Subkultur EBM

Subkultur! – Electronic Body Music (EBM)

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EBM steht für Electronic Body Music und wird vornehmlich von der als Techno-Grufties benannten Spezies bevorzugt. Entstand 1980 mit Aufkommen der ersten bezahlbaren Synthesizern, wie dem Korg MS-20. Frisurentechnisch recht unspektakulär, tragen Brikettfrisur, auch Flattop genannt. Sehen alle ein bisschen aus wie der junge Dave Gahan bei der Bundeswehr, obwohl der nie gedient hat und deren Musik höchstens Einstiegsdroge ist. Aus anfänglichem Pogo entwickelte sich der marschierende Zweischritttanz der ihn auf der Tanzfläche charakterisiert, wo er ja eigentlich gar nicht gesehen werden will, denn sein Lieblingsmuster ist Camouflage. Vorschlaghammer und Maschinenteile nutzt er als T-Shirt Audruck und lässt keine Rückschlüsse auf seine Berufswahl zu. Obwohl oft mit brauner Soße verwechselt, hat der EBMler damit nichts zu tun. Als Ableger entstand mitte der 90er Jahre Techno. Der EBMler hörte Front 242 und Nitzer Ebb, hört jetzt Spetsnaz und Dupont.

So gesehen ist EBM kein Musikgenre das aus irgendetwas entstand sondern beschreibt eher eine Vielzahl von Musikrichtungen und ist daher als Oberbegriff anzusehen, der elektronisch erzeugte und tanzbare Musik umfasst. Von manchen Kritikern auch Aggrepo betitelt, weil der Musik eine gewissen Agressivität zugrunde liegt, wobei hier von einer kreativen Form die Rede ist. Klar und tief gesprochene Texte, die mitunter gegrölt werden vermischen sich häufig mit Samples die aus düsterer Vergangenheit stammen. Aufgrund dieser Tatsache und ihres Kleidungs- und Frisurenstil, wird der EBMler fälschlicherweise der rechten Szene zugeordnet.


Das Stück Body to Body von Front 242 wird gerne als Initialzündung der Bewegung betrachtet, ich persönlich halte aber das Umfeld um die Deutsch amerikanische Freundschaft (DAF) für ausschlaggebender die mit Ihrem Album Die kleinen und die Bösen etwa 1980 einschlugen. Das Stück „Verschwende deine Jugend“ ist stilprägend. Ein harter und schneller Beat, der von einem Synthieteppich getragen wird gepaart mit Sprechgesang und kontroversen Texten. Die parallel entstandene Industrial Bewegung, die sich zu dieser Zeit in Bands wie Throbbing Gristle manifestiert spendet ebenso Einflüsse und Songs bei.

Somit konzentriert EBM meiner Meinung nach tanzbares aus vielen anderen elektronischen Musikrichtungen. Massentauglichere und Sinnfreiere Genres mündeten dann im Techno und später in der Rave Musik, die aber mit den Ursprüngen nichts mehr zu tun haben.

Ob zuerst die Musik oder das Outfit war, bleibt ungeklärt. Meiner Meinung nach die Musik, die mit ihrer militärischen Ader die Wahl der Kleidung beeinflusst hat. Anspielungen auf Militär und Krieg, sowie die Vergangenheit sind provokantes Mittel, das in Form von Frakturschriften, Bomberjacken und Doc Martens Verwendung findet, mit den idealen oder politischen Interessen der EBMler nichts zu tun haben sondern nur Ausdruck von Protest und Abgrenzung von der Norm der Gesellschaft sind und damit genauso ein Teil der schwarzen Gemeinde sind wie die anderen Individualisten und Randgruppen.

Robert
Wizard of Goth – sanft, diplomatisch, optimistisch! Der perfekte Moderator. Außerdem großer “Depeche Mode”-Fan und überzeugter Pikes-Träger. Beschäftigt sich eigentlich mit allen Facetten der schwarzen Szene, mögen sie auch noch so absurd erscheinen. Er interessiert sich für allen Formen von Jugend- und Subkultur. Heiße Eisen sind seine Leidenschaft und als Ideen-Finder hat er immer neue Sachen im Kopf.

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Lordy
Gast
Lordy

Sehr schön geschriebener Beitrag. Die Anfänge hab ich als 86-Jahrgang nicht miterlebt, daher kann ich mich da nicht groß einmischen und sagen, was zuerst kam und was nicht. Ist aber auch nicht wirklich relevant, oder?

Du hättest noch mehr auf die heutige Sicht eingehen können. Denn auch heute ist ja EBM noch sehr, sehr weit in der Szene und auch außerhalb vertreten. Du schreibst es zwar, aber du hättest es halt noch mehr einbringen können. Denn interessant ist ja sicherlich auch, ob es für dich wichtige Veränderung zu bemerken gab. Da kann ich ja nix zu sagen. Daher wäre das ganz spannend gewesen.

Und da ich mich auch als Anhänger diverser Bands aus diesem Bereich ansehe ist mein Interesse natürlich hoch.

Lordy
Gast
Lordy

Stimmt. Sicher ist es auch ganz spannend zu wissen, welche Band nun den Anstoß gegeben hat und so. Das ist ja auch bei anderen Subkulturen immer so eine Frage… wer hat diesen Bereich am meisten geprägt? Wer war am Anfang dabei. Ist auch durchaus interessant. Und das, was ich so lesen konnte, war für mich ein wenig neu, weil ich mich nicht immer mit den Anfängen beschäftige.

Meiner Meinung nach wandelt sich alles immer relativ schnell und da ist manchmal die Betrachtung des Beginns zwar hilfreich, aber irgendwie auch immer nur die halbe Wahrheit. Kann man verstehen, was ich meine? Vielleicht ein wenig komisch ausgedrückt.

klangwelt
Gast

Die EBM-Szene ist nach einem Tief Ende der 90er bis Anfang des neuen Jahrtausends doch sehr gut erholt! Und ich rede jetzt nicht von der Technovariante, sondern vom klassischen EBM. Das diesjährige Amphi Festival mit Jäger 90, ABC, Leather Strip (!) und Front 242 sprach auch anhand der Zuschauer-Reaktionen ne deutliche Sprache.

Ansonsten: Guter und sachlicher Bericht!

ZeitUngeist
Gast

Also ich habe auch festgestellt, das nach der Jahrtausendwende EBM durchaus wieder ziemlich gefragt ist.

