Georg Trakl – Sucht, Schmerz, Rausch und Vernichtung

Der Rabe zählt wohl zu den bekanntesten Gedichten von Edgar Allan Poe und seine Werke haben auch viele Musiker inspiriert und die schwarze Szene beeinflusst. Aber auch andere berühmte Autoren wie Mary Shelley, Bram Stoker oder H.P. Lovecraft haben literarisch interessierte Gothics zwischen Kerzen und nach Patschuli duftenden Räucherstäbchen das Herz höher schlagen lassen. Doch wie hoch ist das heutige Interesse für Literatur und Lyrik in der heutigen multimedialen, schwarzen Welt noch?

Bei Spontis fand ich in einigen Kommentaren oft eine Bestätigung dafür, dass diese Dinge immer noch eine Daseins-Berechtigung haben. Deshalb habe ich den Mut zusammengefasst und möchte Euch den bekannten Lyriker Georg Trakl näher vorstellen. Mir war der Name und seine Werke lange Zeit überhaupt nicht bekannt und doch finden sich einige Gedichte in Büchern für melancholische Lyrik in der schwarzen Szene wieder.

Um ein Aas, das sie irgendwo wittern,
Und plötzlich richten nach Norden sie den Flug
Und schwinden wie ein Leichenzug
In Lüften, die von Wollust zittern.

(Passage aus „Die Raben“ von Georg Trakl)

Aufmerksam auf diese literarische Berühmtheit hat mich ein persönlicher Internetkontakt, der Autor des Buches „Aljoscha der Idiot„, Christian Erdmann, gemacht. An dieser Stelle kann ich sein Buch nur empfehlen.

Nachdem ich mir den Gedichtband von Georg Trakl zugelegt hatte und ich mich damit auseinandergesetzt hatte, besuchte ich dieses Jahr an Pfingsten das Geburtshaus des Dichters in Salzburg.

Das Geburtshaus von Georg Trakl in Salzburg
Bild 2 – Das Geburtshaus von Georg Trakl in Salzburg.

Die Wohnung befindet sich im ersten Stock und beinhaltet zwei große Räume, wobei eines noch die originalen Einrichtungsgegenstände der Familie enthält. Im zweiten Raum finden sich viele wertvolle Informationen über das Leben und Wirken von Trakl durch persönliche Dokumente und Bilder. Zu Beginn der Führung bekommt der Besucher ein filmisches Porträt von dem Dichter vorgestellt, was wirklich lohnenswert war.

Eine Gedicht-Tafel, auf der ein Text von Gerog Trakl zu lesen ist.
Auf dem Petersfriedhof in Salzburg ist eine Tafel mit einem Text von Georg Trakl zu finden.

Neben dem erwähnten Geburtshaus finden sich in der Stadt Salzburg seit 1985 an verschiedenen Stellen Tafeln mit Trakl-Gedichten, die auf Orte mit lebensgeschichtlichen Bedeutungen hinweisen.

Eine verborgene, unzugängliche Welt

Beim ersten Lesen von Georg Trakls Texten finden wir nicht die für die Gothic-Szene zu erwartende Schauer-Romantik vor. Als einer der bedeutendsten Vertreter des österreichischen Expressionismus sind seine Werke geprägt von Schwermut, Trauer, Religion und Sinnsuche. Herbst und Nacht sind die Leitmotive seiner Dichtungen, Tod und Verfall finden sich oft als zentrale Aussage voller Symbolik und Metaphern.

Tatsächlich eröffnet Trakl eine Schau in verborgene, sonst unzugängliche Welten, mit sinistrer Intensität und tiefster Melancholie zugleich. Er schafft eine Atmosphäre, für die ein Mensch hellwach ist, der sich im „Normalen“ weniger gut zurechtfindet oder sich in der engen Realität, die uns als das Normale verkauft wird, nicht wirklich zu Hause fühlt.

Dieser Zustand lässt sich auch im Leben von Trakl wiederfinden. Er wurde als ein schwermütiger und unruhiger Einzelgänger beschrieben, der das Leben nur schwer ertrug und sich immer wieder in übermäßigen Drogen- und Alkoholkonsum stürzte.

