14 Juli

Steampunk: Mit Volldampf in die eigenständigen Subkultur

Verfasst von Diskussion: 33 Kommentare

Steampunk - 2011 - tobikult

Von unzähligen Zahnräder, Gelenken, Schaufelrädern und der Dampfmaschine angetrieben, hat das Motorschiff „Steampunk“ Fahrt aufgenommen und fährt flussaufwärts Richtung Subkultur. In den letzten 5 Jahren hat die Steampunk-Szene die interessantesten Entwicklungen aller Splittergruppen, die – freiwillig oder unfreiwillig – unter dem Schirm der schwarzen Szene zusammengefasst werden, vollzogen. Vor allem in Deutschland haben ambitionierte Festivals das Licht der Welt erblickt und pochen darauf, in den kommenden Jahren zu festen Einrichtungen der Steampunk-Welt zu werden. Erst vor ein paar Tagen endete in Meißen das Debüt-Festival „Mit Zahnrad und Zylinder„, das ein weiterer Erfolg im mittlerweile vollen Terminkalender der Steampunker zu werden scheint und im nächsten Jahr wiederholt werden soll, wie die Sächsische Zeitung berichtet: „Dass es auch im nächsten Jahr mit „Zahnrad und Zylinder“ weitergehen soll, steht für die Veranstalter Jens und Jeannette Mahlow schon fest. „Wir haben positive Rückmeldungen bekommen und möchten das Festival fortsetzen.“

Dabei ist der Weg, den die angehende Subkultur genommen hat, scheinbar ungewöhnlich, denn im Gegensatz zu Gothic oder auch dem Punk handelt es sich nicht um eine Szene, in der die Musik im Mittelpunkt steht, sondern spricht eher Menschen an, die sich als Bastler, Designer, Rollenspieler oder Fantasy- und Science-Fiction-Fans verwirklichen wollen.

Dass Steampunk gerade in der Gothic-Szene seit etwa 2008 Fuß gefasst hat, scheint auf der Hand zu liegen. Die Neo-Romantiker, die mit ihrem viktorianisch geprägten Stil und ihrer Leidenschaft für das kreative Gestalten der eigenen Erscheinung die Szene seit den 2000 immer stärker beflügeln, zeigen deutliche Parallelen zu Steampunk. Für viele Neo-Romantiker schien es wichtig zu werden, ihren visuell geprägten Trend mit Inhalten zu verknüpfen und so bot gerade das Steampunk-Thema, das seit Mitte der 90er Jahren mit den Kino-Blockbustern wie „Wild Wild West“ (1999), „Die Liga der außergewöhnlichen Gentlemen“ (2003) oder auch „Die Stadt der verlorenen Kinder“ (1995) steigende Popularität genießt, sinnvolle Anknüpfungspunkte. Seit 2012 auch hier im Blog über Steampunk ausführlich berichtet wurde, hat sich das Genre immer weiterentwickelt und bereits erstaunliche Infrastrukturen aufgebaut, die sich in Festivals, Picknicks und Märkten manifestieren und mittlerweile in ganz Deutschland Fans der Spielart anziehen.

2017 scheint sich da zum bisherigen Höhepunkt zu mausern. Ich habe den Eindruck, das sich die Dichte der Veranstaltungen, die sich thematisch oder direkt dem Steampunk widmen, deutlich verstärkt hat. (Info: Auf Clockworker findet ihr mit dem Steampunk Sommer 2017 eine Übersicht über vergangene und noch ausstehende Veranstaltungen)

Da drängt sich mir die Frage auf, ob Steampunk bereits eine eigenständige Subkultur ist. Fest steht, dass sich Subkulturen auch ohne ein eigenständiges musikalisches Genre entwickeln können. Für mich ist es jedoch sehr spannend, dass man sich gerade bei den Steampunkern und Neo-Romantikern so intensiv um eigene Inhalte bemüht, was sie von stärker visuell beeinflussten Szenen, wie den Gothic-Lolitas oder Visual Kei, unterscheidet. Für mich sind sie längst im Himmel der Subkulturen angelangt und bestechen durch ihre faszinierende Kreativität, die sich nicht nur in Outfits, sondern auch in Videos, Filmen, Büchern, Artikeln und Veranstaltungen äußert. Das ihr der musikalische Bezug zu einem Musikgenre fehlt, macht sie meine Ansicht nach gerade für viele ältere und erfahrenere Leute attraktiv, die mit Wissen und Know-How für unfassbare facettenreiche Kreationen verantwortlich sind und sich weniger für eine einzelne musikalische Spielart interessieren. 

Im Gegensatz zu den Cybern, die ich ja persönlich für nahezu ausgestorben halte, habe ich Steampunks auch im Rahmen des Wave-Gotik-Treffens in Leipzig nie als wirklich störend empfunden.

Wie seht ihr das? Empfindet ihr die Tatsache, das Gothic-Festivals immer noch ein musikalische Hafen für die Steampunks sind, als störend? Würdet ihr überhaupt soweit gehen, dieses Genre als Subkultur zu bezeichnen oder ist das nur eine weiterer Style oder gar eine reine Leistungsshow ambitionierter Hobby-Bastler? 

33 Kommentare

  1. „Style oder gar eine reine Leistungsshow ambitionierter Hobby-Bastler“

    Genau das trifft’s (meiner Meinung nach) auf den Punkt. Vermutlich laufen die Steampunker in der Woche nicht so rum, sondern nur auf Events. Der Begriff Subkultur passt irgendwie nicht. Sonst wären ja z. B. alle Trekkies auch eine Subkultur… obwohl…… sind Sie’s ? :-)

    Ich finde, die Steampunkter sollten ihr „eigenes“ Ding machen. Es sind so viele mittlerweile, sie haben sich ihre eigene Szene wirklich verdient! Ich bin da sehr großzügig und kann gönnen. :-)

  2. Ich würde soweit gar nicht mal sagen, das die Steampunk-Subkultur kein eigenes musikalisches Genre hat. Es gibt auf jeden Fall eine recht aktive Steampunk-Musikszene, nur ob man da wirklich von einem eigenen Genre sprechen kann ist halt die Frage. Denn oft ist das ein doch recht bunter Mischmasch verschiedenster Klänge und Richtungen, dem eher Textthemen und Ambientgeräusche gemein sind, als wirklich musikalische Besonderheiten (die zugehörige Ästhetik bei Kleidung und Artworks natürlich auch, aber die hört man ja nicht). Die Musik würde ich also nicht als inherent Steampunk-zugehörig sehen, aber es ist ganz klar die Musik der Steampunks, da sie großteil von Szeneangehörigen oder -sympathisanten gehört wird und auch die musizierenden selbst aus der Szene stammen. Praktisch Musik von der Szene für die Szene, wodurch sie eben zur Steampunk-Musik gemacht wird. Ein finde ich legitimer Gegenentwurf, zum sonst üblichen Prozedere, dass sich eine Szene um eine Musik herumbildet. So hat sich hier die Subkultur ihre Musik eben selbst geschaffen, statt durch die Musik geschaffen zu werden.
    Beispiele wären hierfür u.a.: Steampowered Giraffe, The Cog is Dead, Professor Elemental, Abney Park, Vernian Process, Aeronautica und ab dem letzten Album auch Coppelius, um nur mal so ein paar Vertreter*innen zu nennen, die mir aus dem Stegreif einfallen.
    Szene-technisch denke ich dürfte eine große Schnittmenge vorhanden sein, an Leuten die beidem angehören, bzw. dann eben Steampunk in Gothic integrieren, würde aber dennoch mutmaßen, dass es auch Steampunks gibt, die sich nicht als Teil der Gothic-Szene betrachten, sondern das ganze als separates Ding betrachten. Wobei mindestens jene Steampunk dann wohl eher als „Hobby-Szene“ betrachten, von der im Alltag eher nur marginale Spuren zu finden sind.