Auf unserem Elektrofloor ist es so, das zunehmend klassisches gewünscht und bevorzugt wird. Vielleicht war die knicklichtwelle doch ein klein bisschen zu ausufernd und die leute sehnen sich nach was mit substanz… :)

Death Disco
Gast
Death Disco

EBM-Leute habe ich nie als Bestandteil der Gothic-Kultur gesehen, von Grufties hatten die sich radikal abgegrenzt. In den Dissen gab es sogar öfters böses Blut. Berührungspunkte gab es allenfalls über Depeche Mode. Das war so eine Konsens-Band. Interessant hierzu sind auch Interviews zu Paranoid und X Marks the Pedwalk (wobei letztere nicht unbedingt EBM machten). Denn die waren es leid, ständig in die Grufti-Ecke gerückt zu werden. Ich würde mal so sagen: EBM war Bestandteil von New Wave, nicht aber Bestandteil von Gothic. Ist heute doch nicht anders. Ich kenne keine EBMheads, die sich als Goths verstehen.

Es ist, nebenbei bemerkt, durchaus ein erkennbares Genre. Als Oberbegriff taugt das meiner Meinung nach nicht.

Death Disco
Gast
Death Disco

Industrial ist nicht tanzbar. Der meiste Kram jedenfalls nicht. Als Körpermusik taugt der nicht. Dann schon eher als Kopfmusik. ;)

ZeitUngeist
Gast

Robert die sache mit dem breiten publikum haben sehe ich einerseits zwar genauso, andererseits muss ich aber auch sagen, das es schlichtweg auch einfach leute gibt, die BEIDES hören. und die wünschen sich dann auch dementsprechend beides.

also ich wäre da keinesfalls so engstirnig zu sagen das hat keinesfalls was miteinander zu tun. sone subkultur wird ja nicht durch die musik bestimmt sondern (leider auch manchmal) durch die leute, die der subkultur zumindest irgendwie angehören.

also ich denke es ist vielleicht ein bisschen zu einfach gedacht zu sagen „das wird nur aus kommerziellen gründen zusammengeworfen“… zum einen weil es durchaus nen riesen arsch voll nonkommerziellen dunklen parties gibt (von gemeinnützigen vereinen bzw leuten die einfach spass dran haben ohne finanzielles interesse) und zum anderen wie gesagt weil einfach leute aus allen richtungen zu parties und festivals gehen. von ganz alleine ^^

mr. sato
Gast
mr. sato

schön geschrieben, eh bisserl ähnlich wie bei wikipedia, ja geb vorschreibern recht, mit goth´s haben wir ebmér wirklich nichts am hut, gut auf den partys treffen dann halt alle zusammen die spaß an untergrundmusik haben!
das problem in ein rechtes eck gedrängt zu werden ist leider schon seit anbeginn da – dafür aber gibts auch ebm-bands die auch klare aussagen haben wie ein ebm-er die angelegenheit sieht -und
diesen song kann man ruhig allen zweiflern ans herz legen! SadoSato – Kongomädchen
ebm united !

One step ahead
Gast

Manchmal ist es echt krass, wie sich Vorurteile gegenüber einer Musikrichtung halten, obwohl bei nähere Beschäftigung doch klar wird, dass sie insgesamt haltlos sind. Wie oben geschrieben, ist die Szene trotz herber dazugehöriger Optik doch deutlich reflektierter als andere Genres und das kommt ja nach und nach auch an. Natürlich sind die Ansichten innerhalb einer Szene heterogen, alles anderen wäre ja auch unrealistisch und führt nur zu dem: „Leute, die so und so aussehen, haben alle die und die Einstellung“ – und das ist dann wirklich völlig oberflächlich. Im Vordergrund sollte ja die Musik stehen, und da gibt´s durchaus spannende Projekte.

Death Disco
Gast
Death Disco

Chice Seite, auch wenn ich nicht in allen Punkten zustimme. Zum Beispiel würde ich die Liste von Bands mit stiltypischen Songs eintauschen (Hits und potenzielle Hits), dann finden sicher auch The Weathermen mit „Berlin“ (1987), Séance mit „About Knowing Nobody“ (1987), Carlos Perón mit „A Dirty Song“ (1988), The Arch mit „Spang“ (1990) oder Attrition mit „Scenario“ (1991) darin Platz. In meinen Augen alles vergessene Knüller.

Wenn man in einer Bandliste für EBM allerdings Sachen wie Haujobb. auflistet, ist das doch eher irreführend. Das war und ist doch keine EBM-Band. Herr Myer würde Dich für diese Reduzierung mit Tomaten bewerfen.

Axel
Gast

Das Problem ist, dass EBM heute leicht mit Industrial, Techno oder Snythie-Gedöns verwechselt wird. Gibt es eigentlich klassischen EBM Marke Vomito Negro, Liasons Dangereuses oder Scapa Flow noch? Das was da heute allgemein hin drunter gezählt wird, hat ja mit den ursprünglichen EBM kaum was zu tun…

@Robert: Ich würde nicht sagen, dass Techno zwangsweise sinnfrei sein muss (Rave ist übrigens keine Genrebezeichnung). Denn aus dem Techno entstand dann ja auch das House- und Trance-Genre, welches häufig recht tiefgründige Musik hervorbrachte und immer noch bringt. ein sehr schönes Beispiel ist da ja das von mir gern verwiesene Machinespirit: https://machinespirit.bandcamp.com/

Auch Arovane sind dahingehend richtig gut: http://www.youtube.com/watch?v=MrgA_5s28IA

Und in letzter Zeit fahre ich extremst auf Galaxion ab, finnische Vertreter der recht jungen „Spacesynth“-Bewegung. Hier werden gerne musikalische Elemente aus 90er Jahre Dance und Trance in eine Science-Fiction-Welt hineininterpretiert. Das klingt dann beispielsweise so: https://www.youtube.com/watch?v=4WcvbgM8Azo

Solche Musik ist sicherlich nicht textlich anspruchsvoll, musikalisch aber umso mehr. Ob es diese Richtungen heute ohne Techno geben würde, ist sicherlich fraglich, weil die Musiker sehr häufig aus eben diesen bereich kommen, was man häufig auch hört.

One step ahead
Gast

Danke für die Anmerkung, bei den Bands gibt es immer Streitpunkte, Carlos Perons „A Dirty Song“ ist ein EBM-Knaller und gehört sicher in die Auflistung einzelner EBM-Titel mit Einfluss, die auf der Site mittelfristig noch folgen wird.

