Musikperlentaucher

Musikperlen – Im rosa Schlafanzug vor’m Videogerät (Tauchgang #36)

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MusikperlentaucherNeulich in einer schummrigen, durch Nebelschwaden erblindeten, feucht-gruftigen Discothek in Leipzig: „Ich bin nicht nur erschrocken, dass es so eine Version dieses Liedes gibt, sondern auch weil Du den Text mitsingen kannst!“ Was mir mein schwarz gekleidetes, im besten Alter des Lebens verweilendes und kurzhaarig-blondes Gegenüber an den Kopf schmeißt, zaubert mir ein Schmunzeln auf die Lippen. Nicht etwa, weil ich ihn für seine Unwissenheit oder Ignoranz belächelnd Abstrafen will, sondern weil er auf sonderbare Weise Recht hat. Woher kenne ich solche Lieder eigentlich? Und was hat diese Form der Musik überhaupt in einer vermeintlich gruftigen Discothek zu suchen?

Musikalisch ganz klar in den 80er Jahren angesiedelt, genießt das Stück schon mal pauschal einen Bonus. Die neue deutsche Welle der unbekannteren Sorte reizt mich darüber hinaus sowieso und die minimalen und wavigen Klänge passen perfekt in mein Lebensgefühl, das zugegebener Maßen etwas nostalgisch anmutet. Klar ist aber auch, dass nicht alles Gold (oder silber bis neon-bunt) ist, was aus dieser Zeit glänzt, denn aufgrund einer idealistischen Ablehnung von übertriebenem Kommerz lehne ich natürlich die totgedudelten Klassiker der NDW, mit denen sich die Musikproduzenten großer Labels eine goldene Nase verdient haben, kategorisch ab. Obwohl. So ganz stimmt das natürlich auch nicht. Das merke ich immer dann, wenn ich mal wieder einen Klassiker auf der Autobahn mitjaule, dabei gefilmt werde und dieses Video dann instant und vollautomatisch bei Facebook gesperrt wird, weil es die Urheberrechte von WEA, Ariola oder Universal angeblich in Gefahr sind.  Verrückte Welt.

Aber was ist denn nun das besondere an Songs von der musikalischen Müllhalde der 80er? Und was unterscheidet einen guten von einem schlechten Song? Ein bestimmter Sound? Text oder Inhalt? Ich fürchte, ich kann hier keine objektiven Maßstäbe ins Feld führen. Subjektiv ist die Palette der Erklärungen aber reichhaltig und pendelt sich irgendwo zwischen transportiertem Lebensgefühl, gefühlter Vereinfachung und dem Geruch des Besonderen. Macht Euch selbst ein Bild:

Sandra – Japan ist weit

1984 landete Alphaville mit dem Song „Big in Japan“ einen Welterfolg.  Für die Produzenten des Songs stellte sich möglicherweise die Frage, ob man den Erfolg mit einer deutschen Version des Songs noch eine Weile länger auskosten konnte und gaben das Stück der noch blutjungen Sandra, die im gleichen Hause auf den Durchbruch ihrer Solo-Karriere hinarbeitete. Anstatt den englischen Text aber ins Deutsche zu übersetzen, gab man Michael Kunze, einem bekannten Texter der Branche den Auftrag, eine neue Version des Textes zu verfassen. Aus „Big in Japan“ wurde „Japan ist weit“. Ihren erhofften Durchbruch schaffte sie jedoch erst ein Jahr später mit dem Song „Maria Magdalena“.

Nun stehe ich also hier, auf der beschriebenen Tanzfläche in Leipzig, während die DJs aus Augsburg ihr „German Wave Special“ in die toupierte Menge pumpen und mit eben dieses Stück mich zum Tanzen und mein kurzhaarig-blondes Gegenüber zum Entsetzen bringen. Noch immer muss ich schmunzeln wenn ich über mögliche Formulierungen nachdenke, um mein Verhalten adäquat zu erklären. Ich fürchte, es wird mir nicht gelingen. Das bisschen von der gruftigen Sehnsucht, die mit gutem Willen aus dem Text tropft, wird wohl nicht reichen.

