11 Februar

Gothic Friday Februar: Mein schwarzes Wunderland

Verfasst von Diskussion: 19 Kommentare

8 Darmstadt Zimmer mit SchreibmaschineBibi Blues Gastbeitrag zum Gothic Friday Thema im Februar 2016 erreichte mich per E-Mail. Wer neugierig ist und mehr über Bibi erfahren möchte, kann sie via Facebook erreichen. Hier jedoch erstmal ihre spannende Geschichte vom Szeneeinstieg:

Ost-Berlin. Nachdem ich irgendwann Anfang der 80er aus der ehemaligen DDR wieder in das ehemalige Jugoslawien gezogen bin, war da erstmal eine Art Heimweh. Das klingt seltsam, denn lange hatte ich mich im damaligen Ost-Berlin nach meiner Heimatstadt Skopje gesehnt. Nach vier Jahren war ich wieder zurück, doch in der Zeit habe ich Berlin und meine Freunde dort lieb gewonnen.

Es war der Beginn der Pubertät, eine schwierige und doch spannende Zeit. Wir haben in Ost-Berlin Radio aus West-Berlin gehört, saßen an bestimmten Abenden vor den Kassettenrekordern bereit und konzentrierten uns, um im richtigen Moment auf die Record-Play-Knopfkombination zu drücken. Am Ende der Songs war es wichtig, rechtzeitig auf Stop zu drücken, sonst musste man ganz schnell zurückspulen und die Kassette für den nächsten Song vorbereiten. Am nächsten Tag haben wir uns in der Schule darüber ausgetauscht, was uns besonders gut gefallen hat. Darunter waren Kajagoogoo, Depeche Mode, Ultravox, Talking Heads, Madness, aber auch Vertreter der Neuen Deutschen Welle. Wir hatten nur das Radio und Fernsehen aus West-Berlin als Quellen, und wenn wir einen Song von einer weniger bekannten Band verpasst hatten, konnten wir nur hoffen dass es jemand von den Freunden aufgenommen hat.

In Skopje habe ich dann versucht, deutsche Radiosender zu empfangen, auf Mittelwelle. Man konnte nur Nachts einigermaßen und unter ständigem Rauschen etwas verstehen. Musiksender gab es dort auch, aber ich vermisste vor allem meine Freunde aus Ost-Berlin, unsere gemeinsamen Sehnsüchte nach Freiheit, die Atmosphäre zwischen den Betongebäuden und unseren Humor. Wir schrieben uns Briefe auf Berlinerisch und warteten Wochen auf eine Antwort, denn wir waren nie sicher, ob die Briefe auch ankommen würden. Telefonieren war zu der Zeit sehr teuer und so wurde der Kontakt immer seltener und riss nahezu vollständig ab. Ich wurde immer öfter melancholisch und verschlossen, denn ich sehnte mich nach meinen Freunden.

Skopje

Ich habe drei Jahre kaum geredet. Die Musik von Bach beruhigte mich und mit dem Lesen der Werke von Freud habe ich versucht mich besser zu verstehen. Ich suchte Zerstreuung um meine Wehmut zu lindern. Matheaufgaben lenkten mich von den Gedanken ab. Der Unterricht in meiner Schule fiel mir besonders schwer. Fächer wie Marxismus oder Allgemeine Volksverteidigung, die mich an die Staatsbürgerkunde in der DDR erinnerten, wirkten auf mich wie eine geistige Uniformierungsmaschinerie. Mit meinen Sehnsüchten erschien es mir fast unmöglich, dem zu folgen.