Wie im Textvorspann zu der Bandliste geschrieben, wurden Formationen mit nur 1-2 Songs nicht aufgeführt, sonst wäre auch Brigade Werther oder Tribantura enthalten. Bei Attrition muss man hingegen zustimmen, das wird ergänzt, guter Hinweis.

Haujobb mit Homes And Gardens ist schon der EBM zuzordnen, vieles danach nicht mehr, das ist soweit richtig, deswegen auch die Anmerkung im Text-Vorspann der Bands, dass einige auch andere Musik fabriziert haben. Denke allerdings, Herr Myer wirft nicht so schnell mit Tomaten, hat er doch auf dem M´era „Let´s Drop Bombs“ mit „This Is Electronic Body Music“ angekündigt ;-)

Ian von Nierenstein
Gast

Die einzige EBM-Band, die mir spontan als Ursprung einfällt, ist Depeche Mode. Ich sehe keinen großen Unterschied zwischen Synth Pop und EBM… DAF wird leider ziemlich überbewertet, finde ich. Immer der ewig gleiche Beat… vielleicht heißt EBM ja auch „Ein-Beat-Musik“ oder so…

Death Disco
Gast
Death Disco

Denn aus dem Techno entstand dann ja auch das House- und Trance-Genre

Na, das mit der House-Music würde ich an Deiner Stelle noch mal prüfen. Da haut zeitlich etwas nicht hin. Tatsächlich wurde Techno in den 90ern nur als ein weiteres House-Subgenre begriffen. ;-)

Trance finde ich übrigens furchtbar. Die meisten Sachen zumindest. Da macht auch Goa-Trance keine Ausnahme. Es gibt ein paar gute Sachen von Juno Reactor oder Eat Static… aber das sind dann meist die eher goa-untypischen Tracks.

Arovane kennt man natürlich. Aber der Mann macht letztlich nichts anderes als das, was Autechre (oder Aphex Twin) schon vor 20 Jahren taten. Und die kann ich mir nur schwerlich als herkömmliches Techno-Projekt vorstellen. WARP-Techno müsste man’s dann wohl taufen.

Ich sehe keinen großen Unterschied zwischen Synth Pop und EBM…

Es gibt da sicher Überschneidungen, gerade bei den softeren Stücken. EBM ist jedoch deutlich sequenzen-betont. Donnernde, tuckernde Sequenzen sind ja das Herzstück der EBM, so wie im Gothic Rock der Brummel-Bass.

Hier mal ein übertriebenes Beispiel: „Have A Nice Day“ (1985) von Pankow. Das Stück bellt wie ein Kampfhund aus den Boxen. Sowas findest Du im SynthPop à la De/Vision nicht. Der Schwerpunkt im SynthPop liegt doch eher auf Melodiösität und Wärme, nicht auf Härte.

Denke allerdings, Herr Myer wirft nicht so schnell mit Tomaten, hat er doch auf dem M´era “Let´s Drop Bombs” mit “This Is Electronic Body Music” angekündigt ;-)

Da hast Du ihn noch nicht im VP-Forum erlebt. Für jede Genre-Einordnung springt er Dir fast an die Gurgel. *g*

Mone vom Rabenhorst
Autor

Also aus dem Bauch heraus würde ich die Frage „Was war zuerst, das „EBM-Outfit“ oder die Musik?“ mit Musik beantworten. Denn als ich vor über 20 (25??) Jahren Front 242 (oder andere) Live gesehen habe, sah da noch keiner aus wie die EBM-ler heute, sondern das Publikum waren eher New Waver bzw. nannte man sie einfach „Gruftis“, schwarze Klamotten und toupierte Haare halt :-).

Glaub, ich hab noch irgendwo alte Fotos von Front 242 und anderen… muß ich mal suchen gehen.

Mich mit den ganzen heutigen (auch hier genannten) Musik-Stil-Bezeichungen auseinanderzusetzen ist mir zu anstrengend. Und wer was hört (unabhängig vom Aussehen), muß ja jeder selber wissen. Trotzdem ich früher sehr extrem „gruftimässig“ aussah, mochte ich noch nie wirklich Gothic-Rock (Gitarrenkram). Von daher… :-)

Death Disco
Gast
Death Disco

Denn als ich vor über 20 (25??) Jahren Front 242 (oder andere) Live gesehen habe, sah da noch keiner aus wie die EBM-ler heute

Schön, dass Du das ansprichst. Genau genommen sehen heutige Old-Schooler den traditionellen EBMlern kaum noch ähnlich. Daher würde ich sie auch nicht wirklich als Old-Schooler ansehen. Die EBM-Leute bei uns sahen nämlich aus wie „der junge Dave Gahan bei der Bundeswehr“, wie Robert es oben treffend ausdrückte. Überhaupt fällt mir nur Front 242 als die Band ein, die wirklich mit Tarnklamotten und sowas herumflitzte. Und das auch nicht permanent. Das Lederjacken- und Dave-Gahan-Outfit überwog eindeutig, ganz egal ob das Bands wie And One, Leæther Strip und DRP oder die Fans selbiger Gruppen betraf.

Wer mal wissen will, wie das damals aussah, möge sich Herrn Naghavi in And One’s „Life Isn’t Easy in Germany“ anschauen.

Trotzdem ich früher sehr extrem “gruftimässig” aussah, mochte ich noch nie wirklich Gothic-Rock (Gitarrenkram). Von daher… :-)

Das wiederum finde ich äußerst ungewöhnlich. Ich kannte keinen Frühgoten, der nicht irgendwas von Cure, Siouxsie, Sisters, Christian Death oder zumindest ’ne Joy-Division-Platte im Schrank stehen hatte. Meiner Beobachtung nach war es bei vielen sogar so, dass sie mit Gitarre anfingen und erst später sich vermehrt für Elektronik interessierten. Auch bei den Musikern fällt das deutlich auf (frühe Krupps, Tommi Stumpff, Placebo Effect, Trial, Prager Handgriff, Armageddon Dildos etc.). Die meisten von ihnen starteten in einer Punk- oder Post-Punk-Band und widmeten sich erst dann der Elektronik.

