Weihnachtsterror zwischen Büchern und Tee

Ich wusste, ich hätte zu Hause bleiben sollen. Ich folgte jedoch dem inneren Ruf nach Kontakt mit der Außenwelt, ignorierte die Stimme der Vernunft und wagte mich in die Fußgängerzone. Mal wieder in der Auslage der Buchhandlung stöbern, den heimischen Tee-Vorrat auffüllen oder vielleicht eine spielerische Herausforderung?

Wie naiv ich doch war. Es hätte doch klar sein müssen, dass ich 2 Tage vor dem Weihnachtsfest auf eine einkaufswütige Masse treffen würde, die verzweifelt versucht, das letzte Geschenk für die unliebsame Verwandtschaft zu ergattern. Ich meine, wenn einem die Ideen ausgehen geht man doch in die Buchhandlung, um ein Buch zu kaufen, von dem man sich vorstellen könnte, dass es der andere gebrauchen könnte. Bücher zu verschenken, ja das adelt doch die eigenen Absichten an den Bildungsanspruch. Schnell ein Buch mit den gesammelten Werken von Hermann Hesse, oder einen Gedichtband von Rilke? Das wirkt literarisch, belesen, gebildet – ganz egal ob der andere überhaupt Geschmack dafür erübrigen kann. Ich fühle mich gut, weil ich Bildung verschenke und der andere muss sich einfach gut fühlen, weil man ihm zutraut für solche Werke zugänglich zu sein. Ein vermeintliche Win-Win Situation. Und wenn alle Ideen ausgehen, dann eben ein Gutschein, mit dem kann man doch immer was anfangen.

Schnell merkte ich, dass es ein vollkommen behämmerte Idee war, in die Buchhandlung zu gehen, 2 Tage vor dem Fest. Ich suchte Rettung in der Teehandlung. In Zeiten von Kaffeemischgetränken und Weinflaschen, die man Weihnachten nun mal schenkt um das Fest halbwegs zu ertragen., schien das eine gute Alternative zu sein. Wie engstirnig von mir. Hätte ich nur einen Schritt weitergedacht, wäre mir in den Sinn gekommen, dass Tee so ähnlich eingesetzt wird wie Bücher. Schlimmstenfalls sogar zusammen. Ich meine 9,99€ für ein Buch? Und das zu Weihnachten? Den meisten ist diese Form der Wertschätzung des anderen zu gering und nur ein Buch mit einer fertig gedruckten Karte? Nein, das geht nicht. Also legt man zu Daniela Katzenbergers Werk „Sei schlau, stell Dich dumm“ noch schnell einen möglichst absurden Kräutertee mit Hustenbonbongesschmack oder eine Schwarztee-Mischung von der man gehört hat, dass sie gut sein soll. Und weil man selbst keine Ahnung hat, löchert man die überforderten Verkäuferinnen, um am Weihnachtsabend mit möglichst fachkundigen Aufbrüh-Hilfen aufwarten zu können. So tapsten hilflose Kunden durch den Teeladen und behinderten mich massiv beim Kauf meines geliebten Earl Grey, den ich ja eigentlich auch nur trinke, weil Jean-Luc Picard ihn auch trinkt. Ich wollte einfach nur weg.

Ich spare mir den Weg zur ortsansässigen Spielehandlung, irre verwirrt an den Fressbuden des Weihnachtsmarktes vorbei und lasse mich von der mit Glühwein geschwängerten Luft einhüllen, während ein ums andere mal „Rudolf the Rednose Reindeer“ durch die Lautsprecher dudelt. Es gibt kein Entrinnen, ich muss hier durch! Ich habe mir die Suppe eingebrockt, also muss ich sie jetzt auch auslöffeln. Der aufgesetzt-fröhliche Weihnachtsmann am Eingang der Einkaufgalerie, in dessen Parkhaus ich meinen Wagen abgestellt habe, passt da wie die Faust aufs Auge. Einen Gutschein für den nächsten Bücherkauf? Die Gratis-Tee-Probe „Wintertraum“ der benachbarten Teehandlung? Nur meine gute Erziehung und gefestigte Vorstellung von Moral und Ethik halten mich davon ab, ihm mit seinem künstlichen Bart zu erwürgen, während die Glocke aus seiner Hand zwischen seinen Zähnen steckt. Hilfe! Weihnachtsterror!