  3. Ich glaube, dass Steampunk sich ähnlich wie Cybergothic verhält. Sprich: Es wird eine trendige Strömung sein, die momentan ihren Peak erlebt und danach wieder abebbt. Vielleicht schaffen sie ein autarkes Nischendasein, aber das bezweifle ich sehr.

    Ich bin mir fast sicher, dass die meisten Steampunker gar nicht mehr wissen, dass dieser Begriff in erster Linie eine literarische Form beschreibt. Bei vielen Steampunks(unter anderem beim viktorianischen Picknick) scheint es mir manchmal so, als würden ein paar Zahnräder, die sie auf ihre Weste geklebt haben, genug Subversivität ausstrahlen. Tun sie aber nicht. Das ist dann wirklich nur Fasching.

    Es gibt ein Buch, das ich empfehle: „Steampunk – kurz und geek“ von Alex Jahnke und Marcus Rauchfuß. Beide sind aktive Steampunker, kämpfen aber gleichzeitig mit dem Problem, die Bewegung klar zu umreißen. Alle Widersprüche und Ungereimtheiten werden hier – mehr oder weniger unbewusst – deutlich, weswegen Steampunk für mich in erster Linie ein rein literarisches Sci-Fi-Genre bleibt, in dem sich Werte- und Lebensvorstellungen des Viktorianischen Zeitalters mit den Fortschrittsgedanken und dem Tecnnikoptimismus des frühen 20. Jahrhundert kreuzen.

  4. Ich würde Steampunk ähnlich wie Cosplay einordnen, es hat beides etwas vom in-andere-Rollen-Schlüpfen zu tun, mit dem Ausleben eigener Fantasien und Kreativität. Beide Strömungen sind in ihren Kostümen keineswegs alltagstauglich, reine Freizeitmode und -Beschäftigung, ein Hobby, wohingegen die meisten Gruftis/Gothics schon deutlich mehr ihrer modischen Vorlieben in den Alltag integrieren, eben weil es für viele mehr als Freizeitlook bedeutet.

    Wo wiederum Überschneidungen von Steampunk mit Teilen der der Schwarzen Szene bestehen, ist die Tendenz zur Flucht vor der heutigen Zeit in vermeintlich bessere historische Epochen, die glorifiziert werden. Sei es nun das Mittelalter, das Viktorianische Zeitalter, die Romantik.

  5. Okay, der Cosplay-Vergleich hinkt schon etwas insofern, dass hier ja nichts bereits Bekanntes nachgestellt wird, sondern selbst ein individuelles Outfit und Assessoires zusammengetüftelt werden.

    Ich schau mir die Steampunk-Kreationen auch sehr gerne an, staune über den Ideenreichtum und die Umsetzung dieser. Allerdings wiederholt sich inzwischen auch vieles, es gibt da schon einige Standards, die nicht mehr wirklich spektakulär wirken, wie z.B. Hüte mit Brillen daran.

    Da muss ich daran denken, wie damals die ersten (noch eher dunkleren) Cybers auf mich wirkten: als alles neu war, erschien manches ja sehr kreativ (wenn auch nicht unbedingt schön), aber irgendwann war alles schon zigmal ähnlich gesehen und dann langweilte es mich, zumal es ein Massenphänomen wurde, das die Schwarze Szene regelrecht überrollte, obwohl doch nur am Rande sehr kleine Schnittmengen existierten.

    Mit Steampunk oder den ganzen viktorianischen Outfits verhält es sich außerhalb des WGTs oder anderer Großveranstaltungen ja nicht ganz so krass, die Leute stören mich auf Veranstaltungen nicht. Cybers gingen mir irgendwann nur noch auf die Nerven, weil sie mehr nach grellbunter Technoparty aussahen, womit ich mich ja nun gar nicht anfreunden kann ;-)

  6. Ich möchte mich da meinen Vorrednern in vielen Aspekten anschließen:
    Es ist mit Sicherheit bereits eine eigenständige Szene und es ist interessant, dass sich das ganze mal nicht um ein Musik-Genre entwickelt hat. Aber ob so ein Szene dann auch direkt eine Subkultur ist ist eine andere Frage. Um als solche ernst genommen zu werden fehlen eben die Inhalte, die sich auch im Alltag bemerkbar machen.
    Ich finde es weder verwunderlich noch störend, dass man sich in der schwarzen Szene heimisch fühlt, aber ich denke bei “Steampunk“ nach wie vor an die Romane von Jules Verne oder die Videospiele der Thief-Reihe.

  7. Ich sehe das wir Daniel. Es ist in erster Linie nur ein Modephänomen. Hat derzeit einen hübschen Peak, aber in zwei, drei Jahren wird er auch wieder verschwunden sein. Über „Cyber Gothic“ redet ja gottlob auch niemand mehr.

    Ich sehe das wie Karnstein. Es fehlen die Inhalte, etwas was bleibt und damit auch verbindet. Das muss nicht Musik sein, das können ja durchaus auch anderen Formen der Kunst sein. Aber mit dem Unterschied, dass es auch in den Alltag transportiert wird. Und genau das sehe ich beim Steampunk genausowenig wie bei anderen Szenen, sei es Cosplayer oder Gamer. Das sind alles nette Freizeitaktivitäten, ja. Aber Subkultur?

    Synthwave ist dagegen ein schönes Beispiel für eine gewachsene Subkultur neueren Darums. Und die Anhänger dieser Kultur leben das auch exzessiv in ihren Alltag. Ein Beispiel wäre die Mizucat, die das Design von unserer letzten Compilation „Miami Synthwave Radio“ entworfen hat. Sie ist 21 Jahre jung, fährt nen Sportwagen aus den 80ern, nutzt ganz selbstverständlich alte Unterhaltungsgeräte jener Epoche und ihr sieht man auch Kleidungstechnisch im Alltag ihre Liebe für diese Epoche an. Aber man hält sich da auch nicht sklavisch dran, sondern remixt das mit der Moderen zu einem sehr eigenen Stil. Das ist etwas, was die ganzen Mitglieder jener Subkultur gemeinsam haben, sich die schönsten Facetten zweier Epochen rauszusuchen und zu etwas Neuem zu formen. Für Altgrufties vielleicht nichts ungewöhnliches, aber Synthwave kommt ja auch nicht aus jener Szene.

  8. Die Steampunkszene gefällt mir so nicht besonders. Die Grundidee dahinter hat durchaus Potential und als auf arte mal eine Doku lief, in der auf dem Burning Man ein paar abgefahrene Steampunk-Gefährte gezeigt wurden, fand ich das irgendwie schon beeindruckend. Aber die kuriose Technik tritt bei den meisten völlig in den Hintergrund bzw. existiert allein in Form irgendwelcher peinlicher Pappattrappen mit sinnfrei aufgeklebten Zahnrädern. Die Outfits werden sich immer ähnlicher und sehen halt auch einfach nur nach Kostüm aus. Das ist alles näher an Cosplay und LARP als an einer Subkultur.
    In meinen Augen werden da Möglichkeiten verschenkt aber die Leute haben ihre Freude daran und die sei ihnen von Herzen gegönnt.

  9. Als realtiv neu hinzugekommene Steampunkerin, die vorher hauptsächlich in der Mittelalterszene zu Gange war und sich selbst als „Soft-Goth“ bezeichnet hat, kann ich die Argumente meiner Vorschreiber*innen gut nachvollziehen und größtenteils Bestätigen.

    Es gibt tatsächlich so ein Mainstream-Dings, dass viele Leute sich ein paar Zahnräder irgendwohin pappen und die Damen in mehr oder eher weniger fantasievollen Corsage-Kostümen rumlaufen. Das sieht tatsächlich nach Karneval aus.