Wie in der DDR war es auch in Jugoslawien schwierig, wenn man durch äußere Merkmale aufgefallen ist. Das hat sich ziemlich stickig angefühlt. Irgendwann wechselte ich das Gymnasium und kam in eine ziemlich rebellische Klasse. Manche Klassenkameraden zogen mich aus meiner dreijährigen Einsamkeit in eine punkige Musikwelt und diversen Kulturveranstaltungen. Es gab Ende der 80er dort keine starke Trennung zwischen der Punker- und der „Darker“-Szene. Wir trafen uns oft in einem Jugendkulturzentrum und in meiner baldigen Stammkneipe „van Gogh“. Ich lernte interessante Menschen kennen, darunter manche Exzentriker, aber auch stille melancholische Wesen. Wir diskutierten viel, tauschten Musikaufnahmen aus, tobten auf Konzerten und Partys, fotografierten, machten uns aber auch Sorgen. Es war kurz vor dem Zerfall Jugoslawiens, auf den mehrere Kriege folgten. Viele konnten die Gefahren verdrängen, doch innerhalb der Szene spürte man eine Untergangsstimmung, die als Verstärker aller Leidenschaften wirkte. Ich färbte viele Kleidungsstücke schwarz, nachdem ich lästige Teile abgeschnitten hatte. So bildeten sich schwarze Fransen, die ich als Abbild meiner seelischen Fetzen getragen hatte.

Ich habe auch selber angefangen zu nähen und meine Haare in ein schwarzes Nest verwandelt. Wenn jemand nach London gereist war und Platten mitbrachte, waren wir schnell dabei, zahlreiche Kopien auf Kassetten unter uns zu verteilen. Es war interessant für mich, einige Punk- und Dark-Wave-Bands Ende der 80er und Anfang der 90er kennenzulernen, die bereits zu meiner Ost-Berlin-Zeit bestanden hatten. Darunter waren Joy Division, Bauhaus, The Residents, The Sisters of Mercy, The Sound, Siouxsie and the Banshees, Fields of the Nephilim, Dead Can Dance, Cocteau Twins, King Crimson, Tuxedomoon und viele andere. Im „van Gogh“ lief auch Punk, Musik von Kraftwerk, ab und zu David Bowie und jugoslawische Bands wie Laibach oder Mizar.

Gegenüber von unserer Stammkneipe war eine Mauer, auf der wir oft gesessen haben, manchmal nachts auch lange nachdem sie geschlossen hatte. Manchmal waren wir nur albern oder dadaistisch, manchmal diskutierten wir lange. Die Szene war äußerst heterogen, es gab expressive und impulsive Menschen, aber auch stille und schüchterne. Zahlreiche unter ihnen reflektierten viel und waren gesellschaftskritisch. Gemeinsam war bei fast allen eine Abscheu vor oberflächlichem Herdenverhalten und Druck durch Konventionen. Wir diskutierten über Nietzsche und Schopenhauer, Bach und Beethoven, Malerei und Fotografie, aber auch über spirituelle und metaphysische Themen. Ich habe mich fremd in der Welt, doch in der Szene zu Hause gefühlt, im Wunderland.

Stef und Ana aus Skopje

Štef und Ana aus Skopje

Als ich anfangs noch wenige Leute in „van Gogh“ kannte und einmal traurig vor mich hin saß, setzte sich ein Bekannter neben mich und meinte dass wir uns zwar kaum kennen, aber dass er mich liebt. Es war freundschaftlich gemeint, in meiner Muttersprache werden Wörter wie Liebe und Seele häufiger gebraucht. Ich liebte ihn bald auch sehr, Štef wurde einer meiner besten Freunde. An dem Abend hatte er meinen tiefen Schmerz gespürt und wollte mir nahe sein. Er rief mich raus und wir gingen in den nahen Waldpark. Ich solle mich abreagieren und meinen Zorn rauslassen. Wir brüllten die dreckigsten Schimpfwörter in den Äther, traten, sprangen und wirbelten uns, bis wir irgendwann fast in Gelächter erstickten. Dann liefen wir zurück und tranken weiter.

Wer weiß was einige dachten, bestimmte Scherze hatten wir immer wieder gehört, auch wenn wir uns so doll gedrückt und im Gras gewälzt hatten. Unsere Liebe blieb immer freundschaftlich, anders wäre beiderseits eine Abneigung wie vor Inzest aufgekommen. Wir waren uns sehr vertraut und tauschten uns über unsere Liebe zu anderen Menschen aus, die mit Begehren verknüpft war.

