8 September

Altenpflege im Nachtdienst: Vergänglichkeit und Tod als Alltag

Verfasst von Diskussion: 6 Kommentare

Ronny - Altenpfleger in LeipzigFür Ronny gibt es zwei Dinge, die zu seinem Alltag gehören: Der Tod und die Gothic-Szene. Als Pflegefachkraft in einer Altersresidenz in Leipzig ist er nicht nur für die Pflege und das Wohlergehen der Menschen zuständig, sondern begleitet die Bewohner oftmals auch auf ihren letzten Schritten bis in den Tod. Für ihn ist das schon eine Art Berufung, den Bewohnern bei allen ihren Wünschen, Ängsten und Nöten hilfreich zur Seite zu stehen. Alte Menschen werden in unserer Gesellschaft ausgeblendet und sterben oftmals einsam und allein. „Viele werden in Heime „abgeschoben“ und müssen dann dort den Rest ihres Lebens verbringen.“ Steht sein Beruf, der sich stärker als viele andere mit den Tabu-Themen unserer Gesellschaft auseinandersetzen muss, nicht im Grunde am langen Ende der Entscheidung „gegen den Mainstream“ zu sein? Als Ronny mir nach dem WGT in Leipzig einen Artikel zusandte, in dem er den Bewohnern in der hauseigenen Zeitschrift liebevoll erklärt, was ein Grufti ist und warum die sich jedes Jahr in Leipzig treffen, wurde ich neugierig auf die Geschichte hinter seiner Berufswahl.

Viele kennen den sympathischen Leipziger bereits aus dem letzten Jahr, als Ronny in der Dokumentation „Mein Leben in Schwarz“ bereits zum unfreiwilligen TV-Star avancierte und sich mit seinem Satz „Pikes kann man nie genug haben“ und einem denkwürdigen Auftritt im Sarg in die Herzen der Zuschauer bohrte. Ein nachdenklicher, aber sonst lebensfroher und humorvoller Grufti. So ist er vermutlich den Meisten wohl in Erinnerung geblieben. 

Ronny arbeitet bereits seit seinem Zivildienst als Pflegefachkraft und hat sich ganz bewusst dafür entschieden. Zu helfen, das liegt dem 42-jährigen im Blut: „Die Menschen die mir dort begegnen, haben ihr Leben gelebt und sind nun auf Hilfe angewiesen. Meine Aufgabe ist es, ihnen den möglicherweise letzten Ort ihres Lebens so schön und so angenehm wie möglich zu gestalten.“ Trotz der beruflichen Distanz hat Ronny der Tod seines Ehemann 2011 sehr mitgenommen. Er wagte den Neuanfang und setzte einen Wunsch, den er schon mit seinem Mann hegte, in die Tat um und zog nach Leipzig. An seinem neuen Arbeitsplatz arbeitet der eingfleischte Grufti natürlich nur Nachts.

Warum arbeitest du eigentlich nur in der Nachtwache?

Ich liebe die Dunkelheit und die Ruhe der Nacht. Ich glaube, ich kann Nachts sinnvoller arbeiten, weil es dann nicht so stressig ist, wie tagsüber. Mich an das Bett eines Bewohners zu setzen, der nicht schlafen kann und mit zu reden, erfüllt mich mit Zufriedenheit. Nachts ist einfach mehr Zeit für alles. Auch mehr Zeit zum sterben. Ich konnte schon viele bei ihren letzten Atemzügen begleiten, mich zu Ihnen setzten und einfach nur da sein.

Ronny in der Hauszeitschrift seines ArbeitgebersWie kam es eigentlich dazu, das du einen Artikel über das WGT für die Hauszeitung verfassen solltest?

Meine Chefin fragte mich, da vielen Bewohne das WGT nicht fremd ist, aber sie leider überhaupt keinen Bezug dazu entwickeln können und nicht wissen, was dort überhaupt stattfindet. Da habe ich mich also hingesetzt und mit einfachen Worten zu erklären versucht, was das WGT ist. Es gab vorwiegend positive Reaktionen darauf und die zwei negativen Reaktionen, die hauptsächlich auf Missverständnisse beruhten, konnte ich im Nachhinein aus der Welt schaffen.

