14 Juli

Steampunk: Mit Volldampf in die eigenständigen Subkultur

Verfasst von Diskussion: 15 Kommentare

Steampunk - 2011 - tobikult

Von unzähligen Zahnräder, Gelenken, Schaufelrädern und der Dampfmaschine angetrieben, hat das Motorschiff „Steampunk“ Fahrt aufgenommen und fährt flussaufwärts Richtung Subkultur. In den letzten 5 Jahren hat die Steampunk-Szene die interessantesten Entwicklungen aller Splittergruppen, die – freiwillig oder unfreiwillig – unter dem Schirm der schwarzen Szene zusammengefasst werden, vollzogen. Vor allem in Deutschland haben ambitionierte Festivals das Licht der Welt erblickt und pochen darauf, in den kommenden Jahren zu festen Einrichtungen der Steampunk-Welt zu werden. Erst vor ein paar Tagen endete in Meißen das Debüt-Festival „Mit Zahnrad und Zylinder„, das ein weiterer Erfolg im mittlerweile vollen Terminkalender der Steampunker zu werden scheint und im nächsten Jahr wiederholt werden soll, wie die Sächsische Zeitung berichtet: „Dass es auch im nächsten Jahr mit „Zahnrad und Zylinder“ weitergehen soll, steht für die Veranstalter Jens und Jeannette Mahlow schon fest. „Wir haben positive Rückmeldungen bekommen und möchten das Festival fortsetzen.“

Dabei ist der Weg, den die angehende Subkultur genommen hat, scheinbar ungewöhnlich, denn im Gegensatz zu Gothic oder auch dem Punk handelt es sich nicht um eine Szene, in der die Musik im Mittelpunkt steht, sondern spricht eher Menschen an, die sich als Bastler, Designer, Rollenspieler oder Fantasy- und Science-Fiction-Fans verwirklichen wollen.

Dass Steampunk gerade in der Gothic-Szene seit etwa 2008 Fuß gefasst hat, scheint auf der Hand zu liegen. Die Neo-Romantiker, die mit ihrem viktorianisch geprägten Stil und ihrer Leidenschaft für das kreative Gestalten der eigenen Erscheinung die Szene seit den 2000 immer stärker beflügeln, zeigen deutliche Parallelen zu Steampunk. Für viele Neo-Romantiker schien es wichtig zu werden, ihren visuell geprägten Trend mit Inhalten zu verknüpfen und so bot gerade das Steampunk-Thema, das seit Mitte der 90er Jahren mit den Kino-Blockbustern wie „Wild Wild West“ (1999), „Die Liga der außergewöhnlichen Gentlemen“ (2003) oder auch „Die Stadt der verlorenen Kinder“ (1995) steigende Popularität genießt, sinnvolle Anknüpfungspunkte. Seit 2012 auch hier im Blog über Steampunk ausführlich berichtet wurde, hat sich das Genre immer weiterentwickelt und bereits erstaunliche Infrastrukturen aufgebaut, die sich in Festivals, Picknicks und Märkten manifestieren und mittlerweile in ganz Deutschland Fans der Spielart anziehen.

2017 scheint sich da zum bisherigen Höhepunkt zu mausern. Ich habe den Eindruck, das sich die Dichte der Veranstaltungen, die sich thematisch oder direkt dem Steampunk widmen, deutlich verstärkt hat. (Info: Auf Clockworker findet ihr mit dem Steampunk Sommer 2017 eine Übersicht über vergangene und noch ausstehende Veranstaltungen)

Da drängt sich mir die Frage auf, ob Steampunk bereits eine eigenständige Subkultur ist. Fest steht, dass sich Subkulturen auch ohne ein eigenständiges musikalisches Genre entwickeln können. Für mich ist es jedoch sehr spannend, dass man sich gerade bei den Steampunkern und Neo-Romantikern so intensiv um eigene Inhalte bemüht, was sie von stärker visuell beeinflussten Szenen, wie den Gothic-Lolitas oder Visual Kei, unterscheidet. Für mich sind sie längst im Himmel der Subkulturen angelangt und bestechen durch ihre faszinierende Kreativität, die sich nicht nur in Outfits, sondern auch in Videos, Filmen, Büchern, Artikeln und Veranstaltungen äußert. Das ihr der musikalische Bezug zu einem Musikgenre fehlt, macht sie meine Ansicht nach gerade für viele ältere und erfahrenere Leute attraktiv, die mit Wissen und Know-How für unfassbare facettenreiche Kreationen verantwortlich sind und sich weniger für eine einzelne musikalische Spielart interessieren. 

