Review: Twist the Past 2 (Wave/Post-Punk-Compilation)

Was im April 2014 mit „Stairways“ begann geht heute in die zweite Runde: Twist the Past heißt es wieder bei At Sea Compilations, und der Fokus ist wieder auf aktuellen Bands aus dem Post-Punk und New-Wave-Umfeld. Diesmal 18 an der Zahl, und wie gehabt alles zum kostenlosen und natürlich ganz und gar legalen Download verfügbar. Ich durfte schon vorab einen Blick auf die Zusammenstellung werfen und möchte euch hier meinen sehr subjektiven ersten Eindruck vermitteln.

Komplett schnörkellos und ohne jedes Intro steigen wir direkt ein mit „Poison“ von Dancer in the Dark, einem 1-Frau-Indie/Wave-Projekt aus Vancouver, Canada. Leichtherzigen Post-Punk im Stile der ganz ganz frühen The Cure, würde ich die Musik nennen. Bassline, Geradlinigkeit, Flanger-Gitarren – stimmt alles. Nur die Synths erinnern eher an den späteren Verlauf der 80er. Schön, wenn eine solche Compilation nicht direkt mit etwas ultragruftigem anfängt, sondern einem erstmal zeigt, wie locker Wave auch sein kann. Zwei Daumen hoch!

Etwas synthlastiger und schwerer geht es weiter mit dem Song „Legacy“ der französischen Coldwave-Combo Flesh Disorder. Die klare Stimme von Dolores bringen eine schwebende Melancholie mit sich, die von Synthflächen und Gitarren unterstützt wird (deren letztere mich nicht nur an die 80er, sondern auch an die aktuellen Kollegen von She Past Away erinnern. Etwas eintöniger vielleicht als der Opener, daher nur anderthalb Daumen hoch, aber schön.

saigon-blue-rain
Saigon Blue Rain

Star Controls „Question Mark“ wirkt anfangs funkiger, als würde es in Richtung Gang of Four gehen. Ist auch nicht völlig verkehrt,aber alles in allem ist mir persönlich der durchaus sphärische Song des italienischen Trios etwas zu eintönig, hat aber noch einen gewissen Wiedererkennungswert. Thalie Némésis (feat. Alex Nightchild) aus Marseilles schalten dann nochmal einen Schritt zurück und bringen mit „Paris at Night“ eine melancholischere Darkrock-Ballade mit netter Gitarre und ebensolchem Bass. Geht aber alles in allem nicht wirklich an mich, und ich habe das Gefühl, dass ein stilistischer Bruch kommen sollte, der wieder mehr etwas Energie zurückbringt.

Und in der Tat sind Saigon Blue Rain aus Paris zwar bekannt für eher sphärische Klänge, bringen aber mit „Inside my Asylum“ ein gewisses Tempo und auflockernde Glockensynths mit. An dieser Stelle der Compilation genau das Richtige, aber dennoch nicht gerade mein Favorit von ihnen. Sie haben einfach stärkere Nummern, finde ich.

Am Tempo bleiben Contre Jour aus Nice dran, und sie bringen noch mehr Synthetik ins Spiel und klären die Atmosphäre mit hohem weiblichem (französischem) Gesang und ebenso hohen, düdeligen Synths weiter auf. Ist auf einer Tanzveranstalung sicher ein güter Füller, der sich auch als Hintergrundmusik in einem Film eignen würde, aber für meinen persönlichen CD-Player würde es nicht ganz reichen.

Mit Minuit Machine (auch aus Paris) bleiben wir bei Synthetik, bzw. gehen vollends ins Electrowave-Genre. Alles schwermütig, teils eher in Anne Clarks Spoken-Word-Stil, aber auch hier nichts was so richtig an mich ginge. Schade.
Stilistisch kommt mit den Belgiern von Luminance (feat. Nathalie Bruno) kein all zu großer Bruch daher, aber die düdeligen Synths sind mit sehr knackigen Beats unterlegt, die fast an frühen EBM erinnern. Geht definitiv in Richtung Kirlian Camera und wird Fans dieser Richtung sicherlich gefallen. Für mich einer der stärkeren Songs in dieser elektrolastigen Mittel-Sektion.
Die ebenfalls aus Frankreich stammenden Vague Scare dagegen wären an einer anderen Stelle vll. besser aufgehoben gewesen. Zu schleppend der murmelnde Gesang, zu eintönig die Synthetik.

Ein wenig frischen Wind bringen die russischen Post-Punker von The Quinsy: Die Beats sind wieder deutlich progressiver, und es sind wieder Gitarren im Spiel, aber der gurgelnde Gesang ist mir zu verzerrt und das Gesamtwerk will mir nicht so ganz im Gedächtnis bleiben, nach einer Weile nervt es mich sogar ein bisschen.