Die frühen Jahre von Georg Trakl

Die Festung Hohensalzburg

Georg Trakl wurde am 3.2.1887 in Salzburg als fünftes von sieben Kindern in eine wohlhabende Familie geboren. Sein Vater, Tobias Trakl, besaß in Salzburg am Mozartplatz eine Eisenhandlung, seine Mutter Maria war Hausfrau.

Die Beziehung Georgs zur Mutter wird häufig als Hassliebe beschrieben, da sich Maria Trakl wenig um die Erziehung ihrer Kinder bemühte. Nach außen hin führte sie den bürgerlichen Haushalt, wovon sie rasch überfordert war und mit einem Rückzug in ihre Antiquitäten-Sammlung reagierte. Es wird auch vermutet, dass die hohe Belastung durch die Kinder und Haushalt auch eine Flucht in die Betäubung durch Opium führte und sie ebenfalls als nervenkrank eingestuft wurde.

Erzogen wurden Georg und seine Geschwister 14 Jahre lang von der Gouvernante Maria Boring, die für die Kinder eine wichtige Rolle als Mutterersatz spielte. Sie war strenggläubige Katholikin und brachte den Kindern die französische Sprache bei. Zu dieser Zeit kam Georg mit der französischen Literatur in Kontakt, was sich später durch die Einflüsse von Arthur Rimbaud und Charles Baudelaire in seinem literarischen Schaffen deutlich bemerkbar machte.

Auch das Klavierspielen erlernten die Kinder, wobei Trakls jüngste Schwester Margarethe es beinahe bis zur Konzertpianistin schaffte. Zur viereinhalb Jahren jüngeren „Grete“, wie man sich auch nannte, entwickelte sich eine innige Beziehung, wobei in vielen Biographien auch eine inzestuöse Beziehung vermutet wird. In vielen seiner Gedichte nahm Trakl Bezug auf seine Schwester. Eine Deutung auf Inzest findet sich in dem Gedicht Blutschuld wieder, welches für die Veröffentlichung nicht vorgesehen war und sich in Trakls Nachlass befand.

Es dräut die Nacht am Lager unsrer Küsse.
Es flüstert wo: Wer nimmt von euch die Schuld?
Noch bebend von verruchter Wollust Süße.
Wir beten: Verzeih uns, Maria, in deiner Huld.

Als Schüler galt Trakl zunächst bis am Ende der Unterstufe als unauffällig, als es in der Pubertät zur ersten Krise kam. Die vierte Klasse musste er wiederholen und verlor bald das Interesse an der Schule. Er betonte früh seine literarischen Interessen und durch die Beschäftigung mit Nietzsche entwickelt er ein ästhetisches Kunstverständnis. 1905 beendete Trakl seine schulische Laufbahn ohne Abschluss und begann, mit Drogen zu experimentieren.

Georg Trakls jüngste Schwester Grete auf einer alten Fotografie
Georg Trakls jüngste Schwester Grete auf einer alten Fotografie

Nach der Schule entschloss er sich, Apotheker zu werden, wofür er ein dreijähriges Praktikum in der Apotheke zum weißen Engel in der Linzergasse in Salzburg absolvierte. Zu dieser Zeit verkehrte er häufig mit Gleichgesinnten in einer Dichtervereinigung namens „Apollo“ beziehungsweise „Minerva“, wo auch seine ersten literarischen Versuche begannen; später distanzierte er sich aber wieder von der Vereinigung.

Durch den Einfluss des lokalen Dramatikers Gustav Streicher wurden Trakls Theaterstücke „Totentag“ und „Fata Morgana“ 1906 im Salzburger Stadttheater uraufgeführt. Die beiden Einakter waren nicht sehr erfolgreich, weshalb Trakl später alle Textbücher vernichtete.

Im Jahr 1908, nach Abschluss des Praktikums, begann Georg sein Studium in Pharmazie in der Stadt Wien. Seine Schwester Grete begann zur gleichen Zeit eine Ausbildung an der Musikakademie, die sie aber früh abbrach.