So fragte mich zum Beispiel eine ältere Dame, warum soviele „bunte“ mit herum laufen. Ich sagte ihr, dass ich das selber nicht verstehe und nicht so toll finde, aber das es eben auch sogenannte „Mitläufer“ oder „Wochenendgruftis“ gibt, die sich eben unter die echten schwarzen Seelen mischen. Die Dame bedankte sich für meine Informationen und fragte mich, auch ob ich ihr ein Foto schenken könnte – was ich natürlich auch tat. Solche kleinen Gesten, erfreuen mich immer wieder.

In dem Artikel schreibst du „Wave-Gothic-Treffen“, hast du Dich nicht verschrieben?

Warum ich das „Wave Gotik Treffen“ in „Wave Gothic Treffen“ unbenannt habe, ist für mich ganz einfach erklärt. Einige Bewohner sprachen mich schon im Vorfeld darauf an, warum eine Epoche mit in der Bezeichnung des Treffens vorkommt. Auch für mich bezeichnet Gotik eine Epoche der neueuropäischen Architektur und Kunst des Mittelalters und Gothic ist für mich den Name der Subkultur. Warum es in der offiziellen Betitelung des Treffens nun „Gotik“ und nicht wie ursprünglich „Gothic“ heißt, habe ich noch nie verstanden. Aber vielleicht kann mich hier ja jemand aufklären.

Wie gehen die Bewohner, die du betreust, eigentlich mit deinem Äußeren um? Bist du auch schon auf Ablehnung gestoßen?

Natürlich gefällt nicht jedem Bewohner mein Äußeres. Was auch gut so ist. In handhabe das eigentlich immer so, das wenn ein neuer Bewohner zu uns kommt und ihn nicht kenne, ich vor meinem Dienst zu ihm gehe und mich vorstelle, damit sie sich in der Nacht nicht erschrecken ;-) So richtige Ablehnung habe ich noch nie erfahren, außer von so einem sogenannten Reichsbürger, was aber dann auch auf Gegenseitigkeit beruhte. Die meisten Bewohner fragen eher, warum ich so aussehe, wie ich aussehe. Die bekommen dann eine ehrliche Antwort und meistens wird mein Äußeres danach auch völlig unwichtig.

Du hast regelmäßig mit sterbenden Menschen zu tun und begleitest sie auf ihrem letzten Weg. Wie beeinflusst Dich das und wie hat Dich dein Beruf verändert?

Ich glaube nicht, das mich mein Beruf verändert hat. Ich habe jedoch viel an Erfahrungen gewonnen und kann vielleicht so, viel bewusster mit dem Thema Sterben umgehen. Während meiner Ausbildung zum examinierten Altenpfleger wird das Thema „Sterben und Tod“ sehr ausführlich behandelt, so kenne ich auch die verschiedenen Stadien des Umgangs mit dem Tod:

  • Nichtwahrhaben wollen – „Ich nicht!“
  • Zorn, Wut, Aggression – „Warum ich?“
  • Verhandlungen – „Jetzt noch nicht!“
  • Depressionen und Ausweglosigkeit
  • Annahme und Zustimmung – „Ja, ich kann mein Schicksal annehmen.“

Das „Loslassen“ beginnt. Natürlich ist das Theorie, aus einer Erfahrungen trifft es die Realität aber ganz gut. Als mein Mann zu Hause eingeschlafen ist, habe ich ihn auch eine ganze Woche auf seinem Weg begleitet. Ich glaube, das hätte ich ohne diesen Beruf nicht machen können.

Anti-Haltung gegen die Gesellschaft und ihre Normen?

Ich bleibe ein wenig ratlos zurück. „Gegen die Gesellschaft„, „den Mainstream ablehnen„, „sich mit dem  Tod beschäftigen„, „Schwarz als Trauerfarbe für eine Traurige Welt„. Es gibt viele Argumente, die Szeneangehörige nennen, wenn es um ihre Zugehörigkeit geht. Die Szene brüstet sich gerne mit dem Interesse für das Abseitige, in den Wohnungen wimmelt es von Totenköpfen und Grabsteinen und auch die Vorlieben in Sachen Unterhaltung sind oft gruselig und handeln von Vampiren, Werwölfen oder dem Bösen im Allgemeinen. Doch außer einer weit verbreiteten Todesästhetik scheint es innerhalb der Szene nicht all zuviel Interesse für den Tod, das Sterben oder den Umgang damit zu geben. Jedenfalls sind mir noch keine Sitzkreise begegnet, die sich mit dem Sterben beschäftigen, sondern vielmehr mit den besten Bands oder dem besten Outfit. Auch Themen hier im Blog, die sich um den Tod drehen, bleiben oftmals unkommentiert. Hat die Szene nun an Glaubwürdigkeit eingebüßt oder ist die uns nachgesagte Beschäftigung mit Tod und Sterben ein Mythos? 

