50 Jahre Mauer: Der antifaschistische Schutzwall als Souvenir

Am 13. August 1961 befahl die Führung der DDR unter Walter Ulbricht den Bau der Berliner Mauer. Noch in der Nacht rollten Polizei und Armee Stacheldraht aus und begannen damit, Betonpfähle in den Boden zu rammen. Was in den nächsten Jahren folgte, waren Wachtürme, Todesstreifen, Niemandsland und unzählige Tote 1 , die bei ihrer Flucht ums Leben kamen. Die Mauer betonierte die deutsch-deutsche Teilung und löst im Westen eine beispiellose Welle der Gleichgültigkeit aus.

Heute gedenkt man in zahlreichen Versammlung und Gedenkveranstaltung dem 50. Jahrestag des Baus der Berliner Mauer. Das ist gut so, denn wir laufen Gefahr, die DDR, die Mauer und alles was dahinter geschehen ist, zu bagatellisieren. „Wir müssen aufpassen, dass die DDR nicht Kult wird2, sagte Berlins Bürgermeister Wowereit bereits 2004. DDR-Shops und Souvenirs, ein Checkpoint Charlie als Touristenattraktion oder die Mauer als Weltkulturerbe? Mir wird schlecht, wenn ich in Filmen wie „Good bye, Lenin!“ sehe, dass die DDR verharmlost und in ein Licht gerückt wird, in dem die meisten Dinge einen positiven Glanz erhalten. Der Mensch neigt dazu, sich nur an das Gute zu erinnern und spricht sogar davon, was „damals alles besser war“. Die junge Welt geht sogar noch einen Schritt weiter und bedankt sich für 28 Jahre Mauer.

Vielen Dank sagen auch die Menschen die bei ihrem Fluchtversuch ums Leben kamen und die, die wegen ihrer Denkweise im Gefängnis landeten, vielen Dank sagen auch die, die jahrelang bespitzelt und abgehört wurden. Wenn man Menschen zu ihrem vermeintlichen Glück zwingen muss, ist etwas faul. „Die treibende Kraft hieß Ulbricht, und zwar einfach deshalb, weil er natürlich mit Recht festgestellt hat, wenn es möglich ist und solange es möglich ist, für 20 Pfennig mit der S-Bahn von Ost und West zu fahren, lief sein Land, sein Gebiet, die DDR, praktisch aus.3

28 Jahre lang hielt man an dem Kurs der Einmauerung fest. In den Köpfen einer ganzen Generation war nun eine Mauer gewachsen, die auch noch nach ihrem Fall 1989 Bestand hatte. Mit erstaunlicher Ignoranz einer anderen Sichtweise hielt man an der Idee der DDR fest. Noch vor dem Mauerfall veröffentlichte der Verlag „Junge Welt Berlin“ das Buch Fragen an die Geschichte der DDR:

Die befestigte Grenze gewährleistete das grundlegende Menschenrecht auf Frieden und gesicherte Existenz (…) Solange die Ursachen fortbestehen, die zu ihrer Errichtung führten, bleibt sie an ihrem Platze. Im übrigen sind die Krokodilstränen, die alljährlich im Westen am 13. August vergossen werden, pure Heuchelei. Die Mauer hat nur das nachvollzogen, was imperialistische Politiker 1948/49 bereits taten: Sie haben damals Deutschland zerrissen und gespalten. Den „eisernen Vorhang“, von dem sie damals redeten, haben ausschließlich sie heruntergelassen.

