Musikalischer Briefkasten #15 – Von Sagen, Schnee und Sternenhimmel

Nach einem kurzen Abstecher in analoge Musikwelt, wie im musikalischen Briefkasten #14, dreht sich dieser Beitrag wieder um digitale Einsendungen. Beginnen möchte ich jedoch mit einer kleinen, aber positiven Feststellung: Die weltweite Pandemie hat die Kreativität der Musikschaffenden nur bedingt beeinträchtigt. Insbesondere kleinere Formationen leben sich derzeit kreativ aus, nicht zuletzt durch die Möglichkeiten, sich durch Plattformen wie etwa Bandcamp schnell und zugänglich einem ganz eigenen Publikum zu präsentieren. Im Bereich des aktuellen Post-Punk-, Wave- und Indie-„Revivals“ lässt sich das sehr deutlich nachvollziehen, interessant ist hier allerdings noch eine andere Beobachtung, weshalb ich gerade die Gänsefüßchen nutzte: Neuere Gruppen machen bevorzugt ihr eigenes Ding und berufen sich nicht nur auf die „Helden der 80er“, sondern haben offenbar auch deutlich aktuellere Vorbilder…

Von Supernovae und telekultiver Kraft

… So etwa die Hallowed Hearts aus New York, welche seit 2019 aktiv sind und dieses Jahr mit der digitalen 12-Inch Veröffentlichung Ruins ihr drittes Werk präsentieren. Dort werden unter anderem direkt die Landsleute vom anderen Ende des Kontinentes, Drab Majesty aufgegriffen. Heraus kommt in diesem Fall sauber durchproduzierter, tanzbarer Gitarrenwave wie beim verlinkten Titeltrack Supernova, oder mit Circles die einerseits etwas gezügelte, dennoch rockige, melancholischere Seite. Welche zudem mit diesem nah am Original gehaltenen Cover aus ihrem Repertoire zumindest mich überzeugen kann…

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Wenn wir schon gitarrig unterwegs sind, darf man vielleicht auch einen Blick auf die Hateful Chains aus Finnland werfen, ein Land, was nicht nur zahlreiche Humppa- & Metal-Kapellen, sondern auch ein paar Elektroniker, ruhigere Gothen und nicht so ruhige Gothen hervorgebracht hat (das letztere, cheesige Video musste in Zeiten von medialer Hochglanzpolitur einfach sein). Beim Danse Macabre-Label haben die Hateful Chains jedenfalls dieses Jahr ihr Debüt Invite veröffentlicht. Darauf bewegen sich die Hateful Chains flüssig in verschiedensten Spielarten gitarrenorientierter Wave-/Rockmusik, dezent unterstützt durch elektronische Klänge. Mal kraftvoll, wie in bandnamengebenden Hateful Chains, mal ruhig und atmosphärisch gehalten, gar chansonesk, wie in Drifting Leaves (für mich das wirkungsvollste Stück). Schön, aus der Ecke mal wieder was zu hören, da kann ich den Vieren mit der Aussage „Our best Album so far“ nur zustimmen.

Und bleiben wir noch kurz bei dem beliebten Saiteninstrument: The Old Man Coyote wurden Spontis Lesern nahegelegt. Mit Dark Folk/Country osteuropäischem Einschlags bringt das Quartett eine gern übersehene Seite „molliger“ Musik in mein Bewusstsein. Während ich beim Schreiben ihren Prologue durchreitehöre, ertappe ich mich dabei abzuschweifen und in Gedanken in irgendeinem Tal der Rocky Mountains Beskiden am Lagerfeuer zu sitzen und den Geschichten wettergegerbter, bärtiger Männer zu lauschen. Mal was anderes, Danke.