Im Gegensatz zu den Cybern, die ich ja persönlich für nahezu ausgestorben halte, habe ich Steampunks auch im Rahmen des Wave-Gotik-Treffens in Leipzig nie als wirklich störend empfunden.

Wie seht ihr das? Empfindet ihr die Tatsache, das Gothic-Festivals immer noch ein musikalische Hafen für die Steampunks sind, als störend? Würdet ihr überhaupt soweit gehen, dieses Genre als Subkultur zu bezeichnen oder ist das nur eine weiterer Style oder gar eine reine Leistungsshow ambitionierter Hobby-Bastler? 

15 Kommentare

  1. „Style oder gar eine reine Leistungsshow ambitionierter Hobby-Bastler“

    Genau das trifft’s (meiner Meinung nach) auf den Punkt. Vermutlich laufen die Steampunker in der Woche nicht so rum, sondern nur auf Events. Der Begriff Subkultur passt irgendwie nicht. Sonst wären ja z. B. alle Trekkies auch eine Subkultur… obwohl…… sind Sie’s ? :-)

    Ich finde, die Steampunkter sollten ihr „eigenes“ Ding machen. Es sind so viele mittlerweile, sie haben sich ihre eigene Szene wirklich verdient! Ich bin da sehr großzügig und kann gönnen. :-)

  2. Ich würde soweit gar nicht mal sagen, das die Steampunk-Subkultur kein eigenes musikalisches Genre hat. Es gibt auf jeden Fall eine recht aktive Steampunk-Musikszene, nur ob man da wirklich von einem eigenen Genre sprechen kann ist halt die Frage. Denn oft ist das ein doch recht bunter Mischmasch verschiedenster Klänge und Richtungen, dem eher Textthemen und Ambientgeräusche gemein sind, als wirklich musikalische Besonderheiten (die zugehörige Ästhetik bei Kleidung und Artworks natürlich auch, aber die hört man ja nicht). Die Musik würde ich also nicht als inherent Steampunk-zugehörig sehen, aber es ist ganz klar die Musik der Steampunks, da sie großteil von Szeneangehörigen oder -sympathisanten gehört wird und auch die musizierenden selbst aus der Szene stammen. Praktisch Musik von der Szene für die Szene, wodurch sie eben zur Steampunk-Musik gemacht wird. Ein finde ich legitimer Gegenentwurf, zum sonst üblichen Prozedere, dass sich eine Szene um eine Musik herumbildet. So hat sich hier die Subkultur ihre Musik eben selbst geschaffen, statt durch die Musik geschaffen zu werden.
    Beispiele wären hierfür u.a.: Steampowered Giraffe, The Cog is Dead, Professor Elemental, Abney Park, Vernian Process, Aeronautica und ab dem letzten Album auch Coppelius, um nur mal so ein paar Vertreter*innen zu nennen, die mir aus dem Stegreif einfallen.
    Szene-technisch denke ich dürfte eine große Schnittmenge vorhanden sein, an Leuten die beidem angehören, bzw. dann eben Steampunk in Gothic integrieren, würde aber dennoch mutmaßen, dass es auch Steampunks gibt, die sich nicht als Teil der Gothic-Szene betrachten, sondern das ganze als separates Ding betrachten. Wobei mindestens jene Steampunk dann wohl eher als „Hobby-Szene“ betrachten, von der im Alltag eher nur marginale Spuren zu finden sind.

  3. Ich glaube, dass Steampunk sich ähnlich wie Cybergothic verhält. Sprich: Es wird eine trendige Strömung sein, die momentan ihren Peak erlebt und danach wieder abebbt. Vielleicht schaffen sie ein autarkes Nischendasein, aber das bezweifle ich sehr.

    Ich bin mir fast sicher, dass die meisten Steampunker gar nicht mehr wissen, dass dieser Begriff in erster Linie eine literarische Form beschreibt. Bei vielen Steampunks(unter anderem beim viktorianischen Picknick) scheint es mir manchmal so, als würden ein paar Zahnräder, die sie auf ihre Weste geklebt haben, genug Subversivität ausstrahlen. Tun sie aber nicht. Das ist dann wirklich nur Fasching.