Und was ist geblieben von der Idee eines „besseren Staates“? Andenken, Sehenswürdigkeiten und Museen. Die Mauer als Souvenir. In Berlin unternimmt man viel, um die Mauer für die vielen Besucher der Stadt in Szene zu setzen. Ein Checkpoint Charlie mit verkleideten Soldaten, die Grenzübergang mit kichernden Touristen spielen, Geschenkeshops mit DDR-Emblemen und ein Museum mit Geschichte zum anfassen: „Der Trabi in der Ausstellung riecht noch original nach DDR: Platznehmen, Zündschlüssel drehen, Blick geradeaus, Fuß auf das Gaspedal und los geht’s! Typische Trabi-Betriebsgeräusche und eine simulierte Fahrt durch eine Plattenbausiedlung vermitteln wie es war, in so einem Original zu fahren.“ Fehlt nur noch das Spiel zur Mauer, in dem man als NVA-Grenzsoldat in der Ego-Perspektive mögliche Grenzflüchtlinge erschießen muss oder auch ein Zimmer zum erleben, in dem man allen versteckten Wanzen finden muss, mit der man die Familie bespitzelte. Geld lässt sich mit vielem verdienen, auch mit dem Leid eines ganzen Staates.

Einzelnachweise

  1. Bis heute ist die genau Zahl der Todesopfer nicht geklärt und schwankt zwischen 274 und 1613 Todesfällen, je nachdem wen man zählen lässt. In einem Artikel bei tagesschau.de versucht man sich in einer Recherche. Weiterführende Informationen findet ihr bei der Arbeitsgemeinschaft 13. August 1961 und der Internetseite chronik-der-mauer.de []
  2. Aus der Berliner Zeitung in der Ausgabe vom August 2003 – http://www.berlinonline.de/berliner-zeitung/archiv/.bin/dump.fcgi/2003/0814/lokales/0044/[]
  3. Egon Bahr, Sprecher des Berliner Bürgermeisters Willy Brandt, 1961 – http://www.dradio.de/dlf/sendungen/interview_dlf/1528449 []
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orphi
orphi(@orphi)
Editor
Vor 10 Jahre

Ich bin zwar nicht in der DDR aufgewachsen, aber ich schätze, dass es abseits von Politik, „Eingesperrt sein“ und Bespitzelung auch ein ganz normales Leben im „Mikrokosmos“ gab. Ein Leben mit vielen liebgewonnenen Kleinigkeiten, die zur Heimat gehörten – seien es Lebensmittel oder von mir aus auch der Trabi. Dinge, die durchaus im Rückblick in einem „positiven Glanz“ stehen dürfen und sollen.

Nach der Wiedervereinigung haben die westlichen Konzerne die ehemaligen kleinen Produktionsstätten der ehemaligen DDR einfach plattgemacht und von der einstigen Heimat blieb nichts mehr über. Ich meine die kleinen Dinge, nicht die Politik. Ich finde es nicht schlimm, wenn an diese Dinge in positivem Sinn erinnert wird. Die DDR-Bürger haben schließlich nicht jeden Tag 24 Stunden in der Ecke gesessen und geweint. Sie hatten auch schöne Erlebnisse, Freunde und einen ganz normalen Alltag, der nicht nur „grau“ war. Denke ich zumindest. Man möge mich korrigieren, wenn ich falsch liege. Warum also nicht diese Dinge in einem Museum festhalten?

Arc
Arc (@guest_16070)
Vor 10 Jahre

So wirklich gerne ich manche andere Artikel hier lese – Schuster bleib bei Deinen Leisten. Politik ist meiner Ansicht nach nicht Dein Metier.

Zum Vergleich nur als reine Zahl mal die Grenztoten der BRD 1993-2003: 145 (meist illegeale Einwanderer, aber das waren die DDR-Flüchtlinge ja auch). Und das ganz ohne „Mauer“.

Das soll nichts gutheißen, denn jeder Tote ist einer zu viel … aber einseitig die Deligitimasierung eines zu der damaligen Zeit souveränen Staates feiern ist unterste Schublade. Oder eben typische Siegerpolitik. Wie auch die einseitige Abwicklung und fortgesetzte Verfolgung ehemaliger StaSi-Mitarbeiter (bis auf das Informaten-Niveau hinab), während BND-Mitarbeiter nach wie vor anerkannt und gefeiert werden. Die Grenzbeamten, die letztlich vielfach damals gültiges Recht umsetzten, sind da die Spitze eines Eisbergs überholter Ethik – ähnlich den Rassengesetzen in den USA bis zu der Zeit von M. L. King.