    Aber es gibt auch die Maker-Szene, diejenigen, die mit Leib und Seele aus altem Schrott und kaputten Schaltkreisen irrwitzig-fantastische Gegenstände erschaffen und diese dann auf Messen und Veranstaltungen ausstellen. Diese Dinge sind natürlich wenig alltagstauglich, aber immer wundervoll anzusehen.

    Wenn sich Subkultur nur dadurch definiert, dass man seine Subkultur auch im Alltag präsentiert, dann ist wohl mittlerweile jede Subkultur tot (mit Außnahme von den paar Punks, die immer – noch – an manchen Bahnhöfen rumhängen).

    Aber es gibt die paar wenigen Ausnahmen, die auch im Alltag ihr Steampunkerherz in die Öffentlichkeit tragen. Sei es im (dezent reduzierten) Kleidungsstil, mit einem Oldtimer-Fahrzeug oder mit der Verhaltensetikette.

  10. @Daniel: Dass es sich bei Steampunk um eine Modeerscheinung handelt, möchte ich bezweifeln. Im Gegensatz zu den Cybergothics ist SP (der Einfachheit halber abgekürzt) mit so zahlreichen Inhalten und Kreativität bestückt, die man in anderen Subkulturen schmerzlich vermisst. Die Cyber waren rein auf Konsum gebürstet und haben lediglich in ihr äußeres Zeit investiert. Mittlerweile entwickelt sich sehr viel um die Szene, auch in Sachen Veranstaltungen und eigenen Festivals. Das zeigt für mich, das es durchaus ein Bedürfnis gibt, sich abzugrenzen und SP aus dem Nischendasein einer rein literarischen Strömung zu heben.

    @Karnstein: Welche Inhalte aus dem „Alltag“ meinst du?

    @Schatten: Den größten Unterschied sehe ich in den Wurzeln, musikalisch entwickelt sich ja gerade erst eine eigene Spielart. Vor ein paar Jahren gab es da noch nichts. Sicher, es gab Bands, die durch SP-Ästhetik glänzten, aber musikalisch noch kein Abgrenzungs- oder Alleinstellungsmerkmal aufwiesen. Ist es jetzt anders? Sind SP-Bands Rockbands mit anderen Instrumenten? Ich persönlich weiß es nicht so genau, obwohl ich es sehr begrüße, dass sich hier etwas entwickelt und eigenständig wird. Ich bleibe jedenfalls gespannt.

  11. Ich kenne und mag Steampunk als literarisches (und filmisches) Genre schon sehr lange und kann daher die Faszination für die Ästhetik nachvollziehen. Ich würde auch zustimmen, dass Steampunk mittlerweile eine eigene, in sich geschlossene Szene ist. Eine Szene muss sich, wie schon angemerkt, per Definition nicht über einen Musikstil definieren, insofern würde ich musikalische Annäherungen eher als Ergebnis denn als Ursache der Szene sehen.
    Wo ich allerdings nicht zustimme, sind die scheinbar auf der Hand liegenden Gründe für den Zusammenhang mit der Gothic-Szene. Es mag personelle Überschneidungen zwischen den Szenen geben, und auch die Kreativität der Beteiligten mag ähnlich ausgeprägt sein, aber aus meiner Sicht sind die zu grunde liegenden Motive komplett andere. Steampunk entwickelt eine mehr oder weniger positive Zukunftsvision aus einer vergangenen Epoche heraus, wohingegen Gothic sich eher auf die negativen Aspekte stützt und nur der Vergangenheit selbst eine scheinbar positive Facette abgewinnt. Das mag man als zwei verschiedene Seiten derselben Medaille sehen, für mich sind die aber zwei komplette verschiedene Medaillen. Aus diesem Grunde sehe ich das Hinzuzählen des Steampunk (wie auch des ganzen Mittelalterkrams) zur Schwarzen Szene auch eher kritisch.

  12. @Robert Das wir uns richtig verstehen. Ich sehe die deutschen Auswüchse als reine Nachmache der Steampunk-Bewegungen in Amerika und England, ohne eigene Inhalte. Diese Länder haben tatsächlich eine eigene Szene, die sie sehr pflegen und die auch voller kreativer Köpfe steckt. Hierzulande fehlt mir aber auch ein bisschen der Bezug zur eigenen Geschichte (die natürlich schwer einzubauen ist, wenn man nicht als faschistoid abgestempelt werden möchte).

  13. Daniel, klär mich mal auf. Wenn ich an Steampunk denke, dann denke ich an Zeitreisen, Dampfmaschinen, Zeppeline und alte Bücher – wie die von Jules Verne. Was meinst Du mit „faschistoid“? Das erscheint mir so ohne Zusammenhang.

  14. @Orphi: Um es im einzelnen aufzuzeigen, müsste ich jetzt den großen geschichtlichen Rundumschlag machen. Ich will mich aber kurz fassen: Dort, wo Steampunk heutzutage als „Subkultur“ stattfindet, referiert vieles auch auf den positiven Fortschrittsglauben der 20er und 30er Jahre des letzten Jahrhunderts in verschieden nationaler Ausprägung. Die von Dir angesprochenen Begriffe und Personen sind wiederum allgemeine Bezugspunkte und Inspirationsquellen. Jules Verne schrieb in einer Zeit, als der technische Fortschritt rasant voranging. Vieles, was er damals bereits beschrieben hat, wurde nur wenige Jahrzehnte später möglich (Tauchfahrten mit U-Booten, Eroberung der Lüfte durch Zeppeline und Flugzeuge etc.). Die Groschenromane der 1930er und 1940er, die „Pulp Magazines“, transportierten Vernes Ideen ins 20. Jahrhundert und bilden für mich das Steampunk-Fundament.

    Heutige Steampunker setzen ihr Steampunkleben also auch mit geschichtlichen Punkten in Verbindung (gerne viktorianisches Zeitalter, aber eben auch Beginn des Flugzeitalter etc.) Gerade aber die Zeit der 1930er Jahre, in der es andernorts viel mehr „Zukunftsphantasie“ gab, auf die aufgebaut werden kann, herrschte bei uns ein Regime, das alles künstlerische niedermachte (nicht umsonst knüpften viele deutsche Künstler nach dem Krieg an expressionistisch-surrealistische Strukturen an, waren diese Kunst-Epochen die letzten vor der NS-Diktatur).

    Um vielleicht ein anschauliches Beispiel zu haben, kann man sich die Nazi-Klamotte „Iron Sky“ mal antun. Der Film an sich ist nicht besonders, enthält aber einige Elemente, die andeuten, wie es wäre, wenn Deutschland seine eigene Steampunk-Szene mit bewusst deutscher Ausrichtung hätte. Daniel Erk von der „Zeit“ hat den Film denn auch als „kryptofaschistischen Weltraumschrott“ bezeichnet. Genau das sind meine Befürchtungen.

    Ich hoffe, dass ich damit meinen Standpunkt klarer gemacht habe.

    Nicht falsch verstehen: ich bin weder nationalistisch, noch sonst irgendwie patriotisch geartet. Ich stelle nur fest, dass Deutschland – wie so oft – mal wieder nur Sachen einfach übernimmt und kopiert, ohne sich dabei eigene Gedanken zu machen und – wie im Falle Steampunk – es in den eigenen geschichtlichen Kontext einbindet.