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Jessica
Jessica (@guest_16719)
Vor 10 Jahre

Du magst Earl Grey, das beweist Deinen guten Geschmack! :) Ich gebe zu, ich habe auch erst angefangen, den zu trinken, als ich TNG-Fan wurde. Wenn Jean-Luc ihn mag, muss da ja etwas dran sein. In diesem Sinne: Tee, Earl Grey, heiss. ;)

Will
Will (@guest_16720)
Vor 10 Jahre

*grinst* Noch jemand der auch über Jean-Luc zum Earl Grey gekommen ist: ich bin nicht mehr alleine.

Alsuna
Alsuna (@guest_16721)
Vor 10 Jahre

Geht es also nicht nur mir so..*G*..lieber Earl Grey als Janeways Kaffeesucht…obwohl drollig ist das ja.

Marcus
Marcus (@guest_16722)
Vor 10 Jahre

Bin ich froh, dass ich keine solch abartigen Rufe nach Kontakten zur Außenwelt höre ;-)

Orphi
Orphi(@orphi)
Editor
Vor 10 Jahre

Ich finde Bücher als „Ausweichgeschenk“ besser als Geschenke wie die neueste Ausgeburt der Mainstream-Musik-Mafia oder die trendigste technische Errungenschaft, die kein Mensch wirklich braucht. Also: Weiter Bücher kaufen! Am besten in der kleinen Buchhandlung um die Ecke. Selbst, wenn der Beschenkte das Buch nur ins Regal stellt, hat man zumindest für die Autoren und die Buchhändler was Gutes getan. Ach ja… ich rede von Büchern, nicht von Prominenten, die ihren Senf einem Ghostwriter diktieren oder mit ihren geistigen Ergüssen schnell Geld machen wollen.

Earl Grey? Make it so! :-) Yeah!

Orphi
Orphi(@orphi)
Editor
Vor 10 Jahre

Stimmt! Die Bestseller-Listen sind voll von Büchern, die sich nicht unbedingt zu lesen lohnen. Aber wenn sich schon jemand in eine Buchhandlung begibt, so wie du es beschreibst, ist die Wahrscheinlichkeit recht hoch, dass er für sich oder andere interessante und auch passende Titel entdeckt. Und jede Geschichte und auch jedes Sachbuch ist in meinen Augen ein schöneres Geschenk als oben genannter Blödsinn. Das ist sicher eine sehr subjektive Beurteilung, aber dafür sind Kommentare ja da. ;-)Das Los der Autoren ist es nunmal, dass es für jedes verkaufte Exemplar nur sehr wenig Geld gibt. Aber Kleinvieh macht auch Mist …und Freude.

Orphi
Orphi(@orphi)
Editor
Vor 10 Jahre

Das ist Blödsinn! Es gibt viele viele viele gute Bücher, die alle nix mit Katzenberger zu tun haben und auf den zahlreichen Tischen und in den Regalen der Buchhandlungen beworben werden. Und dein Artikel bezog sich auf Leute, die sich bereits in die Buchhandlung begeben haben. Hast du den Kern der Geschichte nicht verstanden? HEHE :-)

Orphi
Orphi(@orphi)
Editor
Vor 10 Jahre

Die Buchhandlungen sind im Rest des Jahres nicht leer. Das kannst du aber nicht wissen, weil du ja nur dort bist, wenn du schnell noch Ausweichgeschenke kaufen musst. :-) Wer von uns beiden war noch mal der Optimist? :-)

Orphi
Orphi(@orphi)
Editor
Vor 10 Jahre

Nur Liebe und Anwesenheit? Geizhals! :-)

Marcus
Marcus (@guest_16732)
Vor 10 Jahre

Von meiner Seite aus gibt es auch nicht mehr. Da bin ich stur. Warum sollte mir ein Feiertag den Zeitpunkt für Geschenke vorgeben? Unerwartet sind Geschenke doch viel spannender und schöner. Und meistens auch sinnvoller.

