CiraLaMare - Peinliche Bilder

Schwarze Flecken in der Vergangenheit – Früher war alles … peinlich?

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Wie ich früher rumgelaufen bin? Total Peinlich!“ Vor ein paar Tagen wurde mir ein Video einer gewissen „CiraLaMare“ präsentiert, in dem sie sich mit Bildern aus ihrer Gothic-Vergangenheit beschäftigt, die sie rückblickend total peinlich findet. Doch die Fashion und Lifestyle Vloggerin, die schon eine Weile nicht mehr aktiv zu sein scheint, steht nicht im Mittelpunkt dieses Artikels, sondern war lediglich Stein des Anstoßes. Es geht vielmehr um die Frage, ob wir überhaupt etwas in unserer Vergangenheit peinlich finden sollten. Möchten wir lieber vergessen oder verdrängen und vielleicht im Gefühl der verschwendeten Jugend baden oder blicken wir belustigt oder stolz auf das zurück, was und wie wir waren?

Der Stein des Antoßes

CiraLaMare kam über „so ein Online-Portal“ zur Szene, fand, die Leute sehen super aus und konnte sich mit der Musik identifizieren. Sie beschloss: „…ich möchte auch so aussehen!“. Mit 14 setzte sie diesen Plan in die Tat um und färbte sich zum ersten mal die Haare, trug schwarze Klamotten, Doc Martens und schwarzen Cajal als Lippenstift. Heute möchte sie lieber nicht darüber nachdenken, „was die anderen Leute gedacht“ haben, als sie sich so in einem Park hat ablichten lassen. Damals war es ihr noch egal, wie sie sagt. Es geht ihr nicht darum, den Stil zu belächeln, sondern vielmehr sich selbst.

Im Grunde genommen wäre das keinen Artikel wert gewesen, würde mich das Video nicht an das Gegenteil dieser Form der Vergangenheitsbewältigung erinnern. Das Vergessen und Verdrängen.

Von Jugendsünden und Vergangenheitsverdrängung

Drei Fälle aus meiner Blogger-Vergangenheit zeigen die andere Seite der Medaille. Wenn die eigene Vergangenheit nicht nur als peinlich, sondern als existenzbedrohend, rufschädigend oder schmerzhaft angesehen wird.

Fall 1 – Der Übergrufti: In den späten 80er war er in der ganzen Szene bekannt. Ein formvollendeter Grufti, der selbst vor einer melancholischen, mystischen und okkulten Lebensweise nicht zurückschreckte. Einem Fernsehteam präsentierte er sich und seine damaligen Ansichten. Vor einiger Zeit machte ich mich auf die Suche nach dem Menschen, wollte wissen, wie er zu Szene der 80er gefunden hatte und wie es damals überhaupt zu so einem Fernsehauftritt gekommen ist. Tatsächlich wurde ich fündig und versuchte, ihm seine Geschichte zu entlocken. Doch ihm war seine Vergangenheit nicht nur peinlich, sondern er sah auch darin seine aktuelle Lebensqualität bedroht. „Ich bin mir ehrlich gesagt nicht sicher, ob ich schon wieder damit in Verbindung gebracht werden möchte. Ich war 19 Jahre alt und werde immer wieder damit lächerlich gemacht. Heute bin ich selbstständig und dank Google kann das dann jeder wieder in Zusammenhang bringen.“

Fall 2 – Der Journalist: „Gruftis – die den Tod zum Gott erheben“ titelte in den frühen 90ern eine Zeitschrift in einem ziemlich schlechten Artikel. Die Vermischung von Fakten, Behauptungen und Halbwahrheiten sprengte jeden guten Geschmack. Ich suchte nach dem Autor des Artikels und fand heraus, das dieser mittlerweile als Journalist beim WDR arbeitet. Ich bringe in dem Artikel beides in Zusammenhang und bekomme ein paar Monate später eine Nachricht. Ja, tatsächlich habe er den Artikel geschrieben, doch nicht so, wie ich ihn dargestellt habe. Er schrieb: „…habe ich damals von April 1991 bis Januar 1992 dort gearbeitet. Einzelheiten möchte ich Ihnen ersparen, aber das Blatt hatte durch Wechsel in der Chefredaktion sein Gesicht radikal verändert. Es war üblich, dass von einer Autorengruppe alle Texte umgeschrieben oder ergänzt wurden – ohne Rücksprache.“ Er kündigte damals seine Stelle und hat nun offenbar diesen „schwarzen Fleck“ in seiner Vergangenheit. Ich schwärze damals seinen Namen und lösche die Verknüpfung zu seinem jetzigen Profil.