  15. Jetzt wird in diese „Steampunk“-„Bewegung“ aber ganz schön was reininterpretiert. Wenn ich mir das Ganze nämlich als Aussenstehender betrachte, so bin ich zwischen punktuellem Wohlwollen, Bewunderung mancher Einzelerscheinungen und gutmütiger Belustigung hin- und hergerissen.
    Und beileibe fiele es mir persönlich niemals ein, „Steampunk“ unter dem „Gothic“-„Schutzschirm“ zu vermuten – da lässt (oder möchte?) sich die „schwarze Szene“ wieder einen Schuh anziehen, der nicht so recht passen mag…
    Ok, ok, was auf irgendwelchen „Viktorianischen Picknicks“ und sonstigen Jahrmärkten der szenischen Eitelkeiten noch bei der Disziplin „Schaulaufen“ durch geht, besteht die Rundum-Anforderungen und -Prüfungen nämlich nicht – u.a. vor allem, da ja ganz offenbar ein (mehr oder weniger) klar umrissener musikalischer Einfluss, bzw. Bezug fehlt.
    Oftmals kommen mir persönlich die „Steampunk“-Leutchen auch ein wenig so vor, als würden sie wirklich eher einem Hobby nachgehen (ich könnte mir einen TV-Bericht darüber lebhaft vorstellen, so wie man vielleicht auch über Modelleisenbahn-Nerds oder Mittelalterfreaks – hehe, da wären wir ja wieder bei einem meiner „Lieblings“-Themen… – berichtet).
    Aber vielleicht tue ich ihnen ja jetzt auch unrecht, aber unrecht tut man den „Steampunks“ (herrjeh, Punk… – WTF…) m.E. in der Tat, wenn man sie möglicherweise mit gewissen geschichtlichen/historischen (gerade auch politisch motivierten) „Umtrieben“ in Verbindung bringt. Soweit trägt diese – m.E. völlig harmlose – „Szene“ doch gar nicht. Und die u.U. assoziierte Nähe zum Futurismus? Äh ja, nun, wäre mal interessant zu erfahren, wieviele – vor allem eher rein nostalgisch erscheinenden/rüberkommenden! – „Steampunker“ etwas mit Begriffen/Namen wie Bruitismus (vor allem beim fehlenden Musikbezug) und Russolo, Marinetti anfangen können… (das bekommen ja die in dieser Hinsicht eher „verdächtigen“ Möchtegern-Industrial-Uniformkasper kaum hin, Esplendor Geometrico hin, Vivenza her…)

  16. Ich kann Daniels Einwand absolut nachvollziehen. Wenn man Steampunk auf deutsche Verhältnisse ummünzen würde, würde man irgendwann bei einem ähnlichen Stil wie der Raumpatrouille Orion aus den 60ern rauskommen. Oder bei den frühen Perry Rhodan Romanen. Glatt, poliert, militaristisch. Auch Metropolis aus den 20ern zeichnete kein friedvolles Zukunftsbild, im Gegenteil.

    Zukunftsphantasien und Fortschrittsglaube sind beides nichts, was man irgendwie mit Deutschland und dessen Kultur verbinden könnte. Daher wirkt die ganze Steampunk Sache in der Tat als bloße Kopie anderer Kulturen, ohne eigenen Inhalt.

  17. Hallo Spontis,
    ich hatte mich vor ein paar Jahren mal auf der Clockworker-Site umgesehen.
    Also ein gar so neues Phänomen ist Steampunk nicht, aber auch ich hatte den Eindruck das es sich mehr um eine Freizeit-Cosplay-Kultur handelt.
    Damals äußerte die Mehrzahl der Foren-Teilnehmer dort deutliche Berührungsprobleme mit der Gothic-Szene und lehnte sie teilweise sogar regelrecht ab. Dies verwunderte nicht, da der viktorianische Zeitgeist dort deutlich glorifiziert wurde. Es wird also versucht eine historische Standesgesellschaft nachzuleben.
    Auch besteht eine extreme Leidenschaft für das militaristische und deren Uniformen. Für Steampunk’s scheint es Pflicht zu sein, ständig mit einer „Waffe“ herum zu fuchteln. ( Je monströser um so besser ) Was mich völlig abgestoßen hat war, dass es dort eine bekennende Neo-Nazi-Szene gab, die sich teilweise auch als Diesel-Punks bezeichneten. ( Von den anderen Steampunk’s offenbar akzeptiert. )

    Es steht außer Frage, das es in der Steampunk-Szene spaßige und sympathische Figuren gibt, aber hier ist auch ein großer Tummelplatz für äußerst reaktionäre Charaktere.
    Das sich Steampunk’s auf dem Gothic-Treffen sehen lassen, darf nicht zwangsläufig als Zustimmung gewertet werden. Diese suchen halt in erster Linie eine Bühne für sich selbst und das wird vom Leipziger Kommerz angeheizt.
    Das die Steampunk-Szene wieder kurzfristig in der Versenkung verschwindet halte ich für unwahrscheinlich, dafür gibt es die zu lange. Allerdings scheinen mir eventuelle Befürchtungen einer „feindlichen Übernahme“ unbegründet. Kulturell verbindet Gothic mit Steampunk ( Musik, Literatur, Mode, Weltanschauung usw. ) aus meiner Sicht so gut wie nichts bis gar nichts. Die einzige Verbindung ist, dass es sich ebenfalls um eine Subkultur handelt.
    Allerdings um eine sehr fragwürdige, daher wünsche ich mir eigentlich das ursprüngliche pure Wave-Gotik-Treffen zurück.

  18. @Ghost Hunter: Ich bin nicht sehr involviert in die Steampunk-Szene, sondern betrachte es auch eher wie unter einer Petrischale und ziehe meine (vielleicht richtigen, vielleicht falschen) Schlüsse daraus. Wenn es aber so ist, dass es tatsächlich eine bekennende Neo-Nazi-Szene innerhalb des Steampunks gibt und diese toleriert wird, wirft das ein schlechtes Licht auf die Bewegung. Selbst wenn es nur ein geringer Prozentsatz an Extremisten ist. Diese Diskussion ist allerdings sowieso ein alter Hut und in fast jeder Strömung und Subkultur ein Problem.

  19. Danke für die Erläuterung, Daniel. Ich habe mich nie mit Steampunk beschäftigt und werde mir deshalb hier kein Urteil erlauben. Aber interpretiert Ihr da nicht alle zu viel rein? Gibt es diesen „ernsten“ und „realen“ und „geschichtlichen“ Hintergrund überhaupt? Mir erscheint Steampunk eher als nostalgischer DIY-Tummelplatz und nicht als Anlehnung an echte Ereignisse. Aber ich kann mich irren. Wie gesagt, ich habe allenfalls einen Eindruck, aber keinerlei Hintergrundwissen zu dem Thema.

  20. Sehr aufschlussreicher Beitrag (#17) von Ghost Hunter, Danke dafür. Ob dem dort Geschilderten tatsächlich bis in letzter Konsequenz so ist, kann ich nicht beurteilen (wohl meinem weitgehenden Desinteresse an „Steampunk“ und manchen anderen Effekthaschern geschuldet…) – und bei allen Dünkel überrascht das trotzdem tatsächlich doch ein wenig!
    Ohne jetzt vorschnell urteilen zu wollen, muß ich allerdings zugeben, daß ich nun noch ein wenig skeptischer diesem „Steampunk“-Treiben gegenüber stehe.
    Herrjeh, warum öffnen sich manche Teile der „Gothic“-Szene auch nur allzu blauäugig gewissen Strömungen, Eskapaden und Blendern (gerade wenn diese die Plattform „Gothic“ wohl nur für ihre ureigensten egoistischen Zwecke nutzen und mißbrauchen)? Hat die „Schwarze Szene“ nicht schon genug, äh… „schwarze Schafe“ in den eigenen Reihen unbehelligt gewähren lassen?
    Tja, Augen auf beim „Schulterschluss“, nicht wahr…?