Musikalisch irgendwo zwischen Noise-Pop und Singer/Songwriter greift die Kopenhagener Gruppe Neu Sierra auf ihrer kleinen Veröffentlichung Sulphur And Molasses (Anemos) unter anderem mit ihrer Interpretation der etwas älteren Ballade Boy Of A 1000 Tears den gerne ignorierten Dorn im kollektiven Gewissen Europas auf, die Flüchtlingskrise: It’s about wanting what’s best for the ‚boy of a 1000 tears‘ and all the other sad souls out there. I know I’m not alone in feeling powerless about how our elected representatives handle refugees. Eine unerwartete und alles andere als direkte Art, auf die Thematik aufmerksam zu machen, von daher Daumen hoch. Doch auch so kann man den anderen, melancholischen Stücken gern lauschen, beispielsweise dem letzten Stück Darkness Fire You.

Die Münchner Elvis de Sade, welche bereits im Briefkasten #9 belauscht wurden, haben nun zweites Opus, World For Us, bei Young & Cold veröffentlicht. Auf diesem gehen Elvis de Sade zwischen poppigen, wogenden Gitarrenfeldern und recht zarten Synthie-Klanglandschaften selbstbewusst ihren eigenen Weg durch bzw. in ihre Welt. Sänger Andreas dazu:

The title ‘World for Us’ describes a world that we need to reconquer. Everyone notices that the overall mood is bad. Social injustice, climate change, the rightward shift… It’s not surprising that depressive music, escapism and an aestheticization of horror dominate. Unlike other dark wave bands, we don’t want to just sink in melancholy and disenchantment. We’re going one step forward and want to create a world for ourselves, where we feel comfortable, where we want to live.

Durchaus nachvollziehbar, wie ich finde. Mit dem Opener Question in my eyesThe Heart’s Approved,  oder dem albumtitelgebenden World For Us, aus dessem Video-Subtext ich das Zitat entlieh, seien euch ein paar Einblicke dargeboten.

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Kaelan Mikla – Undir Köldum Norðurljósum (Artoffact) – Der dunkle Norden ruft uns in die Zwischenwelt. Die drei Hagazussen haben kürzlich ebenfalls nach ihrem 2018er Album Nott Eftir Nott ihr Nachfolgewerk im Reich isländischer Sagen und Erzählungen veröffentlicht. Beim erstmaligen Durchhören meine ich ein im Vergleich zum Vorgänger ruhigeres Werk wahrzunehmen, welches den Singstimmen gebührend Platz einräumt und hinsichtlich Intensität vollkommen überzeugen kann. In diesem Sinne möchte ich euch hoffentlich mit Sólstöður, Halastjarnan und vor allem Óskasteinar beglücken. Wer weiß, vielleicht gehen dieses Jahr auch bei euch Wünsche in Erfüllung?:

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Auch Chris Corner alias IAMX war während der Pandemie nicht untätig und hatte bereits  2020 sein Sammelsurium an Synthie-Technik aufgefahren, um sich dem spontanen Element kreativer Energie hinzugeben. Dies war offenbar so anregend, dass dabei ein Jahr später mit Machinate ein Album herausgekommen ist:

I made this album because I love my modular synthesizer.  It’s a process of making and designing sound that I’ve been looking for in technology my whole career. The foundation of these tracks came from a week long live performance i did for my fabulous patrons. Its chaotic quirkiness brought me a lot of unexpected joy so I decided to work it further… The randomness and organic, grinding, cratchy nature of modular synthesis leads me out the ingrained structure of a traditional pop song. Surprises me with whining and beautiful overload. It gives me so much more than I put in. Electronic music has never been this playful for me so this project is the expansion of pleasure in a world which can be sometimes predictable and cold. I’ve tried to get what it gives through squeezing my daw and studio and bending my mind for too long. The uneasy listening that has come out of this experiment is contradictorily calming for me. I Hope it can be for you too….

Man sieht es Herrn Corner förmlich an, wie er beim Soundschrauben aufgeht. Mit Elan setzen seine Hände um, was aus seinem Kopf herausströmt und wirken auf mich im Moment des Hörens und Schreibens gerade wie das wärmere, herzlichere Gegenstück zu diversen Klangexperimenten anderer Musiker.

