Hintergrund: Wie die Pikes vermutlich in die Szene kamen

Spitze Schuhe aus Glatt-, Lack- oder Wildleder, die man vorzugsweise mit silbernen Schnallen verzierte, waren in den 80er Jahren das Erkennungsmerkmal für Anhänger der schwarzen Szene die später einmal Gruftis und Waver genannt wurden. Die sogenannten Pikes (vom engl. Wort Pike = Spitze) oder auch Winklepickers („Schneckenstecher“ 1 ) haben eine mehrteilige Geschichte, den Szene-Einstieg in die schwarze Gemeinde erhielten die spitzen Schuhe vermutlich durch das aufwärmen eines alten Stils einer anderen Subkultur. Die Winklepicker wurden bereits in den 50er Jahren von den englischen Mods getragen. Doch die Geschichte der Schuhe innerhalb der Szene und der historischen Vergangenheit ist vielfältig und nicht ganz eindeutig.

Historische Hintergründe der spitzen Schuhe

Mittelalterliche Schnabelschuhe
Mittelalterliche Schnabelschuhe (2010)

Schuhe mit einer ausgeprägt langen Spitze wurden im späten 11. Jahrhundert von den Kreuzfahrern aus dem Orient nach Europa gebracht und Schnabelschuh genannt 2. Nach ihrer Einführung im 12. und 13. Jahrhundert entwickelte sich der Schuh schnell zu einem modischen Hingucker, der sich bis zum Ende des 14. Jahrhunderts in Europa breit gemacht hatte.

Fürsten und Prinzen tragen Spitzen bis zu einer Länge von zweieinhalb Fuß, höhere Adelige solche von zwei Fuß und Ritter von eineinhalb Fuß, so dass die Spitze mit einer Kette am Bein befestigt werden müssen. Dem Schnabelschuh kommt somit eine wichtige Statusfunktion zu.2

Schnabelschuhe gehören schnell zu Kleiderordnung mittelalterlicher Gesellschaften und werden damit zum Statussymbol des feinen Adels. Der Klerus verdammt den Schnabelschuh wegen seiner phallischen Form letztendlich 3, so das dieser erst während der Bauernkriege (1525) durch die Bundschuhbewegung eine Art Reinkarnation erlebt, hier jedoch mehr auf einer symbolischen Ebene.

Die Jahre ziehen ins Land und erst in den 50er tauchen ähnliche Schuhe an den Füßen der englischen Mods wieder auf, die für manche „eine gemäßigte, etwas praktischere Neuauflage des mittelalterlichen Schnabelschuhs3 darstellen. In der 60er erreicht der Trend auch die Jugendbewegungen in Deutschland. Um 1980 werden die spitzen Schuhe dann von den Gruftis aufgegriffen und durch silberne Schnallen erweitert, die sich direkt an die Schnallenverzierung des Barock und vor allem des Rokoko 4 anlehnen. Die Schuh- und Schnallenindustrie des Rokoko beschäftigte beispielsweise in England rund 40.000 Arbeiter 3 – mit dem Siegeszug der Schnürsenkel verschwanden die Schnallen weitestgehend.

Die ästhetische Vereinnahmung von Kleidungsstilen aus Epochen wie dem Mittelalter, der Renaissance, dem Barock und des Rokoko veranlasste die Kreativen zu einer Vermischung der spitze Schuhe der Mods mit Schnallenverzierung vergangener Epochen. Besonders beliebt waren die knöchelhohen Schnallenpikes mit 4 großen silbernen Schnallen, denn damit führen die Grufties den Stil des silber/schwarzen Kleidungsstil auch an den Schuhen fort. In den 80ern waren zusätzliche Accessoires an den Fußfessel, wie Ketten oder Schellen.

Die ersten spitzen Schuhe in der Szene waren die Winklepicker, die als Halbschuh zum schnüren oder mit kleinen Schnallen versehen wurden. Später nimmt man auch Chelsea Boots, die „kleine Ausführung“ eines Cowboy Stiefel mit kleinem Absatz und leicht abgerundeter Spitze, die gerade durch Bands wie den Sisters of Mercy oder auch Bauhaus auf der Bühne getragen werden. Schnallenpikes werden immer beliebter, mitte der 80er sind die Schuhe in Deutschland über Mailorder Versender wie Bogey’s (später Boy) oder Scarface erhältlich, die durch Anzeigen in Bravo oder Musikexpress auch recht schnell populär werden. Während die klassischen Winklepicker heute immer noch modern sind, sind die Pikes Ende der 90er aus der Gothic-Szene verschwunden.

Eine zaghafte Wiedereingliederungsversuche hat meine Wenigkeit bereits dokumentiert.

