4 September

Pfingstgeflüster 2011 – Einzelgänger und Wiederholungstäter

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Pfingstgeflüster InhaltHektisch öffne ich das Paket. Es ist schwer und der Absender verrät viel über den Inhalt. Marcus Rietzsch, leidenschaftlicher Herausgeber des Pfingstgeflüsters hat es gepackt. Der Inhalt: Ein ganzer Stapel der neuesten Ausgabe, das sich thematisch dem 20. Wave-Gotik-Treffen in Leipzig widmet. Ich habe reichlich Exemplare bestellt, denn es ist das erste mal, dass ich mein geschriebenes Wort in einer richtigen Zeitschrift finde. Papier, Bilder, Buchstaben und mein Name, nicht auf dem Bildschirm sondern zum anfassen. Ich bin aufgeregt und ein kleines bisschen stolz, sitze noch mit dem geöffneten Paket auf dem Sofa und verschlinge die anderen Artikel der Ausgabe in einem Rutsch.

Nachdem ich bereits angekündigte, etwas über das Pfingstgeflüster zu schreiben, möchte ich nun endlich die Gelegenheit ergreifen und werfe einen Blick auf die Inhalte des Heftes, der wieder einmal eine ganz andere Sichtweise auf das schwarze Großereignis wirft und ein ums andere mal von großartigen Autoren erstellt wurde, um einen tieferen Blick auf das zu wagen, was mittlerweile als „Kostümfest“ in den Köpfen der Gesellschaft existiert. Das undergroundige ist nicht mehr die Existenz der Szene selbst, sondern das Wissen der Mitglieder, dass da mehr ist als Musik und Klamotten. Ich möchte die Gelegenheit nutzen, meine Eindrücke einiger Artikel weiterzugeben, denn immer noch scheint mir die Präsenz dieses Sterns der Publikationen viel zu klein.

Reflexionen – Guldhan (blog.opus-mentis.de)

Ein Blick zurück auf zwei Jahrzehnte. Guldhan begibt sich für das Pfingstgeflüster auf eine geradezu poetische Reise in die Motivationen des Wave-Gotik-Treffen und schafft einen Einblick in das, was wir Szene nennen dürften und zeigt uns, wie der gemeinsame Gedanke und die Lust der Erinnerung die Menschen Jahr für Jahr nach Leipzig treibt. „Jedes Szene-Zeitalter besitzt seine Berechtigung. Jede Sparte, welche den Gedanken teilt, sollte seinen Platz finden sowie seine eigene Nische beanspruchen dürfen. Und sollte sich dennoch in der großen schwarzen Halle zusammenfinden können. Nicht nur, um im eigenen Lichte zu glänzen, sondern um sich als Teil eines beachtenswerten dunklen Mosaiks zu verstehen. Auf dem man sich, das Zusammensein, das Treffen und die Szene, an Pfingsten zu feiern weiß.

Initiator – Michael Brunner im Gespräch mit Edith Oxenbauer und Marcus Rietzsch

Aktuelle Gespräche mit dem, der einst das erste WGT auf die Beine stellte, sind selten geworden. Nur noch sporadisch erscheint der Name Michael Brunner in den Medien, Cornelius Brach gilt als Gesicht der Organisation, denn Brunner hat sich schon vor Jahren aus diesem Teil des Treffens zurückgezogen. In einem Gespräch erzählt der Initiator von der Vergangenheit und der mögliche Zukunft des Treffens, dass nicht nur ihn, sondern die schwarze Szene und die Stadt Leipzig über die Grenzen hinaus berühmt gemacht hat. „Es war einmal im Jahr 1991, als das „Moonchild-Festival“ die Veranstaltungsbühne betrat. Mit einem Ziel: die große Ablehnung durch die Gesellschaft sollte aufhören. Akzeptanz finden. Die Szene „salonfähig“ machen. Eine Basis schaffen, um als Grufti inmitten eine bürgerlichen Lebens stehen zu können. Kein Treffen im kleinen privaten Rahmen, abseits, versteckt, abgeschieden. Aufmerksamkeit für das Lebensgefühl der „Schwarzen“ in die Stadt bringen, unter die Leute. Das war eine Vision. Michaels Vision.

Lesungen  – Von Wortakrobaten & Geschichtenerzählern und von Edith Oxenbauer

Vorlesen. Eine besonders intensive Art, eine Geschichte und seinen Inhalt kennenzulernen, denn zum Text gesellt sich unweigerlich der Stil des Lesenden, der mit Klangfarbe, Betonung und der Aussprache eine Interpretation abgibt. Besonders spannend ist es dann, wenn die Autoren ihre eigenen Geschichten vorlesen, denn dann bekommt der Text durch die Lesung ein Gesicht und die ursprüngliche stimmliche Grundintention des Schreibenden. Auf dem WGT gab es eine ganze Reihe Autoren die Lesungen dargeboten haben, im Pfingstgeflüster stellt sie Edith Oxenbauer in einem Portrait vor. Klaus Märkert (Schementhemen, „Hab Sonne“), Claudia Feger (Wortspiel: Galerie Leipzig), Roland Galenza (Gefühlswäscherei oder: Sperrmüll der Standpunkte), Christian von Aster (Die Zeugen Patchoulis – Volksnahe Aufklärung im Namen der Nacht)