Der Krieg hatte bereits angefangen, zwar nicht in Mazedonien, sondern in anderen Teilen Jugoslawiens. Die Jugoslawische Volksarmee hatte davor in einer Nacht viele junge Männer aus den Wohnungen geholt und rekrutiert. In jener Nacht war ich im „van Gogh“ und mit einigen bis dahin noch wenig bekannten Leuten haben wir gemeinsam unseren Schock verarbeitet. Mein damaliger Partner war auch weg, seine Mutter hatte es mir weinend am Telefon erzählt. Wir wussten eine Weile nicht wo er ist und ob er lebt, und so ging es vielen. Wir konnten ihn einmal in kurz vor einer Kaserne sehen, er war verschlossen und wollte nicht kommunizieren. Ich musste bald mit Štef darüber reden.

Wir telefonierten leise nach Mitternacht von zu Hause aus und verabredeten uns. Wir wohnten noch bei unseren Eltern, üblicherweise gab es in Haushalten nur ein Festnetz-Telefon, das meistens im Flur war. Es war auch nicht drahtlos, es war nicht einfach möglich, ungestört länger zu telefonieren. Anfang der 90er hatte man weder Handys noch Internet. Wir liefen los, wohnten ungefähr an zwei Enden einer sehr langen Straße, der Partizanska (Partisanenstraße), und trafen uns in der Mitte. Die sonst stark befahrene Straße war nahezu stumm zu dieser Niemandsstunde, nur einige streunende Hunde bellten kurz und beruhigten sich bald. Wir redeten bis zum Morgengrauen.

Hinki mit geschnittenen Haaren

Hinki, mein weiser Schamane

Kurz vor dem endgültigen Zerfall Jugoslawiens bin ich nach Frankfurt gezogen, doch in diesem grausigen Sommer 1991 war ich in Skopje. Ich war immer wieder dort, und jedes Mal fehlten mehr und mehr der Leute aus der Szene. Antoni und Drakula (Saša) kamen bereits nach einer gemeinsamen Reise nach Amsterdam nicht mit zurück, aus Angst vor der Rekrutierung. Antoni ist damals nach Ägypten gereist und hat sich mit einem Kamelführer angefreundet. Wir haben uns mal bei seiner Durchreise über Frankfurt gesehen, haben uns mit einer Weinflasche an den Main gesetzt und er hat erzählt. Sein intensivstes Gefühl, das ihn bei einer Ankunft in eine Oase überkommen hat, hat er mit niemandem aus seiner Heimatstadt Skopje in dem Moment teilen können. Für seinen ägyptischen Freund ist es Teil des Alltags gewesen. Antoni lebt jetzt in der Nähe von Granada, Drakula in Rom. Robertino, den wir auch Laibach nannten, war auch weg. Er lebt in London, arbeitet im IT-bereich und ihm geht es gut. Für ihn sollte ich früher hin und wieder Texte aus dem Deutschen übersetzten, wir haben auch mal auf der Straße zusammen Lili Marleen gesungen. Anderen früheren Freunden ging es seitdem nicht gut. Hinki lebt, aber er ist kaputt.

Er war heroinabhängig und hat alle seine wunderbaren Gemälde verkauft. Zu der Zeit des latenten Krieges dort konnten viele den Zustand ohne Dröhnung nicht aushalten. Musiker schlossen sich lange in Garagen ein und spielten, um sonst nichts zu hören. Viele sensible junge Menschen waren drogenabhängig, auch welche, von denen ich es niemals hätte glauben können, wenn ich ihnen nicht in ihrem qualvollen Dasein begegnet wäre. Hinki war der Spitzname von Zlatko, auch Häuptling genannt. Er war Maler und ein charismatischer Performancekünstler mit einer durchdringenden tiefen Stimme, trug seine langen schwarzen Haare in einem dicken Zopf geflochten. Er lebt noch, ist aber für mich lange nicht mehr greifbar als Person, er ist nicht bei sich, er ist weg. Dabei war er mein weiser Schamane, konnte mir mit wenigen Worten so treffend meine Fragen beantworten oder meine Gedanken öffnen.