Sein Schulfreund Erhard Buschbeck folgte ihn ein Jahr später nach Wien; ihm ist es zu verdanken, dass Trakls Gedichte ein breiteres Publikum erreichten, denn er verstand es, sein Kontakte dafür zu nutzen. In der Zeitschrift „Der Ruf“ vom Akademischen Verband für Literatur und Musik wurden einige seiner Gedichte veröffentlicht.

Im Jahr 1910 schloss Trakl sein Studium erfolgreich ab und absolvierte zunächst ein Einjähriges-Freiwilligen-Jahr in Wien. In dieser Zeit starb auch sein 73-jähriger Vater, die Eisenhandlung, die drei Jahre später schließen musste, hinterließen Georg Geldsorgen und Existenzängste. Er floh sich in Drogenexzessen und entwickelte Depressionen, die sich in seiner Lyrik, die er in dieser Zeit verfasste, durch Reife und Schwermut ausdrückte.

Ein Selbstportrait von Georg Trakl

In Innsbruck wurde ihm 1912 eine Stelle in der ansässigen Garnisonsapotheke, die er jedoch nach einigen Tagen wieder aufgab. In dieser Zeit lernte er auch den Gründer und Herausgeber der Zeitschrift „Der Brenner“ Ludwig von Ficker kennen. Durch den Kontakt wurden in dem Magazin mehr als 64 Gedichte von Georg Trakl veröffentlicht und Ficker wurde so zu einem wichtigen Förderer.

Im März 1914 erlitt seine Schwester, die 1912 in Berlin den 34-jährigen älteren Beamten und Theaterverleger Arthur Langen heiratete, eine Fehlgeburt. Georg besuchte sie und musste dort schlimme Dinge erleben, wodurch er verstört wieder zurück nach Innsbruck kam. Dies war auch das letzte Zusammentreffen mit seiner Schwester Grete.

Als im selben Jahr der Erste Weltkrieg ausbrach, wurde Trakl als Militärapotheker und Sanitätsleutnant ins Heer einberufen. In der Schlacht von Grodek erlitt die österreichische Armee eine verheerende Niederlage. Die Versorgung von hunderten Schwerverletzten und sterbenden Menschen unter schlechtesten Bedingungen traumatisierte Trakl.

Beim Versuch, sich selbst zu erschießen, wurde Georg von seinen Kameraden abgehalten und nach einem Fluchtversuch zur Beobachtung seines Geisterzustandes in ein Militärhospital nach Krakau eingeliefert. Ludwig Ficker erfuhr davon und reiste nach Krakau, um die Entlassung seines Freundes zu erreichen, jedoch ohne Erfolg. In der Nacht vom 3. zum 4. November 1914 starb Georg Trakl an einer Kokainvergiftung. Seine Überreste wurden drei Tage später auf dem Rakoviczer Friedhof in Krakau bestattet. Im Jahr 1925 veranlasste sein Freund Ludwig Ficker die Bestattung in Innsbruck auf dem Ortsfriedhof von Mühlau bei Innsbruck, wo seither sein Grab liegt.

Mit einer Pistole aus Georgs Nachlass nahm sich seine geliebte Schwester Grete, die Trakl seit ihrer Fehlgeburt nicht mehr wiedersah, „in absoluter finanzieller und gesundheitlicher Notlage“ am 21. September 1917 das Leben.

Das Gedicht „Grodek“, in dem Trakl seine Kriegserfahrung verarbeitet, bleibt das letzte Werk aus seiner Feder, das er nur wenige Tage vor seinem Tod verfasste.

Die Sterbeurkunde von Georg Trakl
Die Sterbeurkunde von Georg Trakl, es ist ungeklärt, ob es sich bei der Einnahme einer Überdosis Kokain um Suizid oder einen Unfall handelte.

Grodek

Am Abend tönen die herbstlichen Wälder
Von tödlichen Waffen, die goldnen Ebenen
Und blauen Seen, darüber die Sonne
Düstrer hinrollt; umfängt die Nacht
Sterbende Krieger, die wilde Klage
Ihrer zerbrochenen Münder.