Fall 3 – Herz und Gefühl: Durch das Bloggen lerne ich eine sehr liebe Dame kennen, die mir zunächst stolz von ihrer Vergangenheit erzählt. Sie ist in den ganz frühen 80er nach England gezogen und hart dort einige Jahre gelebt, ihre große Liebe gefunden, ist zum Grufti geworden um dann das Land überstürzt, enttäuscht und verbittert einige Jahre später wieder zu verlassen. Ihr Geschichte fasziniert mich. Sie hat sogar Tagebuch geführt, Briefe und Gedanken aufbewahrt. Ein Zeitzeuge, der die Entstehung unserer Subkultur miterlebt hat. Ich treffe mich einige Male mit ihr, besuche sie zu Hause, lerne sie kennen. Immer wieder versuche ich, ihr ihre Geschichte zu entlocken, ihren erlebten und somit unfassbar authentischen Lebensweg als Geschichte niederzuschreiben, doch es scheitert immer wieder an dem Schmerz, der diese Zeit hinterlassen hat. Ich gewinne den Eindruck, die Erinnerung daran tut ihr nicht gut und beende mein Bestreben, ihre Geschichte nachzuzeichnen.

Flecken der Vergangenheit

Jede Vergangenheit ist einzigartig und jede persönliche Erinnerung wird so wahrgenommen, wie man sie empfindet. Zwischen der „peinlichen Vergangenheit“ die man in einem überdreht lustigen Video selbst auf die Schippe nimmt und der Vergangenheit, die immer noch weh tut, liegen Welten. Ein markantes Äußeres, wie im Falle von CiraLaMare, die sich mal eine Zeit lang wie ein Grufti gekleidet hat, lässt sich mit ein wenig Abstand selbstbewusst ertragen. Vielleicht ist man ja sogar stolz auf sein düsteres Erscheinungsbild und den Mut, den man „damals“ aufbrachte. Doch immer wenn da mehr mit im Spiel ist, wenn es eben nicht nur ein modische Erscheinung im eigenen Kleiderschrank ist, kann man nicht immer über die Vergangenheit lachen. Aber das, was gewesen ist, lässt sich nicht mehr ändern. Schon gar nicht durch das Verdrängen.

Wie ist das mit eurer Vergangenheit? Auch alles peinlich? Wie denkt ihr über euer Erscheinungsbild aus der Jugend? Wie sehr identifiziert ihr euch noch mit dem, was ihr damals von Euch gegeben habt? Ist alles, was ihr damals so getrieben hat ein Teil von Euch oder belastende Erinnerung?

Robert
Wizard of Goth – sanft, diplomatisch, optimistisch! Der perfekte Moderator. Außerdem großer “Depeche Mode”-Fan und überzeugter Pikes-Träger. Beschäftigt sich eigentlich mit allen Facetten der schwarzen Szene, mögen sie auch noch so absurd erscheinen. Er interessiert sich für allen Formen von Jugend- und Subkultur. Heiße Eisen sind seine Leidenschaft und als Ideen-Finder hat er immer neue Sachen im Kopf.