    Und um nochmals auf Beitrag #2 zurück zu kommen: habe mir diese dort aufgeführten „Szene“-Künstler mal angehört (und angeschaut…). Naja, da hat man es doch weitgehend mit optischer Zielgruppenorientiertheit zu tun, ohne viel Substanz und ernst zu nehmenden Inhalten. Unausgegoren und als typisches musikalisches „Szenemerkmal“ unbrauchbar – mal von dem Mummenschanz abgesehen…
    Eine Art Bierzelt- oder Frühschoppenmusik für derart gelagerte „Events“ halt.
    Sorry, aber da habe ich ganz andere Ansprüche an eine Musik, die subkulturell, oder von mir aus „szenisch“ motiviert sein will/soll…

  21. @Daniel:

    Diese Diskussion ist allerdings sowieso ein alter Hut und in fast jeder Strömung und Subkultur ein Problem.

    Soweit richtig, jedoch ist auch immer die Frage: Wie geht die Szene selbst damit um? Wie entwickelt sich solch eine Subkultur? Nun gibt es beispielsweise die Neo/Dark-Folk-Szene schon um einiges länger. Aber dort hat sich schon vor über nem Jahrzehnt eine deutliche Bewegung gegen Faschismus und Fremdenhass herauskristallisiert. Nicht eine die irgendwie „kämpft“, sondern eine die allein durch ihre bloße Existenz den fragwürdigen Gesellen den Platz streitig macht. Im Black Metal war es ähnlich, da war Ende der 90er der NSBM ziemlich groß – mittlerweile ist der Black Metal ja ne Spielwiese für öko-orientierte Hipster aus ländlichen Gegenden geworden.

    Die Frage ist, ob das beim Steampunk ähnlich verläuft wird die Zeit zeigen.

    @Orphi: Was heißt zuviel rein interpretieren? Es ist ja akademisch erwiesen, dass vor allem romantische Weltenfluchten auch Boden für reaktionäre Charaktäre geben können. Nicht zwangsweise müssen, aber durchaus können. Sei es nun der Gartenverein, Steampunk, Gothic – allgemein alles was eine Form der Romantik bereithält. Die Frage ist nur, wie und vor allem ob man dem sich entgegenstellt.

  22. Steampunk war ja in erster Linie ein Literatur-Genre, oder Pardon, ein Genre der Unterhaltungsliteratur, für diejenigen, für die Sci-Fi und Fantasy nicht tiefgründig und gut genug sind. Und dieses Genre reicht zurück bis in die späten 70er/frühen 80er. Hat sich eigentlich nahezu parallel zu Cyberpunk entwickelt und auch von dort den Namen erhalten. Steampunk bildet quasi das Retrofuturistsiche Gegenstück zu dem rein futuristischen (wohl aber nach heutigen Massstaben, da schon altbacken, ebenso „retro“) Cyberpunk. Tatsächlich findet man nahezu die gleichen Themen, Motive und Tropes in beiden Genres und das ist sicher kein Zufall, war doch einer derjenigen, die Steampunk sehr beeinflusst haben William Gibson selbst, Autor der Necromancer-Trilogie, mit seinem Roman „Die Differenzmaschine“. Somit liegen die Ursprrünge des Steampunk auch nicht bei Verne und Co. (die zu ihrer Zeit einfach klassische spekulative Geschichten und Science Fiction geschrieben haben), sondern in der Sci-FI Literatur der 80er.

    Und eigentlich gabs auch gar keine Steampunk Szene oder einen dazugehörigen Look bis in die 90er hinein. Genauso aber wie ja die Cyber“punk“ und Cyber“goths“ haben die Steampunks sich einfach rudimentär auf ein literarsches Genre und seine Motive angelehnt und daraus einen eigenen Modetrend gebastelt. Ich bezweifle doch sehr stark, dass die meisten Steampunks, vor allem jene, die erst in den letzten Jahren dazugestoßen sind, je etwas von Gibson, Mieville und Moorcock gehört haben.

    Lustiger- oder interessanterweise sind viele dieser Autoren relativ links (Mieville ist bekennender Sozialist). Dass sich rechte Strömungen in der selbsternannten Steampunk-szene so schön ausbreiten können liegt sicher an deren Verwässerung. Der Bezug zum literarischen Vorbild ist ohnehin schon sehr dünn geworden, aber dank Modeschaulauf, Kommerz und reinen Fokus auf Äußerlichkeiten ist das ganze eben auf Zahnräder, Uniformen und archaische, viktorianische Gesellschaftsstrukturen (die natürlich schön verherrlicht werden, da es einen ja so anders als die bösen, konformen „Normies“ macht) reduziert worden. So ziemlich alles, was viele „Steampunks“ verkörpern wollen, nämlich dieses verherrlichte Fantasieabbild der Vergangenheit, wird in manchen Romanen des Genres kritisiert. Ich lege vor allem Mievilles Bas-Lag Trilogie zu Herzen, wo auch Dampfmaschinen, Zahnräder, Uniformen und Faschisten vorkommen – letztere aber eindeutig nicht idealisiert werden. In diesen Romanen sind die Hauptfiguren wie im Cyberpunk einfache Leute, oftmals aus sehr niederen sozialen Schichten, die sehr unter ihrer Unterdrückung z.B. durch die rigide Gesellschaft oder einem Polizeistaat/einer Diktatur leiden und große Opfer geben müssen, um zu überleben. Das Militär kommt hier nicht gut weg und es wird vor Augen gehalten, wie ungerecht die Trennung zwischen Arm und Reich war und wie beschissen es denen ging, die aus verschiedensten Gründen nicht zur obersten Klasse dazugehören konnten. Natürlich gibts auch die Beispiele, die sehr utopisch waren. Aber am Ende gehts beim literarischen Steampunk ja vor allem darum, alternative Szenarien tecnologischer und historischer Entwicklungen durchzuspielen. Manchmal kommt dazu auch in bester Cyberpunk und Sci-Fi Tradition die Sozialkritik zum Einsatz. Die fehlt der „Szene“ gänzlich.

    Auf mich wirkt diese Steampunk Szene also wie ein schlechter Cosplay-Verein, der nichtmal wirklich das Medium versteht, auf dessen Ästhetik es basiert. Selbst wenn manche Outfits ziemlich cool sind, so sind eben nichts anderes als Kostüme. Ich bezweifle wirklich, dass man Steampunk (aus)leben kann. Genauso wie man ja schlecht Dungeons & Dragons in sein alltägliches Leben, abseits von Cosplay, Game-sessions und Hobbies, integrieren kann. Und politisch ist Steampunk auch nicht, obwohl gerade so manche der alten Roman-Klassiker des Genres guten Nährboden bieten würden. Stattdessen klebt sich halt jeder ein Zahnrad überall drauf um auch dabei zu sein und tritt als Alternatiiv-Fascho auf, weil das total edgy ist… not.

  23. Hey Avensis
    ich stimme dir zu.
    Während ein Goth sein Lebensgefühl im hier und jetzt kontinuierlich aus lebt, eventuell auch als Bürgerschreck, ist das bei einem ( deutschen ) Steampunk meist anders.

