21 Juli

Musikperlen – Im rosa Schlafanzug vor’m Videogerät (Tauchgang #36)

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MusikperlentaucherNeulich in einer schummrigen, durch Nebelschwaden erblindeten, feucht-gruftigen Discothek in Leipzig: „Ich bin nicht nur erschrocken, dass es so eine Version dieses Liedes gibt, sondern auch weil Du den Text mitsingen kannst!“ Was mir mein schwarz gekleidetes, im besten Alter des Lebens verweilendes und kurzhaarig-blondes Gegenüber an den Kopf schmeißt, zaubert mir ein Schmunzeln auf die Lippen. Nicht etwa, weil ich ihn für seine Unwissenheit oder Ignoranz belächelnd Abstrafen will, sondern weil er auf sonderbare Weise Recht hat. Woher kenne ich solche Lieder eigentlich? Und was hat diese Form der Musik überhaupt in einer vermeintlich gruftigen Discothek zu suchen?

Musikalisch ganz klar in den 80er Jahren angesiedelt, genießt das Stück schon mal pauschal einen Bonus. Die neue deutsche Welle der unbekannteren Sorte reizt mich darüber hinaus sowieso und die minimalen und wavigen Klänge passen perfekt in mein Lebensgefühl, das zugegebener Maßen etwas nostalgisch anmutet. Klar ist aber auch, dass nicht alles Gold (oder silber bis neon-bunt) ist, was aus dieser Zeit glänzt, denn aufgrund einer idealistischen Ablehnung von übertriebenem Kommerz lehne ich natürlich die totgedudelten Klassiker der NDW, mit denen sich die Musikproduzenten großer Labels eine goldene Nase verdient haben, kategorisch ab. Obwohl. So ganz stimmt das natürlich auch nicht. Das merke ich immer dann, wenn ich mal wieder einen Klassiker auf der Autobahn mitjaule, dabei gefilmt werde und dieses Video dann instant und vollautomatisch bei Facebook gesperrt wird, weil es die Urheberrechte von WEA, Ariola oder Universal angeblich in Gefahr sind.  Verrückte Welt.

Aber was ist denn nun das besondere an Songs von der musikalischen Müllhalde der 80er? Und was unterscheidet einen guten von einem schlechten Song? Ein bestimmter Sound? Text oder Inhalt? Ich fürchte, ich kann hier keine objektiven Maßstäbe ins Feld führen. Subjektiv ist die Palette der Erklärungen aber reichhaltig und pendelt sich irgendwo zwischen transportiertem Lebensgefühl, gefühlter Vereinfachung und dem Geruch des Besonderen. Macht Euch selbst ein Bild:

Sandra – Japan ist weit

1984 landete Alphaville mit dem Song „Big in Japan“ einen Welterfolg.  Für die Produzenten des Songs stellte sich möglicherweise die Frage, ob man den Erfolg mit einer deutschen Version des Songs noch eine Weile länger auskosten konnte und gaben das Stück der noch blutjungen Sandra, die im gleichen Hause auf den Durchbruch ihrer Solo-Karriere hinarbeitete. Anstatt den englischen Text aber ins Deutsche zu übersetzen, gab man Michael Kunze, einem bekannten Texter der Branche den Auftrag, eine neue Version des Textes zu verfassen. Aus „Big in Japan“ wurde „Japan ist weit“. Ihren erhofften Durchbruch schaffte sie jedoch erst ein Jahr später mit dem Song „Maria Magdalena“.

Nun stehe ich also hier, auf der beschriebenen Tanzfläche in Leipzig, während die DJs aus Augsburg ihr „German Wave Special“ in die toupierte Menge pumpen und mit eben dieses Stück mich zum Tanzen und mein kurzhaarig-blondes Gegenüber zum Entsetzen bringen. Noch immer muss ich schmunzeln wenn ich über mögliche Formulierungen nachdenke, um mein Verhalten adäquat zu erklären. Ich fürchte, es wird mir nicht gelingen. Das bisschen von der gruftigen Sehnsucht, die mit gutem Willen aus dem Text tropft, wird wohl nicht reichen.