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Ronny Rabe
Gast
Ronny Rabe

Wie bei so vielen Jugendlichen , wird in der Pubertät – vieles ausprobiert . Für viele ist es eben in jungen Jahren , cool , anders zu sein , als andere . Die meisten , sind in der Phase sich zu finden und für die meisten , ist es eben auch nur eine Phase. Viele ändern sich – Sei, es durch den familiären , beruflichen Werdegang oder es war eben nur mal ein Lebensabschnitt , den sie begangen haben.
Ich persönlich habe auch einige Fotos , die mir vielleicht peinlich sind , aber in der jeweiligen Situation – eben nicht .. und heute lache ich darüber.
Mein Erscheinungsbild war mal anders – schon allein , der Haare wegen ( denen ich jetzt am meisten hinter weine ) aber so ist eben der Lauf der Natur. Ansonsten wird man eben älter und reifer .
Ich bewege mich immer noch in der Szene und bleibe dieser auch treu und das wird sich auch nicht ändern … erst nachdem ich von “ unten“ hoch gucken werde.

Adrian Stahl
Gast

Darüber hab ich mir tatsächlich auch schon etliche Gedanken gemacht … nein, nicht weil mir selbst was peinlich wäre, sondern wieso Leute es immer wieder als peinlich empfinden was sie als jüngere Menschen mal so gemacht haben.
Klar, wir verändern uns alle weiter und grad in den letzten Jahren fällt mir das extrem auf, an meinen alten Freunden und Bekannten, an mir auch, das ist ziemlich spannend … letztenendes finde ich, auch wenn man sich von sich aus einfach von einer schwarzen Phase wegeentwickelt, so war die in der Zeit sicher für einen wichtig und man hat was draus mitgenommen, sich ausprobiert – das ist doch normal. Grade deswegen könnte ich nicht sagen daß mir was aus meiner Vergangenheit peinlich wäre – das sind Entwicklungsstufen, egal ob man am Ende dabei geblieben ist oder ob die Richtung dann doch wieder eine andere wurde.
Ich bin als jugendlicher Mensch schon ziemlich auffällig rumgerannt, das schlidderte so zwischen „schon schwarz“ – und 90er-Grufti-typisch mit sehr hohem Pannesamt-Anteil rum, oder das krasse Gegenteil – in selbstgebatikten Regenbogen-Hosen und selbstgestricktem Wollrestl-Pulli, bei dem aus purer Absicht sich alles farblich hart gebissen hat :D – das könnte einem vielleicht zu Recht peinlich sein, ist es aber nicht. Wozu auch. Den Pullover hab ich noch, der hat sogar mal nen Preis in nem „Ugly Sweater“ Wettbewerb gewonnen, und ich find das immernoch irre komisch.
Letztenendes aber ist „schwarz“ der Normalzustand geworden und den Pullover guck ich mir nur ab und zu nochmal an, der wäre mir inzwischen wirklich zu bunt.
Und auch wenn ich grade nicht sehr szene-aktiv bin, so denk ich nicht daß sich das Grufti-Dasein bei mir wirklich noch rauswächst, über das Alter bin ich jetzt auch schon ne Weile raus. Im Alltag kamen ein paar Tarnfleckenmuster dazu, im Großen und Ganzen bliebs aber schwarz – das ist ja auch nicht daran gebunden, wie oft man sich auf Festivals rumtreibt oder gruftös weggeht, im CD-Schrank steht immernoch das gleiche wie sonst. Ein paar Lücken in der Sammlung sind sogar kleiner geworden.
Daß ich grad kaum mehr in gruftösen Heimatgründen unterwegs bin, liegt eigentlich eher daran, daß ich eigentlich sogar ganz schamlos paar Dinge aus Jugendzeiten aufhole, bei denen andere vielleicht auch sagen würden – das wär mir jetzt peinlich :D – also die ganzen SciFi Conventions und die Cosplayerei als Star Trek-Charaktere … tatsächlich aber macht das grade viel zu viel Spaß, nochmal 16 zu sein, so im Kopf – aber ohne die Einschränkungen die man als Jugendlicher aus dem Kaff am Wald damals hatte – wieso also sollte mir das dann peinlich sein …

Kathi
Gast
Kathi

Schwarz ist ja noch nicht lange ein bewusster Teil von mir. Da ist es eigentlich ganz interessant zu sehen wie brav man damals noch aussah. So richtig schön mit Stufenfrisur meiner ersten Brille etc. Da schmunzel ich oft darüber.
Bei anderen Bildern könnte ich die Hände über den Kopf schlagen und frage mich weshalb ich mir damals mittels Kleidung so alternativ und punkig vorkam. Gerade bei dem ersten Netztop kombiniert mit einem, schwarzen Top, einem billigen Nietengürtel ( der aus Pimkies o. Ä. Ladens Sortiment stammte), grauer Jeans und Chucks…. Joar andererseits ist auch dies ein Teil von mir.