Ganz abgesehen von diversen anderen Nettigkeiten, wie sicheren Arbeitsplätzen damals (wenn auch teils sinnlos – aber haben wir die sinnlosen nicht auch heute? nur eben nicht mehr für jeden …) gegen strukturelle Arbeitslosigkeit heute und ihren Auswirkungen auf die Gesundheit und Mortalität der arbeitsfähigen Bevölkerung. Brandaktuell dieses Thema – viel mehr als jeder Grenztote, es sei denn, man nöchte Lampedusa bemühen. [zyn]Aber das wären dann ja wieder westliche Tote, das geht also nicht.[/zyn]

Es ist nicht alles Gold was glänzt – hüben wie (damaliges) drüben. Und ich mage da altmodisch sein, aber von einer schwarzen Plattform erwarte ich mehr als das unreflektierte Wiedergeben der Massenmedien. Oder eben das Meiden politischer Themen, wenn mangels Hintergrundwissen das nicht möglich ist.

kira
kira (@guest_50116)
Vor 7 Jahre

Ich weis nicht wie es dort hinter der Mauer wirklich war ich habe da noch nicht gelebt aber eins steht fest das war wie für uns heute ihr altag dort haben sie halt gelebt und hatten dort ihre Freunde

Agricola DDR-Kind
Agricola DDR-Kind (@guest_50118)
Vor 7 Jahre

Freunde, Familie, Alltag – das „kleine Glück“ –, das wünscht man jedem, das hatten auch die meisten in der DDR. Mehr oder weniger.

Natürlich – solange man nicht aneckte oder gar aufbegehrte, geriet man nicht in den Fokus der Staatsmacht (die keineswegs nur aus der Stasi bestand). Dann war ja alles gut. Die paar Akklamationen, die das Gefängniswärterregime regelmäßig rituell (und tagtäglich in Schulen, Unis und Betrieben) einforderte, konnte man doch wohl über die Lippen bringen. Da musste man sich doch nicht so anstellen. Gut – dass man sich in der Öffentlichkeit und vor den Kindern ganz genau überlegen musste, was man sagte, war lästig. Aber das ist ja anderswo auch nicht anders. Damit muss man halt umgehen. Und Freunden sag ich ja heute auch nicht alles, was ich denke – zu viel Vertrauen in Freundschaften ist gefährlich. Das sollten auch schon die Kinder lernen und immer schön laut nachsagen, was von ihnen erwartet und verlangt wird (auch wenn es noch so absurd ist).

Ein Punkt war dann vielleicht doch ein bisschen doof in der DDR: Auch wenn wir „eigentlich“ alles richtig machen wollten, konnte es geschehen, dass Freunde oder Familienangehörige aus der Reihe tanzten und sich von uns partout nicht von den Vorzügen des Sozialismus überzeugen lassen wollten. Zu Recht verlangte dann die Arbeiter- und Bauernmacht, dass wir uns als Staatsbürger von diesen subversiven Elementen distanzierten – bis hin zum totalen Kontaktabbruch. Da galt es dann, sich zu entscheiden, zwischen der Liebe zur Arbeiterklasse und dem „kleinen Glück“.

Zu den subversiven Elementen und falschen Freunden gehörten aus der Sicht des Staates übrigens ausnahmslos alle Grufties. Aber mit denen will man ja ohnehin nichts zu tun haben. Die solln erstmal zum Friseur gehen und sich ordentlich anziehen!

