Gothic Friday: Top of the Goths – Filme (Karnstein)

„Gnarf! Ihr spinnt wohl!“ dachte ich mir, als ich lese dass für diesen Monat im Gothic Friday zwei tolle Themen zur Auswahl stehen und ich mich für nur eines entscheiden, und das andere aber quasi links liegen lassen soll… Entweder um unsere persönliche Top 5 an Filmen soll es gehen, oder aber um unsere Top 5 von Coverversionen die wir besser als die Originale finden. Beides tolle Themen von denen ich eigentlich keines missen möchte.

Nach einigem Überlegen aber fiel mir dann auf, dass ich zwar viele gute Coversongs kenne, aber eigentlich keinen davon besser finde als das Original, höchstens genau so gut, nur eben auf andere Weise – so gibt es etwa eine tolle Hommage an Joy Divisions „Love will tear us apart“ von The Cure, aber musikalisch klingt es eigentlich nur als habe man Ian durch Robert ersetzt, was schön und interessant ist, aber keineswegs besser. Wenn Psyche sich mit Disorder eines anderen JD-Klassikers annehmen ist der klangliche Unterschied natürlich viel größer, aber auch hier ist das Ergebnis nicht besser, höchstens anders (also ein sehr gelungener Transfer in den eigenen Stil). Auch Derrière le Miroirs Cover von „Nowhere Girl“ (im Original von B-Movie) finde ich recht gut, aber nicht überragend.

Also ab zu den Filmen – und wehe es heißt im Mai „und jetzt schreibt einfach über das andere Thema! Leicht gefallen ist’s mir natürlich nicht zwischen all den tollen Filmen nur 5 rauszusuchen und die dann auch noch in eine wertende Reihenfolge zu packen, aber ich denke mit dem Folgenden kann ich recht gut leben.

Platz 5 – Sweeney Todd – The Demon Barber of Fleet Street

Mal ehrlich: Wäre schon eigenartig wenn Tim Burton hier nicht aufgetaucht wäre, oder? Bei mir rangiert der Meister der modernen schwarzromantischen Komödie allerdings letztlich nicht gar so weit oben, aber ich denke seine Adaption des Stoffes um den mordenden Barbier gefällt mir unter all seinen vielfältigen Werken am besten. Viktorianischer Gothic-Stoff, mitten in der Post-Punk-Ära 1979/80 in ein Musical verwandelt (damals mit „Mord ist ihr Hobby“-Angela Lansbury als Mrs. Lovett) und letztlich in einen optisch wie musikalisch und auch dramaturgisch genialen Spielfilm adaptiert der mit Johnny Depp, Helena Bonham Carter, Allan Rickman und Timothy Spall kaum besser besetzt sein könnte, während Sascha Baron Cohen als Pirelli (den ich tatsächlich beim ersten Sehen nicht erkannt habe) für comic relief sorgt.

Timothy Spall (Beadle Bamford) beschrieb das Ganze als „strange comic gothic opera“ und er könnte damit in meinen Augen nicht richtiger liegen.

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Platz 4 – Clockwork Orange

 

Wohl einer der leichter zugängigen Filme von Kult-Regisseur Stanley Kubrick (zumindest wenn man sich mal mit der überwältigenden Menge an Interpretationen zu etwa The Shining oder 2001 auseinandersetzt), der aber auch letztlich (wie die anderen beiden erwähnten) kaum noch im engeren Sinne als Verfilmung eines Buches durchgehen kann sondern eher breiter betrachtet als filmische Adaption eines Stoffes um einen jungen Mann, der Gewalttätigkeit in vollen Zügen lebt und sie mittels Gewalttätigkeit abgewöhnt bekommen soll, sodass man am Ende kaum noch weiß ob es überhaupt irgendjemanden gibt, der kein Bösewicht und zu so etwas wie moralischem Handeln in der Lage ist.

Höchst bizarre und surreale Szenerien (die in den 1970ern sicherlich noch eine ganz andere Wirkung gehabt haben müssen) bei denen man teils nicht weiß, ob man sich ekeln, ärgern oder amüsieren soll… oder kann… Vielleicht nicht sonderlich Gothic (für den Kontext dieses Artikels) aber doch zumindest die Punk-Szene hat sich dieses Films sehr gerne angenommen und Themen und Motive übernommen, sei es der Text des Toten-Hosen-Klassikers „Hier kommt Alex“, die Outfits der Adicts, oder zumindest noch Film-Samples etwa bei ein oder zwei Intros von the Exploited. Eigentlich kann ich bis heute nicht 100%ig sagen warum ich den Film mag, denn eigentlich finde ich ihn im besten Fall verstörend, aber er entfaltet einfach eine fesselnde Wirkung der ich mich nur selten entziehen kann (auch wenn ich mir gewünscht hätte niemals Darth Vader [der Body-Builder-Leibwächter] in viel zu kurzen Shorts sehen zu müssen).

