. So wie Josef Fuchs, der sich nie mit dem brüstete was er tat. Ein Mensch mit Mitgefühl und Courage. Auf der anderen Seite die, die nicht nachdenken und sich im Zweifelsfall hinter Gesetzen verstecken. Menschen, die ohne Rückgrat dem folgen, was ihnen diktiert wird.

Robert Forst
Wizard of Goth – sanft, diplomatisch, optimistisch! Der perfekte Moderator. Außerdem großer “Depeche Mode”-Fan und überzeugter Pikes-Träger. Beschäftigt sich eigentlich mit allen Facetten der schwarzen Szene, mögen sie auch noch so absurd erscheinen. Er interessiert sich für allen Formen von Jugend- und Subkultur. Heiße Eisen sind seine Leidenschaft und als Ideen-Finder hat er immer neue Sachen im Kopf.
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carmen
carmen (@guest_49294)
Vor 7 Jahre

was fuer ein schoener und interessanter Bericht!

Perdito von Wegen
Perdito von Wegen (@guest_49298)
Vor 7 Jahre

Schon 2008 hat Thomas Sabottka einen Band mit Geschichten zu den Toten des Wiener „Friedhof der Namenlosen“ herausgebracht. Bebildert ist das ganze mit stimmungvollen Photos von Butow Maler.

Irmin
Irmin (@guest_49303)
Vor 7 Jahre

Ein schöner Bericht. Er kommt auch gerade zur rechten Zeit, bin ich doch nächste Woche mal wieder in Wien unterwegs und überlege mir gerade, was ich mir so ansehen möchte. Gut, als Geheimtipp wird der Friedhof der Namenlosen nicht gerade durchgehen und zu viele Menschen an einem Fleck sind gerade an einem solchen Ort eher störend… Aber gut, deswegen auf möglichst schlechtes Wetter hoffen will ich dann auch nicht ;)

Ragnar
Ragnar (@guest_49407)
Vor 7 Jahre

Ein sehr berührender Bericht;schön das es noch Menschen gibt,die nicht gleichgültig gegenüber verstorbenen Menschen sind.
Das Buch möchte ich auch lesen über den Friedhof der Namenlosen;
Friedhöfe sind auch Oasen der Ruhe und der Nachdenklichkeit.

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