Guldhan
Guldhan(@guldhan)
Vor 7 Jahre

“Wir müssen aufpassen, dass die DDR nicht Kult wird“

Da ich momentan wenig Muse besitzt, auf der Website nach dem kompletten Artikel zu suchen, lasse ich den Satz einmal losgelöst von irgendeinem tiefgreifenderen Kontext im Raum stehen und stelle die rhetorische Frage auf: Was ist das denn für ein scheiß Satz.
Aber man ist es ja in diesem Land gewöhnt, dass nicht differenziert wird. Das Denken in Grautöne strengt bekanntlich an und macht betrübt, daher liebt man es Gedanken ins Schwarz-weiß zu verfrachten. Sei es am Stammtisch oder in der Politik. Dann stolpert auch jeder Plöps über die deutlichen Kontraste.

Die DDR war definitiv nicht demokratisch. sie definierte den Begriff »Republik« sehr individuell und besaß eine Kaltschnäuzigkeit gegenüber dem eigenen Volk, dass man wirklich zu Recht fragen kann, ob selbst das »Deutsche« in DDR legitim ist.
Aber er war eines definitiv nicht: Der Terrorstaat schlechthin, den manche gerne hätte. Ich möchte auch zu bedenken geben, dass die Motivation der Montagsdemos darin bestand, den Staat zu revolutionieren, nicht zu terminieren. Das war dann eine Kettenreaktion aufgrund eines… ja, sagen wir… Versprechers.
Denn wie vorbereitet man auf eine Annexion der DDR an die BRD gewesen war, das hat man ja gesehen. Ich bezweifle, dass man auf Seiten beider Länder noch mehr Fehler hätte machen können, als gemacht wurden. Und das Resultat haben wir heute noch auf dem Tisch. So hält der westdeutsche Idiot den Ossi weiterhin für seinen Sachsen, der das Land mit seiner Faul- und Dummheit in den Ruin stürzte. Mault über den Solidaritätszuschlag und übersieht, dass dieser hier auch vom Einkommen abgeht. Und so hält der ostdeutsche Idiot den Wessi weiterhin für einen bonierten Großkapitalisten, der ihn nur über den Tisch ziehen will. Mault im Zuge des Sozialneides und übersieht, dass dort für die schweren Karren auch schwer gearbeitet wurde…

Die Bevölkerung war damals nicht blöde, man wusste was alles neben der Spur lief, und das galt es auszumerzen. Aber man wusste auch um die Vorteile in diesem Land. Man wusste, dass es die Heimat ist. Und manchmal fühle ich mich schon seltsam dabei, wenn ich daran denke, dass mein Geburtsland, das Land meiner Kindheit und frühen Jugend nicht mehr existiert. Und nun entweder als Streichelzoo herhalten darf oder als Bild des Grauens. Faktisch gesehen immigrierte man. Nicht physisch, aber psychisch.

Natürlich kann man ein üppiges Protokoll anlegen. Der Todesstreifen darf wörtlich gesehen werden, die Reisefreiheit ließ das Vorhandensein von Reisebüros überflüssig werden, Wohnungen wurden verwanzt, Enteignete Großgrundbesitzer begingen Selbstmord, Familienmitglieder verschwanden spurlos oder wurden im Bau oder bei der Volksarmee gebrochen. Ist alles richtig. Und wenn ich mal plaudern würde, was ich noch für einen para-militärischen Drill und eine ideologische Indoktrinierung in der Schule erfahren habe. Oder ich mal verkünden soll, dass auch in meiner engsten Familie auf das perverseste die Tinte aus dem MfS dicker gewesen war als das eigene Blut. Natürlich, und ich müsste nicht einmal übertreiben.
Aber, wer werfe den ersten Stein? Die BRD? Entschuldigung, aber dieses Land verdiente sehr gut an der DDR. Hier wurde produziert. Vieles, dessen Arbeitsstätten nach dem Mauerfall dann vor lauter Schreck in neue Billiglohnländer verlegt werden musste. IKEA, Quelle, wenn ich mich jetzt nicht irre. Das sind zwei der Großanbieter, um dessen preisgünstige Waren man sich im Westen freute, weil dessen Produktion mit Ostmark bezahlt werden konnte. Ohne dass hier jemals eine Ware aus dem Werk ins eigene Volk kam.
Während Amerika damals ebenfalls schön dafür sorgte, dass mit dem Feindbild Ping-Pong gespielt wurde; die Mauer als Netz. In der BRD nur eben unterschwelliger und mit der Möglichkeit, im Süden Liegestühle mit Handtüchern zu kontaminieren, BMWs zu schrotten oder mit Bananenschalen um sich zu werfen.

