Wünsche, Rituale und Mythologie: Was steckt hinter den geheimnisvollen Rauhnächten?

Falls dir das Wort Rauhnächte bisher unbekannt ist, brauchst du dir keine Sorgen zu machen. Du bist damit nicht alleine. Als ich vor einigen Jahren von Nordrhein-Westfalen nach Bayern gezogen bin, war mir der Begriff ebenfalls noch recht fremd. Das hat sich mit der Zeit auf dem bayerischen Dorf schnell geändert und so lernte ich weitere Bräuche wie zum Beispiel die Perchten- und Krampusläufe während der Weihnachts- und Vorweihnachtszeit kennen. Mit diesem Beitrag möchte ich etwas mehr weihnachtliche Atmosphäre und einen Hauch Mystik in den Blog bringen. Vielleicht hast du nach diesem Bericht auch Lust darauf bekommen, die Rauhnächte mit Ritualen in gothischer Manier zu erleben.

Was sind die Rauhnächte?

Für viele Menschen ist die Zeit zwischen Weihnachten und dem Dreikönigstag eine ganz besondere Zeit. Die Rauhnächte, wie sie genannt werden, sind voller Geheimnisse und Mystik. Sie haben auch andere Namen wie Zwölfnächte, Zwischennächte, Losnächte, Weihenächte oder Unternächte. Der Beginn liegt in einem vage definierten Zeitraum zwischen der Wintersonnenwende am 21. Dezember oder ab dem 24./25. Dezember bis zum 6. Januar – insgesamt zwölf Nächte.

Woher stammen die Rauhnächte?

Es gibt keine eindeutige Erklärung für den Begriff „Rauhnacht“. Einige glauben, dass er vom Wort „rauh“ (wild) oder von „Rauch/Räuchern“ abgeleitet ist. Andere führen ihn auf das alte germanische bzw. mittelhochdeutsche Wort „rûch“ zurück, was haarig/pelzig bedeutet und sich auf pelzige Wesen bezieht, die angeblich in dieser Zeit ihr Unwesen treiben sollen. Die Ursprünge der Rauhnächte sollen in der germanischen und keltischen Tradition liegen, jedoch kann dies nicht definitiv belegt werden. Früher orientierten sich Menschen an den Mondzyklen im Leben: Der Monat dauerte laut Mondkalender 29,5 Tage und das Mondjahr hatte eine Länge von 354 Tagen. Im Vergleich zu den sonnenbasierten Jahreszeiten mit ihren 365 Tagen fehlten also elf Tage und zwölf Nächte. Um diesen Unterschied auszugleichen, fügten die Kelten einfach 11 Schalttage hinzu. Diese zusätzlichen Tage existieren gewissermaßen außerhalb der normalen Zeit. Es wird behauptet, dass während dieser Übergangszeit die Naturgesetze außer Kraft gesetzt sind und die Grenze zwischen unserer realen Welt und der Anderswelt – dem Reich der Ahnen, Geister und Verstorbenen – nun schwächer ist. Dies gibt den Rauhnächten eine besondere Bedeutung für Orakelungen und das Manifestieren von Wünschen.

Eine aufwendige Maskierung als Schreckgestalt

Bräuche und Traditionen während der Rauhnächte

Die Rauhnächte waren traditionell eine Zeit, in der man sich mit dem Vertreiben und Beschwören von Geistern beschäftigte. Sie dienten auch zum Schutz vor Unglück und anderen übernatürlichen Phänomenen. Demzufolge gab es viele Regeln und Vorschriften, die im Dezember während dieser Zeit befolgt werden mussten.

  • Es war verboten, Nägel oder Haare zu schneiden, da sonst Gicht oder Kopfschmerzen drohen können.
  • Alles Geliehene sollte rechtzeitig an den Eigentümer zurückgegeben werden.
  • Arbeit jeglicher Art sollte vermieden werden, da sonst Unheil über Haus und Hof kommen kann.
  • Am Heiligabend darf keine Wäsche zum Trocknen aufgehängt werden, da dies dazu führen könnte, dass die wilde Jagd die Leinen nimmt und es als Totengewand im neuen Jahr zurückbringt.
  • Vermeide alles, was sich dreht, denn böse Geister können sich in Rädern oder anderen beweglichen Dingen verfangen.
  • Das Fegen oder Putzen sollte unterlassen werden, da dies Ungeziefer und Krankheiten anziehen kann.

