15 August

Filmtipp: A Girl Walks Home Alone At Night

Verfasst von und Diskussion: 3 Kommentare

A Girl Walks Home Alone At NightWas mussten Vampire in den letzten Jahren alles ertragen! Bram Stoker hat sich mehrfach im Grab umgedreht. Erst kamen die gut aussehenden Jünglinge der Twilight-Saga, die im Sonnenlicht glitzerten anstatt zu Staub zu zerfallen und dann kämpfte sich auch noch eine Fetisch-Lara-Croft in Matrix-Manier durch mittlerweile 4 Underworld Filme. Vorbei scheinen die Zeiten, in denen Vampire sich auf unterschwelligem Grusel schwebend, stilvoll und erhaben in die Wohnzimmer der Zuschauer schlichen. Ana Lily Amirpour, die US-amerikanische Filmregisseurin mit den iranischen Wurzeln, gibt mit „A Girl Walks Home Alone At Night“ ihr Langfilmdebüt und schickt sich an, wieder ein bisschen Atmosphäre in das überreizte Vampir-Genre zu zaubern. Der Film erzählt von einer Vampirin, die sich in einen Sterblichen verliebt, irgendwo in einer möglicherweise iranischen Stadt und einer in schwarz-weiß gehaltenen Kulisse aus krächzenden Pferdekopf-Pumpen und dampfenden Erdöl-Raffinerien.

Die fiktive Bad City, die trostlose und böse Stadt, hat einen Helden. Arash ist nicht ganz so blütenrein wie Helden in Kaugummi-Produktionen, aber immerhin nicht so heruntergekommen wie all die anderen um ihn herum. Mit seinem 57er Ford Thunderbird, für den er lange gespart hat, seinem weißen T-Shirt und den Jeans wirkt er wie ein lokales James Dean Double. Seit seine Mutter abgehauen ist, bringt er seinen drogenabhängigen Vater alleine durch. Es gibt aber auch eine Heldin, die keinen Namen hat. Im Schutz der Dunkelheit ist sie stets alleine unterwegs. Die meisten, die sie kennengelernt haben, liegen jetzt blutentleert in einer Grube vor der Stadt. Unter ihrem schwarzen Tschador ist ihr Geheimnis offenbar gut aufgehoben. Die muslimische Vampirin hört gerne Musik mit ihrem Plattenspieler und fährt auf einem Skateboard durch die Straßen von Bad City und sucht ihre Opfer. Lange muss sie nie suchen, denn der Sündenpfuhl ist die Heimat der Verbrauchten, der Gesetzlosen und der Hoffnungslosen, um die sich nicht wirklich jemand schert.

Held und Heldin begegnen sich eher zufällig. Arash, der gerade seinen geliebten Wagen verkaufen musste, um die Schulden seines Vaters zu begleichen, streift wütend auf alles und jeden durch die nächtlichen Straßen von Bad City als er dem Mädchen begegnet, das er rätselhaft und doch anziehend findet. Obwohl er ihr Geheimnis recht schnell lüftet, freunden sich die beiden an und an dem Ort, an dem eigentlich nichts Schönes wächst, entwickeln sich zarte Knospen der Liebe…

Die Kontraste, die der Film zeichnet, sind stark. Eine skateboardfahrende, muslimische Vampirin in einer von Dunkelheit verklebten trostlosen Stadt im Iran verliebt sich in einen James-Dean-Verschnitt, der sich um das Wohl des Vaters sorgt. Es ist nur konsequent, das der Film in Schwarz-Weiß gedreht wurde. Atmosphärische Kameraeinstellungen, ästhetische Bildkompositionen. Die Musikauswahl füllt die Stille im sonst Wortkargen Film und fügt sich harmonisch in die Szenen ein. Wen wundert es, das Ana Lily Amirpour den Soundtrack schon vor dem Schreiben des Drehbuchs zusammengestellt hatte? Die Stadt, die sich weder geografisch, zeitlich oder kulturell einordnen lässt ist ausschließlich mit iranischen Schauspieler bevölkert. Die Auswahl ihrer Protagonisten hat Amirpour ebenfalls nicht dem Zufall überlassen. Die Amerikanerin Sheila Vand als namenlosen Vampirin und der Hamburger Arash Marandi als heldenhafter James Dean.