Camilla Motor – Rosa Video

Stell Dir vor, du gehst in London auf eine Wave-Party. Höflich stellt man Dich als Deutschen vor, der hier zu Gast ist, die örtliche Szene kennenlernen will und gemeinsam mit den englischen Freunden den heiß geliebten Wave hören möchte. Und dann das. Ausgerechnet dieser Song! Die Tanzfläche ist außer Rand und Band. Hüpfende Lichterketten, jubelnde Deathhawks und sich zuprostende Gesichter. Ich weiß genau, die Engländer verstehen nicht ein Wort. Hoffentlich fragt Dich keiner nach dem Text, der schon im Deutschen so unfassbar absurd erscheint, dass ich nur mit Mühe und Not eine mögliche Bedeutung interpretieren kann: „Im Rosa Schlafanzug vor’m Videogerät – Deutschland im Herbst – Die Lärchen blinken rot und grün…“ Zu spät. Ein Brite, der sich an den deutschen Gast erinnert stürmt auf mich zu: „What is she singing about?“ 

Vielen Dank an Camilla Motor für dieses Fettnäpfchen Deutsch-Englischer Verständigung. Obwohl ihr nur von 1980 bis 1983 in dieser Form aktiv wart, hattet ihr offensichtlich großen Einfluss auf die englische Wave-Kultur. Das soll Euch mal eine nachmachen. Mit dem Text!

 

Die Shadocks – Motor im Kopf

Möglicherweise, so spinne ich mir zusammen, ist es die Punk-Attitüde, die diesen Stücken innewohnt. Authentizität und Unbeholfenheit als Antrieb der Individualität? „Motor im Kopf“ von den Shadocks ist so ein Song, der diese Vermutung unterstützen könnte. Er ist ein bisschen Punk, ein bisschen Neue Deutsche Welle und ein bisschen gruftig ist er auch. Schon die ersten Akkorde verbreiten diese wunderschön Melancholie der 80er, die aus einer dunklen Masse von Weltschmerz, Nostalgie und vergessener Jugend zu bestehen scheint. Die Gewissheit, dass genau das nicht in der Absicht der Bremer Band war, als sie zwischen 1981 und 1984 einige Single und Samplerbeiträgen veröffentlichten, machte die Sache nur noch greifbarer. „Mein Motor im Kopf. Er steht schon in den Augen. Er hämmert an meine Stirn.“ Dass man sich beim Bandnamen einer Zeichentrickserie aus der Kindheit der Bandmitglieder bediente, rundet die Sache thematisch ab, jedenfalls für mich. Und so stehe ich mit meinen Pikes auf der Tanzfläche, habe den Blick auf den Boden gesenkt, die Augen geschlossen und schlurfe den völlig asynchronen Tanz der Toten. Den Refrain singe ich im Stillen mit und finde ihn grade so passend für das, was in mir vorgeht. Der Motor im Kopf, der einfach keine Ruhe gibt, keinen Frieden gönnt und das haltlose Glücklichsein durch immer neue Gedankenkonstrukte zerstört. „Der Motor im Kopf. Er weiß nicht wirklich was er will.

Abwärts – Beim ersten mal tut’s immer weh

Das zweite Album (wurde) zu einem traurigen Dokument musikalischer Einfallslosigkeit. Mit schleppender Hauruck-Rhythmik, einem düster unterkühlten Sprechgesang und monotonen Synthesizerriffs dokumentierte die Gruppe weder stilistische Eigenständigkeit, noch gelang es ihr durch passable spieltechnische Leistungen zu überzeugen.“ Das schrieb Mathias Döpfner 1984 über das zweite Album der Band Abwärts mit dem Titel „Der Westen ist einsam“ als junger, ehrgeiziger Journalist der FAZ. Dabei waren Sound und Inhalt der Platte ihrer Zeit so weit voraus, dass man heute annehmen möchte, Abwärts hätte den damaligen Zeitgeist der Depri-Punk Bewegung aufgegriffen, um in Zeiten von überschwänglicher Freude der Popmusik im Zeichen des NDW, einen Kontrapunkt zu setzen. Das Döpfner heute Chef vom Springer-Verlag ist, nennt man dann wohl Fügung des Schicksals.

An dieser Stelle sind wir im inhaltliche Tal der Tränen angelangt, falls jemand die Entwicklung von seichter Sehnsucht einer Sandra, über die verstecke Kritik am Video-Zeitalter durch Camilla Motor, der Punk gewordenen Beschreibung eines depressiven Geistes der Shadocks, bis hin zu Abwärts, die in diesem schönen Tal die Richtung vorgeben. Aber was ist es nun, das an dieser Form der Musik fasziniert? Punk, Wave, Schlager, Minimal? Diese Form der musikalischen Unangepasstheit funktioniert übrigens auch heute noch. Wäre das nicht der Musikperlentaucher, so könnte man die Liste der Band auch spielend mit neuzeitlichen Acts füllen, die einen ähnlichen Weg zeichnen würden. Was ist eure Meinung? Ist das gruftig, wavig oder einfach nur Schrott? 