    Es gibt ein Buch, das ich empfehle: „Steampunk – kurz und geek“ von Alex Jahnke und Marcus Rauchfuß. Beide sind aktive Steampunker, kämpfen aber gleichzeitig mit dem Problem, die Bewegung klar zu umreißen. Alle Widersprüche und Ungereimtheiten werden hier – mehr oder weniger unbewusst – deutlich, weswegen Steampunk für mich in erster Linie ein rein literarisches Sci-Fi-Genre bleibt, in dem sich Werte- und Lebensvorstellungen des Viktorianischen Zeitalters mit den Fortschrittsgedanken und dem Tecnnikoptimismus des frühen 20. Jahrhundert kreuzen.

  4. Ich würde Steampunk ähnlich wie Cosplay einordnen, es hat beides etwas vom in-andere-Rollen-Schlüpfen zu tun, mit dem Ausleben eigener Fantasien und Kreativität. Beide Strömungen sind in ihren Kostümen keineswegs alltagstauglich, reine Freizeitmode und -Beschäftigung, ein Hobby, wohingegen die meisten Gruftis/Gothics schon deutlich mehr ihrer modischen Vorlieben in den Alltag integrieren, eben weil es für viele mehr als Freizeitlook bedeutet.

    Wo wiederum Überschneidungen von Steampunk mit Teilen der der Schwarzen Szene bestehen, ist die Tendenz zur Flucht vor der heutigen Zeit in vermeintlich bessere historische Epochen, die glorifiziert werden. Sei es nun das Mittelalter, das Viktorianische Zeitalter, die Romantik.

  5. Okay, der Cosplay-Vergleich hinkt schon etwas insofern, dass hier ja nichts bereits Bekanntes nachgestellt wird, sondern selbst ein individuelles Outfit und Assessoires zusammengetüftelt werden.

    Ich schau mir die Steampunk-Kreationen auch sehr gerne an, staune über den Ideenreichtum und die Umsetzung dieser. Allerdings wiederholt sich inzwischen auch vieles, es gibt da schon einige Standards, die nicht mehr wirklich spektakulär wirken, wie z.B. Hüte mit Brillen daran.

    Da muss ich daran denken, wie damals die ersten (noch eher dunkleren) Cybers auf mich wirkten: als alles neu war, erschien manches ja sehr kreativ (wenn auch nicht unbedingt schön), aber irgendwann war alles schon zigmal ähnlich gesehen und dann langweilte es mich, zumal es ein Massenphänomen wurde, das die Schwarze Szene regelrecht überrollte, obwohl doch nur am Rande sehr kleine Schnittmengen existierten.

    Mit Steampunk oder den ganzen viktorianischen Outfits verhält es sich außerhalb des WGTs oder anderer Großveranstaltungen ja nicht ganz so krass, die Leute stören mich auf Veranstaltungen nicht. Cybers gingen mir irgendwann nur noch auf die Nerven, weil sie mehr nach grellbunter Technoparty aussahen, womit ich mich ja nun gar nicht anfreunden kann ;-)

  6. Ich möchte mich da meinen Vorrednern in vielen Aspekten anschließen:
    Es ist mit Sicherheit bereits eine eigenständige Szene und es ist interessant, dass sich das ganze mal nicht um ein Musik-Genre entwickelt hat. Aber ob so ein Szene dann auch direkt eine Subkultur ist ist eine andere Frage. Um als solche ernst genommen zu werden fehlen eben die Inhalte, die sich auch im Alltag bemerkbar machen.
    Ich finde es weder verwunderlich noch störend, dass man sich in der schwarzen Szene heimisch fühlt, aber ich denke bei “Steampunk“ nach wie vor an die Romane von Jules Verne oder die Videospiele der Thief-Reihe.

  7. Ich sehe das wir Daniel. Es ist in erster Linie nur ein Modephänomen. Hat derzeit einen hübschen Peak, aber in zwei, drei Jahren wird er auch wieder verschwunden sein. Über „Cyber Gothic“ redet ja gottlob auch niemand mehr.