Love’s Labour’s Lost aus Mainz habe ich 2007(?) schon live in Frankfurt kennengelernt und habe auch eine frühe EP irgendwo im CD-Regal, die mir aber zugegebenermaßen ein bisschen besser gefallen hat. Aber alles in allem ist die bluesige Gothrock-Ballade eine willkommene Abwechslung, die mich teils ein bisschen an 69 Eyes erinnert, ohne dass ich so genau sagen könnte warum.

Zurück nach Frankreich führen uns Varsovie mit flotterem Gitarrenwave – groovy Bassline, halb gesprochene Texte. Das hat was, und auch wenn es jetzt nichts wirklich besonderes ist leitet es doch endgültig eine gitarrenlastige Phase der Compilation ein.
Als nächstes passen 1991 stilistisch genau in das namensgebende Jahr – melodiöser Gothrock im Stil der 1990er, würde ich sagen. Für Fans des Genre bestimmt interessant, für mich eher ein Füller.

Equinoxious
Equinoxious

Bei Equinoxious aus Mexico hingegen stimmt vor allem schonmal der wummernde Bassbereich und die hallenden Beats aus der Drummaschine. Flanger-Gitarren und Synthflächen sind angemessen schwebend und sphärisch, nur der Hall auf der klaren, hohen Stimme ist fast ein bisschen zu viel. Aber für mich definitiv eines der stärksten Stücke.

Schonwald aus Italien bringen eine ähnliche Mischung wie ihre Vorgänger, nämlich eine gewisse Schwere durch sehr schnelle repetitive Basssynths und etwas Schwebendes durch spooky Flächen und echoreichen Gesang. Mir fehlt aber etwas die Abwechslung.

Ash Code habe ich leider als eine Mogelpackung empfunden: Das knackige Electrointro von „Unnecessary Songs“ hat mich schnell zum Mitwippen gebracht und diese coole Basis bleibt auch durch den Song bestehen, aber die disharmonisch angelegten Rhythmussynths kontrastieren mir viel zu stark mit dem geleierten Gesang. Sehr schade, denn was für mich vielversprechend angefangen hat resultiert dadurch in dem ersten Song dieser Compilation, den ich mir wirklich nicht bis zum Ende habe anhören wollen.

Hante (ein weiteres mal aus Paris) müsste ich (wenn man mich darum bäte) mit Clan of Xymox vergleichen müssen. Doch leider eher die Xymox nach der Jahrtausendwende, die mir alles in allem zu Post-2000-Elektro ist. Der Einsatz der Stimme jedoch ist interessant, denn diese ist sehr sehr leise und unverständlich und setzt auch sehr spät ein und erweckt daher eher den Eindruck nur eines von vielen Flächeninstrumenten zu sein.

Dark Door aus Neapel haben mit ihrer „Respirerò Aria“ leider für mich ein ähnliches Problem wie Ash Code: Interessante Elektromucke, die aber irgendwie nicht ganz stimmig ist und mir einfach zu unruhig daher kommt und mich daher stresst. Und ein zweites mal geht der Klick auf „Skip“…

Letztlich haben wir mit I-M-R wieder handfeste, schwere Gruftelektronik vor uns, die deutlich mehr meiner Kragenweite entspricht. Nicht ganz überraschend, dass es sich dabei um das aktuelle Projekt von Ralf Jesek handelt, der vor allem für In My Rosary bekannt ist. Seine Stimme empfinde ich allerdings leider irgendwie als nicht so ganz passend… vielleicht verbinde ich sie aber auch einfach zu sehr mit dem deutlich poppigeren Projekt Derrière le Miroir (mein persönlicher Favorit aus dieser Werkstatt) als dass sie mir auf den hier vorliegenden deutlich schwereren Song „Night“ so 100%ig passen würde.

FAZIT:
Alles in allem finde ich die Compilation etwas zu eintönig, auch wenn durchaus unterschiedliche Stile anzutreffen sind. Allerdings finde ich kaum einen Song wirklich schlecht, nur oft etwas zu nichtssagend als dass ich mich mit der jeweiligen Band noch nennenswert weiter befassen wollte, aber Fans der jeweiligen Genres mögen das ganz anders sehen und mein Review vielleicht trotz meiner Zurückhaltung als hilfreich empfinden. Würde ich Sterne vergeben würden es wohl 3/5 werden, meine Reinhörtipps sind eindeutig: Dancer in the Dark und Equinoxious.

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