 

Dieses Video habe ich nur wegen der Aufnahmen der Band herausgesucht. Der Klang ist eine Katastrophe. Klickt hier für eine deutlich bessere Aufnahme.

12 Kommentare

  1. Abwärts ist Punk/Wave/Post-Punk/NDW (wie auch immer man es nennen möge) – Kult..die Alben der 80er bis in die frühen 90er hab ich mir seinerzeit auch alle angeeignet. Ab „Comic-Krieg“ hab ich dann so ein bisschen den Bezug verloren, da dann eine etwas härtere Gangart eingeschlagen wurde die mir nicht mehr so zusagte. Da meine erste musikalische Identifikation im Independent-Sektor die Einstürzenden Neubauten waren hab ich auch zu Abwärts rübergeschielt, FM Einheit und Marc Chung haben ja damals in beiden Bands gespielt. „Alkohol“ vom selbstbetitelten 88er Album wurde auch häufiger auf (Dark)Wave-Parties gespielt.

  2. Zum Rosa Video: so absurd ist das doch gar nicht. Sie singen allerdings mit ziemlicher Sicherheit von Lämpchen, die rot und grün blinken, nicht von Lärchen. :) „Deutschland im Herbst“ ist ein Film, falls unbekannt und fürs Textverständnis förderlich.

    „Japan ist weit“ hingegen finde ich wesentlich unsinniger bzw. überflüssig. Ich habe gelegentlich Phasen, in denen ich für mein Seelenheil in Dauerschleife „Big in Japan“ hören muss. Deshalb kann ich „Japan ist weit“ nicht direkt schlecht finden, ich meine, es klingt ja fast genauso. Aber es holt da jetzt auch nicht sonderlich viel mehr raus, ich werde also im Zweifelsfall bei Alphaville bleiben.

    Und generell gesprochen ist mir ja persönlich völlig wurscht ob gruftig, wavig oder schrottig. Was mir gefällt, wird von mir gehört. Da ist mir längst gar nichts mehr peinlich. :D

  3. Ich kann mich mit allen Songbeispielen hier anfreunden, was aber für ein Kind der 80er, das mit New Romantic, 80er Italo-/Disco-Wavepop und NDW groß wurde, vermutlich nicht verwunderlich ist.
    Bei mir rufen solche Klänge einfach eine Menge Nostalgiegefühl hervor und das macht sie für mich interessant.
    Das Stück von den Shadocks könnte glatt von X-Mal Deutschland stammen ;-)

    Wie diese Musik auf jüngere Generationen wirkt, die einen ganz anderen musikalischen Background abbekommen haben, würde mich mal interessieren.
    Andererseits sind die 80er-Revival-Partys seit langem ein Dauerbrenner und nicht totzukriegen, da sind ja auch nicht nur Oldies im Publikum anzutreffen.

  4. Sehr interessanter Artikel mit guten Beispielen :)
    Beim lesen des Abschnitts über Sandra musste ich spontan an „Nur wir zwei“ von Bang Bang denken, ein deutsches Cover des Safety Dance, hörte diesen Song vor ein paat Monaten auf einer Party in Bielefeld und hatte dabei sehr ähnliche Empfindungen.

  5. @The Drowning Man: Oh, ein schöner Musiktipp. Sollte mich selbst wieder intensiver mit Abwärts beschäftigen, gerade die alten Sachen scheinen ja noch einige Schätze zu bieten. Und Punk als ultimative Wurzel unserer Subkultur ist dann eben doch ein gemeinsamer Nenner, den man nicht verleugnen kann.

    @Julius: Ja, Lämpchen macht mehr Sinn als Lärchen *kicher* Ich bin mir auch sehr unsicher ob „Japan ist weit“ überhaupt den Anspruch erfüllen sollte „mehr“ rauszuholen aus dem Original. Für mich ist das sowas wie das Kuriositätenkabinett, etwas besonderes, ein Alleinstellungsmerkmal. Deswegen ziehen ich es dem Alphaville Song vor.