    Ich sehe das wie Karnstein. Es fehlen die Inhalte, etwas was bleibt und damit auch verbindet. Das muss nicht Musik sein, das können ja durchaus auch anderen Formen der Kunst sein. Aber mit dem Unterschied, dass es auch in den Alltag transportiert wird. Und genau das sehe ich beim Steampunk genausowenig wie bei anderen Szenen, sei es Cosplayer oder Gamer. Das sind alles nette Freizeitaktivitäten, ja. Aber Subkultur?

    Synthwave ist dagegen ein schönes Beispiel für eine gewachsene Subkultur neueren Darums. Und die Anhänger dieser Kultur leben das auch exzessiv in ihren Alltag. Ein Beispiel wäre die Mizucat, die das Design von unserer letzten Compilation „Miami Synthwave Radio“ entworfen hat. Sie ist 21 Jahre jung, fährt nen Sportwagen aus den 80ern, nutzt ganz selbstverständlich alte Unterhaltungsgeräte jener Epoche und ihr sieht man auch Kleidungstechnisch im Alltag ihre Liebe für diese Epoche an. Aber man hält sich da auch nicht sklavisch dran, sondern remixt das mit der Moderen zu einem sehr eigenen Stil. Das ist etwas, was die ganzen Mitglieder jener Subkultur gemeinsam haben, sich die schönsten Facetten zweier Epochen rauszusuchen und zu etwas Neuem zu formen. Für Altgrufties vielleicht nichts ungewöhnliches, aber Synthwave kommt ja auch nicht aus jener Szene.

  8. Die Steampunkszene gefällt mir so nicht besonders. Die Grundidee dahinter hat durchaus Potential und als auf arte mal eine Doku lief, in der auf dem Burning Man ein paar abgefahrene Steampunk-Gefährte gezeigt wurden, fand ich das irgendwie schon beeindruckend. Aber die kuriose Technik tritt bei den meisten völlig in den Hintergrund bzw. existiert allein in Form irgendwelcher peinlicher Pappattrappen mit sinnfrei aufgeklebten Zahnrädern. Die Outfits werden sich immer ähnlicher und sehen halt auch einfach nur nach Kostüm aus. Das ist alles näher an Cosplay und LARP als an einer Subkultur.
    In meinen Augen werden da Möglichkeiten verschenkt aber die Leute haben ihre Freude daran und die sei ihnen von Herzen gegönnt.

  9. Als realtiv neu hinzugekommene Steampunkerin, die vorher hauptsächlich in der Mittelalterszene zu Gange war und sich selbst als „Soft-Goth“ bezeichnet hat, kann ich die Argumente meiner Vorschreiber*innen gut nachvollziehen und größtenteils Bestätigen.

    Es gibt tatsächlich so ein Mainstream-Dings, dass viele Leute sich ein paar Zahnräder irgendwohin pappen und die Damen in mehr oder eher weniger fantasievollen Corsage-Kostümen rumlaufen. Das sieht tatsächlich nach Karneval aus.

    Aber es gibt auch die Maker-Szene, diejenigen, die mit Leib und Seele aus altem Schrott und kaputten Schaltkreisen irrwitzig-fantastische Gegenstände erschaffen und diese dann auf Messen und Veranstaltungen ausstellen. Diese Dinge sind natürlich wenig alltagstauglich, aber immer wundervoll anzusehen.

    Wenn sich Subkultur nur dadurch definiert, dass man seine Subkultur auch im Alltag präsentiert, dann ist wohl mittlerweile jede Subkultur tot (mit Außnahme von den paar Punks, die immer – noch – an manchen Bahnhöfen rumhängen).

    Aber es gibt die paar wenigen Ausnahmen, die auch im Alltag ihr Steampunkerherz in die Öffentlichkeit tragen. Sei es im (dezent reduzierten) Kleidungsstil, mit einem Oldtimer-Fahrzeug oder mit der Verhaltensetikette.

  10. @Daniel: Dass es sich bei Steampunk um eine Modeerscheinung handelt, möchte ich bezweifeln. Im Gegensatz zu den Cybergothics ist SP (der Einfachheit halber abgekürzt) mit so zahlreichen Inhalten und Kreativität bestückt, die man in anderen Subkulturen schmerzlich vermisst. Die Cyber waren rein auf Konsum gebürstet und haben lediglich in ihr äußeres Zeit investiert. Mittlerweile entwickelt sich sehr viel um die Szene, auch in Sachen Veranstaltungen und eigenen Festivals. Das zeigt für mich, das es durchaus ein Bedürfnis gibt, sich abzugrenzen und SP aus dem Nischendasein einer rein literarischen Strömung zu heben.

