Alter Südfriedhof München: „Do legst di nieda!“

Im Jahre 1563 wurde auf Veranlassung von Herzog Albrecht V. der Alte Südfriedhof in München als Pestfriedhof mit dem Namen „ferterer Freithof“ (äußerer Friedhof) außerhalb der Stadtmauern angelegt. Er ist auch als Alter Südlicher Friedhof bekannt. Der Friedhof befindet sich einige hundert Meter südlich des Sendlinger Tors und erstreckt sich zwischen der Thalkirchner Straße im Westen und der Pestalozzistraße im Osten.

Mit einer maximalen Breite von 180 Metern erstreckt er sich über eine Fläche von knapp zehn Hektar. Die nördliche und südliche Begrenzung bilden der Stephansplatz und die Kapuzinerstraße, wodurch eine Distanz von 720 Metern entsteht. Über einen Zeitraum von 80 Jahren, von 1788 bis 1868, diente der Alte Südfriedhof als einzige und allgemeine Begräbnisstätte für Verstorbene aus dem gesamten Stadtgebiet. Aus diesem Grund finden sich hier die Gräber zahlreicher prominenter Münchner Persönlichkeiten. Die architektonischen Besonderheiten der Gräber sind ein weiteres Highlight des Friedhofs, genauso wie die unberührte Natur, die das Gelände umgibt. Aber auch die Kunst auf dem Friedhof wird einem berühren – Skulpturen und Denkmäler erzählen hier ihre eigene Geschichte.

Wilhelm Scheuchzer: Der Alte Südfriedhof 1830; Quelle: Wikipedia

Entstehung und Ende des Alten Südfriedhof

Wegen der Pestepidemie im Jahr 1563 waren die Friedhöfe in München überfüllt. Um dieses Problem zu lösen, wurde ein neuer Friedhof vor dem Sendlinger Tor außerhalb der Stadt angelegt und erhielt den Namen „Fertere“ oder Äußerer Friedhof. Während des Einmarschs der Schweden im Jahr 1632 wurde das hölzerne Salvatorkirchlein abgerissen, welches 1576 erbaut worden war. Die Mauer des Friedhofs wurde zerstört, um den Schweden keine Möglichkeit zur Verschanzung zu geben. Im Jahr 1674 wurde dann die Stephanskirche als Ersatz für das Kirchlein geweiht. Im Zeitraum von 1705 bis 1706 wurden auf dem Friedhof mehrere Massengräber angelegt, in denen die Opfer des Massakers von Sendling begraben wurden – insgesamt waren es damals 682 Menschen.

Der Hauptfriedhof entstand außerhalb der Stadtgrenzen von München im Jahr 1789 aufgrund eines Verbots von Bestattungen innerhalb der Münchner Stadtmauern durch Kurfürst Karl Theodor. Alle Grabstellen und Kirchengrüfte in der Stadt wurden daraufhin aufgelöst und ihre Gebeine auf den „Fertener Gottesacker“ verlagert. In vielen Fällen fanden jedoch nur noch anonyme Beisetzungen statt. Das Staatsarchiv beherbergt zahlreiche Petitionen von Bürgern, die versucht haben, ihre alten Familiengrüfte zu erhalten – leider erfolglos. Zwischen 1818 und 1821 wurden unter Mitwirkung des königlichen Hofbaumeisters Gustav Vorherr und des Gartenarchitekten Friedrich Ludwig von Sckell das Leichenhaus und die Arkadengewölbe unter dem Konzept einer „sprechenden Architektur“ gebaut. Die Gräber wurden nun in einer klaren geometrischen Anordnung gestaltet, mit Reihengräbern entlang der Friedhofsmauer und einem halbkreisförmigen Arkadengewölbe im Süden. Unabhängig vom sozialen Stand oder Beruf vereinte dieser Friedhof alle Menschen – ob arm oder reich.