Silvester markiert den Höhepunkt der zwölf Nächte, in denen die Wilde Jagd aus dem Reich der Geister hervorkommt. In dieser Zeit bekommen verstorbene Seelen sowie Geister und Dämonen die Möglichkeit, in die Welt der Lebenden zurückzukehren, um dort ihr Unwesen zu treiben.

In vergangener Zeit war es in vielen Teilen Europas weitverbreitet, an den Glauben zu halten, dass Menschen, die einen Pakt mit dem Teufel geschlossen hatten, sich in Werwölfe verwandelten und Mensch und Tier bedrohten. Diese Überzeugung wurde unter anderem im Baltikum, Westdeutschland (besonders in der Eifel und den angrenzenden Ardennen) sowie Bulgarien geteilt. Eine ähnliche Vorstellung findet sich auch bei den Perchtenläufen im Alpenraum wieder. Die Tradition des Lärmerzeugens (beispielsweise durch Silvesterfeuerwerk), um böse Geister fernzuhalten, wird ebenfalls während aller Raunächte im Alpenraum praktiziert. In Norddeutschland ist bis heute das „Rummelpottlaufen“ üblich.

Angesichts dieser Gegebenheiten haben die zwölf Tage zwischen den Jahren nicht nur eine schützende Funktion, sondern man nutzt sie auch zur Reflexion, Reue und Entspannung.

Eine Sammlung mystischer Accessoires. Räucherkerzen, Tarotkarten, Kerzen, Tannenzweige und eine Feder

Rauhnächte 2023

In unserer heutigen aufgeklärten und schnelllebigen Zeit mögen die Rauhnächte und ihre Rituale nicht mehr von großer Bedeutung sein. Dennoch ist das Interesse an alten Traditionen sowie an der Natur und unseren Vorfahren in den letzten Jahren stark angestiegen. Auch wenn du vielleicht kein großes Interesse an spirituellen Angelegenheiten hast, kannst du die Rauhnächte trotzdem für dich nutzen. Wenn du diese Zeit für Ruhe und Besinnung nutzen möchtest, um das Jahr Revue passieren zu lassen und dich auf das neue Jahr auszurichten, möchte ich dir hier drei bekannte Rituale während der Rauhnächte vorstellen.

Tagebuch und Traumdeutung

Die zwölf Nächte rund um den Jahreswechsel bieten eine wertvolle Gelegenheit, das vergangene Jahr zu reflektieren, loszulassen und Wünsche für das kommende Jahr zu formulieren. Ein Tagebuch kann dabei als nützliches Hilfsmittel dienen. Vor jeder Rauhnacht kannst du abends deine Gedanken und Gefühle in diesem Tagebuch festhalten. Es ermöglicht dir auch, verborgene Sehnsüchte aufzudecken oder Lösungen für Probleme und Konflikte zu finden. Zudem ermöglicht es dir, deine Träume während der Rauhnächte darin festzuhalten.

In diesen besonderen Nächten besteht die Hoffnung, dass sich Träume erfüllen. Jede einzelne dieser speziellen Nächte steht in Verbindung mit einem bestimmten Monat des kommenden Jahres: Die erste Rauhnacht symbolisiert den Januar, die zweite den Februar, die dritte den März usw.

13 Wünsche

Das Ritual der 13 Wünsche erfreut sich vermutlich großer Beliebtheit während der Rauhnächte. Bevor die Raunächte beginnen – zum Beispiel zur Winterwende – nimmst du einen Stift zur Hand sowie 13 Zettel. Überlege dir nun 13 realistische Wünsche und schreibe jeden einzelnen auf einen Zettel. Danach faltest du sie so zusammen, dass man von außen nicht erkennen kann, welcher Wunsch darin steckt. Du kannst diese gefalteten Zettel beispielsweise in einer Schachtel aufbewahren. In jeder Rauhnacht ziehst du dann einen der beschrifteten Zettel aus deiner Schachtel oder einem Gefäß. Es ist ideal, wenn dieser zu verbrennende Wunsch geheim bleibt (du könntest deine Wünsche vorab zusätzlich in dein Tagebuch schreiben, um dich an sie zu erinnern). Anschließend übergibst du den Wunschzettel dem Feuer und verbrennst ihn sicher in einer feuerfesten Schale. Während der gesamten Rauhnachtszeit wiederholst du dieses Ritual Nacht für Nacht. Nach Abschluss der Rauhnächte wird ein letzter unberührter Wunschzettel übrig bleiben. Öffne diesen letzten Wunsch und erfülle ihn dir selbst im neuen Jahr. Achte daher bereits beim Aufschreiben darauf, dass es sich um realistische Wünsche handelt, die du auch tatsächlich in die Tat umsetzen kannst.