Doch stille sammelt im Weidengrund
Rotes Gewölk, darin ein zürnender Gott wohnt
Das vergoßne Blut sich, mondne Kühle;
Alle Straßen münden in schwarze Verwesung.

Unter goldnem Gezweig der Nacht und Sternen
Es schwankt der Schwester Schatten durch den schweigenden Hain,
Zu grüßen die Geister der Helden, die blutenden Häupter;
Und leise tönen im Rohr die dunkeln Flöten des Herbstes.
O stolzere Trauer! ihr ehernen Altäre,
Die heiße Flamme des Geistes nährt heute ein gewaltiger Schmerz,
Die ungebornen Enkel.

 

Ich hoffe, Euch mit diesem kleinen Bericht einen groben Einblick in die Welt des Dichter Georg Trakl geben zu können und möchte an allen Interessierten die folgende Buchempfehlung geben. Die Biographie „Georg Trakl“ vom Autor und Leiter der Trakl-Forschungs-und-Gedenkstätte Hans Weichselbaum. Das Buch gibt einen noch intensivieren Einblick in die Lebensgeschichte von Trakl und wurde mit neuen Forschungserkenntnissen bereichert. Die Kulturvereinigung hat auch eine ausführliche Internetseite zu dem Thema erstellt.

 

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Durante
Durante(@durante)
Vor 7 Monate

Ich kannte zwar immerhin den Namen und einige wenige Eckdaten schon (durch den Autor des Artikels höchstselbst ;) ), hab aber trotzdem viel neues erfahren. Ein meines Erachtens hervorragender Artikel, interessant und informativ ohne trocken zu sein, in einem der bedauerlichen Tragik von Trakls Leben angemessenen Schreibstil.
Da bleibt mir noch zu sagen: Danke für die Mühe!
(…und das Gedicht vom Petersfriedhof hat es mir gerade irgendwie angetan…)

Durante
Durante(@durante)
Antwort an  Gruftwurm
Vor 7 Monate

Ja, hab ich natürlich – Wunderschön und herrlich pittoresk. :)
(Nur in Katakomben nebenan war ich leider noch nicht.)

Durante
Durante(@durante)
Antwort an  Gruftwurm
Vor 7 Monate

Sehr gern! :)
(Ich meinte vorhin natürlich „…in DEN Katakomben“, hatte es etwas zu eilig beim tippen ;) )

Letzte Bearbeitung Vor 7 Monate von Durante
Tanzfledermaus
Tanzfledermaus(@caroele74)
Vor 7 Monate

Da ich seit vielen Jahren Gedichte sammle, war mir der gute Mann natürlich ein Begriff. Dennoch wusste ich bislang noch nichts weiter über seine Biografie…
Da hatte er ja ein heftiges Päckchen zu tragen – kein Wunder, dass er solch wenig lebensbejahenden Texte verfasst hat. Ich kannte von ihm bislang vor allem einige Gedichte über den Herbst, der ja auch viel mit dem Thema Vergänglichkeit zu tun hat.

Vielen Dank für den informativen Artikel, gerne noch mehr in dieser Art!

P.S. Die Band Pazuzu hat mal eines seiner Stücke vertont, ich hoffe es ist okay, den Text hier zu zitieren?

https://www.youtube.com/watch?v=FnsQ7Gny3do

IM MONDSCHEIN

Ein Meer von Ungeziefer, Mäusen, Ratten
tollt auf der Diele, die im Mondschein schimmert.
Der Wind schreit wie im Traume auf und wimmert,
am Fenster zittern kleiner Blätter Schatten.
Bisweilen zwitschern Vögel in den Zweigen
und Spinnen kriechen an den kahlen Mauern.
Durch leere Gänge bleiche Flecken schauern –
es wohnt im Haus ein wunderliches Schweigen…