Camilla Motor – Rosa Video

Stell Dir vor, du gehst in London auf eine Wave-Party. Höflich stellt man Dich als Deutschen vor, der hier zu Gast ist, die örtliche Szene kennenlernen will und gemeinsam mit den englischen Freunden den heiß geliebten Wave hören möchte. Und dann das. Ausgerechnet dieser Song! Die Tanzfläche ist außer Rand und Band. Hüpfende Lichterketten, jubelnde Deathhawks und sich zuprostende Gesichter. Ich weiß genau, die Engländer verstehen nicht ein Wort. Hoffentlich fragt Dich keiner nach dem Text, der schon im Deutschen so unfassbar absurd erscheint, dass ich nur mit Mühe und Not eine mögliche Bedeutung interpretieren kann: „Im Rosa Schlafanzug vor’m Videogerät – Deutschland im Herbst – Die Lärchen blinken rot und grün…“ Zu spät. Ein Brite, der sich an den deutschen Gast erinnert stürmt auf mich zu: „What is she singing about?“ 

Vielen Dank an Camilla Motor für dieses Fettnäpfchen Deutsch-Englischer Verständigung. Obwohl ihr nur von 1980 bis 1983 in dieser Form aktiv wart, hattet ihr offensichtlich großen Einfluss auf die englische Wave-Kultur. Das soll Euch mal eine nachmachen. Mit dem Text!

 

Die Shadocks – Motor im Kopf

Möglicherweise, so spinne ich mir zusammen, ist es die Punk-Attitüde, die diesen Stücken innewohnt. Authentizität und Unbeholfenheit als Antrieb der Individualität? „Motor im Kopf“ von den Shadocks ist so ein Song, der diese Vermutung unterstützen könnte. Er ist ein bisschen Punk, ein bisschen Neue Deutsche Welle und ein bisschen gruftig ist er auch. Schon die ersten Akkorde verbreiten diese wunderschön Melancholie der 80er, die aus einer dunklen Masse von Weltschmerz, Nostalgie und vergessener Jugend zu bestehen scheint. Die Gewissheit, dass genau das nicht in der Absicht der Bremer Band war, als sie zwischen 1981 und 1984 einige Single und Samplerbeiträgen veröffentlichten, machte die Sache nur noch greifbarer. „Mein Motor im Kopf. Er steht schon in den Augen. Er hämmert an meine Stirn.“ Dass man sich beim Bandnamen einer Zeichentrickserie aus der Kindheit der Bandmitglieder bediente, rundet die Sache thematisch ab, jedenfalls für mich. Und so stehe ich mit meinen Pikes auf der Tanzfläche, habe den Blick auf den Boden gesenkt, die Augen geschlossen und schlurfe den völlig asynchronen Tanz der Toten. Den Refrain singe ich im Stillen mit und finde ihn grade so passend für das, was in mir vorgeht. Der Motor im Kopf, der einfach keine Ruhe gibt, keinen Frieden gönnt und das haltlose Glücklichsein durch immer neue Gedankenkonstrukte zerstört. „Der Motor im Kopf. Er weiß nicht wirklich was er will.

Abwärts – Beim ersten mal tut’s immer weh

Das zweite Album (wurde) zu einem traurigen Dokument musikalischer Einfallslosigkeit. Mit schleppender Hauruck-Rhythmik, einem düster unterkühlten Sprechgesang und monotonen Synthesizerriffs dokumentierte die Gruppe weder stilistische Eigenständigkeit, noch gelang es ihr durch passable spieltechnische Leistungen zu überzeugen.“ Das schrieb Mathias Döpfner 1984 über das zweite Album der Band Abwärts mit dem Titel „Der Westen ist einsam“ als junger, ehrgeiziger Journalist der FAZ. Dabei waren Sound und Inhalt der Platte ihrer Zeit so weit voraus, dass man heute annehmen möchte, Abwärts hätte den damaligen Zeitgeist der Depri-Punk Bewegung aufgegriffen, um in Zeiten von überschwänglicher Freude der Popmusik im Zeichen des NDW, einen Kontrapunkt zu setzen. Das Döpfner heute Chef vom Springer-Verlag ist, nennt man dann wohl Fügung des Schicksals.

An dieser Stelle sind wir im inhaltliche Tal der Tränen angelangt, falls jemand die Entwicklung von seichter Sehnsucht einer Sandra, über die verstecke Kritik am Video-Zeitalter durch Camilla Motor, der Punk gewordenen Beschreibung eines depressiven Geistes der Shadocks, bis hin zu Abwärts, die in diesem schönen Tal die Richtung vorgeben. Aber was ist es nun, das an dieser Form der Musik fasziniert? Punk, Wave, Schlager, Minimal? Diese Form der musikalischen Unangepasstheit funktioniert übrigens auch heute noch. Wäre das nicht der Musikperlentaucher, so könnte man die Liste der Band auch spielend mit neuzeitlichen Acts füllen, die einen ähnlichen Weg zeichnen würden. Was ist eure Meinung? Ist das gruftig, wavig oder einfach nur Schrott? 