Sebastian
Gast

Die Vergangenheit ist die eigene Geschichte, welche uns zu dem machen und machten was wir heute sind. Gäbe es die Vergangenheit in ihrer Form nicht wären wir heute nicht derjenige der wir sind. Daher kann ich das zwar doof finden was war, doch war ich es mit Überzeugung damals. Nun denn, mir ist auch nicht meine Vergangenheit peinlich, vielleicht finde ich rückblickend nicht alles toll, doch ist es eben das was ich bin und erlebt habe.

Tanzfledermaus
Gast
Tanzfledermaus

Ich denke, manch einer sagt es einfach so „beinahe automatisch“ dahin, wenn alte Bilder auftauchen, dass damals vieles/alles ziemlich peinlich war. Ob das wirklich so empfunden wird, oder man sich eher aus falschem Pflichtgefühl dazu genötigt fühlt, das sagen zu müssen, um sich nicht die Blöße zu geben, immer noch dazu zu stehen, ist die Frage. Sicher hat jeder seine Entwicklungs- und Stilfindungs-Phasen, die mal mehr, mal weniger deutlich abrupt beginnen oder enden. Die Gründe hierfür sind vielfältig: Neugier, Gruppenruck, Auflehnung, Abgrenzung, Dazugehörenwollen, Ausprobieren, sich-darin-Wiederfinden… die Liste ist lang, und sie zeigt, dass es immer Gründe dafür gibt, weshalb wir uns einer Gruppierung oder Szene anschließen oder sie wieder verlassen. Passen die inneren und äußeren Umstände, bleibt alles oder wächst mit der Zeit mit. Ändert sich in einem etwas oder die äußeren Umstände, dann wir hinterfragt oder etwas Neues rückt in den Mittelpunkt. Das ist völlig normal und solange man kein gedankenloser völlig angepasster Mitläufer ist, der keinen Gedanken um Individualität und Selbstausdruck verschwendet (oder ein völliger Angsthase, der sich nicht traut, irgendwie aufzufallen), zeigt sich das, wofür man sich interessiert durchaus auch im Erscheinungsbild. Manchmal geschieht das ganz bewusst, als Ausdrucksmittel, Provokation – und manchmal eher schleichend, dass man sich erst in eine Richtung entwickelt und dann auf einmal später feststellt, dass es ja auch noch andere gibt, die so ticken und rumlaufen. Letzteres war früher nicht selten, als es noch kein Internet gab und manch Dorf-oder Kleinstadt-Grufti ohne Szeneanschluss von selbst immer dunkler wurde und daher auch weniger stilistische Vorbilder hatte als es heute in größeren Orten mit einer Szene der Fall ist/war. Heutzutage spielen ja auch moderne Medien immer stärker eine Rolle bei der Identifikation, spiegeln Outfits und Meinungen vor. Lange Rede, kurzer Sinn, die persönliche Geschichte hinter einer gewählten Zugehörigkeit spielt eine Rolle, die Identifikation mit dem „Gerüst“ dahinter (Übereinstimmungen mit anderen Szenemitgliedern), ob und wie lange man einerSzene innewohnt, ob sie nur kurze Zeit oder längerfristig „passt“. Nicht nurMensche, sondern auch Szdenen können sich ändern, da ist die Schwarze Szene doch gerade ein Paradebeispiel dafür. Okay, was mache ich, wenn ich mich selbst verändere? Stehe ich weiterhin zu meinem früheren Ich, oder will ich den Bruch bewusst? Was waren die Gründe? Kaum jemand wandelt sich von grundauf, schon gar nicht innerhalb kurzer Zeit, das geht nur, wenn einschneidende Erlebnisse erfolgt sind. Sowas kann schonmal dazu führen, dass man sein früheres Ich vehement ablehnt und auch Erinnerungen daran als unangenehm empfindet – weil sie mit einer Zeitspanne vor oder nach diesem Ereignis verknüpft werden. Hier halte ich es für nachvollziehbar, zumindest solange die unangenehmen Gedanken/Gefühle nicht verarbeitet oder überwunden wurden, eine Phase wirklich abzulehnen. Andererseits sollte man nicht allzu hart mit sich selbst ins Gericht gehen und sich für etwasschämen, was einem auf dem Lebensweg begleitet und etwas bedeutet hat. Nicht jeder ist jederzeit absolut stimmig mit sich, auch Stile werden gefunden und erweitert bzw. gewandelt. Immer und jederzeit nur perfekt zu sein und auszusehen, schafft niemand, muss auch niemand. Und man selbst entscheidet, was man von seinem früheren Ich preisgeben mag – es sei denn, das geistert bereits unkontrollierbar im Internet herum ;-)

