Sprechende Stille: Geisterstädte

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Einen ganz besonderen Reiz haben verlassene Orte. Die erschlagende Einsamkeit an sonst oder ehemals belebten Plätzen übt eine starke Faszination auf mich aus, irgendwie hat alles etwas zu erzählen, es scheint als würde die Stille sprechen. Als Bewohner des Niederrheins bin ich den Umgang mit Geisterstädten gewohnt, der Braunkohle Tagebau macht es möglich. Das Loch des Vergessens frisst sich immer weiter in die Landschaft. Hier schlagen Bilder einer Brücke und schützen davor Dinge ganz und gar auszulöschen, sie verleihen den Gedanken ein Fahrkarte und schicken es auf eine Reise der Erinnerung oder Phantasie. Obwohl die klassische Geisterstadt in den USA zu finden ist, gibt es auch viele andere, über die Welt verteilte Geisterstädte mit mehr oder weniger bizarrem, tragischem oder schrecklichen Ende.

Heute möchte ich euch eine interessante und vielleicht unbekannte Geisterstädte zeigen und euch die Zusammenfassung seiner tragischen, mysteriösen, unglaublichen oder auch traurigen Geschichte erzählen.

Otzenrath (NRW)

Ein beklemmender Ort gleich in meiner Nachbarschaft und der jüngste Akt von Vergangenheitsvernichtung großer Energiekonzerne, aber nur ein Exemplar von vielen Gemeinden, die dem Tagebau zum Opfer gefallen sind. Wo einst Schützen durch geschmückte Straßen zogen ist heute Leere und Einsamkeit. Die meisten Bewohner wurden bereits umgesiedelt und wohnen jetzt in Orten ohne Vergangenheit, die am Reißbrett geplant und realisiert wurden. Was der Dreißigjährige Krieg 1642 und französische Revolutionstruppen 1794 nicht schafften, hat Rheinbraun in wenige Monaten erledigt. 1961 lebten 1700 Menschen in Otzenrath, letztes Jahr noch 24. Vielen beeindruckende und zugleich faszinierende Bilder finden sich unter anderem beim Grenzgebeat und GeraldS.

 

Centralia (USA)

Die USA ist bekannt für ihre Geisterstädte, denn genauso schnell wie Amerikaner den Kontinent besiedeln, so schnell sind verlassen sie einzelne Orte auch wieder. Gerade in den Zeiten des Goldfiebers entstanden Orte und wurden nach dem Abflauen wieder verlassen. Ein besonders gruseliger Ort ist Centralia, Pennsylvania. 1962 entzündete sich ein unterirdisches Feuer in einem Bergwerksstollen für Kohle, das heute immer noch brennt. 1965 versuchte die Regierung die Feuer zu löschen und pumpten dazu Unmengen an Sand und Lehm in die Erde, konnte aber nichts erreichen. Erst Anfang der 80er wurde der Ort evakuiert, nachdem die Erde an vielen Stellen aufbrach und giftige Kohlenmonoxid Schwaden ein Leben im Ort unmöglich machten. Weitere Maßnahmen seitens der Behörden, die bis jetzt schon 70 Millionen Dollar investierten sind nicht geplant, Wissenschaftler schätzen, dass die vorhandene Kohle noch 100 Jahre weiterbrennt.

 

Pryjat (Ukraine)

Der Ort in der Ukraine steht Unweit des Atomkraftwerkes Tschernobyl und bedarf daher keiner besonderen Erklärung über die Entstehung dieser Geisterstadt. Viele der ehemals 50.000 Einwohner habe im Kraftwerk gearbeitet. Als 1986 das Kernkraftwerk havarierte wurde die komplette Stadt evakuiert, die Bewohner solltes alles zurück lassen, denn es wurde Ihnen versprochen, in den Ort zurückkehren zu können. Doch dazu kam es nie. Die Regierung sah sich gezwungen das Kernkraftwerk und die umliegenden Orte aufzugeben. Der Ort wurde als „Slawutytsch“ an anderer Stelle neu erbaut. Nur einige Straßen und Plätze wurde für viel Geld dekontaminiert um mit Reisegruppen Geld zu verdienen. Viele weitere Bilder gibt es im Album von Carl Montgomery, bei Stuffmopork habe ich diese entdeckt.

