Kinder der Nacht (1999) – Trash-Horror oder Kult?

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1994: Dennis „Dexter Ward“ Schepers, Bruder von Jan „Tequila“ Schepers, veranstaltet auf dem Dachboden des „bunten Hauses“ eine Orgie. Mit einer Droge, die sexuell attraktiv und hemmungslos macht, will er dem ganzen Treiben die nötige Würze verleihen. Doch die Orgie endet in einem Blutbad, denn Dennis – der als Mitglied einer satanistische Vereinigung aktenkundig ist – schlitzt die Anwesenden auf, nagelt seine Lebensgefährtin Cassandra unter die Decke und lässt alle in einer großen Badewanne ausbluten um sich letztendlich selbst das Leben zu nehmen. Tequila verlässt nach dem Massaker die Stadt kehrt aber 5 Jahre später zurück, um sich den Schatten seiner Vergangenheit zu stellen. Er will Frieden finden und weiß, dass er die Antworten aus seine Fragen nur in dem alten Haus finden kann. In Duisburg angekommen trifft er seine alten Freunde Psycho (Markus Laibacher), Mason (Andreas Washer) und Terror (Oliver Küppers) die beschließen, fortan gemeinsam zu suchen. Doch statt der erhofften Antworten finden die Freunde eine merkwürdige Substanz. Von da an überschlagen sich die Ereignisse, denn eine unheimliche Obrigkeit aus der dunklen Vergangenheit hat plötzlich die Fäden in der hand. Die Toten von damals wandeln unter der Lebenden und viel zu spät erkennen die Freunde, dass sie nur Marionetten in einem dämonischen Spiel sind. Das Böse in Gestalt eines Dämons manipuliert das Geschehen, um eine andere macht aus noch früheren Zeiten zu besiegen…

Ende der 90er Jahre widmet sich Heiko Bender mit seinem Erstlingswerk „Kinder der Nacht“ der Duisburger Darkwave-Szene die scheinbar wie geschaffen ist, um als Hintergrund für einen Amateur-Horror-Streifen zu dienen. Er bedient nahezu alle Klischees der Szene und bedient die Kritiker, die in der Darkwave-Szene sowieso potentielle Satansjünger sehen, die nur darauf warten Ritualmorde zu begehen. Bender überspitzt sämtliche Einflüsse innerhalb der Szene, ob es der Style aus Lack und Leder ist, das Interesse für BDSM, rituelle Tötungen, Satanskult, Dämonen und Geisterbeschwörungen – völlig egal, Bender liefert. Rund zwei Stunden dauert sein stellenweise langatmiges Drama, dass für einen Amateur-Film als durchaus sehenswert durchgehen kann. Vorausgesetzt, man steht auf Horror-Trash mit Dialogen auf Porno-Niveau. Die blutigen Szenen sind durchaus gelungen und der Soundtrack klingt wie ein gut gemachter Darkwave-Sampler in der Bands wie Wumpscut, Haujobb und Velvet Acid Christ für düstere Stimmung sorgen. Der Gothic-Gore-Trash-Horrorfilm spielt an vielen Orginalschauplätzen im Duisburger Umland, wie die stillgelegten Stahlwerke in Duisburg Rheinhausen und auch das inzwischen abgebrannte Zwischenfall in Bochum spielen eines atmosphärische Rolle.

Ein Film aus der Szene, über die Szene und ihre Leidenschaften? Mitnichten. In der Beschreibung beschreibt Heiko Bender den Film und seinen Bezug zur Gothic-Szene so: „Unser Film ist keine Milieustudie über die Gothic-Szene. Wenn es so wäre, dann hätten wir einen Film gemacht, wo ein Mädchen sich in einen DJ verliebt, oder der von jemandem erzählt der Rowdy bei Lacrimosa werden möchte. Viele der Hauptdarsteller sind selbst seit vielen Jahren dabei und sind über sich hinausgewachsen. Und man ist endlich in der Lage über sich selbst zu lachen. Die Zeiten, wo die Szene versucht hat gesellschaftliche Veränderung hervorzubringen, gehören längst der Vergangenheit an.“ Das änderte jedoch nichts an der Tatsache, dass der Streifen inzwischen einen gewissen Kult-Status innerhalb der Ruhrgebiet-Szene genießt, der Bender und das Nightchild-Team ein paar Jahre später zu einer Fortsetzung animierte.