Kann mir mal jemand sagen, wer Bücher von dieser Katzenberger liest? Oder werden die nur gekauft, aber nie gelesen? Na ja, wobei ich mich leider viel zu oft frage, warum sich so viele Pseudo-Autoren eine goldene Nase verdienen konnte…

Rosa Chalybeia
Rosa Chalybeia(@rosa-chalybeia)
Vor 10 Jahre

Mein Mitgefühl!
Ich bin ganz froh drum heuer von dem Summs nicht viel mitbekommen zu haben, mein Freund allerdings musste sich die Tage notgedrungen ins Getümmel stürzen und hat beim Lesen des Artikels auch alles sehr gut nachfühlen können ;)

Bei uns ist die Sache klar: ich lass mir freiwillig Bücher schenken :D – läuft meistens auf Sachliteratur raus ;)
Und von mir gibts selbstgemachtes Textiles :)

Dafür kann man sich hinter der Maschine von der Aussenwelt abkapseln – erste Nerventötungen tauchten tatsächlich heute erst auf beim „Genuss“ des unausweichlichen „Last Christmas“ auf. Wobei ich erstaunt bin das tatsächlich so spät erst zu Gehör zu bekommen … wobei, ich hör freiwillig eigentlich eh kein Radio.
Bleibt nur zu hoffen daß morgen bei Eltern meine Mutter nicht um 8 Uhr früh besagte Scheibe auf Dauerschleife stellt – mein altes Zimmer im elterlichen Eigenheim steht genau neben der Anlage und es kam tatsächlich schon vor daß über die Feiertage eine bestimmte Weihnachts-CD auf Repeat von früh an vor sich hin dudelte.
Da soll sich mal wer wundern wenn man irgendwann die Tür hinter sich zumacht um sich mit Throbbing Gristle mal den Gehörgang freizupusten …

Generell ist die Grundidee mit der ruhigen Jahreszeit und einem besinnlichen Fest was sehr schönes, nur ist der Grundgedanke von der heutigen Gesellschaft ziemlich pervertiert worden.
Ich schenke nur sehr wenigen Menschen etwas. Und aus Prinzip mache ich diese Geschenke so weit wie möglich mit meinen eigenen Händen.
Gilt auch für andere Anlässe wo Geschenke im Spiel sind – wer das nicht zu schätzen weiß der hat bei mir potentiell schon schlechte Karten.

MysteraXIX
MysteraXIX (@guest_16734)
Vor 10 Jahre

Siehste Robert, das unterscheidet uns Beide. Ich dagegen genieße grad in der Vorweihnachtszeit diesen Einkaufsstress. Es gibt doch nichts schöneres, als absolut nichts notwendiges auf seinem Zettel stehen zu haben und dabei die Massen bei ihren Gewalteinkauf zu beobachten.

NorthernNephilim
NorthernNephilim (@guest_16735)
Vor 10 Jahre

Na wer von Mitte November an in Spielzeugläden – generell in Läden welcher Art auch immer rennt und da Ruhe erwartet ist selber schuld.

„Last Christmas“ ist in den hiesigen Weinachtsmarkthitparaden übrigens stark von den Grafen in Bedrängnis gebracht worden. ^^

So ich geh mal schon die Osterhasen besorgen. Sollten ja ab nächste Woche schon im Sortiment sein ……

Marcus
Marcus (@guest_16737)
Vor 10 Jahre

Es gibt Geschäfte, die jetzt schon Osterhasen und ähnliches anbieten. Kein Scherz!

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