 

Dieses Video habe ich nur wegen der Aufnahmen der Band herausgesucht. Der Klang ist eine Katastrophe. Klickt hier für eine deutlich bessere Aufnahme.

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Robert, Wizard of Goth – sanft, diplomatisch, optimistisch! Der perfekte Moderator. Außerdem großer “Depeche Mode”-Fan und überzeugter Pikes-Träger. Robert wurde 1974 in Mönchengladbach geboren und beschäftigt sich eigentlich mit allen Facetten der schwarzen Szene, mögen sie auch noch so absurd erscheinen. Er interessiert sich für allen Formen von Jugend- und Subkultur. Heiße Eisen sind seine Leidenschaft und als Ideen-Finder hat er immer neue Sachen im Kopf.

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The Drowning Man
The Drowning Man

Abwärts ist Punk/Wave/Post-Punk/NDW (wie auch immer man es nennen möge) – Kult..die Alben der 80er bis in die frühen 90er hab ich mir seinerzeit auch alle angeeignet. Ab „Comic-Krieg“ hab ich dann so ein bisschen den Bezug verloren, da dann eine etwas härtere Gangart eingeschlagen wurde die mir nicht mehr so zusagte. Da meine erste musikalische Identifikation im Independent-Sektor die Einstürzenden Neubauten waren hab ich auch zu Abwärts rübergeschielt, FM Einheit und Marc Chung haben ja damals in beiden Bands gespielt. „Alkohol“ vom selbstbetitelten 88er Album wurde auch häufiger auf (Dark)Wave-Parties gespielt.

Julius
Julius
Zum Rosa Video: so absurd ist das doch gar nicht. Sie singen allerdings mit ziemlicher Sicherheit von Lämpchen, die rot und grün blinken, nicht von Lärchen. :) „Deutschland im Herbst“ ist ein Film, falls unbekannt und fürs Textverständnis förderlich. „Japan ist weit“ hingegen finde ich wesentlich unsinniger bzw. überflüssig. Ich habe gelegentlich Phasen, in denen ich für mein Seelenheil in Dauerschleife „Big in Japan“ hören muss. Deshalb kann ich „Japan ist weit“ nicht direkt schlecht finden, ich meine, es klingt ja fast genauso. Aber es holt da jetzt auch nicht sonderlich viel mehr raus, ich werde also im Zweifelsfall bei… Mehr lesen »
Tanzfledermaus

Ich kann mich mit allen Songbeispielen hier anfreunden, was aber für ein Kind der 80er, das mit New Romantic, 80er Italo-/Disco-Wavepop und NDW groß wurde, vermutlich nicht verwunderlich ist.
Bei mir rufen solche Klänge einfach eine Menge Nostalgiegefühl hervor und das macht sie für mich interessant.
Das Stück von den Shadocks könnte glatt von X-Mal Deutschland stammen ;-)

Wie diese Musik auf jüngere Generationen wirkt, die einen ganz anderen musikalischen Background abbekommen haben, würde mich mal interessieren.
Andererseits sind die 80er-Revival-Partys seit langem ein Dauerbrenner und nicht totzukriegen, da sind ja auch nicht nur Oldies im Publikum anzutreffen.

B.B
B.B

Sehr interessanter Artikel mit guten Beispielen :)
Beim lesen des Abschnitts über Sandra musste ich spontan an „Nur wir zwei“ von Bang Bang denken, ein deutsches Cover des Safety Dance, hörte diesen Song vor ein paat Monaten auf einer Party in Bielefeld und hatte dabei sehr ähnliche Empfindungen.