Ian von Nierenstein
Gast

Das komische ist, dass sich das heute in eine ganz andere Richung entwickelt. Siouxsie klingt jetzt auch viel härter gitarrenlastiger und selbst Anne Clark hat gar nichts mehr minimalistisch synthetisches… ich war ja gestern schon schockiert, in welchem Gewand sie „Sleeper in Metropolis“ präsentiert hat: E-Gitarren und Schlagzeug… ich habe generell eine Abneigung dagegen, wenn man meint, jetzt der Zeit entsprechen zu wollen und einen auf Hard-Rock zu machen… beängstigend.

Axel
Gast

Dafür gibt es aber doch auch wieder genug Musiker, die de gute alten Zeiten richtig hochhalten oder zumindest in ihre Musik einfließen lassen.
Hier würde mir beispielsweise Silentport, dem Soloprojekt vom Herrn Rütten, einfallen. Einige Songs erinnen mich doch stark an die 80er, beispiel:
https://soundcloud.com/silentport-silentport/silentport_endless-corridor

Es wird immer Musiker geben, die diesen Sound hochhalten…

Ian von Nierenstein
Gast

Also arg nach 80ern hört sich das von Herrn Rütten aber nicht an ;)

Mone vom Rabenhorst
Autor

„Ich kannte keinen Frühgoten, der nicht irgendwas von Cure, Siouxsie, Sisters, Christian Death oder zumindest ‘ne Joy-Division-Platte im Schrank stehen hatte.“

Tun’s auch Cassetten? ;-)

Klar hatte ich alles von Cure, damit fings ja mit ca. 12/13 Jahren bei mir damals an –> neben dem ersten Undercut mit Schachbrettmuster und Pikes –> zum Entsetzen meiner Mutter damals *lach*.

Ich hatte sicher auch viel von Sisters, Christian Death (hier übrigens auch noch einige Fotos von Konzerten) und Co.

Also Haben und Hören: Ja klar, aber RICHTIG GUT fand ich (nach The Cure und einzelnen Lieder einiger Bands) eigentlich eher die Elektrosachen, die dann kamen…. Skinny Puppy, Front, Vomito Negro, In Slaughter Natives, Klinik etc., also die ganzen alten Klassiker, die dann im Fall gespielt wurden. (Bin alter Zwischenfall-Veteran.) Zusätzlich hatte ich noch einen Faible für Dead Can Dance, In the Nursery und Musik von Historienfilmen generell…. das war mehr so meins.

Vielleicht hab ich mich oben auch nur blöd ausgedrückt. Gehabt hab ich das alles (Sammlung war 400 Tapes groß)… aber am liebsten halt Elektro gehört. Und damals gabs irgendwie diese Aufsplittung in 100 Richtungen nicht so extrem wie heute. Man hatte schwarze Klamotten an und toupierte Haare und tanze auf Gitarre als auch Elektro.

Ach so, wegen Anne Clark: Ich freute mich, sie nach 25 Jahren mal live auf dem Amphi zu sehen. Ich war enttäuscht. Hörte sich nicht mehr so geil an wie früher. :-(

Ian von Nierenstein
Gast

Pikes können Mütter entsetzen??? So schöööne Schuhe? Unbegreiflich…

Axel
Gast

Ich entdecke noch kein Muster

Genauso war es ja auch. Es gab keine Regeln, kein „soundso hat Dakwave zu sein“. Es wurde halt einfach mal alles querbeet konsumiert, was irgendwie „anders“ war. Man hat rumexperimentiert und sich ausgetobt. Es gab sozusagen kein „Lebensstil“ wie das heute praktiziert wir, sondern es war einfach eine wilde Durchmischung sämtlicher Einflüsse. Das mit den Regeln ging erst in den 90ern los.

Mittlerweile habe wir ja schon ne ganze Reihe an Musikveteranen interviewt und die teilen bestätigen das auch: man hat einfach gemacht.

Death Disco
Gast
Death Disco

Ganz generell würde ich aber auch sagen, dass die Ausdifferenzierung der Musikstile, die exakte chronologische Sortierung und das vollumfängliche Wissen über Genre und Musiker den wenigsten vorbehalten war.

Das kam ja auch alles erst später, als man sich retrospektiv einen Überblick verschaffte. Vergleicht das mal mit dem Metal-Bereich. Da gab es den Begriff des Heavy Metal, und darunter wurde alles subsumiert, von Iron Maiden bis Kreator. Die Metal-Kutten kannten keine Gliederungen. Venom neben Saxon, Sodom neben Accept. Nur in den Zeitschriften wurde in Thrash/Speed/Black und Heavy oder Hair Metal unterschieden. Von Death Metal sprach da noch keiner. Aber als der boomte, entwickelten sich mM nach die ersten erkennbaren Subgruppierungen.

Im Wave-Bereich genauso. Sämtliche Bezeichnungen waren bereits vorhanden. Von Gothic/Doom/Positive- und Depro-Punk spricht man hierzulande seit anno ’84. Von EBM, Neofolk etc. seit ca. ’87/’88. Neofolker gab’s da noch gar nicht. EBMler (‚Technos‘) allerdings schon. Und trotzdem war man halt ein Waver oder ‚Techno‘-Fan, als letzteres noch SynthPop, EBM und ähnliches bezeichnete und nicht für einen Stil der House Music herhalten durfte (Tekkkkkkno). Es wurde in Szenekreisen vieles simplifiziert.

Heute halte ich diese Ausdifferenzierungen für notwendig. Gerade auch um zu verdeutlichen, dass ein Großteil der aktuellen Szene ganz andere Wurzeln besitzt, die gar nicht im Wave zu suchen sind. Die meisten haben mit Wave und alter Wave-Szene doch gar nichts am Hut, sondern verkörpern eine Art Metal- und Tekkno-Abtrünnige mit Identifikationsproblemen (sorry, ist nun mal so).

Das mit den ungeschriebenen Regeln würde ich so übrigens nicht unterschreiben. Gerade in den 80s und frühen 90s war das doch deutlich stärker vorhanden als in diesem strukturlosen Chaos von heute. Man hätte ganz sicher keine Lolitas mit Teufelshörnchen geduldet. ;-)

Meiner Meinung nach bestand die Szene immer genau daraus: Zu hören, was gefällt, was Stimmungsvoll und düster ist, was berührt oder mitreißt. Unabhängig von Genres.

Nur weil man keine Genrenamen verwendete, bedeutet das nicht, dass nun alles zusammenhanglos konsumiert wurde. Es gab Basis-Bands, an denen man sich orientierte und zu orientieren hatte (!!!). Das Outfit ist ja auch nicht vom Himmel gefallen, sondern besaß einen ganz bestimmten, popkulturellen Bezug.