    @Karnstein: Welche Inhalte aus dem „Alltag“ meinst du?

    @Schatten: Den größten Unterschied sehe ich in den Wurzeln, musikalisch entwickelt sich ja gerade erst eine eigene Spielart. Vor ein paar Jahren gab es da noch nichts. Sicher, es gab Bands, die durch SP-Ästhetik glänzten, aber musikalisch noch kein Abgrenzungs- oder Alleinstellungsmerkmal aufwiesen. Ist es jetzt anders? Sind SP-Bands Rockbands mit anderen Instrumenten? Ich persönlich weiß es nicht so genau, obwohl ich es sehr begrüße, dass sich hier etwas entwickelt und eigenständig wird. Ich bleibe jedenfalls gespannt.

  11. Ich kenne und mag Steampunk als literarisches (und filmisches) Genre schon sehr lange und kann daher die Faszination für die Ästhetik nachvollziehen. Ich würde auch zustimmen, dass Steampunk mittlerweile eine eigene, in sich geschlossene Szene ist. Eine Szene muss sich, wie schon angemerkt, per Definition nicht über einen Musikstil definieren, insofern würde ich musikalische Annäherungen eher als Ergebnis denn als Ursache der Szene sehen.
    Wo ich allerdings nicht zustimme, sind die scheinbar auf der Hand liegenden Gründe für den Zusammenhang mit der Gothic-Szene. Es mag personelle Überschneidungen zwischen den Szenen geben, und auch die Kreativität der Beteiligten mag ähnlich ausgeprägt sein, aber aus meiner Sicht sind die zu grunde liegenden Motive komplett andere. Steampunk entwickelt eine mehr oder weniger positive Zukunftsvision aus einer vergangenen Epoche heraus, wohingegen Gothic sich eher auf die negativen Aspekte stützt und nur der Vergangenheit selbst eine scheinbar positive Facette abgewinnt. Das mag man als zwei verschiedene Seiten derselben Medaille sehen, für mich sind die aber zwei komplette verschiedene Medaillen. Aus diesem Grunde sehe ich das Hinzuzählen des Steampunk (wie auch des ganzen Mittelalterkrams) zur Schwarzen Szene auch eher kritisch.

  12. @Robert Das wir uns richtig verstehen. Ich sehe die deutschen Auswüchse als reine Nachmache der Steampunk-Bewegungen in Amerika und England, ohne eigene Inhalte. Diese Länder haben tatsächlich eine eigene Szene, die sie sehr pflegen und die auch voller kreativer Köpfe steckt. Hierzulande fehlt mir aber auch ein bisschen der Bezug zur eigenen Geschichte (die natürlich schwer einzubauen ist, wenn man nicht als faschistoid abgestempelt werden möchte).

  13. Daniel, klär mich mal auf. Wenn ich an Steampunk denke, dann denke ich an Zeitreisen, Dampfmaschinen, Zeppeline und alte Bücher – wie die von Jules Verne. Was meinst Du mit „faschistoid“? Das erscheint mir so ohne Zusammenhang.

  14. @Orphi: Um es im einzelnen aufzuzeigen, müsste ich jetzt den großen geschichtlichen Rundumschlag machen. Ich will mich aber kurz fassen: Dort, wo Steampunk heutzutage als „Subkultur“ stattfindet, referiert vieles auch auf den positiven Fortschrittsglauben der 20er und 30er Jahre des letzten Jahrhunderts in verschieden nationaler Ausprägung. Die von Dir angesprochenen Begriffe und Personen sind wiederum allgemeine Bezugspunkte und Inspirationsquellen. Jules Verne schrieb in einer Zeit, als der technische Fortschritt rasant voranging. Vieles, was er damals bereits beschrieben hat, wurde nur wenige Jahrzehnte später möglich (Tauchfahrten mit U-Booten, Eroberung der Lüfte durch Zeppeline und Flugzeuge etc.). Die Groschenromane der 1930er und 1940er, die „Pulp Magazines“, transportierten Vernes Ideen ins 20. Jahrhundert und bilden für mich das Steampunk-Fundament.