Im Hofe scheinen Lichter hinzugleiten
auf faulem Holz, verfallenem Gerümpel.
Dann gleißt ein Stern in einem schwarzen Tümpel,
Figuren stehn noch da aus alten Zeiten…
Man sieht Konturen noch von andren Dingen
und eine Schrift verblaßt auf morschen Schildern,
vielleicht die Farben auch von heiter’n Bildern:
Engel, die vor Mariens Throne singen…

Der Silbervorhang dort vor’m Fenster
hehlt verschlung’ne Glieder, Lippen, zarte Brüste… 
Ein hart Gehämmer hallt vom Turmgerüste
und weiß verfällt der Mond am Himmelszelt…
Ein geisterhafter Traumakkord verschwebt
und Möche tauchen aus den Kirchentoren
und schreiten, im Unendlichen verloren…
Ein heller Gipfel sich am Himmel hebt.

Letzte Bearbeitung Vor 7 Monate von Tanzfledermaus
Tanzfledermaus
Tanzfledermaus(@caroele74)
Antwort an  Gruftwurm
Vor 7 Monate

Oh, das sind unheimlich viele aus diversen Quellen und Epochen… Habe kurz vor der Jahrtausendwende begonnen, alles was ich an interessanten Texten in die Finger bekam, abzuschreiben und später auch aus dem Internet zu kopieren. Gedichte Blogs und Foren, Bibliotheksbücher, Gedichte von Verwandten, Freunden und Bekannten… Irgendwann fing ich mal an, alle nach Themen zu ordnen und abzutippen. Aber bisher habe ich nur einen Teil davon in digitaler Form. Ich habe früher selbst auch sehr viele Gedichte geschrieben.

Hier hab ich mal mehr darüber berichtet:
https://www.spontis.de/schwarze-szene/gothic-friday/gothic-friday-schwarzer-faecher-der-passionen/

Letzte Bearbeitung Vor 7 Monate von Tanzfledermaus
Norma Normal
Norma Normal(@normanormal)
Antwort an  Tanzfledermaus
Vor 7 Monate

Oh wow, da hast du sicherlich einen faszinierenden Fundus aufgebaut. Bemerkenswert : ) 
Und weil du in dem verlinkten Artikel „der Panther“ erwähnst, sicherlich kennst du die Vertonung der Band Ataraxia. Mein Mini Me hat das früher total geliebt!
https://www.youtube.com/watch?v=VraQgVzni4Y

Ok, habe es grad gehört, ist eher eine freie Interpretation aber trotzdem wert nach Jahrzehnten mal hervorgekramt zu werden…

Letzte Bearbeitung Vor 7 Monate von Norma Normal
Tanzfledermaus
Tanzfledermaus(@caroele74)
Antwort an  Norma Normal
Vor 7 Monate

Hey Norma, von Ataraxia kenn ich nur ein Album und diesen Song bisher noch nicht… Ist aber auch nicht wirklich ne Band, die ich mir anhören kann, weil für meine Ohren oft zu schräg. Aber generell find ich es interessant, wenn Lyric sich in musikalischen Umsetzungen wiederfindet.

Yttrium
Yttrium(@yttrium)
Vor 7 Monate

Lyrik findet man heute überall, finde ich. In Liedtexten und insbesondere in Rap natürlich, und auch Poetry Slams sind extrem verbreitet und beliebt. Das klassische Gedicht-Bändchen verkauft sich sicher nicht mehr so sehr wie früher, aber das heißt noch lange nicht, dass Lyrik verschwunden oder auch nur weniger geworden ist. Hat nur die Form ein wenig gewechselt. ;)

Zu Trakl: Ich denk dass er in Österreich deutlich bekannter ist als in Deutschland, das ist auch wenig überraschend. Definitiv ziemlich Mainstream, in Salzburg sehr touristisch aufbereitet, und teilweise sogar Schulstoff. Es gibt durchaus Leute, die ihn einfach so aufsagen können, selbst wenn sie mit Gedichten sonst wenig bis nichts am Hut haben, nur weil sie das in der Schule lernen mussten.