Gestus, die Ästhetik der Nacht – Edith Oxenbauer und Marcus Rietzsch

Schwarz-weiße Portraits – eingefangen in Augenblicken, in denen die Fassade eine Pause machte. Auf höchstempfindlichen Filmen. Ohne Stativ, frei aus der Hand heraus. An denkbar ungünstigen Orten wie beispielsweise schummrigen Kneipen und Konzerthallen. Verzicht auf Farbe – die Reduktion auf das wesentliche. Die Grobkörnigkeit der hochempfindlichen Filme zaubert eine einzigartige Weichheit in die Gesichter.“ Besser hätte man nicht beschreiben können, was Szenefotograf Gerd Lehmann im Laufe vieler Jahre mit dem WGT in den gleichnamigen Kalendern veröffentlicht.  Er schuf Bilder, die das Augen länger als einen Augenblick lang fesseln. Der Artikel befasst sich weniger mit den Bildern, als mit dem Fotografen selbst, denn das Kalender-Projekt ruht seit einigen Jahren, vielleicht auch, weil man die Ästhetik, die seine Bilder zum Ausdruck bringen, suchen muss, denn Fassade gewinnt, während Echtheit schwindet.

Age of Heaven – Ein Gespräch mit JU Age

Die Band, die einst das erste WGT eröffnete, hat einen festen Platz in den Büchern des WGT. In einem Gespräch erzählt Sänger JU Age von den Anfängen, der Veränderung und von den Erlebnissen, die er mit dem Treffen verbindet. „Ich glaube, die Szene war damals etwas mehr in sich abgeschlossen, zusammengehöriger, eine eingeschworene Gemeinschaft. Es war schon irgendwo etwas Besonderes, als Goth herumzulaufen. Es war ja auch in der Gesellschaft noch nicht so akzeptiert. Man hielt uns für Rowdys, Freaks, Friedhofsschänder oder Satanisten. Natürlich haben manche mit diesen Klischees auch kokettiert.

Presseschau: Berichterstattung aus zwei Jahrzehnten – Robert Forst

Mitunter sah mein Raum so aus wie der eines klischeehaften Verbrechers, der seine Wände mit Zeitungsausschnitten von seinem geplanten Opfer zugekleistert um die bevorstehende Tat zu zelebrieren. Ich weiß gar nicht mehr wie viele Artikel ich gelesen habe, aus dem Lachen über Klischees wurde betretenes Schweigen, weil es nie gelang diese völlig auszutreiben. Aus dem Staunen über die Vereinnahmung durch Politik und Gruppierungen wurde ein Groll auf die schier unendliche Toleranz der eigenen Szene. Ich habe versucht zu zeigen, wie das Treffen wahrgenommen wird und dazu einige Artikel aus 20 Jahren zusammengetragen, die meiner Meinung nach einen guten Schnitt durch das geben, was man unternommen hat, die „Schwarzen“ zu verstehen. „Das wichtigste am WGT, und da sind sich vielen Fans einig, ist und bleibst das Treffen selbst – die vielen Details, das Rundherum und die schwarze Vielfalt. Ein schöne Tradition.“ (OZelot, 2003)

Love like Blood sagen Lebewohl – Gunnar und Yorck Eysel

Ein Abschiedskonzert einer Band, die bereits 1999 von der Bühne verschwand. 12 Jahre später. Love Like Blood sind musikalisch fest mit dem WGT verwurzelt. „Wir haben nie ein offizielles Ende erklärt. Und dann, eines Tages, ein Anruf von den Organisatoren des WGT. Die Überraschungen, dass das WGT bereits sein 20-jähriges Jubiläum feiern sollte, war groß. Ebenso die Erkenntnis, dass wir beim allerersten WGT aufgetreten sind. Unsere Erinnerung daran kann man als sehr rudimentär bezeichnen. Verschwommen. Verblaßt. 20 Jahre sind eine lange Zeit. Wie sich herausstellte, wurde Love like Blood zwar angekündigt, doch einen entsprechenden Auftritt gab es nicht.

Ansichten: Schwarzbunter Karneval oder untergründiges Kulturerlebnis? – Alexander Nym

Alexander Nym ist seit der Veröffentlichung von Schillerndes Dunkel einer der aktuelle bekanntesten Autoren der schwarzen Szene. Für das Pfingstgeflüster erzählt er von seiner Rolle als Pseudonym für Wissen über die Szene. „Anfragen für diesbezügliche Interviews auf meine Schreibtisch, und das Telefon stand schon Wochen vor dem WGT nicht mehr still: Die Neugierde und Bereitschaft der Medien, differenziert und von den üblichen Klischees befreit über das weltweit größte Szenefestival zu berichten, war augenfällig, und demzufolge zögerte ich nicht, die Journalisten und Fernsehleute mit endlosen, vor sich hin mäandernden Sätzen im Seminarstil über die Hintergründe und Vergangenheit der schwarzen Szene aufzuklären.“ Ein Artikel, der auch tiefere Fragen aufwirft, jedenfalls wenn ich ihn für mich interpretiere.