    @Tanzfledermaus: Ja, die Shadocks klingen tatsächlich in einigen Stücken wie x-mal Deutschland. Vermutlich gefällt es mir deshalb so gut. Das o.g. Stück sticht nochmal deutlich hervor aus anderen Songs der Band, da hier tatsächlich noch mehr eine depressive Ader gepflegt wird, als in den anderen Stücken. Mit einer 80er Revival-Party würde ich das allerdings nicht vergleichen. Jedenfalls nicht für mich. Eher eine Entdeckungsreise. Es gibt so viele unglaubliche Spannende Sachen zu entdecken, an die man damals einfach nicht herankam. Es ist nicht so wie heute, wo jede Band die Chance hat bekannt zu werden, in dem sie das Internet für sich nutzt.

    @B.B.: Ha! Schon wieder ein Knaller! Ich wiederhole mich ungerne, aber in diesem Fall mache ich eine Ausnahme: WAS ES NICHT ALLES GIBT! *kreisch* Danke für diese weitere Perle aus der Abfall-Ecke ;)

  6. Robert, das Thema mit den „objektiven Maßstäben“ hatten wir doch an anderer Stelle hier schon einmal abhaken können, oder? Genauso schwierig wird das mit dem Sezieren und/oder Selektieren der damaligen deutschen „Musikperlen“ in (Sub-)Genres. Zu Beginn der NDW hat sich doch noch kein Aas drum gekümmert, ob etwas „gruftig“ klingt – zunächst war selbst zu frühen X-mal Deutschland-Zeiten die Subkultur „Gothic“ noch inexistent, bzw. so gut wie keinem geläufig, zum anderen ging es erstmal darum, daß auch abseits des deutschsprachigen (überwiegend Bluesverseuchten) Muckertums eine (Musik-)Kultur entsteht, die überhaupt auch nur ansatzweise in der Lage dazu ist, eine eigene Identität zu entwickeln, die sich von den angloamerikanischen Pop/Rock-Vorbildern, bzw. -Schemata/Klischees abhebt. Daß natürlich auch vorher schon Künstler daran am feilen waren, namentlich genannt sollen Can, Kraftwerk, Neu!, Faust, Cluster und Tangerine Dream sein, wissen wir ja auch…
    Jedoch mit der Bilderstürmerei Punk und Wave zog auch hierzulande ein Verständnis von Popmusik ein, die abseits des „Wahrenschönenguten“ Hochkulturbetriebes einen gewissen DIY-Spirit in Gang brachte – und auch uns hüftsteifen Deutschen muttersprachlich motiviert das Tanzen beibringen wollte. Aber nicht nur…
    Und was war einfacher als den Punk/Wave-Esprit einzugemeinden und daraus Musik zur Zeit zu machen? Egal, das war dann halt irgendwie „punkige“ und „wavige“ Musik mit Texten, die eigentlich fast jeder verstehen konnte. Subgenres erstmal Wurscht… Daß zum NDW-Ausverkauf hin dann daraus Musik zum Zeitgeist (man höre dazu die nur allzu gelungene 7″ „…und es geht ab“ von Piefke und Pafke – eine musikgewordene zeitgenössische Realsatire) und zum Schluß Musik, die auf den Geist geht wurde, haben wir dem Umstand zu verdanken, daß Naivität, Blauäugigkeit, (positive) Unprofessionalität und Idealismus vollkommen ausgeschlachtet wurden. Man konnte sehen, daß das damals zarte neue Pflänzchen deutscher Pop-Identität von den harten Kommerzmechanismen des Rockbiz und seiner Vermarkter geradezu zermalmt wurde. Und dennoch haben die Tonträger von damals in Nischen überlebt, und werden heute oftmals ungläubig und bewundernd bestaunt…
    Allerdings von mir nicht so gerne solche Geschichten wie dieser „Big In Japan“-rip off von dieser Heulsuse Sandra. Warum besorgten die untalentierten – auch schon – Nachäffer-Knaben von Alphaville nicht selbst eine deutsche Version? Weil man seinerzeit schon nicht mehr deutsch sang, weil „uncool“ und kommerziell nicht mehr so ertragreich geworden? Und was stellt dann dieses Sandra-Dingens dar? Nichts weiter als eine weitere eingedeutschte Schlagerversion eines englischsprachigen Pop-Smashers, so wie die Siebziger Jahre voll davon waren, uninspiriert piefig und bocklangweilig. Da lobe ich mir im Gegensatz dazu ja geradewegs die deutsche Version von Black Sabbath‘ „Paranoid“ in Form der 7″ „Der Hund von Baskerville“ von Cindy & Bert. Glaubt ihr nicht? Dann googelt doch danach…