Alte Zwischenfall-Sampler, die den musikalischen Geist spiegeln, zeigen sehr deutlich, dass die Mischung durch viele Genre ging.

Alt? Der erste erschien 1994, als die Szene schon an den Ecken bröselte. *g* Der erste war doch auch recht begrenzt auf’s Elektronische. Als wäre im Fall niemals Rockmusik gelaufen. Interessant dabei finde ich, dass gar kein New-Beat-Track darauf zu finden ist. Und New Beat wurde durchaus auch von EBM-Leuten gehört. Ebenso Sachen aus dem OFF/16-Bit-Umfeld.

Beim „Call of the Banshee“-Sampler genau dasselbe (keine Ahnung wie, aber bei mir hat irgendso ein Schlaumeier das Cover versaut, ein Flyer der Kieler Traumfabrik mittig über’s Booklet. Schönen Dank!). Das Ding ist vollgestopft mit Elektronik. Ob sie repräsentativ sind? Nein. Es gab zu Beginn der 90er auch jede Menge Goten-/Gitarrenwave-Sampler und natürlich auch reichlich Mischgemüse aus Gotenrock/Indie-Rock wie die Rough-Trade-Samplerreihe, Ragazzi Bizarre und wie sie noch alle hießen. Oder auch die „German Mystic Sound“-Reihe war da deutlich durchmischter.

Axel
Gast

Oder wer kann sich noch an die tollen „Heavenly Voices“ Sampler von Hyperium erinnern? Bin ich großer Fan von, auch wenn die streckenweise ein zu verzerrtes Bild von Musiken vermittelten. :D

Einerseits stime ich Dir zu, dass eine Kategorisierung notwendig ist, andererseits finde ich aber auch, dass man wieder mehr duchmischen sollte! Neu neben alt, vrschiedenste Genres passend durcheinander gemischt.

Derzeit arbeiten wir ja an Snowflakes II. Die Tracklist (20 Bands, 94 Minuten Spielzeit) ist schon fertig. Diesmal habe ich einen Schwerpunkt auf Klassik und Neoklassik gelegt: von Kammermusik bis hin zum Ensemble samt Chor. Zwischendrin gibt es aber auch immer wieder Ausflüge in den Folkbereich, klassischen Darkwave, ein ganz klein wenig Goth- und Postrock sowie Opera Metal. Was sich jetzt auf dem Papier extrem chaotisch liest, hört sich im Gesamtkontext einfach super an. Weil alles sehr melancholische und melodieverliebte Songs sind. Stimmungstechnisch sind die Songs, trotz zum Teil arg verschiedenen Genres, nämlich recht ähnlich. Und sowas finde ich spannend, einfach mal wild die Genres durchmischen und schauen was bei rauskommt. Da kommt dann eben mal ein Sampler raus mit Corde Oblique, Saeldes Sanc (ein Klassikprojekt produziert von Ernst Horn) und Roman Rütten in einer Tracklist vertreten sind. :D

Ich mag das nicht, dass heute alles so strikt getrennt wird. Da lähmt und Kunst funktioniert doch auch nicht so. Sondern die Genres sollten sich mittlwerweile wieder mehr befruchten. Ansonsten hat man auch in den nächsten 10 Jahren die immergleiche Konsenssoße.

Death Disco
Gast
Death Disco

Oder wer kann sich noch an die tollen “Heavenly Voices” Sampler von Hyperium erinnern?

Davon waren eigentlich nur die ersten beiden Teile interessant. Die habe ich beide zusammen in einer länglichen Doppel-CD-Box im Archiv eingelagert. So schöne Boxen im 4AD-Stil gab’s auf Hyperium später nicht mehr. *g*

Einerseits stime ich Dir zu, dass eine Kategorisierung notwendig ist, andererseits finde ich aber auch, dass man wieder mehr duchmischen sollte! Neu neben alt, vrschiedenste Genres passend durcheinander gemischt.

Eben. Wenn sie denn zusammenpassen. So finde ich den Indie-Rock der 80er, der szeneweit mittlerweile gänzlich ignoriert wird, wesentlich näher am Post-Punk-/Wave-Sound als dieses beknackte Gescheppere von Nachtmahr und Combikreisch oder diese ewigen Rammstein-Imitate, die eigentlich nur weichgespülten Metal spielen.

Stimmungstechnisch sind die Songs, trotz zum Teil arg verschiedenen Genres, nämlich recht ähnlich.

Darin liegt wohl der Unterschied. Ich gehe sound-orientiert und historisch heran, Du hingegen gefühlsmäßig, also mehr subjektiv. Ich sehe mehr Ähnlichkeiten zwischen einem flotten Goth-Rock-Song und einem schwebenden Ethereal-Stück als zwischen einem Neoklassik-Stück und einem Symphonic-Metal-Track. Ich habe zwanzig oder dreißig Dead-Can-Dance-Tonträger im Schrank, aber nicht eine einzige Symphonic-Metal-Platte. Mit Opera-/Symphonic Metal kann man mich bekanntlich jagen. Das klingt für mich immer wie Doro Pesch auf Extasy. Daher wird mir auch Dein Sämplerchen wieder viel zu eklektisch erscheinen. ;-)

Katrin
Gast
Katrin

Davon waren eigentlich nur die ersten beiden Teile interessant. Die habe ich beide zusammen in einer länglichen Doppel-CD-Box im Archiv eingelagert. So schöne Boxen im 4AD-Stil gab’s auf Hyperium später nicht mehr. *g*

Ja, wirklich schöne Boxen. Dinge wie solche sind für mich nach wie vor ein Grund, Alben / Sampler als „Hardware“ zu kaufen. Und je länger die rumliegen, umso schöner werden sie (subjektiv), auch wenn sie seltenst noch den Weg in den CD-Player finden. :-)

Axel
Gast

Daher wird mir auch Dein Sämplerchen wieder viel zu eklektisch erscheinen. ;-)

Abwarten und erstmal anhören (VÖ ist der 24.12.13). ;-) (In der Tat gibt es nur einen Opera-Metal Band auf dem Sampler und das sind die von mir hochgeschätzten Molllust. Und die fungieren auch eher als Rausschmeißer)

Ich gehe sound-orientiert und historisch heran, Du hingegen gefühlsmäßig, also mehr subjektiv.