Tanzfledermaus
Gast
Tanzfledermaus

Oh weh, ich hätte nochmal Korrektur lesen sollen, bevor ich den langen Kommentar abschickte… Aber ich hoffe, sinngemäß ist trotzdem alles klar. Was mir noch eingefallen ist, ist das Beispiel meiner eigenen Schwester. Die wurde nach anfangs jahrelanger, ganz „softer“ dunkler Erscheinung auf einmal äußerlich immer extremer schwarz. Richtig extrem im Sinne von Hin- und Herspringen zwischen langen bunten Haaren, bodenlangen weiten Pannesamt-Klamotten und zig Schnörkeln im Gesicht hin zu eher punkig mit Iro, unzähligen Piercings und Netzklamotten, dann langen bunten Dreadlocks, anschließend Glatze und Sopor Aeternus-Style. Dann kurzer Übergang zum „Bilderbuch“-Hippie-Look zum absoluten unauffälligen trend- und szenefreien Style, der bis heute anhält. Musikalisch spielt die Schwarze Szene bei ihr immer noch eine relaltiv große Rolle. Und sie hat ihre alten Fotos von früher immer dabei, zeigt sie auch gerne und guckt auch immer noch mit mir gerne alte Fotos an. Und dennoch standen sowohl ihr extremes optisches Aufrüsten als auch der Absprung ziemlich deutlich für innere Veränderungen. Ich gehe aus Pietätsgründen nicht näher darauf ein, aber es sei gesagt, dass es ihr in der extremen Zeit gar nicht gut ging und sie es selbst als eine Art Maske, Flucht vor innerer Zerrissenheit durch extremes Fokussieren auf das Äußere betrachtet hat. Als es ihr besser ging, wurde das Styling nebensächlich(er). Inzwischen geht es ihr richtig gut und sie kann die alten Fotos angucken, ohne dass schlimme Zeiten bedrohlich hochkommen. Und manchmal ertappe ich sie dabei, dass sie den Wunsch äußert, mal wieder gemeinsam mit mir „schwarz“ tanzen zu gehen. Auch meine uralte Schulfreundin, die mich damals in die Musik und die Szene einführte, aber mittlerweile seit ca. 25 Jahren überhaupt nicht mehr schwarz rumläuft und eher Metal und anderen Krach hört, hat immer noch Momente, wo sie ganz nostalgisch wird, ihre alten Depeche Mode-, Cure- und Sisters-Platten auflegt – und kürzlich sagte sie mir, sie wäre innen drin immer noch ein Grufti. Also mal kurz zwei Beispiele für starken Wandel, der ohne Scham vor dem Vergangenen vonstatten ging.

demlak
Gast

Ich denke, es ist abhängig vom Reifeprozess und der generellen Entwicklung eines jeden Menschen.
Reflektiv in die Vergangenheit zu schauen und rückblickend eine Scham zu entwickeln ist ja grundsätzlich erst mal ein Ausdruck von Reflexionsfähigkeit. Ob man dann allerdings in die eine oder andere Richtung wertet, ist ganz individuell.