Denn es gibt dieser Tage auch deutlich kühlere, maschinelle Musik: G.O.L.E.M. beispielsweise, das derzeitige Projekt um Gunar Vykus aus München (und wieder diese Stadt). Mit dem Erstling „Decades“ und ca. 2018 live noch eher uninteressant kam mir dieses Jahr das Zweitwerk No Fate unter die Ohren. Und ich muss feststellen, dass dies ein großer Schritt in die richtige Richtung war: Stücke wie das sich nach und nach aufbauende Twilight Of The Gods, AI oder We Had A Man On The Moon liefen – zusammen mit dem Stück Godspeed – immer wieder rauf und runter. Ein Tip von mir für geneigte Hörer melodischen, rhytmusbetonten Elektros.

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Wäre in diesem Kontext vielleicht auch Ice Ages was für euch? Richard Lederer – seines Zeichens Kopf der Schwarzmetallern um Summoning und der leider verblichenen Neoklassik-Formation Die Verbannten Kinder Evas – war ebenfalls fleißig und hat mit Vibe Of Scorn ein imposantes Stück frostiger Elektronik geschaffen. Die klassischen Einflüsse sind hier – im Gegensatz zu dem letzten Album von 2019 – wieder merklich in den Vordergrund getreten, kontrastiert durch die verfremdete Stimme und die bombastisch-markanten, hämmernden Klänge. Anspieltips für euch: Degradation Divine, das balladeske As Winter Comes… oder The Extinction.

In eine ähnliche Richtung steuert auch das Projekt Accolade, welches bei Danse Macabre unter Vertrag genommen wurde. Bereits 2006 gegründet, hat das in Seattle ansässige Projekt um Sängerin Stefanie Reneé und Instrumentalisten Aaron Goldstein und Mike Hines zusammen mit Attritions Martin Bowes ein Ethno-Elektronik-Album mit Fokus auf nahöstlichen Einflüssen aufgenommen. Tria Prima weist dabei eine interessante Bandbreite auf: Von atmosphärischen Stücken wie Encantation, bei denen die Stimme von Stefanie wunderbar klar und treffsicher klingt, bis hin zu kräftigeren, elektronischeren Stücken wie Relentless oder Unconcious, welche die Singstimme der Sängerin teils merklich an ihre Grenzen kommen lassen. Alles in allem durchaus akzeptabel, ich für meinen Teil habe ein Auge drauf, wohin hier die Reise weitergeht…

Manch einem ist vielleicht noch das anfangs deutlich Lacrimosa-inspirierte Duo Sinnflut der beiden Brüder Manuel und Magnus Bartsch bekannt. Seit den End-90ern eigens geschriebene, deutschsprachige Gedichte und Geschichten im klassischer Untermalung vertonend, kam es nach der letzten Veröffentlichung 2008 zu einer längeren Pause. Dieses Jahr nun reaktivierte Manuel das Projekt wieder und spielte/sprach mit Unterstützung zweier Damen (Jenny Schauerhammer und Lena Lehmann von Klanggedanken) das neue Album Schnee ein. Inhaltlich dreht sich alles um die Entführung des Protagonisten, welcher seine Erfahrungen und Gefühle dem Hörer widerspiegelt. Generell recht ruhig gehalten, und mit Fokus auf Text und melodischer Begleitung, ist das Konzeptalbum daher als Ganzheit zu betrachten, weshalb es mir dieser Stelle schwerfällt euch einen Einstieg zu geben. Schnappt euch daher gern den folgenden Link des Stücks Wie Schnee zum Rein- bzw. Durchhören des ganzen Albums.

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Und jetzt zu etwas völlig anderem. Das Pinneberger Duo Kid Knorke & Betty Bluescreen hat Spontis auf ihr Erstlingswerk Im Windschatten des Meteors hingewiesen. Mit „Irgendwas zwischen Tetris und Synthpunk“ beschrieben, bin ich als temporärer Stapel-Veteran während längerer Urlaubsfahrten natürlich sofort neugierig geworden und wurde sogleich in eine Soundschlacht rund um die magischen 8 bit geworfen. Mit einer Menge guter Laune und infantiler Freude am Samplen und Texten vernetzen Kid und Betty meine Neuronen und lassen mich mit einem Lächeln diesen gut gelaunten, expliziteren Bastard aus Welle:Erdball, Das Flug, oder den Toten Crackhuren Im Kofferraum goutieren. Anspieltips, wenn in voller Länge verfügbar: Betty 8bit, Aliens, Funktionelle Liebe (mein Fav) und Atari Party.