    Der verkleidet sich in seiner Freizeit gelegentlich als „Baron Soundso“ oder „General-Major Ichweißnichtwas“ und tut so als wenn er fürchterlich etwas zu bestimmen hätte. ( Die scheinen es ungemein nötig zu haben ) Der viktorianische Standesdünkel wird sorgfältig erforscht und so detailgetreu wie möglich nachgespielt. ( Vielleicht sollten die sich noch mit der Sado-Maso-Szene in Verbindung setzen, von wegen Personal zum schikanieren. :-)
    Ich möchte noch darauf hinweisen, dass man wohl zwischen der amerikanisch/britischen und der deutschen Steampunk-Gemeinde unterscheiden muss. Bei den anderen findet man Leute die wirklich Spaß an Dampfmaschinen haben, die solche auch sammeln, restaurieren und betreiben ( auch Dampfwalzen, Dampftraktoren usw. ) Bei den angelsächsischen Steampunkern findet ihr auch Leute die sich passend als Monteure usw. verkleiden und ihr tatsächliches Fachwissen kultivieren.
    Hat schon mal jemand von euch Steampunk’s gesehen, die sich bei einer Museumseisenbahn engagieren? – Ich nicht. ( Da macht man sich ja schmutzig )

    Die deutschen Steampunker suchen nicht wirklich eine eigentliche Alternative, die Zukunft schon gar nicht, die wollen zurück in die politische Vergangenheit – in die „gute alte Zeit“. ( …damals waren die Leute ja so höflich… – Zitat Ende )

    Noch etwas zu China Miéville.
    Da stimme ich dir allerdings nicht zu. Ich finde nicht das man ihn schon dem Steampunk zurechnen kann, bloß weil da mal gelegentlich eine Dampfmaschine auftaucht. ( Sind wohl er Marketing-Manöver vom Verlag )
    Perdido Street Station und The Scar haben aus meiner Sicht weit aus mehr Verbindung zum Horror-Genre. Von daher dürfte er in der Gothic-Szene viel er seine Verehrer finden. Bei den Steampunk’s scheint den verständlicherweise auch niemand zu kennen.
    Bei The City & the City gibt es gar keine Berührungen mit Historismus.

  24. Steampunks werden inzwischen als Macher der Szene wahrgenommen und/oder dargestellt, während Waver und Gothics nur am Rand erscheinen. Ein Kollege meinte: „Ihr kommt in der Berichterstattung gar nicht vor.“ Und damit meinte er nicht nur diesen Artikel zum Amphi:

    So lautete die Überschrift des Kölner Stadtanzeigers: „Steampunks und etwas Ekstase“ Und fröhlich ging es weiter im Text: „Ob im Lack- oder Leder-Outfit, auf Pumps oder Plateausohlen, mit Lodenmantel oder im Netzhemd…“ Erkennt sich wer wieder? „Die Musik: Dunkle Electro-Pop-Hymnen, hämmernde Rock-Rhythmen aber auch energiegeladener Sound mit einem Hauch mittelalterliche Ekstase…“ Was bitte? Um welches Festival handelte es sich doch gleich? Dann wird noch etwas über das Niedrigwasser, dem Schiff und dem Shuttle und über die Kostüme der Steampunks geschrieben und das war’s. In einem weiteren Artikel wird über das Jardin de Belle Époque im Friedenspark, das am Freitag stattfand, berichtet.
    Mir tut das in der Seele weh, denn derzeit bewegt sich so viel in der Schwarzen Szene, dass es durchaus auch darüber zu berichten gäbe.

    Dass damals Schwarze in Richtung Steampunk abdrifteten war hinnehmbar und ist es noch. Ich selbst fand das auch mal interessant. Aber dass jetzt Hinz und Kunz zur Szene gehören sollen, weil sie Messing und überwiegend braune Sachen mögen (hat das eigentlich etwas mit dem Sepiaton auf nostalgischen Photografien zu tun?), das kann ich nicht akzeptieren. Darum so schnell als möglich: Weg damit.

  25. Gabrielle
    ich habe auch bei „Von Szenen, Subkulturen und der Wichtigkeit eigener Abgrenzung“ darauf hingewiesen:
    Die Presse ist konservativ und hat daher ein Interesse daran eine konservative Bewegung wie Steampunk zu protegieren und rebellische Goth zu bekämpfen.

    Ich musste noch einmal über die Zeilen von Avensis nachdenken, über die Gründungsfrage und die Motive dafür.
    Ich bin mir nicht sicher ob Steampunk als Szene wirklich im eigentlichen Sinne aus der Literatur heraus gegründet wurde. Ich habe er das Gefühl, das diese Romane ein latentes Bauchgefühl stimuliert haben. Eines das dadurch bewusst und schließlich ausgelebt wurde. Vielleicht heißt das Phänomen Steampunk-Literatur trifft auf Globalisierungsgegner. Das könnte auch erklären, warum diese Bewegung nicht schon früher ( in den 80er Jahren ) auftrat.

    Offensichtlich ist, das auch hier der Wunsch zum Ausstieg aus dem „Mainstream“ besteht. Das man das auch öffentlich zum Ausdruck bringen will.
    Eine Minderheit innerhalb der Steam’s erklärt im Gespräch, das ihnen die Problematik der viktorianischen Zeit absolut bewusst sei. Das sie sich sehr wohl darüber im Klaren wären, das dies für die kleine Highsociety zwar eine tolle, für die allgemeine Bevölkerung aber eine recht üble Zeit gewesen ist. Was sie trotzdem daran interessiere sei der Umstand, das man die Welt damals noch nicht so global im Griff hatte. Es hätte für Aussteiger ja prinzipiell die Möglichkeit gegeben sich in ein Schiff zu setzen, nach Afrika, Südamerika oder Asien zu fahren und sich dort diesen Zwängen teilweise zu entziehen. Das es noch etwas Terra-Inkognita gab, das man Angkor Wat oder die Nil-Quellen erforschen konnte und dann die europäischen Monarchien weit, weit weg waren. So etwas fasziniere sie. Heute sei es doch so, dass man sich meilenweit mit der Machete durch den Urwald schlagen könne um dann festzustellen, dass in dem Indianerdorf auf das man trifft bereits eine globale Textilkette eine Filiale unterhält. Wenn man den Südpol erreiche, dann müsse man doch damit rechen das einen dort bereits der Super-South-Wooper verkauft werden solle.
    Ok, etwas satirisch ausgedrückt, aber das kann ich nachvollziehen. Leider ist es innerhalb der Steam’s eine Minderheit.
    Schimmert da nicht das Raumschiff Enterprise durch das „Wurmloch“? Aufbruch in unbekannte Welten die noch nie ein Mensch betreten hat? Diese Steam’s scheinen mir die historische Variante der Trekkies zu sein, nicht umsonst spielen bei ihnen auch Zeppelin-Luftschiffe eine gewisse Rolle.

    Möglich das diese Globalisierungsgegner die „Gründungsgruppe“ der Steampunk-Bewegung waren. In der betreffenden Literaturgattung geht es ja auch um Pioniere und Abenteurer. Haben die das daraus entwickelt? Wäre einmal eine Untersuchung wert.
    Vielleicht haben sich konservative Aussteiger von dieser „historischen“ Welt angezogen gefühlt und dann die Bewegung überschwemmt. Für sie gab es bisher ja auch kein Sammelbecken, von den ausgesprochen rechtsradikalen Gruppierungen einmal abgesehen.

    Mit den „Wildnis“ suchenden Abenteurern habe ich keine Problemen, aber leider betrachten heute die allermeisten deutschen Steam’s die viktorianische Zeit unkritisch als die gute alte Zeit. Eine Epoche die man sich zum Vorbild nehmen sollte und am besten rekonstruiert. ( Bei den engl. sprachigen Mitgliedern scheint es etwas differenzierter zu sein. )
    Von unseren Steam’s hier kann man sich jedoch politisch bedroht fühlen und darüber etwas grantig werden.

  26. Aha, man muss sich jetzt politisch von Steampunks bedroht fühlen?
    Jetzt hab ich echt alles gesehen…

    Leute, bitte macht euch nicht lächerlich!
    Irgendwer behauptet, dass das Nazis sind und obwohl niemand wirklich Kenntnisse darüber hat, wird sich ereifert wie gefährlich die alle sind.
    Null Ahnung aber ganz viel Meinung. Bleibt doch mal auf dem Teppich.

  27. Na ja, dass Historie glorifiziert wird und man sich dann die „Rosinen“ als (modische) Inspiration da herauspickt, ist nichts Neues,
    das passiert bei der Mittelalterszene ja auch. Kaum jemand interessiert sich dafür, das gemeine Volk in Lumpen darzustellen,
    die meisten wollen dann doch Ritter, Burgherr/frau, Edelmann/frau, Wahrsager oder Musikanten sein, etwas Edles oder Besonderes.