Manchmal bekommt man einfach das Gefühl, dem Moralfaschismus gegenüber zu sitzen. Denn je radikaler angegriffen wird, desto mehr erhebt sich auf Metaebene eine Aussage: Bei uns ist es ja heute so viel perfekter. Und das aus Sicht der Politik empfinde ich als allzu perfide. Wenn die DDR nichts Kultiges besitzen soll. Bitte schön, jeder hat andere Erfahrungen mit diesem Land. Das es vielen zu eng wurde ist völlig plausibel. Für dieses reflektieren war ich damals noch zu uninteressiert. Ich kann nur Rückschlüsse ziehen. Kann nur mutmaßen, was für eine Mentalität ich dann gehabt hätte, wenn sich der Charakter ausgebildet hat.
Aber, dann sollte auch die BRD von ihren selbstlobenden Kulthandlungen absehen. Denn als Musterstaat glänzt dieser eben so wenig. Aber Deutschland geht es ja nun gut. Und das ist ein Grund zur Freude…

Und um einmal von Thüringen zu sprechen. Die Einwohnen waren nicht gerade begeistert darüber, dass nach der Kapitulation die Amis wieder abzogen und von Osten her die Russen einrollten, um ihren Territorialansprung geltend zu machen sowie Thüringen fortan für ihre Definition von Volkseigentum zu nutzen. Da gab es alles, nur keinen Applaus. Denn wäre man gefragt worden, dann würde ich jetzt mit dem Mauerfall wahrscheinlich auch nur eine Horde Ossis assoziieren, die in meine Stadt einfielen und sie straßenzugweise mit ihren Pappkarren vollrusten, um Begrüßungsgeld abzufassen. Früher fragte ich mich, was besser gewesen wäre. Doch unglücklich über die Erinnerung von Ostdeutscher Seite bin ich nicht.

Wenn wir heute aufpassen sollten, dass ein Land nicht Kult wird, dann sollte es eher Amerika sein. Was die dort schufen, davon wagte einst kein IM zu träumen. Ernsthaft, das Leben in der DDR bestand nicht nur aus Mauertoten und dem ewigen Blick gen Westen. Es entstanden auch Tugenden, die sich innerhalb der Situation bildeten. Zusammenhalt und Erfindungsgeist, der sich einen automatisch aufzwingt, wenn alles rationiert, zum großen Bruder verschleppt oder an den Westen verhökert wird. Oder wenn man sich frei in Spähren entfalten wollte, die dem Zentralkomitee zu wider waren.
Und wenn man dem Schatten in Dunkeldeutschland gedenkt, dann sollte man fairer Weise auch eingestehen, dass es ebenso viel Potenzial für Kult gibt. Gerade in der Politik. Denn das Volk war nicht Initiator der ganzen Konflikte, auf keiner Seite. Denn wenn es die richtigen Aspekte trifft, warum denn nicht? Der ewig sinnlose Bananenwitz beispielsweise, der tut keiner Sau weh. Oder wenn ich daran zurück denke, wie ich damals in Hessen vergeblich versuchte, das 1/4 Prinzip des Uhrlesens zu erklären.

