Musikperlentaucher

Musikperlen – Tanzflächenmomente an die man sich erinnern möchte (Tauchgang #37)

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Die besten Tanzflächenmomente sind die, bei denen du keine Ahnung hast, von wem oder was die Stücke sind, die dich gerade zum tanzen animieren. Bei denen du nicht mitsingen kannst, weil du den Text nicht kennst und auch viel zu beschäftigt bist, um verzweifelt auf dem Smartphone die App zu suchen, die Musikstücke erkennt. Tanzflächenmomente, in denen es Dir völlig egal ist wie du auf andere wirkst, was die einsetzende Transpiration mit deinem Make-Up anstellt oder um wieviel Uhr du am nächsten Tag aufstehen musst. Dann bist du für 3-6 Lieder (je nach Kondition) völlig unbeschwert, befreit vom Gedankenkarussell  und hast ein Stück von dem zurück, was du vom „früher“ so schmerzlich vermisst.  Jeder dieser Tanzflächenmomente hat das Potential legendär zu werden! Das werden solche Momente immer dann, wenn man nicht in der Lage ist, diese Augenblicke zu wiederholen. Ort, Zeit, Umfeld, Klang, Stimmung. Der musikalische Fingerabdruck guter Nächte in schwarzen Tempeln. Irgendwann findest du raus, von wem die Stücke sind, besorgst sie Dir, hörst sie rauf und runter und feierst auch folgende Augenblicke, in denen diese Stücke wieder einmal aus den Lautsprecher der Lieblings-Discothek krachen. Aber der gleiche Moment wird es einfach nicht.  Offenbar reicht eine minmale Abweichung der Parameter, die im Leben unvermeidlich erscheint. 

Je älter du wirst, umso mehr zehrst du von diesen Augenblicken. Verfällst in Nostalgie, schwelgst in den Erinnerungen der Vergangenheit baust Dir unmerklich ein Korsett an Bedingungen, die es immer schwieriger machen, Tanzflächenmomente zu wiederholen oder gar legendär werden zu lassen. Dann ist der Nebel zu dicht, der Klang ist kacke, die Leute unangenehm und überhaupt hat man auch die falschen Schuhe an. Glaubt mir wenn ich Euch sage, dass das völlig Quatsch ist. Die finden immer dann statt, wenn man loslässt. Und die Tanzfläche ist genau der Ort, an dem man das von Zeit zu Zeit tun sollte. Nicht darüber nachdenken, wie man aussieht. Nicht darüber nachdenken, ob die Bewegungen dem Takt entsprechen. Und einfach mal alles andere für 3-6 Lieder (je nach Kondition) egal finden. Probiert es aus. Es lohnt sich.

Das M – Channel Surfer

Channel-Surfer. Es wird ewig weitergehn, eine Ende ist nicht abzusehn!“ Martin Haidinger, selbstständiger Grafiker aus Österreich, macht nebenbei Musik. Und das bereits seit 1992 auf wechselnden Labeln, Medien und bei verschiedenen Gelegenheiten. „Das M“ ist nur eins seiner zahlreichen Projekte und musikalischen Ergüsse, die er aus den Schaltkreisen seiner Synthesizer zaubert. Zu Ohren gekommen ist mir das Stück „Channel Surfer“ auf irgendeiner Party 2015 und war tagelang nicht in der Lage, mich von diesem Ohrwurm zu befreien, der mich zu Transpirations-Exzessen auf der Tanzfläche fesselte. Wie konnte das sein? Wie hat es der Typ geschafft den 80er-Sound der neuen deutschen Welle in Hier und Jetzt zu transportieren, ohne dabei altbacken oder immitationswütig zu klingen? Nach endlosen Recherchen landete ich letztlich bei Kernkrach, die Martin aus der Versenkung befreiten und ihn zur Produktion eines Albums animierten. „Leidenschaft und Produktion“ nennt sich das Ergebnis, das mich beeindruckte. Im Ox stieß ich dann auf ein Interview, das mir mehr über den Österreicher verriet, aber mich nachwievor im Dunkel darüber ließ, warum der so klingt, wie ich es brauche.