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Platz 3 – El Laberinto del Fauno

Pans Labyrinth hat mich fasziniert seit ich ihn das erste mal im spanischen Original mit englischen Untertiteln auf einer irischen DVD gesehen habe :) Ist es ein Märchenfilm? Wenn ja, dann ist er dabei reichlich gothic und nicht sehr kindgerecht. Ist es ein Kriegsfilm? Wenn ja, dann ist er dabei reichlich mystisch und surreal. Findet die kleine Ofelia 1944 in Nord-Spanien tatsächlich Zugang zu einer Zauberwelt die außer ihn niemand sieht? Oder flieht sie sich in eine Fantasiewelt um dem Bürgerkriegs-Alltag zu entkommen der zwischen faschistischem Regime und kommunistischen Rebellen tobt und den eine 12-Jährige noch viel weniger versteht als alle anderen? 100%ige Beweise für eine der Betrachtungsweisen gibt es nicht, und das wohl durchaus absichtlich.
Klar ist nur, dass anfangs die „Realität“ auf eine erschreckend realistische und widerwärtig brutale Art und Weise dargestellt wird, dunkel und farblos, während Ofelias „Phantasie“ zwar spannend aber zunächst eher harmlos und vor allem farbenfroh ist. Doch je mehr das Leid der Menschen mit dem immer realer werdenen und näher kommenden Krieg zunimmt, desto brutaler wird das Märchen und desto bunter die Realität, bis man irgendwann nicht mehr weiß was man sieht (und auch die Phantasie keinen Zuschlupf mehr bietet?).
Wer den Film noch nicht kennt sollte ihn sich unbedingt mal anschauen!

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Platz 2 – Control

„Holy mother of fuck, I love Joy Division!“ Ich weiß nicht, was die ehemaligen Band-Mitglieder von dem Film halten mögen und auch mir als einfachem Fan fallen ein, zwei Stellen auf die definitiv verbogen wurden, aber dennoch ist die tragische Lebensgeschichte des legendären Joy-Division-Sängers Ian Curtis einfach derart fesselnd und gefühlvoll inszeniert, dass sich allein auch schon in meinem privaten Umfeld viele Leute für den Film haben begeistern können die kein halb so großen JD-Fans sind wie ich (oder sogar gar keine), zurecht nannte ihn cinemaeine[n] der besten Musikfilme aller Zeiten„.
Es fühlt sich an als sähe man Joy Division, obwohl sie es natürlich nicht sind. Dabei klingt Sam Rileys Sangesstimme nicht mal wie die Ian Curtis‘ und Joe Anderson hat auch nicht gerade eine verblüffende Ähnlichkeit mit Peter Hook, aber die Wirkung von live von musikalischen Fast-Anfängern vorgetragener gefühlvoller Post-Punk-Musik trägt sicherlich ihren Teil zum authentischen Feeling bei, und die fantastischen Bilder von Anton Corbijn tun ihr Übriges.

Denn er geht diesen Film nicht etwa an wie ein Musik-Video (mit dem er etwa durch seine Arbeit mit Nirvana genug Übung hätte), sondern man hat das Gefühl als betrachte man animierte Fotos. Solche Fotos wie er sie eben selbst damals als Haus-und-Hof-Photograph von Joy Division gemacht hat und die das Bild maßgeblich ausmachen, das wir heute von Joy Division in unseren Köpfen haben.