Räuchern

Früher wurden die Rauhnächte auch als „Rauch-Nächte“ bezeichnet. Bereits lange bevor das Christentum hier in der Region vorherrschend war, wurde das Ritual des Räucherns praktiziert. Dadurch sollten böse Geister und Dämonen vertrieben, gute Geister willkommen geheißen und die Häuser gereinigt werden. Auch Ställe wurden mit Rauch gereinigt aus Angst davor, dass böse Geister den Nutztieren Schaden zufügen könnten. Bei den Räucher-Ritualen geht man jede Nacht mit einer passenden Schale voller duftendem Räucherwerk durch die Zimmer und bläst oder wedelt den Rauch in jede Ecke. Man stellt sich dabei vor, wie jegliche negative Energien sich auflösen und etwas Wunderbares sowie Positives entsteht. Gleichzeitig formuliert man seine eigenen Wünsche für das kommende Jahr.

Es gibt natürlich noch weitere Rituale wie Orakeln bzw. das Tarot legen. Wenn man sich mit Tarotkarten, Runenlegen oder ähnlichem beschäftigt, kann man jeden Tag während der Rauhnächte eine oder mehrere Karten ziehen. Das Ergebnis liefert Informationen und Inspiration für den jeweiligen Monat im neuen Jahr.
Außerdem kann diese Zeit wunderbar genutzt werden für einen Spaziergang im Wald oder über den Friedhof, Meditation oder kleine Opfergaben an Geisterwesen, Gottheiten oder andere Wesenheiten.

Eine winterliche Landschaft. Im Hintergrund sind Berge zu sehen, ein Feldweg im Vordergrund.

Das Wichtigste während der Rauhnächte ist es jedoch, einfach mal einen Gang zurückzuschalten: Nutze die Zeit für dich selbst, gönne dir Ruhe und mache es dir gemütlich. Achte auf das, was kommt und lasse dich von deinen Sinnen leiten.

Zum Schluss gibt es noch eine kleine Galerie vom diesjährigen Krampus- und Perchtenlauf in meiner Region aus dem Chiemgau.

In diesem Sinne wünschen wir Euch fröhliche und besinnliche Weihnachtstage.

(Fotos: Christian Lindemann (Gruftwurm))

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Kommentare

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Marquis
Marquis(@marquis)
Vor 3 Monate

Lieber Gruftwurm,

vielen Dank für Deinen interessanten Bericht!
Dir und euch allen liebe Spontisfamilie wünsche ich ein schönes Weihnachtsfest :-).

Fledermama
Fledermama (@guest_64104)
Vor 3 Monate

Ich begehe die Rauhnächte seit einigen Jahren mit Räuchern und Traumdeuten, inzwischen auch Tarotlegungen, Meditationen und verschiedenen Formen der Divination. Aber was ich dieses Jahr besonders auffällig und irgendwie störend finde ist, wie sehr sich ein regelrechter Zirkus um das Thema gebildet hat. Wenn man ein wenig in Kreisen unterwegs ist, die sich mit dem Spirituellen oder dem Hexentum befassen, wird man ab Samhain regelrecht erschlagen. Rauhnächte-Sets mit Räucherwerk, Kerzen, Schalen, Ritualpapier etc. Gemeinsame Retreats. Online-Kurse mit Infos, Wissen und Austausch. Meditations-Serien und Impulse. Die Auswahl ist riesig und von gratis bis mehrere hundert Euro ist alles dabei.

Es ist, als würde sich da parallel zum sonstigen Weihnachts-Kommerz immer mehr ein regelrechter Rauhnächte-Kommerz entwickeln…

graveyardqueen
graveyardqueen(@graveyardqueen)
Vor 3 Monate

Ein informativer Text, danke dafür!
Wir haben hier in der Gegend, zur Adventszeit, eine Art Mittelalterlichen Weihnachtsmarkt, der ab dem ersten Weihnachtsfeiertag bis zum 6. Januar die Rauhnächte „feiert“. Ich habe mich tatsächlich nie weiter mit dem Begriff „Rauhnächte“ befasst, aber die Rituale und Dinge drum herum klingen interessant.

graveyardqueen
graveyardqueen(@graveyardqueen)
Antwort an  Gruftwurm
Vor 3 Monate

Vielen Dank!…das wünsche ich dir und den anderen hier natürlich auch.