Ružni (übersetzt: Der Hässliche), ein sehr sympathischer Punk, ist tot. Bela Rada (übersetzt: Gänseblümchen), ein energischer intelligenter ehemaliger Punk-Schlagzeuger, lebt in der Schweiz und arbeitet als Krankenpfleger. Einige leben noch dort, in Skopje. Džabir, der früher auf Tische stieg und seine Gedichte aufsagte, kämpft über seine NGO dort für Menschenrechte.

Frankfurt und Darmstadt

Die ersten Jahre in Frankfurt waren von Heimweh und Sorgen begleitet. Ich setzte mein Architekturstudium in Darmstadt fort, nach einigen Jahren zog ich dahin. Im Studium waren sehr wenige, mit denen ich mich über Musik austauschen konnte. Ein Punk, den ich nur kurz kannte, schenkte mir eine Joy-Division-CD bevor er das Studium abbrach und seiner Weg ging. Es war die Zeit, als die ersten Alben auf CD erschienen.

Hauptfriedhof in Frankfurt

In den 90ern besuchte ich auch den Frankfurter Hauptfriedhof

Im Laufe der 90er wurden Gruftis in meinem Umfeld rar. Noch zu Beginn der 90er kaufte ich die Zeitschrift Zillo, später auch Orkus, ging in Frankfurt alleine zum Negativ oder Sinkkasten, zu Konzerten von Alien Sex Fiend und Dead Can Dance. Ich war introvertiert und habe kaum Kontakte geknüpft. In einer kleinen Clique hörten wir noch Tuxedomoon oder The Mission im Studentenwohnheim, mit anderen ging ich in die Goldene Krone, ein Kulturhaus durchzogen von echten Spinnennetzen.

Ein interessantes Phänomen aus dieser Zeit waren missverständlich wahrgenommene Codes meiner Kleidung und Verhalten. Mit meinem langen schwarzen Samtmantel und dem nach unten gerichteten Blick wurde ich manchmal für eine fromme Gläubige gehalten. Ich hatte meine schweigsamen Tage, an denen mir Selbsterklärungen mühsam waren und ich dadurch interessante Offenbarungen aus verschiedenen Kulturkreisen bestaunen konnte. Im Laufe der 90er habe ich mich mit den meisten Freunden in der Studienzeit in die Techno-House-Kultur begeben. Ich kann die Bezeichnungen aller Subgenres aus dieser Zeit nicht flott aus dem Gedächtnis holen. Was jedoch noch sehr Präsent in meinem Gedächtnis schwebt ist die Atmosphäre des Café Kesselhaus, mit den Backsteinwänden, Rohren und Gewinden, Stegen, der Dunkelheit und der tanzenden Menschen. Irgendwann wurde das Kesselhaus abgerissen, mein Studium ging zu Ende, ich musste mich orientieren, viel arbeiten und verlor immer mehr den Kontakt zur Musik als wichtige Inspirationsquelle und geistiges Elixier. Musik aus alten Zeiten konnte ich eine Zeit lang nicht hören, denn sie war Teil meines zermürbten schwarzen Wunderlands, das ich in einem Bündel vor mir selbst versteckt hatte, um in den ersten Jahren meines Berufslebens funktionieren zu können.

