Schluss mit dem Geschlurfe! Heute tanzt man Ballett zu Depeche Mode

Regisseur Anton Corbijn, der Depeche Mode schon in den 90er gelungen in Szene setzte, hat jetzt zusammen mit dem umstrittenen Ballett-Star Sergei Polunin den Song „In Your Room“ visuell neu interpretiert. In den stürmischen Dünen nahe Terschelling in Holland, tanzt der junge Russe seine eigene von psychischen Problemen gezeichnete Geschichte. Nachdem der einst jüngste Solotänzer des Royal Ballett in London 2012 überraschend das Ende seine Karriere verkündet hatte, macht er sich seitdem wieder einen Namen in der Kunstwelt, auf seine eigene Weise.

Doch bevor wir uns ein Bild von dem Russen machen hier das Video mit dem 1993er Hit von Depeche Mode „In Your Room“, das möglicherweise zu einem stilistischen Umdenken auf den Tanzflächen der Dunkel-Clubs, die hoffentlich irgendwann wieder öffnen, führen könnte. Pirouetten statt Totengräbertanz!

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Der junge Russe wird vom Rollingstone passenderweise als „Enfant Terrible“ bezeichnet, obwohl das Magazin viele Informationen, die auch in dem Video zu sehen sind, unterschlägt. So hat sich Polunin neben einem Porträt von Wladimir Putin auch ein Kolovrat-Symbol auf den Körper tätowieren lassen, das sich in der russischen und internationalen Neonazi-Szene an größter Beliebtheit erfreut. Polunin selbst beruft sich dabei aber auf die slawische Sonnengottheit Svarog. Bei Auftritten in Deutschland wurde daher diese Tätowierung abgedeckt. Schade, dass es solche Auftritte überhaupt gibt.

Viel umstrittener sind allerdings seine homophoben Äußerungen. Im Januar 2019 widerrief die Pariser Oper eine Einladung an Polunin, nachdem der in sozialen Medien postete, „schwule Tänzer bräuchten „einen kräftigen Schlag“, sie seien eine Peinlichkeit und der Grund, warum Frauen nun männliche Rollen im Ballett übernehmen wollten“ (Wikipedia). Das bayrische Staatsballett diskutierte zwar, sagte die Einladungen bedauerlicherweise nicht ab.

Und da sind wir wieder bei der immer gleichen Frage. Welchen Einfluss habe solche Dinge auf die Kunst, die Performance und seine Qualitäten als Ballett-Tänzer? Und wie weit sollten diese Einflüsse die herrschende „Cancel-Culture“ beeinflussen? Ist diese Tanzperformance jetzt schlechter, weil man vermeintlich weiß, wie der junge Russe tickt?

Zur Entspannung: Ballett ist kein adäquater Tanzstil für die Grufti-Tanzfläche. Fliegende Stühle, halbnackte Männer und wirbelnde Pirouetten sind nicht wirklich Grufti-Kompatibel. Allerdings ist dieses Video kein Gegenprogramm zu lasziven und leicht bekleideten Tänzerinnen, die sich heutzutage in gefühlt jedem Video räkeln. Es ist keine gute Entscheidung einem offensichtlich homophoben und fraglichen Charakter wie Polunin eine unreflektierte Bühne zu bieten, wie es Corbijn macht. Damit trägt man nur noch weiter zur Normalisierung eines solchen Verhaltens bei.

 

Robert Forst
Wizard of Goth – sanft, diplomatisch, optimistisch! Der perfekte Moderator. Außerdem großer “Depeche Mode”-Fan und überzeugter Pikes-Träger. Beschäftigt sich eigentlich mit allen Facetten der schwarzen Szene, mögen sie auch noch so absurd erscheinen. Er interessiert sich für allen Formen von Jugend- und Subkultur. Heiße Eisen sind seine Leidenschaft und als Ideen-Finder hat er immer neue Sachen im Kopf.

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Adrian Stahl
Adrian Stahl (@guest_60132)
Vor 23 Tagen

Zefix, wenn Ballett keine gruft-adäquate Tanz-Form ist, dann hab ich ja jetzt ein Problem … :D – vielleicht rettet mich die Tatsache, daß ich auch im Ballett-Studio konsequent schwarz trage ein wenig?

Scherz beiseite – das ist natürlich ein schwieriges Thema, als Tänzer finde ich Polunin großartig, und das Video natürlich erst recht. Zwei Dinge die ich mag zusammen – DM und Ballett.
Aber als Person machen ihn solche Aussagen und Zurschaustellung potentiell unangenehmer Ansichten definitiv unangenehm.

Mich wundert auch, wo diese Ansichten herkommen, bezogen auf die Ballett-Welt – ich bin uns war zwar natürlich nie ein Profi aber hatte immer Profis als Lehrer, da kriegt man über kurz oder lang auch ein paar Einsichten in die Ballett-Welt, und die ist durchaus recht konservativ – auch was das binäre Rollenbild angeht.