Tanzfledermaus
Tanzfledermaus(@caroele74)
Vor 3 Monate

Interessant, wie sich die Zeiten ändern – da durfte nicht geputzt werden, um keine Krankheiten und kein Ungeziefer anzuziehen – und heute machen wir es genau andersherum.

Ich bin zwar niemand, der mit Geistern, Göttern, Heidentum, alten Bräuchen, Aberglauben oder Esoterik was am Hut hat, aber es ist trotzdem interessant, was die Menschen in aller Welt so zelebrieren.

Und Deine Percht-Fotos sind klasse, sehr, sehr gut gemachte und äußerst gruselige Outfits!

Letzte Bearbeitung Vor 3 Monate von Tanzfledermaus
Black Alice
Black Alice (@guest_64113)
Vor 3 Monate

Das mit der Vermeidung von Arbeit in dieser Zeit gefällt mir. Das versuche ich auch so zu halten. :)

Black Alice
Black Alice (@guest_64168)
Antwort an  Gruftwurm
Vor 3 Monate

Danke. Ich bin selbständig und kann es mir selber einteilen, wenn nichts überwichtiges anliegt. Meine Kunden gehen da auch in den Urlaubsmodus. Selber habe ich mit Weihnachten kaum noch was am Hut. Aus dem Alter bin ich schon lange raus und die Familie schon fast ausgestorben für Familientreffen. In der Zeit besucht mich meine jüdische Freundin und da müssen wir immer auch auf ihre koscheren Essgewohnheiten achten. Da haben wir auch andere Themen als Weihnachten. Ansonsten null Stress. Es ist die Zeit wo ich mich mal zurück lehnen kann und ausspannen.

Mondlichtkobold
Mondlichtkobold(@mondlichtkobold)
Vor 3 Monate

Ich nehme mir jedes Jahr vor, ein paar Rauhnachtsrituale für mich durchzuführen, bin dann aber immer so sehr im Jahresendstress, dass ich nicht die Zeit & Energie für habe, die ich gerne dafür aufbringen würde (oder erst mittendrin merke, dass die Rauhnächte begonnen haben). Vielleicht schaffe ich es nächstes Jahr. Gerade das 13-Wünsche-Ritual hat es mir extrem angetan, seit ich das erste Mal davon gehört habe.
P.S. Die Bilder vom Krampus- & Perchtenlauf sind ja der Wahnsinn!

Gruftfrosch
Gruftfrosch(@gruftfrosch)
Vor 3 Monate

Tja, nun sind sie fast rum die 12 Rauhnächte und erst jetzt stoße ich auf diesen wunderbaren Artikel. Ich zelebriere die Rauhnächte schon seit Jahren. Bereits meine Oma wies mich als Kind auf diesen Zeit zwischen Weihnachten und „Hohneujahr“ (06.01.) hin, was es zu beachten gilt usw. Neben dem intensiven Räuchern, habe auch ich eine Box, aus der ich jeden Abend einen Zettel mit einem Herzenswunsch gezogen habe, der dann mit dem Rauchwerk mitverbrannt wird. Dazu habe ich jeden Tag Fragen auf Kärtchen, die es zu beantworten gilt. Bis 31.12. das zu Ende gehende Jahr betreffend, ab dann in die Zukunft gerichtet für das neue Jahr. In einem Büchlein notiert kann man dann später noch mal nachsehen, was sich davon erfüllt hat oder wo man seine Meinungen oder Wübsche vielleicht überdenken muss.

In Dresden gibt es im Stallhof des Residenzschlosses zudem ab dem 27.12 bis 06.12. auch den Rauhnächtemarkt, wo nicht nur Perchten ihr Unwesen treiben, sondern man sich Rauchwerk besorgen oder/und von Wahrsagern die Zukunft deuten lassen kann.

https://www.mittelalter-weihnacht.de/mittelater-weihnacht/programm/rauhnaechte/

Gruftfrosch
Gruftfrosch(@gruftfrosch)
Antwort an  Gruftfrosch
Vor 3 Monate

Euch allen natürlich noch ein gesundes, glückliches und abwechslungsreiches neues Jahr 2024!

Durante
Durante(@durante)
Antwort an  Gruftfrosch
Vor 3 Monate

…dem schließe ich mich selbstverständlich an! :)

AltePizza
AltePizza (@guest_64182)
Vor 3 Monate

Ich praktiziere seit ein paar Jahren die Rauhnächte.

Dieses Jahre was das Thema „Weiblichkeit“ dran. Habe an die 60 Gedichte geschrieben. Und konnte mich absichtslos in Trancezustände versetzten.

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