Neugierig? Zu Recht. Das Pfingstgeflüster gibt es direkt bei Marcus Rietzsch auf der entsprechenden Internetseite zu bestellen. 8,90€ für ein bisschen Erinnerung und eine Zeitschrift die sich so angenehm vom Einheitsbrei der Berichterstattung abhebt, ist nicht zu viel. Für die Unterstützung der Idee des Magazins und für den unerschütterlichen Idealismus der Herausgebers eigentlich noch viel zu wenig.

(Bildquelle: Pfingstgeflüster, Gerd Lehmann und Marcus Rietzsch)

4 Kommentare

  1. Ich glaube, dieser Artikel ist irgendwie zu Unrecht und aus Versehen etwas untergegangen. Das hat er nicht verdient, schon gar nicht die tolle Pfingstgeflüster-Ausgabe in diesem Jahr. Habe mir das Buchheft an Tag nach meinem Urlaub zu Gemüte geführt und bin gleich drin hängengeblieben. Hab es dann mit viel Ruhe und Zeit durchgelesen, obwohl ich es erstmal nur ‚unverbindlich durchblättern‘ wollte. Und es hat auf sehr angenehme Art und Weise dafür gesorgt, dass ich mich wieder angekommen und daheim fühlte.

    Guldhans Intro fand ich extrem gut – genau die richtige, philosophische Art, die es zum 20. WGT brauchte. Weitere Highlights waren Roberts Presseschau, die vorgestellten Lesungen (sind eigtl. nicht so meine Sache, tummle mich lieber auf Konzerten, aber Christian von Aster muss ich mir wohl mal geben…) und das Gestus-Porträt. Letzteren schätze ich sehr und habe auch einige seiner Kalender aus früheren Jahren. Das Geheimnis seiner Bilder ist wirklich die nicht-vorhandene Einwilligung zum Fotos und stattdessen der überraschende Moment voller Natürlichkeit, den er festhält. Schade, dass es keine Gestus-Kalender mehr gibt. Vor einigen Jahren war er ja auch noch am Stand in der AGRA, jetzt ist es ihm wohl mittlerweile zu bunt.

    Mir haben auch sehr die vielen Fotos und interessanten Statements der Besucher gefallen. Das einzige, was ich wirklich ‚gesucht‘ habe, war das Interview mit Michael Brunner. Das fand ich irgendwie zu gut verpackt oder ‚versteckt‘, dass ich echt noch mal hin und herblättern musste, bis mir aufging, dass das ja eher eine Reportage über ‚damals in der DDR‘ mit Infos von Brunner war. Ehrlich gesagt, ich persönlich hatte mir mehr von erwartet, eben irgendwie ein Interview. Aber immerhin, vllt. war das auch schwierig?

    Alles in allem: eine sehr lesenwerte, sehr gelungene Ausgabe!! Und es ist geschenkt zu dem Preis, wenn man noch dazu mal bedenkt, wie viel Arbeit und „Hingabe“ von Marcus und Edith im Pfingstgeflüster stecken. Das sollte man eigentlich herausschreien! Nicht nur flüstern…

  2. Danke Robert für Deine ausführliche Betrachtung der diesjährigen Pfingstgeflüster-Ausgabe. Deine – als auch Shan Darks Worte – freuen mich ungemein. Es zeigt, dass wir die „richtigen“ Menschen erreichen. Gruftis, Gothics, alternativ denkende Menschen, die die Szene noch als einen Gegenpol zur bunten Spaßgesellschaft verstehen. Mit einem gewissen Sinn für Melancholie und Ästhetik. Danke euch beiden.

    Bzgl. Michael Brunner: Ich muss zugeben, dass ich eher kein großer Fan von Interviews im herkömmlichen Stil (Frage – Antwort) bin. Und bei Michael Brunner wäre das auch schwierig geworden. Er war ein unglaublich angenehmer und begeisterungsfähiger Gesprächspartner, der viel zu erzählen wusste und dabei mit den Themen jonglierte. Daraus entwickelte sich eine lockere und ausführliche Unterhaltung, die man unmöglich 1-zu-1 wiedergeben konnte. So haben wir uns dafür entschieden, Michaels Erinnerungen und Meinungen in einem längeren Text wiederzugeben.

  3. @Marcus: Ja, das ist vielleicht auch ganz gut so. Man muss es nicht immer so machen wie es klassisch erscheint, auch wenn das Brunner-Interview sicher dadurch mehr Aufmerksamkeit erregt hat. So wie du ihn beschreibst, stelle ich ihn mir auch vor. Eigensinning, Wechselhaft und sicher kein Freund von einem „Frage/Antwort“ Stil, von daher war die Entscheidung es so zu machen wie ihr, völlig richtig.

  4. Und was macht der Michael Brunner jetzt???

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