Die ganzen angebrachten Tafeln mit seinen Gedichten sind natürlich trotz allem sehr schön. Die im Petersfriedhof ist ganz besonders hübsch, aber auch mit Tendenz zum Kitsch und leider sehr touristisch. Wenn man nicht grade mit Glück eine ruhige Minute erwischt ist der arme kleine Friedhof ja überlaufen mit Menschen. Drum mag ich selber die Tafel direkt an der Salzach am liebsten. Weil da ein Schlachthof vorkommt, und man sich da wirklich gut vorstellen kann, wie sich das beschriebene Blut an der Stelle in den Fluss ergießt. Ich hab’s ja nicht so sehr mit Romantik und verträumter Weltflucht, ich mag’s lieber realistisch und robust grauenhaft.

Trigger-Warnung: Drogen, Suizid, sexuelle Gewalt
Ich sehe ihn auf jeden Fall eher als tragische Gestalt. Und Mitglied im Club 27, nicht umsonst haben ihn manche als „österreichischen Kurt Cobain“ bezeichnet.
Was bei dem exzessiven Drogenkonsum jetzt irgendwie schon passt, und auch dass er mit seinem Werk wirklich extrem viele Menschen über Generationen hinweg anspricht, so wie das auch bei Nirvana der Fall ist.
Ich bin übrigens ziemlich überzeugt, dass es Suizid war, keine versehentliche Überdosis. Im Krankenhaus ist er an die reine, ungepanschte Substanz gekommen, und als Pharmazeut wusste er auch genau, wieviel man wie applizieren kann. Mich würd ja interessieren, wie konkret er es genommen hat. Ich tippe auf Injektion.

Das mit dem angeblich eventuell vielleicht inzestuösen Verhältnis zu seiner Schwester … na ja, sagen wir es mal so: Es ist umstritten ob das wirklich so ganz in gegenseitigem Einverständnis war. Es spricht einiges dafür, dass es recht gewöhnlicher sexueller Missbrauch durch den älteren Bruder war, teils schon sehr früh, als er so 14/15 war und sie 10/11. Dass er das in seinen Gedichten anders darstellt ist eh klar, man kann sich ja alles schönreden.

Das ganze Elend schweigt man aber lieber tot oder romantisiert es, und so bleibt er weiter eine wunderbare Projektionsfläche für sehr, sehr viele Menschen, Thema für Sondersendungen und generell einfach verdammt beliebt. Was ja im Prinzip schön ist; ich freu mich immer, wenn Dichter die breite Masse ansprechen und nicht nur ein paar Spezialist*innen.

Abgesehen davon: Das mit den speziellen Gedicht-Bänden speziell an die schwarze Szene vermarktet find ich irritierend. Sowas gibt es?

Yttrium
Yttrium(@yttrium)
Antwort an  Gruftwurm
Vor 7 Monate

Ja, ich kenn mich ganz gut in Salzburg aus. Hab nicht wenig Zeit dort verbracht. Hübsche Stadt, wenn man hinter die Fassaden schaut dann aber bald nicht mehr so. Wohnen ist z.B. ziemlich teuer, weil so viele Wohnungen als AirBNB genutzt werden. Teilweise herrscht ein (ziemlich rechtswidriges) komplettes Bettelverbot, weil sich Touristen am Anblick armer Menschen stören könnten. So ein Zeug halt.

Und Biographien schön und gut, aber mit zu vielen privaten, intimen Infos von Menschen (die mir das nicht selbst und freiwillig erzählen, das wäre ja okay) tu ich mich ja manchmal etwas schwer. Das hat oft etwas voyeuristisches. Hätten die das wirklich gewollt, dass sich wildfremde Menschen über z.B. ihre Suchterkrankung unterhalten? Wo liegt da die Grenze? Klar, Beethovens Ertaubung und Heines Judentum sind essenziell um ihr Werk zu verstehen. Aber jede unglückliche Beziehung und jeder Familienkrach? Ich weiß ja nicht …
Drum halte ich mich lieber an das eigentliche Werk. „An die Verstummten“ von 1913 find ich so großartig dass ich es glatt hier her kopiere.