Einzelnachweise

  1. Frei übersetzt aus dem englischen. In England sind die sogenannten Strandschnecken ein beliebter Snack. Um das weiche Fleisch aus der Schnecke zu holen, benutzt man einen spitzen Gegenstand oder einen Zahnstocher, „to winkle something out“ ist eine Phrase für das „herauspicken“. Daher nannte man den Schuhe mit dem spitzen Abschluss Winkle-Picker[]
  2. Kühnel, Harry (Hrsg.): Bildwörterbuch der Kleidung und Rüstung. Vom alten Orient bis zum ausgehenden Mittelalter. Stuttgart 1992. Seite 229-230[][]
  3. McDowell, Colin: Schuhe. Schönheit, Mode, Phantasie (Aus dem englischen von Bettina Runge). München 1989. Seiten 27, 46, 102, 218[][][]
  4. Vgl. Thiel, Erika: Geschichte des Kostüms. Die europäische Mode von den Anfängen bis zur Gegenwart. 5. Auflage, Wilhelmshaven 1980[]
Robert Forst
Wizard of Goth – sanft, diplomatisch, optimistisch! Der perfekte Moderator. Außerdem großer “Depeche Mode”-Fan und überzeugter Pikes-Träger. Beschäftigt sich eigentlich mit allen Facetten der schwarzen Szene, mögen sie auch noch so absurd erscheinen. Er interessiert sich für allen Formen von Jugend- und Subkultur. Heiße Eisen sind seine Leidenschaft und als Ideen-Finder hat er immer neue Sachen im Kopf.

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Schatten
Schatten (@guest_9976)
Vor 11 Jahre

Großartiger Artikel :D
Das mit dem Verhältnis von Stand zu Schuhlänge hat auch mal ne Touristenführerin auf der Nürnberger Burg erzählt, da haben meine Schuhe direkt ein paar Blicke abbekommen xD
Naja zurück zum Artikel, sehr informativ geschrieben und beantwortet eigentlich alle Fragen.
Bis auf die eine die jetzt neuaufkam, gibts eigentlich auch Pikes mit Profil oder haben die alle ne glatte Sohle?

Pixella
Pixella (@guest_9979)
Vor 11 Jahre

Sehr informativ, herzlichen Dank für den Artikel!:)
Ich trage zum ausgehen auch nur Pikes, die sehen zu Röcken einfach besser aus als normale Boots. Mittlerweile besitze ich ja 2 Paar, einmal die bekannten mit den schlichten Schnallen von Pennangalan und einmal welche die eher wie die Chelsea Boots aussehen, in schwarzem Wildleder mit Totenkopf+Knochen-Schnallen, die habe ich bei Ebay ergattert,sollen original 80s sein. Letztere versuche ich noch immer schmerzvoll einzulaufen.*arghs*

Nicole
Nicole (@guest_9994)
Vor 11 Jahre

Ich habe früher meine Pikes immer bei Blue Moon in Berlin gekauft. Die haben die selber in England produzieren lassen und hatten einfach mal die beste Auswahl. Leider wurde das eingestellt….Aber man findet immer noch Restbestände. Jetzt gibt es solche Sachen . Naja, was soll man dazu sagen.

shan_dark
shan_dark (@guest_10007)
Vor 11 Jahre

Interessanter Artikel. Pikes sind einfach Kult. Aber auch neuere Ausführungen können richtig super sein, ich hab solche hier mit Fledermausschnallen – nur geil!
In der Beschreibung vom Shop steht, dass das Herrenschuhe sind…aha. Egal.

Nicole
Nicole (@guest_10008)
Vor 11 Jahre

…genau, das meinte ich, sind wirklich mehr als fragwürdig. Hab hier mal den Link zu Blue Moon, der Shop scheint aber nicht mehr zu funktionieren. https://www.blue-moon-shoes.de/

shan_dark
shan_dark (@guest_10012)
Vor 11 Jahre

 Robert Forst: Tragen sich sehr gut, ist aber kein richtiges Leder oder so, sondern so etwas steiferes Zeug, mit Lack. Aber prima.

Karnstein
Karnstein (@karnstein)
Vor 11 Jahre

Das sind die „neuen“ Modelle von Demonia (seit diesem Jahr?), die es jetzt in auch immer mehr Läden schaffen. Ob das an einer Pikes-Renaissance liegt oder einfach daran, dass Demonia einfach eine dieser beliebten Standardmarken in jedem Gruftshop ist sei dahingestellt.
Hübsch aussehen tun sie jah ^^

Schatten
Schatten (@guest_10014)
Vor 11 Jahre

Liegt das an mir oder sind die tatsächlich so kurz wie sie aussehen? o.O

shan_dark
shan_dark (@guest_10018)
Vor 11 Jahre

Ja, von Demonia und/oder Pleaser. Konnte den Fledermausschnallen einfach nicht widerstehen.

@Schatten: die sind nicht kurz, sondern normal für Pikes ;-)

Schatten
Schatten (@guest_10022)
Vor 11 Jahre

Dann sind wohl einfach Anzahlbedingt die Schnallen breiter, oder lieg ich da wieder falsch?

ultra
ultra (@guest_15670)
Vor 10 Jahre

Hallo, @shan dark die Pikes von Pleaser ( DARK EXIT ) – dem genannten Shop – sind Herrenschuhe,
ich trage sie nämlich.

Viele Grüße

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