Beim ersten Mal wa es definitiv so, aber ich denke, dass ich diesmal wirklich ganz gut auch den sound-orientierten Teil in der Zusammenstellung gut hinbekommen habe. Also sound-orientiert indem Sinne, dass aich drauf geachtet habe, dass die Instrumte der einzelnen Songs zueinander passen. Und natürlich sollte man auch immer gefühlsorientiert an Musik herangehen. Schließlich sind Gefühle nunmal DAS Element von Musik, egal welches Genre- Ohne Gefühle wäre Musik… nunja, sinnlos.

Yep, ie ersten beiden Heavenly Voices Ausgaben sind auch meine Favoriten. Seitdem kamen, was die musikalische Auswahl betrifft, nur noch diverse Compilations von Projekt und Prikosnovenie heran.

Death Disco
Gast
Death Disco

@ Katrin: Ja, genau das ist sie. Ich fand sie ja immer etwas sperrig, aber von der Aufmachung her ist sie schon ein ‚kleines‘ Prachtstück. In dieser Form hätte sie glatt von This Mortal Coil stammen können. ;-)

Und natürlich sollte man auch immer gefühlsorientiert an Musik herangehen. Schließlich sind Gefühle nunmal DAS Element von Musik, egal welches Genre- Ohne Gefühle wäre Musik… nunja, sinnlos.

Das meinte ich auch nicht. Natürlich ist Musik mit einem Gefühl, einer Grundstimmung verbunden. Aber auch für Waver, Metaller, Punks etc. kommt einmal der Zeitpunkt, an dem man überlegt, was denn eigentlich das bevorzugte Element in der Musik ist, die man liebt. Und dann setzt man sich mit den einzelnen Sounds auseinander, vergleicht Bands und die Art und Weise, wie sie Gitarren, Drums und Synths einsetzen. Deshalb kann ich eben auch sagen, dass The Cure genauso Goth waren wie die frühen Fields of the Nephilim. Für Außenstehende klingen diese Bands total unterschiedlich. Auf dem zweiten Blick erkennt man aber den Einsatz von Bass, Gitarre etc. Ich glaube, ich hatte das hier schon mal anhand von „Darkcell“ oder „The Sequel“ verdeutlicht.

Wenn man sich dafür die Zeit genommen und ein geübtes Ohr entwickelt hat, kann man auch problemlos Bands anhand ihrer Sounds einer Musikrichtung zuordnen, und nicht, wie es heute unter trendigen Jugendlichen der Fall ist, anhand der Klamottenauswahl. ;-)

Seitdem kamen, was die musikalische Auswahl betrifft, nur noch diverse Compilations von Projekt und Prikosnovenie heran.

Da fehlen mir noch ein paar von der ‚Beneath the Icy Floe‘-Reihe. ‚From Across this Gray Land‘ habe ich hauptsächlich wegen der Lycia-Tracks.

Aber eigentlich geht das ja alles viel weiter zurück. Eben auf 4AD in den 80s. Es gab aber auch bereits ein Plattenlabel namens „C’est La Mort“ in den USA. Dort standen Bands unter Vertrag, die man vereinzelt als Ethereal/Heavenly Voices kategorisieren könnte.

Natürlich haben die noch Elemente drin, die man heute als störend empfinden würde (z.B. Saxophon wie bei den Cocteau Twins). Aber von Grundaufbau sind die eindeutig Ethereal, siehe beispielsweise Area mit „Sincerly Charlotte“ (1987) oder Heavenly Bodies mit „Time Stands Still“ (1988).

Bernd
Gast
Bernd

Danke für den informativen Beitrag. Den teile ich noch. :)

Markus
Gast
Markus

Hmmmmmmnnnnn…dem Artikel stimme ich nur teilweise zu. Zunächst entstand „Techno“ nicht Mitte der 1990er, sondern bereits Mitte der 1980er Jahre in (Underground)Clubs in Detroit und Berlin, als tanzbare und logische Weiterentwicklung von Synthie-Pop und unter Verwendung brandneuer, jetzt auch erschwinglicher Technologie wie Computern, Samplern, Drumcomputern und Synthesizern. Ich empfehle Nostalgikern hier gern den Film „B-Movie: Lust und Sound in Westberlin 1979 – 1989“ von Mark Reeder, der einen ersten Eindruck vermitteln kann, wie schnellebig und vielseitig die deutsche Musikszene damals war. Die immer wieder versuchte und offenbar unvermeidliche Kategorisierung und Katalogisierung von Musik, hier EBM, mag ich auch nicht sonderlich. Ich erinnere mich daran, daß man Mitte und Ende der 80er auf norddeutschen Tanzflächen bei EBM-Klassikern wie „Headhunter“ von 242, „Assimilate“ von Skinny Puppy oder auch Tilt’s „Merciless“ so ziemlich alle damals vertretenen Subkulturen vorfinden konnte – wie Mone es schon treffend bezeichnet hat, lief das damals einfach unter dem Oberbegriff (New) Wave und wurde nicht rigoros in irgendeine Schublade weggesteckt. Nitzer Ebb tourten damals im Vorprogramm von Depeche Mode und erregten damit weitere Neugier auf ihre neue Musikart.

Das ist u.a. auch darauf zurückzuführen, daß man in den kleineren „Dorfdiscos“ häufig stundenlang beim DJ betteln mußte, damit überhaupt mal ein, zwei Musikstücke aus dem Underground gespielt wurden. Oft wurden sogar eigene Schallplatten mitgebracht, in die der DJ nicht selten erstmal reinhörte, um dann Gericht zu halten, ob’s seiner Meinung nach publikumstauglich ist und der vermeintlich hohen Ehre würdig ist, abgespielt zu werden. Reine, jedoch intern sehr bekannte Undergroundclubs wie den Kaiserkeller in Hamburg, später das Melodrom im Allgäu oder eben das schon angesprochene Zwischenfall gab’s halt nur in Großstädten oder Ballungsräumen. Weil in den Provinzen schlicht das (zahlungskräftige) Publikum fehlte, um einen reinen Undergroundclub mit ausschließlich schwarzem Zulauf am Leben zu erhalten.

