My Home is my Castle - Jonny Caspari @ Unsplash

Mein schaurig schönes Tagebuch #21: Ich habe einen Bekannten, der ist auch so ein Grufti

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Liebes Tagebuch. “My Home is my Castle”, sagt ein englisches Sprichwort, aber in der Spontis-Burg ist gerade Tag der offenen Tür, die Zugbrücke ist ausgehängt und die grimmigen vierbeinigen Wachen, die sonst die Zinnen der Mauern besetzen, wurde auf den Balkon geschickt. Handwerker stören die Totenstille, Lieferanten betreten hemmungslos in bunten Klamotten die Katakomben der Furcht, Fliesenleger durchbrechen mit natürlicher Fröhlichkeit die traurige Stimmung, die sonst von den 4m hohen Altbau-Decken heruntertropft und der Sanitärexperte referiert über die Einbaurichtung der Badewanne, in der wir sonst unsere blass-bleichen Körper rituell reinigen. Renovierung nennt es der Mainstream, wir fühlen uns wie bei einem Exorzismus.

Unglaublich, wie wichtig mir Gewohnheit, die eigene Wohnung und ein vertrautes Umfeld geworden sind. Wenn plötzlich aber alles anders ist als sonst, spürt man so eine Art von Instabilität unter seinen Füßen, als würde der Boden, auf dem man steht, permanent wackeln. Ich werde unausgeglichen und nervös, wenn fremde Menschen sich länger als 10 Sekunden in meiner Wohnung aufhalten.

Heike und Lothar
Heike und Lothar auf dem Spontis-Treffen 2018, wenn er nicht gerade in weißen Klamotten mit Pinsel und Rolle durch unsere Wohnung fegt.

Glücklicherweise konnten wir Grufti und Spontis-Family Veteran Lothar, der zufälligerweise einen Meisterbetrieb in Sachen Malerei führt, für die Renovierung engagieren. Obwohl der mir in seinen weißen Malerklamotten schon ein bisschen anders vorkommt als sonst, gehört Lothar zum inneren Zirkel waschechter Gruftis und darf mit seinem Pinsel gerne in jede Ecke der Wohnung vordringen. Immerhin muss man hier nicht gegen Widerstände kämpfen, wenn man eine Wand schwarz streichen möchte.

Memo@Lothar: Vielen Dank für alles und grüß mir den Marc ganz dolle!

Aber es bleibt unangenehm. Nicht nur, weil ich nicht nackt zu “Somebody” von Depeche Mode durch die Wohnung tänzeln kann, sondern auch weil ich kaum ein meinen Computer komme, geschweige denn Ruhe finde, diesen Blog zu befüllen.

Ich will dir aber nicht die Seiten mit meinen Befindlichkeiten volljammern, liebes Tagebuch. Die Renovierung war überfällig, neue Möbel mehr als nötig. Wir haben hart gearbeitet und eisern gespart. Wir haben verglichen, eingeschätzt und abgewogen und sind den schmalen Weg der Kompromisse gegangen, ohne jedoch auf Wünsche zu verzichten. Diesmal ist das Ziel das Ziel und nicht der Weg.

Witzig fand ich allerdings, dass wir trotz unserer nahezu leeren Wohnung als Gruftis identifiziert wurden und auch irgendwie witzig, dass jeder dazu eine Geschichte erzählen konnte.

“Ich habe einen Bekannten, der ist auch so ein Grufti”

Alles begann mit dem Fliesenleger, der auf meinen Wunsch, das Badezimmer schwarz zu fliesen, gelassen und lachend reagierte:

Habe ich mir schon gedacht, dass sie in dieser Richtung unterwegs sind.

Welche Richtung? Das gedankliche Fragezeichen schien sich auf meiner Stirn zu manifestieren. Da ich 5 Minuten zu meinem eigenen Termin gekommen bin, hatte Lothar bereits den Fliesenleger reingelassen, ob der sich von den wenigen Augenblicken bereits ein Bild machen konnte? Was hat uns verraten?