Seit einigen Jahren lebe ich wieder in Frankfurt, habe neben einigen alten Freunden auch neue interessante Menschen kennengelernt. In Frankfurt und Offenbach findet man verschiedenen Künstlergruppen, die interessante Ausstellungen, Atelierbesuche, Zwischennutzungen von Gebäuden, Rauminterventionen und Partys organisieren. Ich war und bin noch immer inspiriert vom regen Austausch mit vielen verschiedenen Menschen aus diesen Bekanntenkreisen, die in vielerlei Hinsicht auf Konventionen pfeifen und damit heutzutage und hier gut leben. Bei Äußerlichkeiten ist es je nach Berufsgruppe unterschiedlich, doch die individuellen Denkweisen empfand ich als unglaublich erfrischend. Es gab jedoch hin und wieder Situationen, in denen mir die für mich unerträgliche Musik die Freude dämpfte. Sie stand ja nicht immer im Vordergrund der Treffen, so dass ich versuchte, sie manchmal zu ignorieren.

Vielmehr weckte es aber in mit Durst nach neuer Musik, die ich richtig genießen kann. Bis zur Verbreitung der Musikhörmöglichkeiten im Internet war es ohne entsprechendes Netzwerk und Tipps etwas umständlich, diese zu finden. Ich blätterte verschiedene Musikzeitschriften und las Kritiken zu neuen Alben. Ich ging in Musikläden und suchte nach CDs, und lies sie mir abspielen, wie es lange üblich war. Selten wurde ich fündig, und die Suche war manchmal frustrierend. Auf Konzerte ging ich weiterhin meistens alleine. Ich merkte dass es noch oder wieder eine Schwarze Szene gibt, doch ich war draußen. Irgendwann hatte ich einen Rappel und wollte mich zumindest über die Entwicklungen der letzten Jahre informieren und stöberte neugierig im Internet. Das war im Jahr 2011. Ich hatte mal einen Stammbaum mit der Entwicklung der Techno-Subgenres gesehen, und habe nach etwas Ähnlichem für Darkwave oder Gothic gesucht. Sogar bei Wikipedia war ein Eintrag über die Schwarze Szene, der inzwischen erweitert ist, vor allem die Einzelnachweise. Unter Literatur war ein Link von einer Online-Fassung einer Diplomarbeit mit dem Titel „Entstehung, Inhalte, Wertvorstellungen und Ziele der schwarzen Szene – Die Jugendkultur der Waver, Grufties und Gothics.“ von Frauke Stöber. Den Text habe ich ausgedruckt und mit auf meinen Flug nach Skopje genommen. Es war sehr aufregend, nach so langer Zeit wieder eine Art Kontakt mit der Szene zu knüpfen.

Bibi Blue

Beim Zwischenstopp am Flughafen in Ljubljana, habe ich im Internet weitergestöbert und bin auf Black Flirt gestoßen. Ich mochte Partnerbörsen nie, doch alleine die Spalte mit über 80 aufgelisteten Szenetypen faszinierte mich. Verschiedene Metal- und Rock-Subgenres, aber auch Batcave, Darkvawe, Gothic und andere mir bis dahin unbekannte Wortkombinationen wie Endzeitromantiker. Das war eine riesige Informationsquelle, ich bin durch die Profile gehuscht und mir Bandnamen aufgeschrieben, diese angehört, mit einigen Leuten mich bald ausgetauscht und bin bald auf die Seite von Schwarzes Glück und dem Forum Schwarzes Rhein-Main hingewiesen worden (das es leider nicht mehr gibt). Im Forum gab es Informationen über den regelmäßigen Stammtisch in der Kleinen Hölle in Sachsenhausen in Frankfurt, Planungen von gemeinsamen Konzertbesuchen und anderen Unternehmungen, Austausch über Musik, Bücher und anderen Themen. Ich hatte mich registriert und drauflos kommentiert. Später merkte ich dass sich neue Mitglieder ausführlich vorstellten. Irgendwann habe ich mich getraut, live dazu zu stoßen, obwohl ich niemanden von den Mitgliedern persönlich kannte. Ich ging zum Schwarzen Opernplatztreffen in Frankfurt am 1. September 2012. Ich habe bereits an dem Tag wunderbare Menschen kennengelernt, mit denen ich inzwischen befreundet bin. Kurz darauf war ich mit einer Gruppe aus dem Forum zum gemeinsamen Fotoshooting auf dem Schloss Auerbach und zur Ausstellung „Schwarze Romantik“. Und ich muss gestehen, ich war 2015 zum ersten Mal auf dem WGT. Ich freue mich schon riesig auf das kommende Jubiläumstreffen, der Blauen Stunde und dem Spontis-Treffen. Ich lese gerne die Beiträge bei Spontis und Der schwarze Planet. In letzter Zeit habe ich viele neue Musikrichtungen und deren Vertreter kennengelernt und Freunden aus Skopje davon berichtet. Mein schwarzes Wunderland formiert sich neu.