Die wirklichen Ausbrecher aus diesem Weltbild sind meistens mehr kleinere, Independent-Companien, insofern freue ich mich immer wenn die Ballett-Welt diverser wird, das fängt da an, das die Schuh-Hersteller jetzt vermehrt auch Beinbekleidung und Schuhe für dunklere Hautfarben anfertigen (auch ein Spitzenschuh soll im Idealfall so unsichtbar sein wie möglich, deswegen ist der rosa – auf der Bühne sieht das am Bein der handelsüblichen, weißen Tänzerin am unauffälligsten aus – nicht-weiße Tänzer:Innen mussten bislang die Schuhe aufwendig selbst passend zu ihrer Hautfarbe umfärben,) – geht aber auch dahin daß man Jungs auch mal auf Spitze sieht (ohne daß sie damit die Rolle der Lachnummer des Stücks machen) – oder die Damen auch mal hoch springen dürfen und definierte Muskeln haben (in der russischen Vaganova Akademie werden kleine Mädchen, die dazu neigen, eher definierte Muskeln aufzubauen, aussortiert als „ungeeignet“ – einfach nur weil das dem Idealbild nicht entspricht).
Konsens ist da oft – Männer sind per se unfähig auf Spitze zu tanzen (Blödfug, ich verweise auf die Trockaderos) – und Damen einfach weil sie Damen sind unfähig die ganz großen, kraftvollen Sprünge zu machen – und das ist irgendwie auch Käse.

Ich folge da auch einigen bekannten Profis, die die sozialen Medien auch nutzen um auf solche Sachen aufmerksam zu machen – und Recht haben sie damit ja auch. Da sind innerhalb der Companien oft Machtgefälle die diejenigen ganz oben auch schamlos ausnutzen.

Das ging jetzt etwas vom Thema ab, aber – worauf ich hinaus wollte – vor dem Hintergrund, daß die Ballett-Welt auch heute noch ein sehr konservativer Haufen ist und Veränderungen nur langsam in die Gänge kommen, ist Polunins Haltung, daß es ihm wohl „nicht konservativ genug wäre“ gleich nochmal ne Ecke schwerwiegender, wie ich finde.

BTW – ich hab auch schon auf der Bühne zu Depeche Mode getanzt, damals hab ich mir das kleine Instrumental „Uselink“ ausgesucht dafür, schade daß es keine Aufnahme gibt, ich hab nur ein paar Fotos von damals – immerhin ist das 20 Jahre her jetzt.
Sogar auf Spitzenschuhen …

Norma Normal
Norma Normal (@guest_60134)
Vor 22 Tagen

Ich finde Gothic und Ballett passen sogar hervorragend zusammen. Gerade der manierierte Tanzstil im klassischen Ballet spiegelt sich in Teilen der Szene, zb. bei der dunkelromantischen Fraktion und der Bewegungsästhetik irgendwie wieder. Selbstverständlich wäre es allerdings unpassend Stühle, aus theatralischen Gründen, in der Disko herumzuwerfen ; )

Ich habe auch eine Affinität zu Ballet und Tanz, die in der Kindheit angefangen hat und bis heute anhält. Wenn auch nicht so ausgeprägt, eingerostet bin ich leider, leider auch katastrophal.
Kann mich erinnern das ich in die Ballett- und Choreografiestunden Musik von zb. Dead can Dance und Inchabokatables mitgebracht habe. Meine Lehrerin fand das klasse und wir haben uns dann kreativ ausgetobt. Meine tänzerische Sozialisation war aber auch nicht so sehr streng und klassisch, sondern eher freigeistig geprägt. Meine bunten und ausrasierten Haare waren auch kein Problem. Gerade Diversität hab ich in der Tanzschule zu der Zeit sogar mehr erlebt als im Alltag. 
Mein Tanzstil auf der Bühne oder auch allein zuhause, im musikuntermalten Kämmerlein, wenn keiner zuguckt, unterscheiden sich massiv davon wie ich im Club tanze. Da bin ich total zurückhaltend und eher minimalisch unterwegs. 

Die Aussagen Sergei Polunins sind tatsächlich sehr unsympathisch und problematisch. Man sollte es mit Vorsicht genießen, aber nichts desto trotz bleibt er ein sehr guter Tänzer. Einfluss auf seine tänzerische Qualität hat das also nicht. Wenn aber in seinen Choreografien/ Interpretationen sein homophobes Weltbild erkennbar sein sollte, wäre ich raus. Seine Depeche Mode Interpretation gefällt mir, andere Arbeiten von ihm kenne ich nicht. 

Norma Normal
Norma Normal (@guest_60141)
Antwort an  Robert Forst
Vor 22 Tagen

Also so minimalistisch dann auch wieder nicht :D
Ja das mit dem Ärgern verstehe ich, geht mir auch so. Das waren „unbeschwerte“ Zeiten als man Dinge noch nicht so genau genommen hat, aber heute kommt mir zu oft mein Gewissen dazwischen.

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