Wegen der ganzen Fledermäuse und Grabsteine auf ihren Fliesen.”

In der Tat. Wir hatten in einem Anflug von Individualisierung die Fliesen beklebt, weil ein weißes Badezimmer manchmal sehr belastend wirkt. Ein pfiffiger Bursche. Ich musterte den Eindringling. Der Fliesenleger war so ein junger Typ ohne Ecken und Kanten, so einer, mit dem einfach jeder irgendwie zurechtkommt. Kurzhaarfrisur, gepflegter Oberlippenbart, gut gekleidet und gleichzeitig charmant, witzig und eloquent. Eigentlich war er ja auch nicht der Fliesenleger, sondern der, der den Plan für den Fliesenleger macht. Ein Fliesenleger-Planer.

Von einem ganz schwarzen Badezimmer rät er uns allerdings ab. Er erzählt wie aus der Kanone geschossen die Nachteile einer komplett schwarze Kreation auf und berichtet von einer studentischen Grufi-WG, die ein ganz schwarzes Badezimmer hatten, sich darin aber überhaupt nicht wohlfühlten. Ich nicke zustimmend und erkläre, dass wir wegen unseres fortschreitenden Alters auch mittlerweile mehr Weiß bevorzugten.

Ein paar Tage später wird das Bett geliefert. Aus dem Transporter mit einem Kennzeichen aus Eilenburg (Sachsen) schält sich ein stämmiger Fahrer, der gleich mit der Tür in Haus fällt.

Erst die Kohle! Sonst darf ich gar nicht erst abladen.

Ich mag seine direkte Art. So muss man sich nicht erst durch auferlegte Masken schälen, um zum Kern des Menschen durchzudringen. Ich lege die Kohle auf die Ladefläche des LKW, bekomme eine Quittung und drücke dem Fahrer gleich noch ein Trinkgeld in die Pranken. Jetzt bricht das sächsische Eis.

Als wir das erste Teil im Schlafzimmer abgestellt haben, entdeckt er die schwarze Wandfarbe.

Seid ihr Gruftis, oder was?

Ich bin schon wieder völlig verblüfft. Sind schwarze Wände ungewöhnlich? Exotisch? Ich meine ich könnte ja auch ein Domino sein, so einer, der gegen Geld seine Gäste mit einer Peitsche traktiert. Stopp. Heißen männliche Dominas eigentlich Dominos oder habe ich gerade Lust auf Pizza? Offensichtlich bin ich aber kein Peitschenschwinger.

Ja, könnte man sagen.” Ich bin gespannt, wie es weitergeht.

Ich habe auch einen Bekannten, der ist so ein Grufti!” Aus dem Schmelzwasser des gebrochenen sächsischen Eises ist mittlerweile ein Sturzbach geworden. Er erklärt mir, dass es ja ganz viele verschiedenen Musikstile gibt und er Anfangs dachte, “das wäre nur so eine Grunz-Musik“. (Er meint Death-Metal)

Die haben schon geile Mukke, die Gruftis!” Wir schleppen weiter. Meine Beine sind mittlerweile nur noch Pudding und der stämmige Sachse schiebt mich mitsamt dem Bett die Treppe nach oben.

Das WGT in Leipzig würde er auch nächstes Jahr wieder besuchen, sagt er. Mit seinem Bekannten und einem Grüppchen wollen sie sich ein paar Bands anschauen, vor allem diesen einen mit den langen Fingernägeln, dessen Name ihm jetzt nicht einfallen würde, dessen Musik er aber besonders gut finden würde.

Blutengel?“, frage ich. “Genau!

Ich habs gewusst. Mein Seufzen ertrinkt im Männermäßigen Gestöhne, als wir das schwere Kopfteil des Bettes durch das Treppenhaus wuchten. Hört sich so ein bisschen an wie ein Tennismatch mit Monika Seles, nur ein paar Stimmlagen tiefer.