Incubated Sounds – Anne’s Death

Da sitze ich nun mit meinem Talent. Und am langen Ende verkomme ich noch zum Verschwörungstheoretiker. Incubated Sounds erscheinen irgendwie so in meinem Horizont. „That was Then – This is Now“ heißt das Album, auf dem das Stück „Anne’s Death“ zu hören ist, erschienen nur auf Kassette. Die Musiker, die bei Discogs bezeichnet sind, scheinen sich nur für diese musikalischen Schaffensphase Anfang der 90er zusammengefunden zu haben. Mystische Kassettenverzierungen hinterlassen mehr Fragezeichen als Hinweise: Bänke in einer Kirche und:  „Dedicated to Os 1/5“ – Ein Bibelvers? Das liegt nahe, denn „Divine Call“ auf der B-Seite referiert offenbar zu folgendem Vers: „Selig sind, die da hungert und dürstet nach der Gerechtigkeit; denn sie sollen satt werden.“ Und vor allem: Wer ist eigentlich diese Anne? DIE Anne Frank? Das jüdische Mädchen mit dem berühmten Tagebuch? Für mich übrigens eines der Lieder, das die Gothic-Dekade der 80er in die 90er überführte und damit den typischen Darkwave-Sound prägte. 

Second Layer – Courts or Wars

Es ist diesig an diesem frühen Montag Morgen in London, als Adrian Borland den Bahnsteig am Bahnhof Wimbeldon betritt. Er fällt keinem der zahlreichen Pendler auf, die auf ihre Züge warten und auch Borland scheint seine Umgebung nicht wahrzunehmen. Er schlendert an den Wartenden vorbei und wirft sich ohne weitere Vorwarnung unter den einfahrenden Zug. Niemand der schockierten Reisenden weiß, dass es bereits sein dritter Versuch ist, seinem Leben ein Ende zu setzen. Niemand kannte den Mann, der als Sänger, Songwriter und Gitarrist Bands wie „The Sound“ oder „Second Layer“ gründete und formte, denn zu weltweitem Ruhm hatten ihm seine eindringlichen und melancholischen Songs nicht verholfen. Harmony & Destruction sollte sein neues Album heißen, an dem er noch an diesem Wochenende gearbeitet hatte, doch Destruction war das letzte, was ihn bewegte. Seit 14 Jahren kämpfte er schon gegen seine Depressionen und die psychische Krankheit, die man beim diagnostizierte. Er velor den Kampf, denn sein dritter Versuch war erfolgreich. Adrian Borland starb am 26. April 1999 im Alter von 41 Jahren.

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Robert, Wizard of Goth – sanft, diplomatisch, optimistisch! Der perfekte Moderator. Außerdem großer “Depeche Mode”-Fan und überzeugter Pikes-Träger. Robert wurde 1974 in Mönchengladbach geboren und beschäftigt sich eigentlich mit allen Facetten der schwarzen Szene, mögen sie auch noch so absurd erscheinen. Er interessiert sich für allen Formen von Jugend- und Subkultur. Heiße Eisen sind seine Leidenschaft und als Ideen-Finder hat er immer neue Sachen im Kopf.

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gagates
gagates

von das M kannte ich bisher nur „ich träume“, dafür auch eins der meistgespielten lieder in meiner playlist

Tanzfledermaus

„Das M“ kannte ich bislang gar nicht – danke für den Tip!
Von Incubated Sounds lief in Berlin jahrelang sehr häufig in den Clubs „war is just a game“, „Anne’s death“ kannte ich hingegen noch nicht. Ich kenne noch einen „Solo“-Song von Adrian Borland, „vampiric love“, daher war mir sein Name geläufig, jedoch nicht die Zugehörigkeit zu The Incubated Sounds und The Sound. Traurig, dass er seinem Leben ein Ende machen musste.
Besteht Interesse an noch ein paar Musiktips von mir aus derselben Ecke?

Tanzfledermaus
Um nochmal auf den Text vor den Musikbeispielen einzugehen: Ich kenen eine Menge Leute, die immer nur zu Songs tanzen, die sie auch kennen. Die verpassen da wirklich eine Menge, denn wie Du es beschreibst, hat das tanzen zu einem (noch) unbekannten Song einen ganz eigenen Reiz. Man entdeckt die Musik auf körperbetonte Weise, muss aber auch etwas improvisieren, weil man noch nicht weiß, was als nächstes kommt, und seine Bewegungen damit nicht im Voraus „planen“ kann. Wenn ein Song beginnt, den ich nicht kenne, dessen Anfang mir aber richtig gut gefällt, dann geh ich auch tanzen. Wenn mir der… Mehr lesen »
aka
aka

Danke für die tollen musikalischen Anregungen!