Ronny hat seinen Beruf ganz bewusst gewählt und hat dadurch eine ganz alltägliche Konfrontierung mit diesen Themen. Sein Gesamtbild ist stimmig und auch seine Lebensfreude scheint das positive Ergebnis einer einfachen Formel zu sein. Wenn du den Tod als Teil des Lebens akzeptierst und auch mit der Tatsache lebst, dass dieser Zeitpunkt völlig willkürlich sein kann, solltest du das Leben bejahen. Jeden Tag. So wie Ronny:

„Die Gesellschaft lehne ich ja nicht ab – ich bewege mich ja darin. Nur eben anders als Andere.“

Wie seht ihr das? Ist der offene Umgang mit Tod und Sterben ein Märchen? Sind wie einfach nur ein Querschnitt der Gesellschaft die gerne anders aussieht? Ist es einfach nur die Ästhetik des Todes, die uns reizt, während uns die Realität überhaupt nicht interessiert?

6 Kommentare

  1. Ich finde schon, dass der Umgang mit dem Tod in Grufti-Kreisen offener ist, als in Stino-Kreisen. Generell ist die Akzeptanz von Krankheiten höher und ich habe das Gefühl, es wird unter Gruftis eher darüber gesprochen. Das fällt gerade da auf, wenn Freunde, die nicht zur schwarzen Szene gehören, mir „psychische Probleme beichten“, weil sie sonst mit niemandem so richtig darüber reden können. Man muss allerdings auch dazu sagen, dass auffallend viele Gruftis in der Pflege arbeiten (ich bin selbst auch Krankenschwester auf einer Intensivstation) Gerade auf der ITS sterben viele Patienten und auch die Betreuung der Angehörigen sollte dabei nicht vernachlässigt werden. Ich habe diesen Beruf bewusst gewählt, weil mir das gut liegt – Pflege von Patienten die absolut abhängig sind von Maschinen und wenn es zum äußersten kommt auch Begleitung bis zum Tod und Betreuung der Angehörigen. Nicht alle Kollegen auf der ITS machen das „gerne“ – es gibt durchaus welche, die froh sind wenn sie solch ein Zimmer dann abgeben können, wenn sich abzeichnet, dass der Patient nicht zu retten ist. Will heißen: nicht alle Krankenschwestern beschäftigen sich gerne mit dem Tod.

  2. Hey Ronny :)

    Danke für diesen wundervollen Beitrag. Die Themen „Tod und Sterben“ finde ich auch sehr interessant und mein berufliches Ziel ist es, todkranke und sterbende Menschen vielleicht ein letztes Mal glücklich zu machen und ich möchte ihnen eine -ihren Möglichkeiten entsprechendend- eine angenehme Zeit geben und ihnen auch ein würdevolles Sterben ermöglichen.
    In einigen Tagen beginne ich deshalb eine Fortbildung zur Palliativ – Fachkraft.
    Ich freue mich schon auf diese Fortbildung und auch später auf die Praxis. :)

    Die Mia

  3. Mir persönlich ist die Wirkung „nach außen/außerhalb der Szene“ in dem Bereich „Krankheit/Schwäche/Tod“… durch die mündlichen Reaktionen anderer (Bsp. mit wem soll ich denn sonst über Thema xy reden, die Fürbitten bei der Totenmesse hast aber toll gehalten, der Erkrankte hatte dieses kleine Geschenk bis zuletzt bei sich,… bla) durch die Jahre hin auffälliger/bewusster, als eine „Szene interne“ große Wirkung, zB Gesprächrunden zu den Themen. Ob Texte (Liedtexte, Literatur, Poesie) und das in der eigenen Murmel über die Themen nachdenken, dazu tanzen…, dem (durchschnitts) Grufti da reichen, er sowas lieber mit…in… sich selber ausmacht, vielleicht in Verbindung damit weil man trotz Szene im Grunde doch „Einzelkämpfer war/ist/bleibt, oder etwas anderes, oder der ganze Gedanke doch quatsch ist, das kann sich wohl jeder selber am Besten und Richtigsten beantworten. Ich weiß zumindest das meine Erfahrungen in den Bereichen mir eine gewisse Ruhe und Kraft geschenkt haben, und auch den Mut da zu sein oder aktiv zu sein, wo andere, aus welchem Grund auch immer, weniger oder garnicht da sind oder aktiv sind. Ich denke schon das man das lernen kann, einen Teil/die Wurzeln bringen viele die ähnlich ticken aber bestimmt schon, als Anlage von weiß Gott woher, mit.