Schon merkwürdig, denke ich mir, wie viele Leute doch einen Grufti in ihrem Bekanntenkreis haben. Und noch viel merkwürdiger, welche Dinge die Menschen mit so einem Grufti in Verbindung bringen. So ein bisschen fürchte ich mich dann tatsächlich davor, dass ich irgendwann auf dem WGT 2020 von einer Pranke aus meinen melancholischen Tagträumen gerissen werden, die sich dann nach meiner Zufriedenheit mit dem Bett erkundigt.

Lieber Leser. Falls du es bis hier geschafft hast, freue ich mich. Bald ist wieder mehr Zeit für neue Artikel und Themen in deinem zu Hause, falls du zu denen gehörst, die sich in diesem Blog ein wenig heimisch fühlen. Schöne Grüße von der Renovierungs-Schlacht!

Spontis Burg 1
Schlafzimmer mit Bett, schwarzer “Grufti”-Wand und einem richtigen Kleiderschrank, den wir bis jetzt nie hatten. Die knappe Beleuchtung ist noch in der Beta-Phase und wird bald optimiert.
Essecke
Unsere frisch eingerichtete Essecke, auf die Orphi zu Recht besonders stolz sein darf. Es fehlen noch weitere Bilder, die in der Mache sind. Rechts ein Blick in unsere Küche, in der wir die Küchen-Fronten in Rubin-Rot haben lackieren lassen. Okay, der weiße Gefrierschrank kommt noch weg. :-)

 

 

 

 

Wizard of Goth – sanft, diplomatisch, optimistisch! Der perfekte Moderator. Außerdem großer “Depeche Mode”-Fan und überzeugter Pikes-Träger. Beschäftigt sich eigentlich mit allen Facetten der schwarzen Szene, mögen sie auch noch so absurd erscheinen. Er interessiert sich für allen Formen von Jugend- und Subkultur. Heiße Eisen sind seine Leidenschaft und als Ideen-Finder hat er immer neue Sachen im Kopf.

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Fräulein von Schlotterstein
Gast
Fräulein von Schlotterstein

Ein wirklich amüsanter Bericht über das grauen eines jeden privatsphäreliebenden Menschen … ich kann das total spiegeln, ich fühle mich schon bedrängt und unwohl, wenn der Postbote klingelt und im windfang steht, anstatt im Hof zu bleiben. Oder wenn der stadtwerkemitarbeiter kommt um den Strom abzulesen … der einzige, den ich mittlerweile ohne Beklemmung ins Haus lassen kann, ist der kaminkehrer… liegt aber vielleicht auch daran, dass er schwarz trägt und 2 kleine Kinder im gleichen Alter wie meine Kinder hat-das kommt mir jedenfalls alles bekannt vor. Aber auch ich bekomme immer wieder von Fremden zu hören, sie würden auch einen “grufti” kennen. Witzigerweise, oder vielleicht doch erschreckenderweise, meinen diese Leute, dass schon jemand, der “linkin park” hört, eindeutig der gruftiszene zugehörig wäre… jedenfalls freue ich mich auf den nächsten Artikel und wünsche euch noch starke Nerven mit den Eindringlingen :)