Sitzen Ian und seine Quasi-Affäre Annick auf der Couch, dann sitzen sie nicht einfach dort, sondern zwischen ihnen funkelt aus dem Schatten Ians Ehering, der also in zweifacher Sicht zwischen ihnen steht. Steht Ian nach der Entbindung seiner Tochter vor dem Krankenhaus, dann sehen wir keine viel zu lange Einstellung eines rauchenden Mannes, sondern wir sehen ein Bild von Allein-sein und Hilflosigkeit. Sehen wir nichts als einen in den Himmel ragenden Masten, von dem in alle Richtungen Kabel wegführen, so zeigt uns Corbijn (ohne das wir groß unsere Phantasie anstrengen müssten) eigentlich Ian, an dem in jede Richtung gezogen wird, der in der Mitte steht und nicht weiß wohin.
Doch so sehr man mit Ian mitfühlen mag, genau so oft denkt man sich „Du Idiot!“ und will ihn am liebsten zu seinem Glück zwingen. Er ist eine tragische Figur, aber kein Held. Er steht unter massivem Druck und weiß sich nicht zu helfen, doch ist an vielem davon selbst schuld. Er schafft den gedanklichen Spagat es auf einer Seite allen recht machen zu wollen und auf der anderen Seite dann doch wieder nur an sich zu denken. Faszinierend.
Ich habe selten bei keinem Film so schlucken müssen, wie in Control kurz vor dem Schluss als Ian in der Küche steht und das Seil in Händen hält und ich habe regelmäßig Pipi in den Augen wenn die Klänge von „Atmosphere“ beginnen während man Debbie hilflos auf der Straße umherirren sieht und sich Leute mit glasigem Blick die um einen Tisch versammeln die eigentlich schon nicht mehr Joy Division sondern bereits New Order sind…

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Platz 1 – Nosferatu

Was soll man dazu noch sagen? Gibt es einen Film der mehr gothic ist als Friedrich Murnaus 1922er Adaption von Bram Stokers Dracula? Max Schreck als Graf  Orlok braucht kein Spezialeffekte, keine Actionsequenzen, ja, nichteinmal Dialoge um dennoch der schaurigste Vampir zu sein, den die Filmgeschichte je gesehen hat (in meinen subjektiven Augen natürlich). Klaus Kinski kommt in der 1979er Neu-Verfilmung mit seinem nun korrekt benannten Dracula sehr nah heran und ist auf seine eigene Kinski’sche Weise faszinierend und einzigartig in der Rolle, doch die gleiche Gänsehaut wie Schreck (gab es je einen Schauspieler mit einem passenderen Namen?) verursacht er mir nicht. Die surrealen Bewegungen, die steife Haltung, der wahnsinnige Blick – da braucht es keine Dialoge um eine nachhaltige Wirkung zu erzielen und mehr als offenkundig Themen wie Angst, Qual und Besessenheit zu thematisieren. Purer Expressionismus eben.
Nie hat Gruseln mehr Spaß gemacht.

Mit der Wirkung auf die Popkultur will ich gar nicht erst anfangen, das wäre mindenstens einen eigenen Artikel wert, ist doch die eigentliche Dracula-Adaption zu etwas ganz Eigenständigem geworden, doch auch ohne all dies handelt es sich hierbei um einen Klassiker, den man meines Erachtens einfach gesehen haben MUSS (was man auch via YouTube in Gänze tun kann, wenn man die viel zu teuren DVD-Versionen scheut, ihr müsst nur unten kurz klicken :) ).

Handelt es sich wirklich um meinen Lieblingsfilm? Hm, vermutlich habe ich jeden der anderen vier Filme häufiger gesehen, aber wenn das Thema „Top of the Goth“ heißt muss die Wahl von Platz 1 absolut eindeutig ausfallen – Quelle, Inhalt, Atmosphäre – alles Gothic in Reinkultur. Und spannenderweise sind die Parallelen noch vielschichtiger, denn die eine Fassung des Film gibt es nicht, sollten auf Grund eines Rechtsstreits doch eigentlich alles Kopien des Films vernichtet werden. Die überlebenden Kopien sind unterschiedlich geschnitten und wurden zu unterschiedlichen Zeiten in unterschiedlichen Formaten zusammengestückelt, teils auch mit anderer Musik hinterlegt. Mit diesem Hintergrundwissen fühle ich mich doch sehr an den in der Gothic-Literatur recht verbreiteten Stil der fiktiven Sammel-Geschichte erinnert, die aus verschiedenen ebenso fiktiven Quellen zusammengetragen wurde (Dracula selbst ist dafür das beste Beispiel). Und so weiß man eben wie auch so oft in der Gothic Novel am Ende nicht so ganz wie weit man dem Erzähler eigentlich trauen kann, und ob nicht ursprünglich alles ein wenig anders war.

Gerade weil ein solches Maß an „gothicism“ unmöglich intendiert sein kann macht es das Ganze für mich umso spannender ;)

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