Davon mal abgesehen ist auch die DDR längst Unwirklichkeit geworden. Bloße Geschichte. Irgendwann werden die letzten Augenzeugen ausgestorben sein und dann wird auch die Geschichte leblos bleiben. Im Unterricht fragte ich nach, wer denn noch irgendwelche Verbindung zur DDR besitzt. Wenn sich 2-3 pro Klasse meldeten, dann war es viel. Und dann auch nur, um zu gestehen, dass sie damals vielleicht 4 Jahre alt gewesen waren. Was soll das noch für einen Bezug bieten? Es wird im Geschichtsunterricht angerissen, man liest es, handelt es ab, verteilt Vorträge, schreibt eine Klausur, fertig. Mit derselben Emotion oder Faszination, wie man als Jugendlicher über Nazideutschland liest oder über die Kolonialzeit. Daher, warum diese Emotion bei dem Thema. Es ist Geschichte. Seit 25 Jahren versachlicht es sich nach und nach. Ich finde, daran ist nichts einzuwenden. Aber glaube eher, dass der »Ost-West« -Gedanke nun ewig gepflegt werden wird. Damit Deutschland geistig bloß nicht mehr eines wird: einig.

In diesem Sinne,
Freundschaft!

Guldhan
Guldhan(@guldhan)
Vor 7 Jahre

Ein Schüler des Ordnungsdienstes steht rechts neben dem Lehrertisch. Der Lehrer erscheint. Augenblicklich steht die gesamte Klasse geschlossen auf. Während sich der Lehrer vor die Klasse stellt, dreht sich der wartende Schüler zu ihm. Hebt die Hand zum Pioniergruß über den Scheitel und meldet: „Herr Lehrer, ich melde die Klasse 10s ist zum Unterricht bereit. Es fehlen …all die desinteressierten Goten. Ordnungsdienst haben ich… und wohl nur ich.“. Der Schüler lässt den Arm sinken und dreht sich wieder zur Klasse und wartet auf den Lehrer. Der nach kurzem schweigenden Mustern des Zimmers ein zackiges: „Seid bereit!“ erschallen lässt…

Die DDR-Geschichte wird auch verniedlicht, das hatte ich erwähnt. Entweder dient es in den Medien zur Belustigen. Und wird präsentiert als wäre es ein Freizeitcamp gewesen. Aus denen dann nach gut 40 Jahren der kleine Paul und die kleine Paule aus dem Gehege voller Plastebälle abgeholt werden wollten. Oder man tut im anderen Extrem so, als hätte Zerberus persönlich am Checkpoint Charlie gesessen.

Wahrscheinlich weil das Leben so skurril anzusehen ist. Natürlich ist es das. Es auch niedlich, mit dem Smartphone in der Hand zu begrinsen, wie damals nicht einmal die Mehrzahl der Haushalte ein Telefon besessen hatte. Und das nicht in den 60´ern, sondern selbst noch Oktober 1989. Und wie innerhalb weniger Monate ein Rudel Zonies die Westkultur lernten, um dann nicht wie ein Zwerg in Disneyland dazustehen. Ja, das war schon putzig. Auch wenn es hinter den Kulissen doch eher etwas Tragikomisches besessen hatte.

„Mein Kampf für Dummies“, wäre mal was. Ich würde es kaufen. Und in anderen Threads hatte ich mich ja schon für die Legalisierung und Entdämonisierung unseres unheiligsten Symbols ausgesprochen. Aber Ernst beiseite. Warum gibt es keine Nazishops, wenn man doch noch DDR-Souvenirs kaufen kann? Weil das ungefähr so ein Gleichnis darstellt, als würde man Rattengift mit Lebendfallen vergleichen.

Ein Dozent formuliert einst die These, dass er nichts von Denkmälern halte, da diese einzig für die Generation Sinn ergeben, die sich ohnehin daran erinnern kann. Recht hat er. Der Blick nach hinten steigert zwar den Fortschritt, aber nicht, wenn man dabei unentwegt über altes Geröll stolpert.

Die Versachlichung bezog ich mehr auf die Jugend. Die Reden von der DDR wie über Schulstoff. Mit derselben Emotion, als würden sie über mathematische Gleichungen schwadronieren. Nicht mal mehr, als hätten sie in Biologie die menschliche Anatomie durchgenommen.