Wenn ich in die Vergangenheit reisen könnte, würde mein „damaliges ich“ mich evtl. nicht mal eines Blickes würdigen. So wie ich heute rumlaufe, welche Musik ich höre, mit welchen Menschen ich meine Zeit verbringe, etc.. etc. wäre aus der Sicht meines damaligen ichs sicherlich ein Verrat an der eigenen Ideologie und Lebensphilosophie. Aus der Sicht meines „damaligen ichs“ könnte ich kaum weiter von ihm entfernt sein. Trotz dieses ziemlich unterschiedlichen Lebens, bin ich auch heute noch immer mit der Szene über zwei Punkte leicht verbunden – zum einen manage ich noch immer ein lokales Szene-Forum und zum anderen hat sich irgendwie ergeben, dass ich vor 2 Jahren eine Szene-Veranstaltung ins Leben gerufen habe, die noch immer regelmäßig stattfindet. Ich würde mich dennoch nicht als Teil der Szene betrachten, weil mein ganzes Leben drumherum um diese zwei Dinge vollkommen konträr ist. Mein „damaliges ich“ würde mich sicher ebenfalls nicht als Teil der Szene oder der damit verbundenen Lebensphilosophie sehen. Und doch sind wir die selben Personen mit nahezu identischen Werten und Normen, die sich erweitert und entwickelt haben.

Spannender finde ich folgenden Vergleich:
Die Entwicklung hin zum „Schwarzkittel“ versus die Entwicklung vom „Schwarzkittel“ zu heute.
Die Zeit vor der schwarzen Szene war geprägt von Dingen von denen ich mich lösen wollte. Eine Reflexion fand statt, die darin mündete sich dem Schwarzkitteltum anzuschließen. Der Abnablungsprozess von Autoritäten, das Interesse an Reflexion, der Wille mehr zu sein, als „nur“ dazugehören zu wollen, etc. etc. sind ausschlaggebend und prägend gewesen. Genau diese Werte sind für mich noch heute Mittelpunkt meiner Lebensphilosophie.
Mit anderen Worten: die Dinge die mich damals ausmachten, mit denen ich mich damals schon identifizierte und auf die ich damals schon stolz war, machen mich noch heute aus.
Es gab keine „Abnablung“ und schon garkeine „Distanzierung“ von der Szene, sondern eine Entwicklung. Dies zu unterscheiden, halte ich für sehr wichtig. Denn, wenn ich überhaupt eine Scham über Teile meiner Vergangenheit haben könnte, dann eher über die Phasen des Techno, Hip Hop, Schlager und mehr, die vor den über 10 Jahren „Gruftie-Phase“ waren. Denn diese Phasen hatten vollkommen andere Beweggründe und kaum bis keine Werte. In diesen Phasen war ich ein Mensch, der ich damals recht schnell nicht mehr sein wollte und auch nie wieder werden möchte. Allerdings schäme ich mich dennoch nicht dafür. Das sind Phasen gewesen die von dem geprägt waren, was Jugendliche so beschäftigt. Diese Phasen „durchzuspielen“ ist ein Findungsprozess, der einfach dazugehört.

p.s. diese Frage auf einem Szene-Blog zu stellen, ist.. naja.. „schwierig“ =) Hier lesen doch nur Menschen mit, welche in oder recht nah an der Szene sind.. bzw. die sich nicht zu 100% entfernt haben =)