Die Meinungen über den Film bleiben differenziert, Haiko schreibt in seinem Filmlexikon:Man merkt natürlich an, dass hier keine Schauspieler am Werk sind, doch man gibt sich redlich Mühe, alles so gut wie möglich in Szene zu setzen. Damit meine ich akzeptable Leistungen der Darsteller und darüber hinaus auch noch eine Riege wirklich hübscher Darstellerinnen, die allesamt sehr sexy ihre Rollen spielen. Dazu gibt es dann noch eine Vielzahl gelungener Gore-Szenen und jede Menge Musik einiger bekannter Szene-Größen

Ascalon ist in „Badmovies“ weniger zimperlich: „Wenn es Ziel der Mannschaft war, die gesamte Schwarze Szene in den Augen der Öffentlichkeit lächerlich zu machen, dann: Herzlichen Glückwunsch! Das habt ihr hundertprozentig geschafft. Ja, ich weiß, für sein Gesicht kann niemand was, aber die Hackfressen in diesem Streifen sind nichts mehr als eine Einladung zum reinschlagen. Nichtmal als Partyfilm ist dieser Haufen Durchfall zu gebrauchen, selbst trashgehärtete Allesgucker zucken vor diesem Produkt zurück. Nicht mal der Heimvorteil zieht so richtig. Eigentlich ist man ja immer froh, wenn man bei eine, Film sagen kann: Guck mal, das kenn ich! Aber, ich habe es ja schon gesagt: Keine einzige Location wird so ausgenutzt, dass man ihre Schokoladenseite so richtig sieht. Und das ist doch wirklich traurig, oder nicht?

Eigentlich hatte ich schon länger auf dem Schirm über den Film zu schreiben, da sich aber nun die Gelegenheit bietet, den gesamten und ungeschnittenen Film auf YouTube zu schauen, habe ich die Gelegenheit am Schopf ergriffen. Wie ich YouTube kenne, verschwindet das Teil sowieso bald wieder. Mit ein bisschen Glück findet man ja noch eine ansprechende DVD beim großen Auktionshaus oder als Restposten im Netz. Jetzt dürft ihr entscheiden, insofern ihr die zweistündige Mäusekino-Filmvorführung ertragen habt. Trash, Kult oder einfach nur schlecht?

Mir ist das ganze irgendwie sympathisch, es gelingt mir zwar nicht dem Film als solches etwas Positives abzugewinnen, aber die Reise durch Duisburg, Bochum und Moers, verlassene Stahlwerke und nicht zuletzt die Aufnahmen im Zwischenfall (inklusive einem leicht lädierten Michael Zöller und einem amtlichen Massaker in den abgebrannten Räumlichkeiten der Kult-Disco) kurz vor der Jahrtausendwende haben schon etwas nostalgisches. Für Menschen, die in dieser Zeit noch näher an Drehorten und Protagonisten gewesen sind, dürfte der Streifen tatsächlich Kult-Status einnehmen. Und ja, letztendlich bewundere ich auch hier die an den Tag gelegte Leidenschaft, einen Film mit soviel Engagement und „Herzblut“ zu stemmen, ohne die Aussicht auf einen kommerziellen Erfolg. Mit Gothic, da stimme ich Filmemacher Bender zu, hat das alles wenig zu tun. Aber kurz vor der Jahrtausendwende war die Szene sowieso in einer schwierigen Phase. Nett ausgedrückt.

Kinder der Nacht - Inlay 1 Kinder der Nacht - Inlay 2

Robert
Wizard of Goth – sanft, diplomatisch, optimistisch! Der perfekte Moderator. Außerdem großer “Depeche Mode”-Fan und überzeugter Pikes-Träger. Beschäftigt sich eigentlich mit allen Facetten der schwarzen Szene, mögen sie auch noch so absurd erscheinen. Er interessiert sich für allen Formen von Jugend- und Subkultur. Heiße Eisen sind seine Leidenschaft und als Ideen-Finder hat er immer neue Sachen im Kopf.

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Ian von Nierenstein
Gast

Naja, ein Meisterwer ist das wirklich nicht, aber es geht noch mieser:

Mr. Niles
Gast
Mr. Niles

Unwissenden sei auch die Besprechung bei „badmovies.de“ ans Herz, resp. an die Glupschn gelegt:

KdN bei Badmovies

Mone vom Rabenhorst
Autor

Neuesten Aussagen von Heiko Bender zufolge, ist er ENDLICH dabei, Kinder der Nacht 2 zusammen zu schneiden.

Ich bin gespannt! :-)

Mone vom Rabenhorst
Autor

DIRECTORS CUT.

Heute rausgekommen.

Viel Spaß!

TEIL 2 kommt in Kürze!!!

Markus
Gast
Markus

War Heiko Bender aus dem Ruhrgebiet nicht der Protagonist aus dem sehr umstrittenen Grufti-Report in der „Quick“, Ende der 1980er Jahre? Sein Name wurde damals von der Quick-Redaktion in „Heino“ geändert, seine Freundin hieß „Lilith“ und in Heino’s Apartment stand ein echter Sarg, in dem er angeblich schlafe und auf den seine Mutter sich „zum Fensterputzen“ draustellen würde. ‚Tschuldigung, ich muß heute noch gackern.

Jahre später stellte Heiko/ Heino dann – ebenfalls irgendwo in der Presse – klar, daß er den Sarg als Honorar für den Fake-Report erhalten habe und er nicht wirklich drin schlief – das wollte die Quick gern so in Szene setzen, zu dem Zweck hatten die den Sarg extra angeschleppt. Soviel zum Thema Journalismus, Presse und Szeneberichterstattung.