  4. Danke für den schönen Artikel.
    Arbeite in der Tagesbetreuung mit Senioren mit geistiger Behinderung. Bei uns ist das Sterben/ der Tod und das Abschiednehmen von Angehörigen, Freunden, anderen Teilnehmern aus der Gruppe auch immer wieder Thema. Wobei bei uns der Schwerpunkt mehr darauf ist, noch Fähigkeiten zu erhalten, ihnen einen schöne Zeit zu ermöglichen und bei manchen auch die Akzeptanz der eigenen Behinderung zu vergrößern, was denke ich insofern schon auch notwendig ist, um später auch leichter loslassen zu können, wenn sich abzeichnet, das ein Leben zu Ende geht.
    Übrigens ist auch bei mir so, dass die Betreuten mein Aussehen gerne kommentieren (du schaust immer aus, als würdest auf eine Beerdigung gehen), es ihnen aber letztendlich herzlich egal ist, wie man daherkommt. Wesentlich wichtiger ist ihnen und so soll’s auch sein, wie du sie behandelst. Und sie zeigen das dann auch sehr deutlich, wenn sie einen nicht mögen.
    Interessanterweise bin ich als Ministrantin immer lieber bei den Beerdigungen dabei gewesen als bei Taufen und Hochzeiten.
    Dass ich mich mehr mit dem Tod/Sterben beschäftige (beschäftigen muss) kam nicht erst, seit ich Grufti bin, sondern lang davor. Denke eher dass das unbewusst mit reingespielt hat, dass ich zum Grufti wurde. Ich habe immer schon, auch in der Kindheit, die Zeit mit älteren Menschen sehr geschätzt und arbeite auch lieber mit Menschen, die älter sind als ich. Insofern komme ich gar nicht um das Thema herum, auch weil Menschen mit geistiger Behinderung mitunter doch sehr plötzlich sterben/ oder sehr jung (Vergleich zu Menschen ohne geistiger Behinderung) sterben. Letztendlich gehört für mich der Tod zum Leben dazu, wobei es für mich schon einen Unterschied macht, ob der Mensch jetzt sein Leben gelebt hat oder aus dem Leben gerissen wird, durch z.B. einen Unfall. Für mich hat der Vergleich mit der Natur, in der Pflanzen erblühen und verwelken, um wieder zu erblühen etwas sehr tröstliches.
    Interessant wäre es im diesem Zusammenhang zu wissen, welche Meinung hier vorherrscht, was mit uns nach dem Tod passiert.
    Gehe mal bei mir davon aus, nachdem ich weder das absolute Arschloch bin, noch ein Engel, werd ich zum Teil der Erde und nicht im Himmel oder der Hölle landen. Und sollte es so was wie Seele geben, lebt sie als Erinnerung in anderen Menschen an uns weiter.

  5. Lieber Ronny, Hut ab vor deiner sehr verantwortungsvollen Tätigkeit! Es ist gut zu wissen, dass man (hoffentlich) von Menschen wie dir umsorgt wird, wenn es irgendwann nicht mehr allein geht… Ob Altern, Vergänglichkeit und Sterben Themen sind, denen besonders die Gruftis nahe stehen, wage ich zu bezweifeln; ich kann auch mit „Normalos“ gut darüber philosophieren. Für mich sind das zwei paar Schuhe: Auf der einen Seite die düstere, romantische Ästhetik, die ich selbst auch sehr mag und die man durch Musik, Kleidung oder seinen Einrichtungsstil auslebt – auf der anderen Seite die Auseinandersetzung mit dem Tod, der in seiner realen Form (als Sterben eines geliebten Menschen) Entsetzen und tiefe Trauer auslöst. Gerade dann empfindet man nämlich das Auftreten vieler (Party-)Gruftis als Beleidigung.

  6. Sehr privat, ein schöner Beitrag. :)

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  1. […] Ich lese gelegentlich bei Spontis von Robert Forst mit. Herr Forst schreibt über die schwarze Szene. Vor Kurzem hat er einen Altenpfleger im Nachtdienst interviewt. […]