Muss der Film eine zwangsläufige Botschaft haben? Interpretationsvorlagen gäbe es genug. Eine Vampirin als heimliche Rächerin unterdrückter Frauen? Eine verschleierte Heldin zur Anfeuerung der Kopftuch-Debatte? Ein verzerrtes Bild der iranischen Gesellschaft zwischen Erdöl und Drogen? Amirpour lässt sich in keinem der zahlreichen Interviews zu dem 2015 erschienen Film eine wirkliche Position dazu entlocken. Muss sie aber auch nicht. Vielleicht zeigt der Film auch einfach nur, dass Licht und Schatten näher beieinander liegen, als uns lieb ist. Unabhängig von Kultur, Religion oder Sprache. Und irgendwie zeigt er auch die Komplexität einer multikulturellen, globalisierten Gesellschaft in der es eben keine einfachen Antworten mehr gibt und gültige Wahrheiten an Bedeutung verlieren. Der Film ist ab 12 Jahren freigegeben, für rund 6€ käuflich zu erwerben und bei diversen Streaming-Diensten zu mieten.

3 Kommentare

  1. Ja das ist doch mal was!
    Und das im Film-Noir Bereich, ohne überzogene Animationen. Vielen Dank, ich freue mich schon darauf.

  2. Ich hab mir den Film gerade angeschaut, und er hat mir leider überhaupt nicht gefallen. Alles zieht sich ungemein in die Länge, anstatt miteinander zu reden wird sich minutenlang angeschwiegen. Okay, die Optik und die Musik sind nett, aber das ist auch das einzige, was ich dem Film abgewinnen kann. Sonst hat er mich wirklich fast nur gelangweilt. Und ich bin wahrlich kein Action-Freund, mag weder Twilight noch Underworld noch sonstwelchen modernen Vampirkram.
    Das war aber auch schon bei „Only Lovers will survive“ so, dass ich mit einem solch wortkargen, epischen Film nichts anfangen konnte. Ich brauche Dialoge, die Möglichkeit, die Entwicklung von Beziehungen zwischen Menschen nachzuvollziehen.

  3. die Möglichkeit, die Entwicklung von Beziehungen zwischen Menschen nachzuvollziehen.

    Ich habe gerade das als wichtigen Aspekt gesehen. Bei A Girl Walks Home Alone geht es für mich vornehmlich um die Stagnation der Beziehungen und den gefühlt unüberwindbaren Stillstand von Arashs Leben. Dieses fiktive prekäre Wüstenkaff im Nirgendwo ist Schauplatz für die Bewegungslosigkeit des Lebens eines jungen hoffnungslosen Mannes der an seinen drogensüchtigen Vater und dessen Dealer, sowie die ihn vorführende Tochter seines Arbeitgebers, gebunden ist. Vielleicht überinterpretiere ich, aber genau den Punkt sah ich als wesentlichen Aspekt der „Handlung“. Arashs Leben wird in all seiner Tristesse ausgebreitet. Danach beschreibt der Film den, durch das Mädchen geführten und eingeleiteten, Ausbruch Arashs aus dieser Welt im Stillstand. Das Mädchen bricht alle Bindungen die Arash an die Stadt hat und bietet ihm den Ausweg den er eigentlich von Beginn an sucht. Ein Coming-of-Age-Vampir-Arthouse-SW-Film mit Happy End. Interessant dabei wäre die Frage ob das Mädchen denn überhaupt „real“ ist, oder doch nur ein Fantasie-Alter-Ego Arashs, welches er bemüht um die, eigentlich von ihm begangenen, Taten zu rechtfertigen die nötig waren um sich zu befreien. Der Mord am Dealer, der am Vater … Die Frage der Wirklichkeitsbezuges bzw. des potentiellen Wahns wird, wie in vielen modernen Horrorfilmen, in wenigen Details angedeutet, allerdings nicht wirklich groß aufgeworfen.
    Kein Wahnsinnsglanzstück, aber ein guter Film.

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