Auf privat organisierten Feten, wie zum Beispiel denen im Unicum, Osnabrück, lief dann wirklich alles an alternativer Musik, ohne Systematik, ohne Berechnung. Und alles, was sich irgendwie dem Underground zugehörig fühlte und kein Interesse an den ab Mitte der 80er immer mehr auftauchenden Großraumdiscos hatte, traf sich dort – deshalb waren das auch und gerade für Schwarze aus Provinznestern wie dem, in dem ich als Jugendlicher lebte starke Publikumsmagneten. Da es Mobilfunk, e-Mail, Internet und Facebook nicht gab, ließ man kleine Notizbücher rumgehen, in denen man seine Anschrift hinterlassen konnte um dann bei weiteren, geplanten Feten benachrichtigt zu werden – gute alte Zeit; man freute sich über einen Flyer per Post wie über Weihnachten, ich klebte die Dinger sogar als Aushang ins hintere Seitenfenster meines Ford Fiasko.

Wie auch „Gothic“ entwickelte sich EBM im Laufe der Jahre immer weiter, ständig gab es neue Bands und alte, bisher unbekannte Bands zu entdecken. Mangels Informationsmöglichkeiten wie oben bereits genannt stieß man – häufig nur durch Zufall, beim Stöbern im Plattenladen, durch Radiosendungen wie die von John Peel auf BBC, später auch Ecki Stiegs „Grenzwellen“ oder durch Mund-zu-Mund-Propaganda – auf immer wieder neues Material, da die internationale Musikszene des Mainstreams und vor allem abseits davon damals irre produktiv war und sich permanent bewegte und weiterentwickelte, siehe Bands wie die Cocteau Twins und Dead can dance, die nahezu mit ihrem bisherigen Postpunk-Stil brachen, um auf anderer Ebene weiter zu experimentieren. Und gerade EBM war maßgeblich von einer Mitte der 80er sehr regen, belgischen Musikszene beeinflußt.

In meiner damaligen Clique wurde einfach alles an alternativer Musik gehört, ohne das sich dadurch jemand einer besonderen Gruppe zugehörig fühlte – im Prinzip verband uns einfach die, fast schon familiäre, Gemeinsamkeit schwarzer Kleidung und das vereinende Gefühl, irgendwie nicht der breiten Masse anzugehören und sich der Perspektive eines kleinstädtischen, bürgerlichen Lebens, das unsere Eltern für uns vorgesehen hatten nicht unterwerfen zu wollen. Ganz ohne Label, ganz ohne Namen, ganz ohne Konkurrenzdruck untereinander. Das setzte erst später ein, als die Boulevardpresse meinte, sie müsse den „Normalos“ wiederholt äußerst mißglückte Erklärung für unsere Jugendkultur und unser Aussehen liefern und die Musikindustrie dazu den Ausverkauf alternativer Musik einläutete. Ärger gab’s im schlimmsten Fall mit Skinheads oder denen, die sich dafür hielten, selten auch mit Metallern, von denen wir gern einen bösen Seitenblick erhielten. Ich erinnere mich an meinen Besuch im Berliner Linientreu während einer Klassenfahrt 1986, bei dem ich – in der Erwartung ein schwarzes Nirvana zu betreten – bitter enttäuscht wurde; Schwarze waren da bereits 1986 seit kurzem nicht mehr gern gesehen und das Publikum um die „Manege“ herum setzte sich aus einem guten Dutzend Psychobillys mit Domestosjeans und irre spitzer, langer Haartolle zusammen, die prompt meine letzten Zigaretten schnorrten und friedlich und interessiert waren.

Lange Rede, kurzer Sinn: Damals war das alles einfacher, weil diese dämliche Betitelung und Belabelung fehlte und man einfach Musik hörte, die einem gefiel, egal, welchem Stil diese entsprang. Und vor allem hatte man nicht den Drang, irgendeiner besonderen Gruppe in einer ohnehin schon kleinen Minderheit anzugehören. Erlaubt war, was gefiel – beim Outfit und bei der Musik. Zusammengefunden hat man sich trotzdem; es war ja auch niemand sonst da, der einen verstehen wollte.

Azrael
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Der neue Stern am EBM-Himmel – sollte man im Auge behalten:

http://www.tinitus.one
https://www.facebook.com/tinitusprojekt/

ArminR
Gast
ArminR

EBM gibt es zwar seid Anfang der Achtziger (Front 242, DAF) aber der Durchbruch kam wohl mit dem Sampler „This is Electronic Body Music“ 1988. Ab dem Moment war die Musik in den Clubs Massen-. und damit Szene tauglich. Angefangen hat es mit der Musik, wobei Front 242 mit dem Military Look auftraten, Die Krupps prägten den Stahlarbeiter Look und Nitzer Ebb eher das Muskelshirt (natürlich in Feinripp).

Übrigen war der Korg MS 20 auch damals sauteuer. Yamaha DX 7 und die Workstation M1 prägten den Sound, dazu der Sequential Circuit Pro-One. Dazu natürlich der AKAI Sampler, der erst den Sample Sound ermöglichte. Immerhin kam mit dem EBM das Sampling erst in Mode. Subgenres des EBM gab und gibt es immer npch. Auch hier ist eher die Frage ob diese Subgenres überhaupt noch etwas mit EBM zu tun haben (Future Pop aka Weiber Techno).

Die meisten die ich damals kannte hörten eigentlich Querbeet, EBM (Front242, The Klinik, Nitzer Ebb), Gothic (Bauhaus, Joy Division) oder Wave (The Chameleons). Gab da wenigige die sich nur auf eine Stilrichtung eingeschossen hatten.

T.S.
Gast
T.S.

Es mutet beinahe schon wie eine Art Sage an – vor allem ist die Begebenheit recht legendär sagenumwoben, die tatsächlich etwas an den „Zauberlehrling“ gemahnt, ihr wisst schon: „die Geister, die ich rief…“, etc.
Im Klartext: „…we have now composed some kind of electronic body music…“, so tat dies Ralf Hütter (you know folks, of Kraftwerk-fame…) im Sommer 1978 während eines Interviews für einen US-Radiosender kund, um das damals aktuelle KW-Album „Die Mensch Maschine“ zu beschreiben, das seinerzeit tatsächlich sich endlich und endgültig deutlich vom bisher recht sphärisch-krautigen Elektronikgefrickel der Siebziger Jahre-Prägung emanzipierte. Ja, in jenen Tagen wurde elektronische Musik noch eindeutig abstrakt kopflastig und fast schon E-Musikartig konnotiert und ebenso goutiert. Tangerine Dream, Cluster, Jean-Michel Jarre, Klaus Schulze, etc., nicht singende Knöpfchen drehende versponnene Wunderkinder a la Rick Wakeman (von Yes), die in (fast schon) Prog-Rock-Manier Quasi-Konzeptalben veröffentlichten, mit Longtracks, die eine ganze LP-Seite alleine ausfüllten, und deren Hörerschaft weitgehend auf bewusstseinserweiternden Wolken schwebte, und mit Tanz, Clubbing, Attitüde, Style, Nightlife in Discos so rein gar nichts am (noch z.T. hippiesken) Hut hatte…