Schon 1818 schlug Johann Schmeller vor, auf dem Südfriedhof ein Denkmal zu errichten, um an die Opfer des Bauernaufstandes von 1705 zu erinnern. In der Nähe der südlichen Umfassungsmauer befand sich ein großer Grabhügel ohne Kennzeichnung, in dem angeblich über 500 Tote begraben waren – genau dort sollte das Denkmal platziert werden. Im Jahr 1825 entwarf Leeb einen verwundeten Löwen für das Denkmal, aber dieser Entwurf wurde nie realisiert. Später erstellte Franz Xaver Schwanthaler einen neuen Entwurf für das Denkmal, welcher dann von Friedrich von Gärtner überarbeitet wurde. König Ludwig I. spendete eine schwere Kanone als Material für den Guss des Denkmals; diese Kanone wurde eingeschmolzen sowie in eine Brunnenwanne mit sechzehn Ecken umgewandelt.

Am Allerheiligentag am 1. November 1831 fand die feierliche Enthüllung statt. Das Denkmal besteht aus Bronze und kann als Brunnen oder Weihwasserbecken empfunden werden. Friedrich von Gärtner fügte dem Kreuz gotische Elemente hinzu. Es gilt allgemein als Münchens erstes Kunstwerk im neugotischen Stil und ist bis heute im Originalzustand erhalten. Das Denkmal befindet sich auf Gräberfeld 6 und erinnert an die tragischen Ereignisse des Bauernaufstandes von 1705.

Im Jahr 1840 beauftragte König Ludwig I. Friedrich von Gärtner mit der Erweiterung des Alten Südlichen Friedhofs, der zuvor als Zentralfriedhof bekannt war. Gärtner plante die Erweiterung im Stil eines Campo Santo, ähnlich dem Certosa-Friedhof in Bologna, mit 175 umlaufenden Rundbogenarkaden.

Der Alte Südliche Friedhof blieb bis zur Eröffnung des Alten Nördlichen Friedhofs an der Arcisstraße in der Maxvorstadt im Jahr 1868 weiterhin ein zentraler Bestattungsplatz. Im Jahre 1898 beschloss der Magistrat nach einem gestaffelten Zeitplan die Schließung des alten südlichen Friedhofs. Zum 1. Januar 1944 wurden dort keine Beerdigungen mehr durchgeführt.

Aufgrund vieler Bestattungen über einen Zeitraum von mehr als drei Jahrhunderten war der Boden im alten Teil des Friedhofs mit Knochen und anderen Überresten übersättigt und nicht länger für weitere Beisetzungen geeignet. Während des Bombenkriegs in den Jahren 1944/45 wurde das Gelände schwer beschädigt.

In den Jahren 1954/55 erfolgte eine Neugestaltung des Friedhofs nach Plänen von Hans Döllgast. Heute steht das gesamte Areal unter Denkmalschutz. Von 2004 bis 2007 wurde aufgrund drohender Einsturzgefahr und der schlechten Standsicherheit vieler Grabmäler, die Sanierung des Friedhofs und Renovierungsarbeiten an der Stephanskirche durchgeführt. Durch diese Maßnahmen konnten künstlerische und kulturhistorische Denkmäler und Gräber erhalten werden.

Lapidarium im Alten Südfriedhof

Das Lapidarium, das die Geschichte und Architektur des Alten Südfriedhof widerspiegelt, wurde jahrelang als Lagerraum für Geräte genutzt. Am 8. Dezember 2009 wurde es nach einer Restaurierung der Öffentlichkeit wieder zugänglich gemacht. Dieses Projekt wurde von der Stiftung Straßenkunst der Stadtsparkasse München finanziert. Die ehemalige Aussegnungshalle dient nun als Museum mit Werken des Bildhauers Franz Jakob Schwanthaler sowie weiteren Exponaten aus dem Fundus des Friedhofs. Durch das Eingangsgitter kann man jederzeit einen Blick auf das Lapidarium werfen. Bei Führungen oder Sonderveranstaltungen besteht auch Zugang zu diesem Bereich, wo neben den kunsthistorischen Objekten wie Skulpturen, Bronzetafeln und Büsten Einblicke in die Bestattungskultur vergangener Jahrhunderte geboten werden sowie mittels einer animierten Filmvorführung ein Eindruck von der historischen Entwicklung dieses denkmals- und naturschutzgeschützten Friedhofs und seiner Bestattungskultur in München vermittelt wird.