19 Kommentare

  1. Eigentlich bin ich gerade etwas sprachlos, dennoch möchte ich Dir schnell danken. Ein sehr bewegender Einblick in die Vergangenheit, der in mir einige emotionale Erinnerungen hervorruft. Ich musste oft schlucken. Den Krieg in Jugoslawien habe ich natürlich nur aus der Ferne mitbekommen, aber er hat mich damals sehr beschäftigt. Jugoslawien war für uns ja ein Ferienland um die Ecke und ich war kurz zuvor noch dort. Plötzlich herrschte dort Krieg – nicht irgendwo weit weg, sondern ganz in der Nähe. Auch wenn ich damals recht behütet in einer deutschen Kleinstadt saß, hat mich das sehr erschreckt und ganz bestimmt auch ein Stück meiner heilen Welt zerstört.

  2. Orphi spricht aus, was ich mir eben nach dem Lesen dachte. Auch ich fühle mich ergriffen und ein sprachlos. Und bin immer noch irgendwo in deinem Text mit meinen Gedanken hängengeblieben… Danke.

  3. Ein wirklich spannender und bewegender Artikel!
    Wie ist man damals mit dir und deinen Freunden in Skopje umgegangen? Wenn ich das richtig lese, dann seid ihr ja schon aus dem Rahmen gefallen, oder?

  4. Sehr bewegend, da hast Du eine Menge erlebt und leider auch einige traurige Erfahrungen gemacht. Irgendwie musste ich bei Deinem Bericht an den Film „Persepolis“ denken, auch wenn dieser nur kleine Überschneidungen mit Deiner Geschichte bietet. Vielleicht kennt ihn jemand von euch, er handelt von einem jungen Mädchen aus dem Iran in den politischen Wirren ihres Heimatlandes, das sich nicht anpassen will/kann und schließlich nach Deutschland kommt, wo sie nicht richtig Anschluss findet, diverse Szenen durchläuft und letztlich immer mehr Sehnsucht nach ihrer Heimat bekommt… Wie dieser Film hat Dein Bericht gezeigt, wie es sich anfühlen muss, wenn die Heimat politisch auseinanderbricht, Familien auseinandergerissen werden, Nachbarn plötzlich zu Feinden werden und sich niemand mehr sicher und glücklich fühlt. Doch auch in der scheinbar sicheren Fremde ist nicht alles besser und schön…

  5. Ich danke euch für die Worte, die Ihr dennoch gefunden habt.
    Ich habe einige Aspekte des gesellschaftlichen Kontextes beschrieben, einige wichtige biografische Punkte und meine Empfindungen dazu. Es spielen noch viele andere Aspekte eine Rolle, doch irgendwo musste ich anfangen.
    In Jugoslawien war es im Vergleich zu anderen sozialistischen Staaten etwas entspannter.
    Zudem war Jugoslawien als blockfreier Staat dem Westen gegenüber offener. Aber auch dort war es schwierig wenn man aus dem Rahmen gefallen ist. Es war anmaßend, wie Lehrer und Professoren wegen äußeren Merkmalen jemanden unter die Lupe genommen haben. Die Art war auf jeden Fall manchmal gzenzüberschreitend. Ich war zu der Zeit noch sehr jung, habe aber ab und zu mitbekommen, welche Schwierigkeiten Künstler und Autoren hatten. Das betraf nicht nur die Szene, sondern viele, die nicht opportunistisch, sondern ehrlich und aufrichtig gehandelt haben.