40 Jahre ist das jetzt auch schon her, und somit ist der – zugegebenermassen damals recht abstrakte und sicherlich in der Form unbeabsichtigte – (Genre-)Begriff „E.B.M.“ de facto auch nicht viel jünger als die in Stein gemeisselten unverrückbaren legendären Musikrichtung-Etiketten a la „Punk“ und „New Wave“ – ja man könnte jetzt sogar beinahe frech behaupten, daß „E.B.M.“ im Prinzip bereits so alt ist wie „Industrial“ – und schon lange vor „Gothic“ existierte… ;-) (nur zur Erinnerung, die Begrifflichkeit „Gothic“ im Zusammenhang mit musikalischem Output geht ja auch auf ein Interview zurück, in dem bildreich und fast schon Metapherüberladen einem Journalisten klar gemacht werden sollte, welche Stimmung der Sound von Joy Division rüberbringen würde… – soweit ich mich erinnere, war der Urheber dessen der J.D.-Produzent Martin Hannett, der wohl etwas berauscht von Musikstrukturen, die an gotische Kathedralen erinnern würden schwafelte…)

Jaja, wissen wir alle: danach waren DAF (Zitat: „Körpermusik“) und F242 („Song“-Titel: „Body To Body“) auf gewisse Weise maßschneidernd soundstrukturell stilprägend (keine Sorge, „Body Electric“ von den Sisters Of Mercy hat trotz des verdächtigen Titels mit E.B.M. jetzt gar nichts zu tun, da nutzt auch der Drumcomputer nichts… ;-) ).
Aber jetzt kommen wir endlich zum ebenso legendären „durchbruchbrechenden“ Sampler, wie im vorigen Beitrag (nicht ganz unrichtig) erwähnt: auch wenn Nitzer Ebb sich ca. 1985 noch wie ein 100%-iger DAF-Klon anhörten, F242 zu dem Zeitpunkt schon über 5 volle Jahre auf die Zwölf gaben, und keineswegs so arg unbekannt waren, so war das damalige E.B.M.-„Genre“ ganz und gar nicht so (klischeehaft und zu einem späteren Zeitpunkt irgendwie öde und langweilig werdend) „homogen“ (mal diplomatisch ausgedrückt…), wie es sich spätestens ab den Neunziger Jahren im bollerig immer dumpfer werdenden E.B.M.-„Trademark“-Sound präsentierte. Und das macht eben gerade diese erwähnte Compilation nur zu deutlich: „This Is Electronic Body Music“ zeigt eine Vielfalt und Qualität auf, die nur wenige Jahre nach diesem „Durchbruch“ mehr und mehr im E.B.M.-Metier abhanden kam. Gewisses späteres, bzw. später hinzu gekommenes typisches Neunziger Jahre-bis jetzt-E.B.M.-Klientel dürften auf dieser LP vertretene Bands und Künstler a la Chris & Cosey, The Neon Judgement, Parade Ground, The Cassandra Complex, The Weathermen, Click Click, z.T. nur schwerlich als „ihr“ zielgruppen-prädestiniertes Beuteschema ausmachen.
Das heisst auch, schade irgendwie, erneut erlebt zu haben, wie ein eigentlich übergeordneter (Kunst-)Sammelbegriff, der innovative als auch (hör- und wahrnehmbar) recht unterschiedlich gelagerte Künstler vage kategorisierte, zum Synonym für recht mediokre und strukturell eintönig durchdesignte Gebrauchsmusik degenerierte.
Tja, und so begann nach dem „Durchbruch“, dank dieser epochalen Compilation, auch nicht lange danach der qualitative Niedergang des E.B.M.-Genres. Was wieder z.T. auch damit einherging, daß manche Protagonisten (bzw., die dazu gemacht wurden…) des „ursprünglichen“ so-genannten-E.B.M. sich deutlich von diesem Genre distanzierten, teils weil sie dort nicht ihre musikalische/künstlerische Heimat, bzw. Destination verorteten (eine Band wie z.B. die Legendary Pink Dots wurde auch zeitweise eingemeindet, obwohl diese nicht wirklich endgültig irgendwo stilistisch einzuordnen ist, und genauso viel Art-Rock-Anteile hat, wie welche elektronischen Ursprungs), zum anderen, weil sie aus dem immer enger geschnürten (stilistisch vorgegebenen) Sound-Korsett ausbrachen, sprich sich weiter- oder anders entwickelten (siehe z.B. Die Krupps, Skinny Puppy, Ministry, Pankow, A Split Second, Click Click, Nitzer Ebb, u.v.a.). Es blieb letztlich eine in weiten Teilen künstlerisch innovationslose leere Hülle einer nachgerückten allzu geklont wirkenden und rein bestimmte Sounds und Strukturen abkupfernden Generation ohne eigenes überzeugendes Profil (ganz zu schweigen von Aussagekraft) übrig, die nur noch streng zielgruppenorientiert agierte und letztlich zum Ende der Neunziger Jahre hin vollkommen in die Bedeutungslosigkeit abstieg.

Tja, welches war denn nun das letzte „E.B.M.“-Album, das ich mir zulegte? Ist schon so lange her, daß ich es gar nicht mehr weiß. Müsste aber dennoch ein richtiger Klassiker sein… (immerhin kamen danach noch viele viele Tonträger aus den vielfältigen Sparten elektronischer Musik in meine Sammlung hinzu, aber die muß ich nun jetzt nicht dem „E.B.M.“-Genre zuordnen – noch nicht einmal bemüht, oder…?)

Papaschlompf oder so
Gast
Papaschlompf oder so

Hallo,
als bräsig-altersmilder Rockist fehlen mir in euren Auflistungen die Scheiben „SPK – Leichenschrei“ und „OMALA – Germ“. Beides Musik, die ich in den 80ern gerne bei kleineren Treffen und privat gehört habe und die, mittlerweile in digitaler Form, ab und zu immer noch gerne den Weg in meinen Gehörgang finden. Würde ich übrigens auch abgrenzungsfrei der Schublade RockˋnˋRoll zuordnen ;-)
Herzliche Grüße vom P.