 

Oradour-sur-Glane (Frankreich)

Zweifelhafte Berühmtheit erlangte der Ort durch das Massaker von Oradour am 10. Juni 1944, bei dem nahezu alle  Einwohner von der deutschen Wehrmacht unter dem Kommando von SS-Sturmbannführer Adolf Diekmann erschossen wurden.  SS-Leute teilten die Einwohner auf dem Marktplatz in Männer, Frauen und Kinder auf. Die Frauen und Kinder wurden in die Kirche getrieben. Die SS-Leute zündeten daraufhin die steinerne Kirche,  an und sprengten den Kirchturm, der in das Kirchenschiff einschlug, warfen Handgranaten und schossen wahllos in die Menge. Die ca. 200 Männer, die zuvor in Garagen und Scheunen gebracht worden waren, wurden danach erschossen. An diesem Tag starben 642 Menschen in Oradour, von denen nur noch 52 zu identifizieren waren. Unter den Toten befanden sich 207 Kinder und 254 Frauen. Nur in einer der Scheunen, in die die Männer zur Erschießung gebracht worden waren, gab es fünf Überlebende. Der Ort wurde in dem Zustand erhalten, in dem er sich befunden hatte. Wenn Mauern schreien könnten.

 

Hashima (Japan)

Eine winzige Insel, die als Wohnort für ein unterseeisches Kohleabbau Gebiet diente und seit 1974 verlassen ist. Zeitweise lebten 5000 Arbeiter mit ihren Familien auf der 160 x 450 Metern großen Insel. 1959 rechneten Statistiker hier die höchste jemals aufgezeichnete Bevölkerungsdichte der Welt. Während des zweiten Weltkrieges arbeiteten hier Zwangsarbeiter von denen 1.300 gestorben sind und in den stillgelegten Kohlenschächten verscharrt wurden. Nach Kriegsende entwickelte sich das Inselchen zu einem der kleinsten menschlichen Biotope.  Die Infrastruktur wurde laufend ausgebaut und enthielt neben Wohn- und Verwaltungsgebäuden – zum Teil unterirdisch – auch Tempelanlagen und Schreine, Polizeistation, Postamt, Badeanstalten, Kläranlage, Kindergarten, Grund- und weiterführende Schulen, eine Turnhalle, ein Kino, Gaststätten, ein Krankenhaus und sogar ein Bordell. Am südlichen Ende wurde ein Swimming-Pool angelegt. Elektrizität und Wasser kam über unterseeische Leitungen von der Hauptinsel. Auf Dachgärten bauten die Bewohner Gemüse, Tee und Kräuter an. Am 20. April 1974 legte das letzte Boot ab. Nicht nur die Gebäude, sondern viele persönliche Gegenstände deren Gegenwert den aufwendigen Abtransport nicht rechtfertigte, wurden an Ort und Stelle zurückgelassen.

 

Kolmanskuppe (Namibia)

1905 blieb Name Coleman mit seinem Ochsenkarren mitten in der Wüste stecken und verdurstete, der Ort wurde nach ihm benannt. Beim Bau der Lüdritz-Eisenbahn in die ehemalige Siedlung Deutsch-Südwestafrika fanden zwei Eisenbahnarbeiter einen Diamanten und lösten damit einen Boom aus. Obwohl der Ort mitten im Nichts von Gar Nichts liegt, siedelten hier 400 Menschen an und suhlten sich im neu Erworbenen Reichtum durch den Abbau von Diamanten. Hier lebte man nach deutschem Vorbild: Krankenhaus, Eisfabrik (!), Tante-Emma Laden, Metzgerei, Theater, Turnhallen, Kegelbahn, Schule und Schwimmbad, alles war vorhanden. Nötiges Wasser wurde aus dem 1000km entfernten Kapstadt herangeschafft. Sie galt damals als reichste Stadt Afrikas. Es kam wie es kommen musste, die Diamantenquellen war zuneige gegangen, die Menschen überließen den Ort der Wüste. In der unbarmherzigen Umgebung holte sich die Natur schnell das zurück, was einst ihr gehörte. Erst 1990 entdeckte man Kolmannskuppe als Museeum wieder.