Südfriedhof München: Gräber berühmter Persönlichkeiten

Auf dem Friedhof finden sich viele berühmte Münchner Persönlichkeiten aus Kunst, Literatur, Architektur, Politik und Wissenschaft. Zum Beispiel der Architekt des Neuen Münchner Rathaus Georg von Hauberisser oder Andreas Michael Dall’Armi, der König Ludwig I. die Idee zum Oktoberfest gegeben haben soll. Die Gebrüder Schlagintweit, die 1855 angeblich ohne Sauerstoff den Himalaya bestiegen haben sollen. Clara Vespermann, eine Operndiva oder Wilhelm von Kaulbach, der im 19. Jahrhundert durch große Wand- und Deckengemälde mit geschichtlichem Inhalt sehr bekannt war.

Theaterbühne mit Schauspielern 1881
Künstler-Kostümfest der Akademie der bildenden Künste »Kneipreise um die Welt« in Kil’s Colosseum 1881; Quelle: Wikipedia

Südfriedhof München: Skandalöse und schaurige Geschichten

Eine in München bekannte Geschichte handelt von neun Kunststudenten, die am 18. Februar 1881 an einem Kostümball im „Kolosseum“ in der Hans-Sachs-Straße teilnahmen und tragischerweise ums Leben kamen.

Die Studierenden hatten ein Iglu als Kulisse für ihre Verkleidungen im arktischen Stil errichtet. Doch mitten in der Nacht geschah ein schreckliches Unglück: Ein Student, verkleidet als Eskimo, grillte über einem offenen Feuer. Dabei fing die Watte seines Kostüms Feuer und der junge Mann geriet in Flammen. Auch die Helfer um ihn herum wurden von den Flammen erfasst und während auf der anderen Seite fröhlich gefeiert wurde, kämpften mehr als zwölf Menschen verzweifelt um ihr Leben. Leider starben letztendlich neun von ihnen an ihren schweren Verbrennungen.

Diese besondere Karnevalsnacht im Jahr 1881 wird bis heute als „Eskimotragödie“ bezeichnet, da es heißt, man könne nachts noch immer die Schreie der Opfer hören.
Der Ort, an dem die Studenten auf dem alten Friedhof begraben liegen – parallel zur Pestalozzistraße -, erinnert noch immer an ihren qualvollen Tod.

Im Jahr 1903 entschied sich Georg Lorenz‘ Ehefrau dazu, das auf dem Alten Südfriedhof begehrte Grab ihres angesehenen Händler-Ehemannes zu verkaufen. Diese drastische Maßnahme war aufgrund ihrer erdrückenden Spielschulden notwendig geworden. Doch statt ihn auf dem Friedhof für Wohlhabende zur letzten Ruhe zu betten, wählte sie heimlich den Armenfriedhof als seinen finalen Ort der Bestattung aus.

Heute wird der alte Friedhof von vielen Münchner als Parkanlage zum Spazieren, die Natur genießen oder einfach dem Großstadtrummel zu entkommen genutzt.

Südfriedhof München: Heutige Nutzung

Der Alte südliche Friedhof in München ist heute ein beliebter Ort für Einheimische und Touristen gleichermaßen. Hier genießen Eltern die Möglichkeit, ihre Kinderwagen sicher durch das schöne Gelände zu schieben, während andere spazieren gehen, Ruhe suchen oder die Natur beobachten. Auch Kunsthistoriker oder Fotografen mit ihren Models sind häufig an diesem ruhigen Ort anzutreffen. Für interessierte werden auch Friedhofsführungen angeboten, selten findet dort auch Abendveranstaltungen statt.