Ein Freund von mir kann leider gar nicht loslassen und sich auf unbekannte Musik einlassen. Er wartet immer erst ab, ob ihm ein Song gefällt… Dadurch ist es in meinen Augen nahezu unmöglich, überhaupt noch einen richtigen Zugang zu dem Lied zu erhalten. Und wenn man dann doch noch einsteigt, verpasst man doch das Beste?

Ronny Rabe
Ronny Rabe

Ich mache das ziemlich oft — einfach Augen zu und nur auf die Musik hören und dabei tanzen .
Oft bin ich beim DJ und frage nach dem jeweiligen Song der gerade lief .
Aber, das macht ja Musik aus und beim tanzen , kann ich sehr gut loslassen , den Alltag hinter mir lassen.
Leider st es aber oft so , das wenig Platz da ist um richtig los zulassen .

gagates
gagates

bin beim weggehen fast durchgehend auf der tanzfläche zu finden – gibt wenig tätigkeiten, wo ich so bei mir bin und mit mir im reinen bin.

Le_lys_noire
Le_lys_noire
Mir ging es gerade am Samstag so! Ich war mit meinem Liebsten endlich mal wieder tanzen beim Goettertanz in Heroldsbach (nahe Bamberg). Ich finde mich hier gerade bei sämtlichen Beschreibungen wieder. Da ich die letzten Male ohne meinen Mann weg war, fiel es mir anfangs schwer, mit ihm eine Ebene zu finden. Zwischendurch kamen auch super Lieder, die ich schon lange nicht mehr hörte und dieser schöne Aha- Effekt setzte ein. Dann kamen aber auch wieder ab und zu irritierende Momente dazu (Bin ich noch im Takt?, Der da drüben bringt mich völlig aus dem Konzept, Warum muss die hinter… Mehr lesen »
Le_lys_noire
Le_lys_noire

Im Übrigen gefällt mir Incubated Sounds total klasse! Danke für diese Perle! Werde ich heute wahrscheinlich noch um die 56 Mal hören:-)

Gabrielle
Gabrielle
Einen wunderschönen Tanzflächenmoment hatte ich erst vor kurzem, den ich in meinem Herzen aufbewahren werde. Wiederholbar sind solche kostbaren Momente nicht, aber immer wieder abrufbar, solange sie in Erinnerung zu bleiben vermögen. Adrian Borland… eine tragische Geschichte… Seine Band ‚The Sound‘ ist eine meiner Lieblingsbands. Wird ein Lied von ihnen in einem Club gespielt, ist das immer ein ganz besonderer Moment. Bei geschlossenen Augen kann die Musik in mein kleines Universum vordringen, wo der Bass den Takt meines Herzschlags vorgibt und ich mich ihm auf der Tanzfläche ganz hingebe. Es mag etwas makaber anklingen… bin ich mit der Bahn auf… Mehr lesen »
Ella
Ella

Wenn der DJ die Stimmung eine gewisse Zeit halten kann (statt die Genres wild durcheinander zu würfeln *grummel*) und mir die mehr oder weniger getarnten Stinos nicht dauernd in den TanzWeg stolpern, kann ich mich mit geschlossenen Augen auch wunderbar in der Musik verlieren/finden… So sehr, dass ich am Ende gar nicht mehr genau weiss, welche Songs liefen <3