O, der Wahnsinn der großen Stadt, da am Abend
An schwarzer Mauer verkrüppelte Bäume starren,
Aus silberner Maske der Geist des Bösen schaut;
Licht mit magnetischer Geißel die steinerne Nacht verdrängt.
O, das versunkene Läuten der Abendglocken.

Hure, die in eisigen Schauern ein totes Kindlein gebärt.
Rasend peitscht Gottes Zorn die Stirne des Besessenen,
Purpurne Seuche, Hunger, der grüne Augen zerbricht.
O, das gräßliche Lachen des Golds.

Aber stille blutet in dunkler Höhle stummere Menschheit,
Fügt aus harten Metallen das erlösende Haupt.

Das ganze hat natürlich sehr viel von Klopstock, und auch ein bisschen von Hölderlin. Grade von der Form her. Ziemlich klassisches Versmaß, die beiden letzten Zeilen sind ein astreines elegisches Distichon (was natürlich einerseits einen wunderbaren Kontrast zum Inhalt bildet und andererseits eine Bedeutungsebene jenseits der Worte hinzufügt). Und die versunkenen Glocken sind eine mehr als eindeutige Anspielung auf Städte wie Vineta, das wegen seiner Hybris in der Nordsee versank und wo man nur noch die Glocken über dem Wasser hört. Christliche Elemente gibt’s auch, vom strafenden alttestamentarischen Gott bis hin zu Jesus. Der Bub hat eindeutig seine Hausaufgaben gemacht.

Aber was ich viel mehr schätze als diese Art von trockener Schulbildung (die sich eh jeder Depp mit genug Zeit anlesen kann): Seine Sympathien für menschliche Randexistenzen und Mitgefühl für deren Leid. Was man in dem Gedicht deutlich merkt, find ich. Die ganze zweite Strophe dreht sich um Sexarbeit, psychische Erkrankungen, Krankheit, Hunger. Obdachlosigkeit auch – niemand setzt sich freiwillig „eisigen Schauern“ aus wenn man eine Zuflucht hat. Und das „grässliche Lachen des Goldes“ ist sowieso schon fast unverblümte Kritik am rücksichtslosen Raubtier-Kapitalismus.

Womit man auch gleich wieder einen Bogen zur Salzburger Politik schlagen kann. :)

Norma Normal
Norma Normal(@normanormal)
Vor 7 Monate

Interessanter Artikel! Der Name sagt mir zwar was, aber mehr auch nicht. Ich habe keinen starken Bezug zu „klassischer Lyrik“, mag eher prosaische Texte. Oder eben Liedtexte, die mal mehr, mal weniger lyrisch sind. 
Aber ich bin generell fasziniert von dramatischen  Künstler*innenschicksalen. Versuche diese allerdings immer sehr „neutral“ zu betrachten. D. h. ohne die Personen zu verherrlichen, zu idealisieren usw.. Denn ja, auch Künstler sind keine perfekten und unfehlbaren Menschen, genau das macht sie wohl auch so spannend für uns, ihre dunklen Seiten. 
Auch mir drängt sich sofort die Frage auf, wenn ich von „inzestuösem Verhältnis“ höre, ob das wirklich auf Freiwilligkeit basiert. Natürlich ist das möglich, aber die andere Seite sollte auch mitgedacht werden. 
Dass das Leben der beiden Geschwister so einen tragischen Verlauf nahm, deutet durchaus auf Traumatisierungen hin, die schon sehr früh begonnen haben. Man kann nur spekulieren. 
Die Gedichte sind aber zweifelsohne sehr schön. Danke für diese Anregung!

das H.Gen
das H.Gen(@hagen)
Vor 7 Monate

Toller Bericht! Danke dafür!

Gruftfrosch
Gruftfrosch(@gruftfrosch)
Vor 7 Monate

Wer in Salzburg ist, kommt an Trakl eigentlich nicht vorbei.. Vielen lieben Dank für diesen informativen Text und den Tipp mit dem Museum.

Grabgeflüster
Grabgeflüster (@guest_63160)
Vor 7 Monate

Danke für den Tollen Bericht. <3 Gerne mehr :) <3

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