Mona Morgenstern
Gast
Mona Morgenstern

Mein Teenie-Grufti-Sein ist für mich eine sehr zwiespaltige Erinnerung. Ich hatte großartige Festivals mit tollen Freunden, die ich nur einmal im Jahr gesehen hab. Ich war mutig bei dem was ich angezogen habe, auch wenn ich nie zufrieden mit meinem Styling war. Klar denke ich bei manchen Sachen heute: „Meine Güte sahst du blöd aus“, weil mir einfach das Händchen fehlte. Aber das finde ich nicht peinlich. Ich bereue das alles nicht, ich vermeide es trotzdem sehr an meine Jugendzeit zu denken, weil ich zu dieser Zeit extrem depressiv und bipolar war und mich (abgesehen von den Festival-Freunden) nur mit schlechten Menschen umgeben habe und verzweifelt versucht habe ihnen zu gefallen. Da es mir so schlecht ging verbinde ich meine ganze Jugend mit sehr negativen Gefühlen und die verdrängen leider auch die wenigen schönen Erinnerungen. Als ich eine Ausbildung begonnen habe habe ich alles schwarze komplett abgelegt und wollte von meinem kompletten bisherigen Leben möglichst viel Abstand gewinnen. Neue Stadt, ein Job, neues Styling, andere Musik. Der Abstand von allem (weniger von der Szene, mehr vom vorherigen Lebensabschnitt) hat mir geholfen die Füße auf den Boden zu kriegen und meine Depressionen zu besiegen. Heute schaue ich positiv nach vorne, weiß wer ich bin und fühl mich sehr frei. Als ich diesen Punkt erreicht habe kam dann auch wieder das Interesse an der Szene auf und irgendwie wurde alles automatisch wieder schwarz. Ich kann heute die Musik genießen, ich fühl mich endlich ganz wie ich, auch oder besser: vor allem in schwarz. Eigentlich habe ich jetzt das, was ich damals immer wollte. Seltsamerweise fühlt sich das alles an, als wäre ich nach Hause gekommen. Ich entdecke die Szene komplett neu für mich und je mehr ich finde, umso begeisterter bin ich :)

Victor von Void
Gast

Ich bin immer etwas verwirrt, wenn Leuten ihre Klamotten oder ihr Aussehen der Vergangenheit peinlich ist. Aus meiner Sicht kann nur dann etwas peinlich sein, wenn es im zeitlichen Kontext Peinlichkeitsmerkmale aufweist. Ich hatte z.B. in den frühen 90ern sicher keinen besonders tollen, zeitlosen Stil und sah als Jugendlicher (wie wohl jeder) eh schei… aus. Trotzdem ist mir das nicht peinlich, weil zu jener Zeit jeder so herumlief. Wieso sollte mir da etwas unangenehm sein? Mir persönlich sind eher dämliches Verhalten, Fettnäpfchen und Aussetzer peinlich, und davon hatte ich so einige.

Aus meiner Sicht spricht es auch nicht gerade für eine gesunde Persönlichkeit, wenn einem seine Zugehörigkeit zu einer harmlosen Szene wie der unsrigen so peinlich ist, dass man das für existenzbedrohend hält. Ich glaube, jedem Menschen ist klar, dass man als Jugendlicher und junger Erwachsener bei weitem nicht so eine gefestigte Persönlichkeit ist, wie beispielsweise mit Anfang 40. Das man sich ausprobieren muss und manchmal auch Dinge tut, die man später vielleicht nicht mehr tun würde. Das zu verleugnen, wirkt auf mich eher wie Realitätsflucht.

Fall 2 und 3 sind natürlich anders gelagert, die „Schwarzen Flecken“ treffen es da schon eher, wobei der Journalist aus Fall 2 wohl am besten dran sein dürfte, wenn er damit offensiv umgeht (wie er es auf Nachfrage ja auch tut).

Letztlich ist alles was wir erleben und tun Teil unserer Persönlichkeitsentwicklung. Vergessen und Verdrängen dürfte aber keine Lösung sein, da man sich so der Möglichkeit beraubt, aus Fehlern zu lernen. Und nicht zuletzt sind verdrängte und nicht gelöste oder aufgearbeitete Probleme aus der Vergangenheit oft auch die Ursache für Probleme in der Gegenwart.