Daniel
Ich bin wirklich erstaunt, wie sehr über das Tanzen „philosophiert“ werden kann. Aber es gibt da einiges, was mich auch verwundert @le_lys_noire: muss man sich wirklich Gedanken machen, ob man im Takt tanzt oder nicht? Und wenn da einer einen anrempelt…na und??? Wo viel Leute, da viel Anremplungspotenzial. Aber du hast ja dann selbst gemerkt, dass Du Dir da offensichtlich zu viele Gedanken darüber gemacht hast. @Ella: zeugt es nicht von Hybris, wenn man von seinen „Tanzwegen“ spricht und andere Gäste als „getarnte Stinos“ abkanzelt? Jeder Mensch hat doch das Recht zu tanzen wie er will. Oder ist die Dunkeldisco… Mehr lesen »
Fledermama
Jetzt will ich umso mehr tanzen gehen… *hach* Wobei ich sagen muss, dass mir dieses komplette Loslassen schon immer richtig, richtig schwer fällt. Ich kann das eigentlich nicht. Leider. Und wegen Stinos und so eine nette Anekdote: Vor ein paar Jahren nahm ich mal eine Schulfreundin mit in meine Stammdisko. Sie saß dann so da rum in Jeans, weißer Bluse, hellblauem Pullunder und mit ihrem Taize-Kreuz und fand das alles sehr faszinierend. Irgendwann gefiel ihr die Musik. Und weil sie nicht anders tanzen konnte, fing sie mit Figuren aus dem Ballett an. Total strange, eigentlich. Aber alle Anwesenden nahmen sie… Mehr lesen »
Le_lys_noire
Le_lys_noire
Ich werfe mal allgemein so die Frage in die Runde ohne dabei wertend sein zu wollen: Ist die Tanzfläche nicht auch irgendwo Bühne der Selbstinszenierung, des sich miteinander- verbunden- Fühlens aber auch der Aus- bzw. Abgrenzung? Natürlich ist Tanzen etwas sehr Individuelles und für uns alle ja irgendwo ein Kanal (wofür auch immer). Aber abgesehen davon ist es doch auch Projektionsfläche. Egal ob man das nun gut findet oder nicht. Aber man nimmt doch auch die anderen Tänzer wahr und gleicht ab, ob einem dieses oder jenes gefällt. Das ist natürlich nicht jedes Mal so bei jedem Lied. Aber tendenziell… Mehr lesen »
Ella
Ella

+VLFBERH+T: Nö. Null Arroganz. Nur klare Sicht darauf. Es sind nunmal getarnte Bunte mit zumeist unberechenbaren und mehr als ausladenden Bewegungen im 08/15-Tanzstil auf sämtliche Musikrichtungen. Tatsächlich freue ich mich sogar über „Sternenpflücker“, „Hippies“ oder andere Szenefremde, die sich mit eigenem Tanzstil der Musik hingeben – und das meist eben OHNE den Nachbarn ZU nahe zu kommen…

Ella
Ella

Robert, vielen lieben Dank für deine überaus treffenden Worte…

Le_lys_noire
Le_lys_noire

Ich kann mich Ella nur anschließen: Treffende Worte. Ein fast niedlich anmutende Einführung in den Tanzknigge der schwarzen Szene.
@Robert: Hast du wirklich den Eindruck, dass Cyber den als fertiges Produkt „auswendig lernen“? Ich habe immer den Eindruck, dass diese Fraktion generell nur zwei, drei Elemente in petto hat und diese dann immer wiederholen und ab und zu in anderer Anordnung anwenden, so dass es innovativ wirkt. Aber das eine muss das andere ja nicht ausschließen.

gagates
gagates

eine Freundin von mir gehört der Cyber Fraktion an und soweit ich mitbekommen hab, steckt da tatsächlich sehr viel einstudieren dahinter, vor allem dann, wenn es mit anderen synchron laufen soll. aber für mich als Beobachter ist das auch nicht abwechslungsreicher als mein klassischer Gruftitanzstil.

Tanzfledermaus
Robert, was meinst Du denn mit „der übliche Gothic-Tanz“? Die berühmten „3 Schritte vor, 3 zurück“? Das war ja auch schon in den 80ern und 90ern nicht der alleinige Tanzstil, wie in den Videos aus älteren Szeneclubs gut zu sehen ist. Da war noch viel Disko-Gehabe drin und manche exzessive Selbstdarstellung. Die Damen, die sich recht sexy-punky mit Korsage und Minirock kleideten, bewegten sich auch meist so. Die „Teller- und Turm-Fraktion“ schlurfte auch nicht nur umhangwedelnd rum, sondern legte auch mal eine flottere Sohle hin ;-) Da gibt es sowohl körperbetonte bis laszive Tanzstile, mehr oder weniger betonter Armeinsatz (wedelnd,… Mehr lesen »
Le_lys_noire
Le_lys_noire

@Tanzfledermaus:
Ja, ich sehe das auch so mit den Tanzstilen und dem Platzhirsch- und Balzverhalten einiger Tänzer_innen. Das erste Video ist ja auch klasse:-)