Warum brauchen wir noch einen Checkpoint Charlie? Wegen kitschliebenden Touristen vielleicht? Für´s Album. Stilistische Selfies mit dem iPad? Keine Ahnung, ich brauche ihn nicht. Ich brauche auch kein Auschwitz. Aber die Menschheit wird Auschwitz wohl noch brauchen. Damit jeder Clown mit der Nase solange an die Gusstür eines brennenden Ofens gedrückt werden kann, bis er begreift, dass es nicht nur Party in Theresienstadt gegeben hat.
Und ich schätze mit DDR Denkmälern verhält es sich ähnlich. Zeigen diese doch immerhin noch ganz gut, wie aus einem wirtschaftsphilosophischen Gedanken eine Überwachungsdiktatur werden kann.

Fakt ist, das 3te Reich und die DDR sind nicht nur Teil der deutschen Geschichte, sondern prägten auch das Gesicht der Weltpolitik. Somit eröffnet sich unter beiden Epochen eine Komplexität, die es nicht in wenigen Sätzen anzugreifen, abzuwatschen, zu verurteilen, zu verniedlichen oder toll zu finden gilt.

Die Watte, in die uns der Kapitalismus hüllt, ist allerdings leicht entflammbar. Und gegenüber dem Flächenbrand, der uns damit früher oder später bevorsteht, wirkte die verbrannte Erde des Kommunismus als allzu fruchtbar.

„Immer bereit!“ erwidert die Klasse so energisch wie geschlossen und durfte sich anschließend setzen.

Guldhan
Guldhan(@guldhan)
Vor 7 Jahre

Es gibt diverse Aspekte, die für mich dafür sprechen. Es können sich beispielsweise nur diejenigen emotional wirklich auf Denkmäler einlassen, die den Anlass hautnah miterlebten. Für alle anderen ist es ebenso abstrakt wie eine Fußnote. Und es achten nur jene darauf, die ohnehin davon wissen oder die es interessiert. Alle anderen laufen unbeeindruckt daran vorbei.
Das Wissen sollte in Archiven bereitstehen, in den Schulen gelehrt und in den Köpfen verankert sein; nicht bloß in Bronze gegossen oder in Stein gemeißelt. Und wer bestimmt, welcher Moment oder welcher Mensch ein Denkmal verdient und welcher wieder im Dunkeln verschwindet.

Wie dem auch sei. Ich hätte noch ein wenig Propaganda. Denn eines war in der DDR wahrlich nicht schlecht, der Punk. Sagten mir in Hessen zumindest westgeprägt Liebhaber dieser Kultur. Man hatte in dieser durchaus auch mehr Grund und Freiraum zum Rebellieren, sage ich.

Guldhan
Guldhan(@guldhan)
Vor 7 Jahre

Ja, man hatte ja damals nichts. Noch nicht einmal die Zeit, das Nichtshaben großartig zu beklagen. Die Organisation war wohl nicht das Thema. Keiner vermisst nichts, dass er nicht kennt. Selbst wir, quasi du und ich, sind damals auch ohne Smartphone -selbst ohne Internet- durchs Leben gekommen. Beim Betrachten der heutigen Jugend hat man das Gefühl, dass dieser High-Tech-Schrott irgendwann zum Grundbedürfnis erhoben wird.

Klar, war es bei euch anders. Ich würde sogar sagen, dass das generell die beste Wertung darstellt. War die BRD grundsätzlich gut und die DDR schlecht. War irgendwas von beiden besser… ist es heute besser oder schlechter? Diese Fragen muss man derart differenzieren und im kleinsten Detail betrachten, dass man der Wahrheit damit am nächsten steht, wenn man einfach sagt: Ja, es war damals anders und nicht mehr und nicht weniger. Zumindest meine Meinung.

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