  6. Der Film „Persepolis“ hat mich sehr bewegt, ich habe mir danach auch das Comicbuch geholt. In manchen Teilen Jugoslawiens ist es beim Zerfall des Staates zu grausamen Umständen gekommen. In Skopje selbst war kein Krieg wie in manchen anderen Teilen des Landes, doch man hat die Auswirkungen davon sehr stark gespürt. Richtige Gruselgeschichten muss ich jetzt aussparen. Ich war für mein Leben entsetzt, wie schnell die allgemeine „Stimmung“ in einer Gesellschaft kippen kann. Gleichzeitig habe ich es besonders schätzen gelernt, wenn Menschen dabei Verstand und Güte behalten haben.

  7. Auch ich danke dir für diesen wundervollen, bewegenden Artikel. Danke für die Einblicke in dein schwarzes Wunderland.

  8. Ich habe es mit großem Interesse gelesen. Ich bin selbst aus Ostberlin und habe später (anfang der 90er) in Frankfurt Sachsenhausen gewohnt…außerdem habe ich mit der Frauke in Vorbereitung ihrer Arbeit über die Szene in Berlin gesprochen. Tja-
    Gruß und Wink!

  9. > Leif, auch die schwarze Welt ist wohl „klein“. Wink zurück!
    > Levi, das schwarze Wunderland wächst wieder. ;-)

  10. In der Tat ein sehr bewegender Bericht über deinen Lebensweg. Danke für diesen Einblick!

  11. Dein Text ist sehr berührend und auch wenn es mir aktuell arg an Zeit mangelt, hier MUSS ich etwas schreiben. Hab vielen Dank dafür!

    Gerade vor deinen Erinnerungen an den Krieg damals, wird mir bewusst, wie oft dieser Hass, diese Kriegsrethorik hier heute bereits bei den Menschen in ihren Gesprächen und vor allem in den Medien zu vernehmen ist. (Links gegen Rechts, Gläubige gegen „Ungläugibe“, „Die da unten – die da oben“, Russland-EU-USA, usw…diese ganze sich aufschaukelnde diffuse Gemengelage. Mir gefällt das überhaupt nicht.

    Wie nimmst du das wahr?

  12. Faszinierend.

    Als ich um 2000 rum ein paar Jahre in Hessen verweilte, kamen dort einst punkig angehauchte Bekannte auf mich zu und meinten, dass sie den ostdeutschen Punk bewunderten. Besäße dieser doch mehr Seele als jener, der sich »hier im Westen« gebildet hatte. Ich unterstellten diesen mal dass sie sich auskannte, diese Aussage somit korrekt sei und schlussfolgerte daraufhin sinngemäß, das könne daher kommen, dass ehrliche Auflehnung nur innerhalb wirklich gelebter Zwänge, gefühlter Enge und realer Tristes entstehen könnte. Und da dieses im sozialdiktatorisch geführten östlichen Raum doch weitaus deutlicher zu spüren gewesen war, als im liberal gestrickten Westen, wirkte dieser Punk eben authentischer und damit kraftvoller. Zudem musste man dort experimenteller sein.

    Was ich damit sagen will, mittlerweile neige ich dazu, dieses auch auf das Gothwesen zu übertragen. Denn wie ich finde, ist es nach wie vor eine Mentalität, die den Gebrochenen oder irgendwie in Ketten gelegten innewohnt. Und wenn die DDR eines konnte, dann zur Perfektion versinnbildlichen, dass man als Freigeist oder als sensible anpassungsunwillige Gestalt entweder schnell in Ketten gelegt oder gar gebrochen werden kann. Zumindest entstand dieser Eindruck aus meiner Zonenprägung in den nun zig Jahren BRD.