 

San-Zhi (Taiwan)

Der Ort an der Nordküste Taiwans ist ein bizarrer Ort. In den frühen 80er wurde er für wohlhabende Urlauber gebaut, aber nie für die Öffentlichkeit eröffnet. Nach einer Reihe mysteriöser Unfälle bei Bau der Anlage hat man es einfach eingestellt, diese jemals fertig zu bauen. Einheimische berichten sich, das die Geister der verstorbenen Arbeiter nur jeden töten, der versucht die Gebäude abzureissen. Warum das Regierungsprojekt nun letztendlich wirklich abgeblasen wurde und wer hinter der Idee zu diesem Stück Moderner Architektur steckt, bleibt wohl das Geheimnis des Gebietes San-Zhi. Gefunden habe ich die Bilder beim Rollmops.

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Robert, Wizard of Goth – sanft, diplomatisch, optimistisch! Der perfekte Moderator. Außerdem großer “Depeche Mode”-Fan und überzeugter Pikes-Träger. Robert wurde 1974 in Mönchengladbach geboren und beschäftigt sich eigentlich mit allen Facetten der schwarzen Szene, mögen sie auch noch so absurd erscheinen. Er interessiert sich für allen Formen von Jugend- und Subkultur. Heiße Eisen sind seine Leidenschaft und als Ideen-Finder hat er immer neue Sachen im Kopf.

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Stephan

Schade um Otzenrath und um die ganzen Dörfer der Erkelenzer Börde.
Ist eigentlich Borschemich auch schon verlassen?

Atanua

Oh, wie schön, sowas ist in der Schweiz äusserst selten. =( Nicht mehr benutzte Gebäude werden sofort abgerissen, Geisterstädte haben wir glaube ich keine..Dörfer auch nicht. In der Nähe von Bern gibt es aber einen Autofriedhof, mit von Pflanzen überdeckten Oldtimern. Leider habe ich erst jetzt davon erfahren, wo der Park geschlossen ist, weil er höchstwahrscheinlich noch dieses Jahr geräumt wird =(
Jedenfalls schöner Beitrag, ich liebe Ruinen und verlassene Orte! Besonders die Wohnanlage in Taiwan finde ich faszinierend.

LG

Stephan

@Robert: danke für den Link, auch wenn´s traurig macht.

Sebastian

Sehr interessante auflistung. Geisterstädte und deren Geschichte finde ich ziemlich interessant.

Onigiri-chan
Onigiri-chan

Kommt mir das nur so vor, oder hat Centralia Silent Hill aus der gleichnamigen Videospielserie als Vorbild gedient?
Schöne Liste, sehr interessant, auch wenn ich wahrcheinlich keinen dieser Orte je wirklich besuchen werde (zu weit weg, zu kontaminiert, zu einsturzgefährdeter Boden etc.).
Aber solche Geschichten sorgen für eine gewissen Stimmung…

Jennifer Alhaier
Jennifer Alhaier

Ich kanns einfach nicht glauben was da passiert ist einfach schrecklich

Olli
Olli
Schade um Otzenrath. Der Ort war wirklich schön zum leben, hatte Charme und die weitläufigen Feldwege waren wunderbar, um mit den Hunden lange Spaziergänge zu machen. Am Schneeweißchensee konnte man im Sommer schön mit Freunden grillen und auch mal ein Zelt aufschlagen. Das Bild zeigt übrigens das alte Hauptgebäude des Leuffen-Hofes, wohl einer der schönsten Bauernhöfe den es in der Umgebung gab. Aber wenn es um Geisterstädte geht, war der Ort Garzweiler ( der Ort lag vor Otzenrath und fiel dem Tagebau Jahre vorher zum Opfer ) um ein Vielfaches eindrücklicher, da dort die gesamte Ortschaft über Jahre hinweg verlassen… Mehr lesen »