    Solange dabei nicht der Bezug zur Realität verschwindet, sehe ich auch nichts Verwerfliches darin. Ein bißchen Träumerei im Alltag…
    Wir haben ja so wenig Möglichkeiten, uns dem modernen Leben mal zu entziehen, und wenn das dann auf kreative Weise geschieht,
    finde ich es besser als wenn jemand sich nur vor den Fernseher platziert und eine Serie nach der anderen guckt, um den Alltag zu vergessen.

    Die wenigsten Steampunks dürften einen politischen Hintergrund haben, sondern sich einfach für die Kostüme und Basteleien dazu begeistern.
    Wer dann tiefer in die Materie eintauchen will, wird das tun, aber vermutlich ist es für viele nichts weiter als eine Art historisches Rollenspiel.
    Ich kann mir nicht vorstellen, dass sich heute jemand die damaligen (politischen wie gesellschaftlichen) Zeiten wirklich zurückwünscht,
    dazu sind wir alle zu sehr modern geprägt und es gewohnt, möglichst selbstbestimmt zu handeln.

  28. Ghost Hunter, nachdem ich vorhin einen Onlineartikel las, indem auch über Gruftis berichtet wurde, habe ich den Eindruck, dass die Nachrichtenerstattung des genannten Blattes auf Papier eher für die ältere Generation bestimmt ist, während die Onlineversion offener daherkommt. Da heißt es nämlich, dass schrille Outfits Pflicht sind. Von wegen Cyber sind ausgestorben.

  29. Oh, Holla, jetzt mausert sich dieses Thema doch noch zu einer dieser derzeit ach-so-angesagten Verschwörungstheorie-Diskussionen. Kommt jetzt vielleicht auch noch was über Steampunks, die mit irgendwelchen retrofuturistisch-archaischen Subkultur-Maschinen Chemtrails produzieren und damit die Goths paralysieren wollen? Oder droht der Luftkrieg mittels viktorianisch durchgestylter Zeppeline?

    Aber Vorsicht, bei derlei Verschwörungstheorie-Themen sollte ich lieber wieder den Ironie-Modus ausschalten, den ich in meinen bisherigen Beiträgen so hin und wieder eingestreut habe, weil sowas ist bei solchen bierernst zu nehmenden Themen und den darin involvierten Diskutanten nicht gern gesehen…

    Von daher mal Tacheles: Eskapismus und schrullige Nostalgieseligkeit findet man mittlerweile in so gut wie jeder „Szene“, dafür sind diese ja wie geschaffen. Und gerade gewisse Teile der Goth-Szene gehen da mit leuchtendem Vorbild voran. Von daher kommt nicht von ungefähr, daß man manchmal über den tieferen Sinn des Fortbestands mancher Subkulturen aufgrund deren anachronistischen Erscheinungsbilds und aufgebauschter, mit der Zeit gewucherter Marotten, damit verloren gegangener Ideale, etc. mal ernsthaft ins Grübeln geraten könnte – und sollte…
    Und Nein, (nostalgisch geprägter) Eskapismus ist nicht nur ein Erscheinungsmerkmal von erzkonservativen Reaktionären, sondern kommt in den „besten“ Familien vor, siehe (als Beispiel) diese ganze (Möchtegern-)eher-links/öko/“alternativ“-orientierte Althippie-Truppe, die z.B. auf sowas wie dem Burg Herzberg-Festival fröhliche Urständ zelebriert – und dabei noch den Nachwuchs anstiftet, auch mal für ein paar Tage Blumenkind zu mimen. Karneval allerorten. Aber – in der Tat, und zugegeben – trägt sowas letztendlich auch schon Züge von einem verdrehten Konservativismus, anyway…

    Und dann kommt mir persönlich gerade noch sowas wie dieser Steampunk-Firlefanz über den Weg. Möglich, daß dort so manche Rechtsausleger, „Gute-alte-Zeiten“-Träumerle und Konsorten ihre „Heimat“ verorten, aber diese Problematik hatten wir in der Goth-Szene schon vor Jahrzehnten. Und davor ist kaum eine Subkultur, Szene, Verein oder Institution gefeit. Wo doch mittlerweile bereits faschistoide Zeitgenossen bei den Autonomen mitmischen… (ach ja, dabei darf ich jetzt den hier: ;-) nicht vergessen…)
    Aber Steampunk als rein (politisierter) Rechtskonservativ- und/oder Chauvinismus-Haufen? Diese selbstverliebte Fastnachts- und Kostümparade? (Sorry, von wegen „Szene“ und „Subkultur“, da gehört eindeutig mehr dazu. Vor allem reine, nahezu 100% nostalgisch geprägte Bestrebungen sind da schon arg kontraproduktiv – bzw. schon per Definition – als „szenisch“ betitelt zu werden, so btw.)
    Na, dann müsste es ja so sein, daß die ganze Mittelalter-Chose demnächst auch wieder die Feudalherrschaft, den ollen Kaiser Barbarossa (kennt den von den Mitläufer-MA-Tandaradeiern überhaupt wer?), Pest und Inquisition wieder haben will…

    Kurzum, diese (optisch motivierte und geprägte) Steampunk-Bewegung/derart gelagerte Steampunk-„Cosplay“-Fraktion ist m.E. ein drolliger Modeerscheinungs-Zeitvertreib, mangels (sub-)kultureller/musikalischer Bezüge, für die nachwachsende Generation, bzw. die Mehrheit der Menschen in ihrer Phase der Adoleszenz auch eher uninteressant.
    Und ich persönlich kann dem „viktorianisch“ „geprägten“ Erscheinungsbild eh nichts abgewinnen – schon nervig, wenn sogar gewisse Goths damit kokettieren…

    Aber für ganz zum Schluß hebe ich mir noch das auf: @Ghost Hunter, wie war das mit dem „rebellischen Goth“ und dem Goth als Bürgerschreck? Sorry, aber Danke auch dafür – ich hätte ansonsten heute nicht mehr gelacht…
    Mittlerweile ist doch der von Öffentlichkeit und der „konservativen Presse“ wahrgenommene Feld-Wald-Wiesen-Grufti business as usual geworden, allenfalls harmlose Spinner, die die Addams-Familiy nachspielen und für die das ganze Jahr Halloween ist. Brav zahlungskräftige Leipzig-Touris zu Pfingsten, die mit Kind und Kegel anreisen und schön konsumieren, so ganz bürgerlich und bieder – nur in bisserl trauerflorig angezogen halt.
    Über die nicht mal mehr eine deftige Fotostrecke-Berichterstattung lohnt, wenn sie nur „wavig“ oder ganz in Schwarz auftauchen – da sieht ja Lieschen Müller von vis-a-vis verwegener aus mit ihren Piercings und buntischen Haaren…
    Und diese Friedhofsschänder-/Katzenopfer-Folklore und -urban legend glaubt ja auch keine Oma, selbst im hintervorletzten Kaff, mehr…
    Tja, da müssen halt deftigere Kostümierungen, Mummenschanz und vielleicht auch entblösste Körperteile her, damit die Medien drauf anspringen (von wegen „konservative Bewegung protegieren“ – Sensationsgier heisst hier der Motor, der das Ganze antreibt). Und wenn die „Normal“-Gruftis das nicht bieten können oder wollen, dann wird aus einer Großveranstaltung der „schwarzen Szene“ halt gleich eine Plattform für Selbstdarsteller aller Art, weil die außer den Fastnachtstagen ansonsten ja nicht wirklich „flächendeckend“, das Jahr ausfüllende eigene Szene-„Events“ am Laufen haben. Und somit komme ich, den Kreis schliessend, auch direkt zurück zu Beitrag #1, ich bin da ganz bei Mone, ich kann auch nur zu gern gönnen…