    Zwar möchte ich jetzt keine Mentalitäten qualitativ gegenwiegen, doch der Weg zum »Goth« erschließt sich mir in der allgegenwärtigen Depression jenes ehemaligen Ostblocks mehr, als innerhalb eines Alltags aus Coke, Ikea-Möbeln im Studentenzimmer, Reisefreiheit und Super-8-Privatkino. Oder gar innerhalb der Neuzeit.

  13. Bibi, wie bewegend! Ich war sehr gefesselt von deinem Lebensbericht, faszinierend und traurig manchmal. Ganz ungewohnte Einblicke was Jugoslawien angeht. Einfach DANKE dafür & liebe Grusels!

  14. Irgendwie schäm ich mich jetzt fast ein bisschen für die Worte, die ich für mich gefunden habe.
    Ungeheuer bewegender Bericht, den ich nicht ohne eine gewisse Beklemmung lesen konnte.

  15. Bitte nicht schämen. Ich hätte ja gerne auf einige Erfahrungen verzichtet, die mich krank gemacht haben. Man wählt nicht wo man hingeworfen wird. Ich finde es hingegen bewunderswert, wenn jemand sich eben nicht einfach in dem „Alltags aus Coke, Ikea-Möbeln im Studentenzimmer, Reisefreiheit und Super-8-Privatkino“ (Guldhan) suhlt, sondern sich gerade in einer skrupellosen Wettbewerbs- und Scheinwelt gegen Verdumpfung wehrt. Da ist es eben nicht offensichtlich, wie man angefixt wird. Eine junge Band aus Skopje hatte auf ihrer Webseite über Edward Bernays Folgendes stehen: „Wenn er nicht bereits tot wäre, würden wir ihn umbringen.“ Zu seinem Buch „Propaganda“ steht z. B. bei Amazon: „Edward Bernays (1891-1995) gilt als Vater der Public Relations. Bernays machte nicht nur das Werk seines Onkels Sigmund Freud populär, er bediente sich auch bei der Psychoanalyse und entwickelte auf ihrer Basis Methoden zur Steuerung der öffentlichen Meinung.“ Das klingt ja noch harmlos im Vergleich zum Rest, was man über ihn lesen kann. Es gibt eben offensichtlichen und schleichenden Schleim. Dazu zählt auch die „aufschaukelnde diffuse Gemengelage“ (Gruftfrosch). Hauptsache man lässt sich nicht auf ihn ein.

  16. Da hast du wohl recht Bibi.

  17. Liebe Bibi,

    mit gespannter Aufmerksamkeit und verbürgter Achtung habe ich deinen Beitrag gelesen. Dein Schreibstil und sein Detailreichtum bewirken intensive Einblicke in sehr Persönliches, ja fast schon Intimes aus deiner Vita. Du artikulierst deine Gefühle sehr offen, aber dennoch bedacht. Das gefällt mir. Besonders interessant finde ich, dass die Herausbildung einer Szene und dein Einstieg in diese im Kontext der damals vorherrschenden politischen Verhältnisse die Betrachtung aus einer ganz anderen, existentielleren Perspektive ermöglicht. Dein Bericht ist nachhaltig beeindruckend, wäre er das erste Kapitel eines Buches, hätte ich dieses bereits ausgelesen.

  18. Ein sehr faszinierender und bewegender Einblick in dein schwarzes Leben!
    Danke auch für den interessanten Austausch gestern :)

    LG Rigor-Mortis aus der 4.Dimension :)

  19. > ColdAsLife, vielen Dank. Die Gothic-Friday-Frage hatte in mir so viele Erinnerungen wachgerufen.
    Leider wurden durch eine für mich niederschmetternde Nachricht heute noch so viele andere Erinnerungen geweckt. Hinki ist tot. Ich werde erstmal eine Zeit brauchen, um wieder zu mir zu kommen.

    > Rigor-Mortis, ich danke Dir ebenfalls und freue mich auf meinen nächsten Besuch in der 4. Dimension.

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