Fantôme Noir
Gast
Fantôme Noir

Oh, peinlich… mittlerweile eigentlich nix mehr, aus dem Alter bin ich raus ;-)

In den 80ern wurde ich von meiner strickbegeisterten Mutter in (wurgs) neonfarbige Ringelpullis gesteckt und hatte Karottenjeans an, die mittlerweile wieder leider im Mainstream aus der Klamottenkiste geholt wurden.

In den 90ern, bevor ich irgendwann endlich mal rausbekommen hab, daß es da so einen Haufen düstere Gestalten gibt, hatte ich schwarze Buffalos (im zweiten Versuch; seitdem weiß ich auch, daß man orangerote Schuhe auch im Neuzustand nicht vernünftig schwarz färben kann und besser nicht kauft, auch wenn sie noch so weit heruntergesetzt sind…) und hab „düsteren“ Kommerztechno gehört, und ein paar wenige Stücke davon mag ich heute noch. Und von den Frisuren und Brillen im Lauf der Zeit reden wir besser erst gar nicht.

Aber peinlich – nein. Die sind damals alle so dämlich rumgelaufen… und das schöne ist: heute kann ich grinsend auf alte Bilder oder auf die Werbeauslagen in den Läden (und auf die Deppen, die das kaufen) gucken und mir sagen: „ach ja, den Scheiß hattest Du auch mal, damals…“ und dann kommen die guten Erinnerungen an diese Zeiten mit hoch.

Witzigerweise haben auch alle Schulfreunde – selbst die, die mich erst bei einem Jubiläumstreffen vor einer Weile das erste Mal wiedergesehen haben, nur als „Mr. I-wear-black-until-I-find-something-darker“ in Erinnerung, obwohl das alles war, bevor ich die Szene gefunden hatte. Die reichlichen Farbausfälle wurden samt und sonders vergessen… vielleicht habe ich damals irgendwie schon Düsternis ausgestrahlt, bevor es mir bewußt wurde, wo ich zuhause bin und – soweit vorhersehbar – auch für den Rest meines Daseins sein werde?

Vielleicht hab ich aber auch einfach nur gut reden – diese Zeiten waren alle vor dem Internet ;-)

Nossi
Gast
Nossi

Einmal anderst herum: Netter Artikel der doch einige Erinnerungen erweckt. Als ich mit 14 Gothic Rock und Darkwave für mich entdeckte, kannte ich nicht einen einzigen Grufti. Ich hing aber immer mit Punks rum und weil ich cool sein wollte, hatte ich dann nen undercut. Als ich dann auf ner Party echte Gruftis kennenlernte, fiel mir auf, da waren viele Ähnlichkeiten, mit dem Unterschied das ich normale schwarze Klamotten trug und keine toupierten Haare wollte. Auch feminine Schminke wäre mir zuviel gewesen. Das wollte ich auch später nie. Vor allem keine toupierten Haare. Ich wollte immer mehr unauffällig sein. Peinlichkeiten aus dieser Zeit gibts also nicht. Mein Outfit war und ist seitdem immer unverändert. Anzug Noir im Sommer. Leder im Winter. ABER ich hatte mal ne Phase, da fand ich Trent Reznor sooo coool. Ich hatte dann nen feschen Kurzhaarschnitt und farbenfrohe-grau,beige Industrial mässige Klamotten und fühlte mich damit paar Jahre verdammt coool UND dies ist mir heute soooo dermaßen peinlich… da schäme ich mich richtig dafür.

BlueLotus
Gast
BlueLotus

Peinlich ist mir nichts von früher, im Gegenteil, ich hatte von Beginn an einen extremen Style, den ich heute noch so geil wie damals finde und noch immer lebe. Ich bereue nur, daß ich 1996 die schwarze Szene für einige Jahre gegen die Techno-Szene tauschte. Das hatte ich genauso exzessiv ausgelebt und es war eine beschissene Zeit, an die ich am liebsten nicht denke.
Ohne es irgendwie peinlich zu finden, sehe ich mich immer noch als Grufti und liebe dieses Lebensgefühl, welches nach wie vor alle meine Lebensbereiche prägt :)