    Heutige Steampunker setzen ihr Steampunkleben also auch mit geschichtlichen Punkten in Verbindung (gerne viktorianisches Zeitalter, aber eben auch Beginn des Flugzeitalter etc.) Gerade aber die Zeit der 1930er Jahre, in der es andernorts viel mehr „Zukunftsphantasie“ gab, auf die aufgebaut werden kann, herrschte bei uns ein Regime, das alles künstlerische niedermachte (nicht umsonst knüpften viele deutsche Künstler nach dem Krieg an expressionistisch-surrealistische Strukturen an, waren diese Kunst-Epochen die letzten vor der NS-Diktatur).

    Um vielleicht ein anschauliches Beispiel zu haben, kann man sich die Nazi-Klamotte „Iron Sky“ mal antun. Der Film an sich ist nicht besonders, enthält aber einige Elemente, die andeuten, wie es wäre, wenn Deutschland seine eigene Steampunk-Szene mit bewusst deutscher Ausrichtung hätte. Daniel Erk von der „Zeit“ hat den Film denn auch als „kryptofaschistischen Weltraumschrott“ bezeichnet. Genau das sind meine Befürchtungen.

    Ich hoffe, dass ich damit meinen Standpunkt klarer gemacht habe.

    Nicht falsch verstehen: ich bin weder nationalistisch, noch sonst irgendwie patriotisch geartet. Ich stelle nur fest, dass Deutschland – wie so oft – mal wieder nur Sachen einfach übernimmt und kopiert, ohne sich dabei eigene Gedanken zu machen und – wie im Falle Steampunk – es in den eigenen geschichtlichen Kontext einbindet.

  15. Jetzt wird in diese „Steampunk“-„Bewegung“ aber ganz schön was reininterpretiert. Wenn ich mir das Ganze nämlich als Aussenstehender betrachte, so bin ich zwischen punktuellem Wohlwollen, Bewunderung mancher Einzelerscheinungen und gutmütiger Belustigung hin- und hergerissen.
    Und beileibe fiele es mir persönlich niemals ein, „Steampunk“ unter dem „Gothic“-„Schutzschirm“ zu vermuten – da lässt (oder möchte?) sich die „schwarze Szene“ wieder einen Schuh anziehen, der nicht so recht passen mag…
    Ok, ok, was auf irgendwelchen „Viktorianischen Picknicks“ und sonstigen Jahrmärkten der szenischen Eitelkeiten noch bei der Disziplin „Schaulaufen“ durch geht, besteht die Rundum-Anforderungen und -Prüfungen nämlich nicht – u.a. vor allem, da ja ganz offenbar ein (mehr oder weniger) klar umrissener musikalischer Einfluss, bzw. Bezug fehlt.
    Oftmals kommen mir persönlich die „Steampunk“-Leutchen auch ein wenig so vor, als würden sie wirklich eher einem Hobby nachgehen (ich könnte mir einen TV-Bericht darüber lebhaft vorstellen, so wie man vielleicht auch über Modelleisenbahn-Nerds oder Mittelalterfreaks – hehe, da wären wir ja wieder bei einem meiner „Lieblings“-Themen… – berichtet).
    Aber vielleicht tue ich ihnen ja jetzt auch unrecht, aber unrecht tut man den „Steampunks“ (herrjeh, Punk… – WTF…) m.E. in der Tat, wenn man sie möglicherweise mit gewissen geschichtlichen/historischen (gerade auch politisch motivierten) „Umtrieben“ in Verbindung bringt. Soweit trägt diese – m.E. völlig harmlose – „Szene“ doch gar nicht. Und die u.U. assoziierte Nähe zum Futurismus? Äh ja, nun, wäre mal interessant zu erfahren, wieviele – vor allem eher rein nostalgisch erscheinenden/rüberkommenden! – „Steampunker“ etwas mit Begriffen/Namen wie Bruitismus (vor allem beim fehlenden Musikbezug) und Russolo, Marinetti anfangen können… (das bekommen ja die in dieser Hinsicht eher „verdächtigen“ Möchtegern-Industrial-Uniformkasper kaum hin, Esplendor Geometrico hin, Vivenza her…)

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