Friedhofsgalerie:

(Fotos: (c) Christian Lindemann www.gruftwurm.de)

 

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Gruftfrosch
Gruftfrosch(@gruftfrosch)
Vor 2 Monate

Vielen Dank für diesen Einblick in die wechselvolle und mitunter tragische Geschichte dieses Friedhofs. Deine Bilder dazu sind der Hammer… Wunderschön.

Gruftfrosch
Gruftfrosch(@gruftfrosch)
Antwort an  Gruftwurm
Vor 2 Monate

Da hast du recht. Das hätte er.

Daniel
Daniel (@guest_64077)
Vor 2 Monate

Während meiner Studentenzeit wohnte ich unweit vom Südfriedhof in der Maistrasse. Wann immer sich mir die Gelegenheit bot hatte, schlenderte ich durch diesen Mikrokosmos oder las dort auf einer Bank Bücher für die Uni. Besonders im Sommer war meine kleine Dachwohnung (meine erste eigene Butze) unerträglich warm; die schattigen Plätzchen des Friedhofs spendeten immer eine angenehme Kühle. Und obwohl es wirklich sehr zentral in München gelegen ist, „schluckte“ der Ort die Geräusche, sodass man vom Trubel Abstand nehmen konnte. Ein wunderschönes Fleckchen Erde, das ich wirklich jedem empfehlen kann.

das H. Gen
das H. Gen(@hagen)
Vor 2 Monate

Klasse Bericht! Den Südfreidhof haben wir auch dieses Jahr besucht und ich wollte einen Artikel darüber verfassen. Aber das kann ich mir jetzt sparen, du hast alles super untergebracht.

DSCN8703
das H. Gen
das H. Gen(@hagen)
Antwort an  Gruftwurm
Vor 2 Monate

Ja, ein paar Gottesacker habe ich noch „auf Lager“. :-)

Tanzfledermaus
Tanzfledermaus(@caroele74)
Vor 2 Monate

Jetzt kam ich endlich mal dazu, diesen interessanten Artikel in Ruhe zu lesen und auf mich wirken zu lassen.

Ein Friedhof, der in seiner Geschichte einiges an Unruhe erlebt hat, und heute wiederum Ruhepol in der Metropole ist.

Sollte ich mal nach Münschen kommen, werde ich ihn mir ganz sicher ansehen, Dene Fotos machen auf jeden Fall Lust darauf, da scheint es ja recht „wilde“ Ecken zu geben :-)

Letzte Bearbeitung Vor 2 Monate von Tanzfledermaus
Tanzfledermaus
Tanzfledermaus(@caroele74)
Antwort an  Gruftwurm
Vor 2 Monate

Ich vermute mal, wenn man die Hektik und den Stress aus Berlin gewöhnt ist, kommt einem München selbst schon beschaulich vor ;-)
Berlin ist wirklich gruselig geworden.

Letzte Bearbeitung Vor 2 Monate von Tanzfledermaus
Durante
Durante(@durante)
Vor 1 Monat

Mit wunderschönen Fotos rechne ich bei unserem Gruftwurm ja sowieso bereits (was nicht bedeutet dass ich sie nicht zu schätzen weiß! ;) ), aber auch der Artikel ist sehr gelungen – Vielen Dank für die Recherche und Mühe die darin steckt!
PS: Irgendwie eine ziemliche Schande dass ich es immer noch nicht auf den Südfriedhof geschafft habe bislang… :-|

Durante
Durante(@durante)
Antwort an  Durante
Vor 1 Monat

…und weil ich vergessen habe es zu erwähnen: Vielen Dank auch für die köstliche Überschrift! ;D

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