Und weil wir gerade etwas lustig darauf sind, sei hier mit der Münchener Gruppe P!OFF? (schon wieder München? Was für ein Zufall…) und ihrem recht poppigen Song Der Ladenhüter eine eher weniger bissige, denn subtile Reminiszenz an die NDW in den imaginären Raum geworden. Bureau B hat übrigens auch deren erstes Album von ’82 wiederveröffentlicht, wer mag, kann auch dort getrost reinhören.

Somit schwenken wir dann gleich noch zu den Pleasure Victims (Projekt von Uwe Marx und Jonas Heyn) vom Kernkrach-Label und ihrem Video zu Telecult Power. Vom minimalen Sound her durchaus angenehm – ein künftiges Album würde ich mir durchaus anhören.

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Was sonst noch im Briefkasten rumlag…

Crows On Wires – Crows Dance. Das recht frische Projekt, welches vor einer Weile bereits im Briefkasten landete, hat ein neues Stück veröffentlicht. Bei Gelegenheit könnt ihr gern mal reinschnuppern.

Etage Neun – War and Emotions (Dead Wax) – Wiederveröffentlichung einer schwedischen Synthiepop-Formation. Zeitmaschine auf 1988 stellen und zuhören.

Giovanotti Mondani Meccanici – GMM Suite LP (Mannequin) – Wiederveröffentlichung von elektronischer, transmedialer Kunst aus den Federn des Florenzer Künstlerkollektivs GMM. Als Soundtrack für nebenbei recht kurzweilig.

Principe Valente – Porcelain (Anemos) – Schönes Stück, bewegt gerade ein wenig mein Herz.

Siöblom – Demons (Anemos/Reptile Music): Ebenfalls eingängig, angewavter Indierock/-Pop aus Schweden.

Sølyst – Spring (Bureau B) – Experimentelle Synthetik. Was für Nebenbei, am ehesten noch Track #1.

The Devil And The Universe – The Great God Pan Is Dead (A+W) – Ich weiß nicht, wie ich das Projekt einschätzen darf… das Srituelle Stück ist allerdings vollkommen hörbar.

The Search  – Extra (Aenaos) – Bisher kann man noch nicht viel vom neuen Album hören. Wrting On The Wall ist ganz nett, wennauch nicht umwerfend.

VA – Another Cold World 4 (Cold Beats) – Eine erneut gelungene Compilation aus südwesteuropäischen Elektronik- und Gitarrenwave-Gefilden. Tips: L’Avenir – Souvenirs , Risikotoleranz – Mein Müll oder Tuxedo Gleam – Make Dark.

Natürlich gab es noch die ein- oder andere Labelveröffentlichung, auf welche dieses mal nicht eingegangen wurde. Irgendwann musste der Beitrag ja mal abgeschlossen werden und untolle Sachen mussten dieses Mal nicht unbedingt hinein. Mal gucken, ob diese im nächsten Beitrag unterkommen. In diesem Sinne euch allen einige ruhige Tage und nur das Beste. Bis zum nächsten Jahr.

Svartur Nott
Freundlicher und manchmal etwas seltsamer Asyl-Schwabe, vielseitig interessiert, zuweilen mit einem Hang zu abseitigen Themen. Auch wenn er eigentlich gerne seine Ruhe möchte, ist er grundsätzlich für ein Pläuschchen zu haben, und fast immer für Humor (gerne schwarz und ohne Zucker). Seine Leidenschaft für Musik und Kultur der Schwarzen Szene haben ihn irgendwie nach Spontis' Island gespült...
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