  30. Nein, einen politischen Beweggrund haben die Steampunks sicherlich nicht, genauso wenig wie die Gothics. Oftmals verwechselt man die individuelle politische Einstellung einzelner Individuen, Künstler oder Autoren gleich mit einer möglich latenten Gesinnung einer ganzen Bewegung. Die politische Weltanschauung ist kein Abgrenzungskriterium und wird daher eher locker betrachtet, ohne sie sich jedoch zu Eigen zu machen. Meine Erfahrung ist, dass die Szene an sich sehr unpolitisch ist – nicht aber einzelner Mitglieder. Kritisch wahrgenommen werden Künstler und Bands (auch das WGT an sich), die sich nicht eindeutig positionieren – das ist aber auch gut so. Die Gothics trotzen seit Jahren politischen Einflussnahmen mit der ihr innewohnenden Ignoranz. Bei dem Steampunks wird das nicht anders sein und sich so ähnlich verhalten wie bei Cosplay- oder Visual Kei.

    Steampunks sind – so weit konnte ich den Ausführungen folgen – Realitätsflüchtlinge mit einem Hang zur Romantisierung der Vergangenheit. Das man dabei jedoch ein Zeitalter streift, in dem die Welt in Veränderung begriffen war, lässt keine Rückschlüsse auf die Gesinnung der Mitglieder zu. Darüber hinaus finde ich, das diese Romantisierung der Vergangenheit auch in der Mittelalterszene stattfindet.

    Die Frage lautet jedoch, reicht das, was die Steampunk-Szene bietet für eine Subkultur? Ich finde immer noch, dass hier genug Potential in der Bewegung steckt, auch abseits schwarzer Pfade etwas eigenständiges aufzubauen. Gerade auf Facebook scheint man da auch geteilter Meinung zu sein.

    ein drolliger Modeerscheinungs-Zeitvertreib, mangels (sub-)kultureller/musikalischer Bezüge, für die nachwachsende Generation

    Ist der musikalische Bezug so wichtig? Wenn ja, warum? Ist es nicht der aktuellen Popkultur geschuldet, dass man sich auch Bezüge abseits von Musik sucht?

  31. Klar, Robert, selbstverständlich ist in Zeiten, in denen aufgrund vielschichtiger Veränderungen des gesellschaftlichen Lebens, der Freizeitgestaltung, der Rezeption von Kunst und Kultur – und sei dies auch „nur“ einem gewissen technischen „Fortschritt“ geschuldet, etc., auch eine andere Basis möglich, auf der sich primär Subkulturen und anschliessend Szenen entwickeln könn(t)en.
    Vielfältige „Bezüge“ und verschiedene Interessenlagen kennen wir ja auch schon seit Jahren in der „schwarzen Szene“. Den einen ist Musik ein eminent wichtiger Haupt-Bestandteil ihres „Szenelebens“, und ohne sie die Szene nicht denkbar, die anderen wiederum können sich wohl stundenlang damit beschäftigen, sich aufzurüschen, ohne daß dabei auch nur ein Ton („szenische“) Musik läuft. Soll sogar schon vorgekommen sein, daß Zeitgenossen zum WGT gefahren sind, ohne auch nur eine einzige Band gesehen/gehört zu haben…
    Und wie wir ja wissen, wird aus vielen mehr oder weniger eindeutig konnotierbaren Teilen ein Ganzes, das schliesslich ein Gesamtbild manifestiert. Daß dies seit einiger Zeit etwas in Schieflage geraten ist, wird u.a. derzeit hier ja recht emotional im „Abgrenzungs“-Diskussions-„Thread“ durchgekaut (aber später dazu mehr an jener Stelle…).

    Letztendlich ist es jedoch so, daß die bekanntesten, „grössten“, einflußreichsten und irgendwie kreativsten Jugend-/Subkulturen der letzten Jahrzehnte (im Prinzip seit weit über einem halben Jahrhundert…) nun schon traditionell auf bestimmten musikalischen Genres/Spielarten basieren, die nicht nur ein gewisses kollektives Beuteschema abgeben, sondern auch immens wichtig für die Identitätsstiftung waren. Man denke in diesem Zusammenhang ganz besonders an die Bands/Künstler, die nicht zuletzt bis in endgültiger Konsequenz nur noch zielgruppenorientiert musizierten und agierten (was durchaus Anlass für Kritik gibt – aber hier an dieser Stelle jetzt nicht verhandelt werden muß…).
    Nun nenne man mich (meinetwegen) altmodisch, aber in dieser Tradition sehe ich nach wie vor die etwas ernster zu nehmenden Jugend-/Subkulturen – und fände es wirklich Schade (und irgendwie auch uninteressanter), wenn dem nicht mehr so wäre…

    Aber wie auch immer, natürlich kann eine YouTube-Trine auch eine Jugendbewegung lostreten, die sich nur auf’s Schminken, Stylen und Fingernägelbemalung konzentriert, zum kultigen Briefmarkensammeln nebst rituellen Biertrinken braucht man ja auch keine Musik – und letztendlich soll man ja auch zu Architektur tanzen können…

    Und – um auch einer schleichenden fortschreitenden Beliebigkeit entgegen zu wirken – wünsche ich der optisch motivierten Steampunk-Gemeinde (und so manchen anderen übrigens auch…) den absolut identitätsstiftenden Kick, der endlich zur vollständigen Eigenständigkeit (als „Szene“) reicht, um nicht weiter auf (wohl z.T. von jenen relativ unbeliebten, halt so genommenen wie gekommenen) Plattformen mitturnen zu müssen. Dann stiehlt ihnen auch keiner sonst die Show. Und dann schauen wir mal, wie lange und wie weit das Ganze trägt… (Wetten bezüglich des Verfalls des Haltbarkeitsdatum können ab sofort angenommen werden…)

  32. Auf eine – wie auch immer geartete – Gesinnung der Steampunk-Liebhaber möchte ich gar nicht eingehen, weil ich persönlich das schlicht und einfach für Unsinn halte. Ich möchte aber auf eine Entwicklung hinweisen, die ich interessant finde. In Köln gibt es jetzt den 1. Steampunk Club. Das erscheint mir doch genau richtig für diese „Bewegung“, die ja eher Hobby als Identifikationsraum ist. Ich finde Steampunk sehr schön anzusehen, aber es ist ja nun kein Kleidungsstil, mit dem man sich täglich von der Gesellschaft abgrenzt und „anders“ ist, sondern ein Freizeitvergnügen. Steampunk-Clubs und Steampunk-Veranstaltungen mit Steampunk Bands sind für dieses kreative Interesse super. Eine Subkultur sehe ich nicht.

  33. Nur um es kurz klarzustellen: ich unterstelle den Steampunks nicht faschisten, Rechte oder Nazis zu sein. Ich meine aber nur, dass aufgrund der Ästhetik und gewissen Themen, wie eben die Nostalgie und „alles war früher besser“ Mentalität Leute gewisser politischer Ausrichtungen es durchaus einfach(er) haben die Szene und den Look für ihre Zwecke zu nutzen oder zu missbrauchen.

    Und nichts anderes kennen wir ja schon von anderen Szenen, vor allem dort wo am Ende der Look immer wichtiger wurde als der Inhalt (siehe die pseudo-SS Uniformen am WGT…). Und auf reddit ist es mir auch aufgefallen, dass manche steampunk enthusiasten oft auch in subs wie redpill, incel, dem donal trump sub, etc. unterwegs sind. Das mag jetzt heißen, was es will. Heißt natürlich nicht, dass das Ganze eine faschistische Verschwörung wäre.

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