T.S.
T.S.
Robert, das Thema mit den „objektiven Maßstäben“ hatten wir doch an anderer Stelle hier schon einmal abhaken können, oder? Genauso schwierig wird das mit dem Sezieren und/oder Selektieren der damaligen deutschen „Musikperlen“ in (Sub-)Genres. Zu Beginn der NDW hat sich doch noch kein Aas drum gekümmert, ob etwas „gruftig“ klingt – zunächst war selbst zu frühen X-mal Deutschland-Zeiten die Subkultur „Gothic“ noch inexistent, bzw. so gut wie keinem geläufig, zum anderen ging es erstmal darum, daß auch abseits des deutschsprachigen (überwiegend Bluesverseuchten) Muckertums eine (Musik-)Kultur entsteht, die überhaupt auch nur ansatzweise in der Lage dazu ist, eine eigene Identität zu… Mehr lesen »
B.B
B.B

„Tirami Su- Nur eine Nacht“ ist auch einer dieser Songs den ich schon des öfteren auf Partys gehört hab. Herrlich eingängig und tanzbar :)

gagates
gagates
Bin ein Fan von Abwärts seit ungefähr 2001 als ich in ner Punkwg zum ersten Mal „ich seh die schiffe den fluss herunter fahren“ aus nem scheppernden Cassettenrecorder gehört hab. Japan ist weit ist für mich neu, eine Coverversion, die für mich stimmig ist. Und würd gut in die Playlist der „Schwarzlicht“ Reihe im Libella Altenmarkt passen. Zu den Shadocks, gefällt mir, werd mich mal bei denen durchstöbern @Tanzfledermaus Wie ist das mit „Wie diese Musik auf jüngere Generationen wirkt, die einen ganz anderen musikalischen Background abbekommen haben, würde mich mal interessieren.“ gemeint? im Bezug auf Abwärts, Sandra oder die… Mehr lesen »
Tanzfledermaus
Ja, genau, ich meine diese 80er-Jahre-Sounds. Die entweder noch eine hörbare Verwandschaft zu Punk haben oder eben im Zuge der Neuen Deutschen Welle entstanden, mit avantgardistischen bis klamottigen Texten und zum Teil schräger bis synthiehaft verspielter Musik dazu. Ich kann mir vorstellen, dass heute, wo solche Musik nicht mehr populär ist, nicht im Radio läuft und nur auf bestimmten Veranstaltungen, sie für einige Jüngere sehr anachronistisch oder ungewohnt vorkommen mag. Wer damit aufgewachsen ist, den die 80er-Jahre-Musik in Radio und Disko begleitet haben, für den sind diese Klänge vertraut und rufen womöglich (nicht immer) eine wohlige Nostalgie hervor – im… Mehr lesen »
gagates
gagates
Ich kannte überwiegend vorher nur die Bandnamen und eventuell nur einzelne Songs von denen. Als ich dann anfing, mich mit den Bands zu beschäftigen, die eben unter dem Banner Gothic Rock, Dark Wave usw. laufen, waren die Songs für mich gleichwertig, im Sinne von, aha ich wusste nicht, dass das nur ein kleiner Szenehit war oder das mal im Radio lief. (Edit: Kann man dann natürlich nicht wissen, ob das Lied als peinlich galt oder nicht ^^) Meine Musiksozialisation fing ja mit der Kelly Family und den Spice Girls an, ging dann in eine kurze Technophase über. Ab 2001 ging’s… Mehr lesen »
Tanzfledermaus

Danke, gagates, das hast Du gut beschrieben!
Ja, Musik spricht Gefühle an und man sucht sich die passende „Untermalung“ zu seinen Gefühlen.
Auch mir geht es so, dass ich die Bandbreite an der dunklen Musik sehr schätze, weil für so ziemlich jede Stimmung das Passende dabei ist, sie zu spiegeln.
Es wird nicht eintönig und langweilig, wie es mir bestimmt gehen würde, wenn es nur eine einzige Stilrichtung innerhalb der Szene gäbe
(z.B. nur die tieftraurigen oder verspielt-minimalistischen Klänge), da würde ich dann bestimmt (noch) mehr über den Tellerrand schielen ;-)

Kalki
Kalki
Moin, Ich wollte mal in die Runde meine Ansichten zum totgeglaubten NDW der ersten Stunde schmeissen, plus Links zum Untermauern. Post-Punk und die Wave(s) sind für mich immer die Fortsetzung des Punk mit anderen Mitteln gewesen. Die Energie und die einfachen Strukturen zeichnet doch alle Post-Punk-Genres aus, verliert dabei aber das Laienhafte und Krachige. Gerade diese Entwicklung sieht man auch in der jetzigen deutschsprachigen Punkszene. Ein Beispiel für einen gelungenen Anschluss an Fehlfarbentraditionen ist Front aus Wiesbaden: https://frontpunk.bandcamp.com/album/zur-lage-der-automation Das ist natürlich eher Tradierung als Weiterentwicklung des deutschen Punks, das gibt’s aber auch, zum Beispiel bei den ganz furchtbar guten Pisse… Mehr lesen »