Ich erinnere mich, daß der Artikel damals mächtig Staub aufwirbelte und bei der Quick tonnenweise empörte Leserbriefe aus der Szene eingegangen sein müssen. Vielleicht hat jemand den Bericht noch archiviert? Ich glaube, der enthielt sogar noch Fotos aus der Zeit aus dem „Fall“ oder einer anderen Szene-Disko aus dem Pott.

Mone vom Rabenhorst
Autor

Hallo Marcus,
genau so war es ;-).
Den Bericht findest Du auf meiner Facebook-Seite in einem Album, zwischen vielen anderen alten Artikeln.
Ist öffentlich.

Tanzfledermaus
Autor

der gute Mann ist ja nicht wiederzuerkennen…

Mone vom Rabenhorst
Autor

Genau so ist es bei mir! Alte Heimat, alte Bekannte. Die Story ist mir latte. :-)

Heiko Bender
Gast
Heiko Bender

Vielen Dank für den umfangreichen Austausch über unseren Film. Ja, Heikos Filmlexikon ist mir schon (negativ) aufgefallen. „Ja, ich weiß, für sein Gesicht kann niemand was, aber die Hackfressen in diesem Streifen sind nichts mehr als eine Einladung zum reinschlagen. Nichtmal als Partyfilm ist dieser Haufen Durchfall zu gebrauchen, selbst trashgehärtete Allesgucker zucken vor diesem Produkt zurück“. Tjaaa, wenn man über den Film an sich „lästert“ ist es vollkommen Okay. Aber unsere Freunde, Menschen die mich/uns viele Jahre bis heute begleitet haben, so zu beleidigen hat für mich nichts mit guten Filmjournalismus zu tun. Und die Hackfressen werden sicherlich mal ein persönliches Gespräch zur Klärung suchen, wenn der besagte Zufall uns zusammenführt, lieber Heiko. Der zweite Film ist in der Post Produktion, und wir haben bis heute gut 75 % fertig geschnitten. Da uns immer wieder unsere Arbeitszeiten dazwischen kommen, ist es unmöglich einen genauen Termin verbindlich festzulegen. Bis auf den Titel wird der neue KDN keine Inhaltliche Fortsetzung sein. Fast alle bekannten Darsteller sind in einer neuen Geschichte, und in neuen Rollen zu sehen. Außerdem haben wir größtenteils mit richtigen Schauspielern gearbetet. Bekannte Drehorte die ihr im Film sehen werdet sind u.a. das WGT, Mera-Luna Festival, die Turbinenhalle, der Duisburger Landschaftspark, Köln, und das Eisenlager in Oberhausen. Ca 300 Statisten, 5 Jahre Drehzeit und 80 Stunden Rohmaterial, woraus der fertige Film seit 3 Jahren in der Postproduktion entsteht. Wir machen die ganze Arbeit zu dritt. Prominete Szenegrößen in Gastrollen sind u.a. Bela B. Felsenheimer, Jason Dark (Autor der John Sinclair Romane), Michael Rhein (In Extremo), Myk Jung , Chris Pohl und Constance, Stefan Ackermann, Garden of Delight, Michael Zöller in einer Doppelrolle usw usw.. Und die Musik, die uns in dieser Epoche (1999/2005) begleitet und verzaubert hat, wird auch zu hören sein.

Kopie von VAMPIRES 3.jpg
KDN (22).jpg
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Elli Anders
Gast
Elli Anders

Für jeden (schwarzen) Filmer ist dieses Machwerk ein Tritt in die Eier. Und die Szene befindet sich immer noch in einer schwierigen Phase. Um genau zu sein, sie war nie kaputter als heute. Vermutlich gab es eine Zeit in den ersten Jahren bis 1990 oder so, in der sie wirklich frisch, neu, innovativ, wild und hungrig, kurzum – interessant war.

Heute allerdings haben wir an der Kreativfront nur noch Dödel. Wir haben die unfähigsten Filmer und Fotografen, Musiker, Club und Festivalbetreiber, Blogger, Klamottenladenbesitzer und Forenmoderatoren. Und sie sind heute noch genauso lächerlich und beratungsresistent wie vor Jahrzehnten. Mehr noch. Macht man sie drauf aufmerksam, wie unsinnig und lächerlich ihr treiben ist, und mahnt eindringlich, doch endlich mal was zu tun, bevor auch noch der letzte schwarze Club dicht macht, bekommt man noch den Grimm und die Häme dieser Leute zu spüren.

Bestenfalls heißt es: rückwärts immer, vorwärts nimmer.

Ach und wer eine „Reise durch Duisburg, Bochum und Moers, verlassene Stahlwerke“ antreten will, kann sich einfach in der Kleinanzeigenecke alte Filmkassetten aus Nachlässen für ein paar € zulegen und digitalisieren.

Als schwarzer wird man heute doch eigentlich nur noch belächelt, und Machwerke wie dieser „Film“ sind u.a. der Grund dafür.