Bernhard u.Cassandra
Gast
Bernhard u.Cassandra

wir verstehen Euch.Meine Frau und ich wohnen in einem kleinen idyllischen Örtchen in Oberbayern.Rein Katholisch,neben uns eine Religions Lehrerin,und daneben ebenfalls eine Religions Lehrerin.Durchschnittsalter in „Peiting“ 45 Jahre…da ist jeder Tag ein Abenteuer.Einkaufen im V-Markt wird zur Schau,ich frage mich jedesmal was ich verbrochen habe,fehlt nur noch ein Geschrei mit den Worten,“ verbrennt die Hexen“,dabei habe nicht mal ein Alien Sex Fiend Shirt an,sondern nur Joy Division.Im Hause kommen aber nur selten welche an unsere Tür,gegrüßt wird seit langem nicht mehr.Traurig eigentlich.Unsere 3 Kinder werden auch nicht akzeptiert,nur weil sie nicht knöchelfrei mit Hochwasser Hosen und Turnschuhe rumlaufen.Im Sommer schallt von den Nachbargärten Volksmusik oder dieser komische Gabalier….immer laut ,das sie Ian Curtis übertönen,der sein Transmission in die JBL Box wiedergibt.Und die Sprüche wie,Ach ihr seit „Gothik“ (welch ein Schimpfwort) kennen wir zu genüge.Ob im Rathaus oder Schule usw. Es nervt ,aber wir haben uns damit abgefunden,die Welt hat sich verändert.Gruss ,man sieht sich (vielleicht auf den Greydays) Bernhard und Cassandra

Wiener Blut
Gast
Wiener Blut

Zum Glück kennen wir diese Problematik nicht. Bei uns setzen sich die Besucher zu 90 Prozent aus Familie, enge Nachbarn, enger Freundeskreis, und mehr oder weniger “alternativen” Parteifreunden zusammen ( die die zB Patchouly… oh Gott, schreibt man das so… noch aus der Jungend in den 60ern kennen). Da war und ist, zB das lebensgroße Skelett, dass bekleidet auf der Loggia sitzt, immer ein Gag. Fällt mir ein, bald bekommt es wieder sein Nikolausmantel an. Mit Handwerkern war und ist es immer sehr professionell, Hauptsache die Qualität stimmt, und unser Jack Russell frisst die Handwerker nicht. Ansonsten ist es irgendwie so klein hier, dass einige bis viele sich irgendwo direkt, oder über 3 Ecken kennen…. entweder man ist Kunde bei…. sieht sich bei…. kennt Verwandtschaft von… arbeitet auch bei… bla… Worauf ich hinaus will… die Ebene ist selten die Klamotten, Haare, Musik, Balkondeko, Möbel Ebene…. es sei denn man ist zusammen auf der regelmäßigen Remember Party der einst geschlossenen Alternativen Diskothek. Und ja, es ist manchmal erstaunlich wer was aus Medien oder Verwandtschaft oder so kennt. Und zum Thema Wasseruhren ablesen und Co, da können Mitarbeiter im öffentlichen Dienst, oder Ablesefirmen ganz andere Stories erzählen. Aufgeräumte Grufti Haushalte mit normalen Gruftis taugen da nur zu mittelprächtigen Gesprächen hinterher. Langes Geschreibe, kurzer Unsinn, solange die Schuhe aus sind, draußen geraucht wird, es keine ausgefallene Getränkewünsche gibt, und im sitzen gepinkelt wird…. oder mir nicht jemand was im Türrahmen verkaufen möchte, habe ich kein Problem. P.S. Und bitte nicht alles anfassen wollen… manchmal sind Erwachsene wie Kinder.

Victor von Void
Gast

Sehr nett ist es auch, wenn man in einer Dachgeschoßwohnung lebt und dann das Dach gedeckt wird. Zwei Monate lang begrüßt man morgens erst einmal die Dachdecker, weil sie ab 7 Uhr auf dem Gerüst vor deinen Fenstern stehen. Oder wenn dein Vermieter seinem Haus- und Hofhandwerker den Schlüssel zu deiner Wohnung gibt, damit der dir einen neuen Boden in die Wohnung legt, während du bei der Arbeit bist.

Shan Dark
Gast

So ein lustiger Tagebucheintrag ;) ich habe mich köstlich amüsiert! Scheint als würden die Handwerker in Eurer Wohnung kreative Schwellungen verursachen, die rausgeschrieben werden müssen, wenn dann endlich mal die Möglichkeit ist. Hoffe, Du schaffst es trotzdem in den nur kurz in Ausstrahlung befindlichen Depeche-Mode-Film zu gehen. Da mussten wir heute an Dich denken.
Liebe Grusels auch an den allerbesten schwarzen Maler-Maestro. ;)