    Also, ab mit Sandra zurück auf die 80er Müllhalde – und tschüß… (rein „subjektiv“ natürlich… ;-) )

    Naja, und Engländern übersetze ich gerne Texte von Malaria!, Der Plan, Radierer, Abwärts (wenn Frank Z. nicht gerade selber mal englisch sang…), Stahlnetz, Neubauten, X-mal Deutschland, Element Of Crime, Tocotronic, etc. etc. etc. – sollte mich mal einer fragen…
    Bei einer Anfrage diesbezüglich zu Camilla Motor würde ich (mich schwer wundernd) auf die weitaus interessanteren deutschsingenden Vertreter aus vorhergehendem Satz verweisen…

    Anyway…

    Ach ja, die Shadocks – lang ist’s her, und tatsächlich habe ich den „Pesthauch des Dschungels“-Sampler schon lange nicht mehr aufgelegt, auf dem „Motor im Kopf“ drauf ist. Interessante Compilation übrigens, neben den Shadocks sind auch u.a. frühe Stücke von EA80, Family 5, den Ärzten („Ekelpack“) und Asmodi Bizarr drauf. Man sieht, sachte stilübergreifend, da sich damals um die Definierung, bzw. Trennung von Wave, Punk, „Gothic“ und Gedöns wirklich noch keiner so recht geschert hat. Nicht unerwähnt soll allerdings auch die famose 7″ „Lachend Strahlend Lebensfroh“ der Shadocks sein, wenn die Band schon mal von der Müllhalde zurück geholt wird…
    Aber da wir schon bei Genres (und so…) angelangt sind, die Shadocks hatten sicherlich nicht „Gothic“ und/oder „Dark Wave“ im Kopf als sie „Motor“ aufnahmen, und ob sie an X-Mal Deutschland dachten (die ja nun wirklich später wohl wissentlich sich in das „Gothic“-Genre begaben…), wage ich auch zu bezweifeln. Aber vielmehr würde ich beim Stichwort X-Mal Deutschland an die LP „Morgenstern“ (1988) der deutschen Band Stimmen der Stille verweisen. Da denkt und reimt man sich schon so manches zusammen… (aber keine Müllhalden, wohlgemerkt…)

  7. „Tirami Su- Nur eine Nacht“ ist auch einer dieser Songs den ich schon des öfteren auf Partys gehört hab. Herrlich eingängig und tanzbar :)

  8. Bin ein Fan von Abwärts seit ungefähr 2001 als ich in ner Punkwg zum ersten Mal „ich seh die schiffe den fluss herunter fahren“ aus nem scheppernden Cassettenrecorder gehört hab.

    Japan ist weit ist für mich neu, eine Coverversion, die für mich stimmig ist. Und würd gut in die Playlist der „Schwarzlicht“ Reihe im Libella Altenmarkt passen.

    Zu den Shadocks, gefällt mir, werd mich mal bei denen durchstöbern

    @Tanzfledermaus Wie ist das mit „Wie diese Musik auf jüngere Generationen wirkt, die einen ganz anderen musikalischen Background abbekommen haben, würde mich mal interessieren.“ gemeint?

    im Bezug auf Abwärts, Sandra oder die Shadocks? Dann könnte ich als Teil der jüngeren Generation meinen Senf dazugeben ^^

  9. Ja, genau, ich meine diese 80er-Jahre-Sounds. Die entweder noch eine hörbare Verwandschaft zu Punk haben oder eben im Zuge der Neuen Deutschen Welle entstanden, mit avantgardistischen bis klamottigen Texten und zum Teil schräger bis synthiehaft verspielter Musik dazu. Ich kann mir vorstellen, dass heute, wo solche Musik nicht mehr populär ist, nicht im Radio läuft und nur auf bestimmten Veranstaltungen, sie für einige Jüngere sehr anachronistisch oder ungewohnt vorkommen mag.
    Wer damit aufgewachsen ist, den die 80er-Jahre-Musik in Radio und Disko begleitet haben, für den sind diese Klänge vertraut und rufen womöglich (nicht immer) eine wohlige Nostalgie hervor – im Falle von „Sandra“ scheiden sich ja die Geister ;-)
    Ich kann mir vorstellen, dass diese mittlerweile schon als Oldies einzustufenden Songs für jüngere Szenegänger entweder fremd-exotisch bis interessant anmuten oder sie aber auch womöglich gar nicht ansprechen, weil sie als zu schräg (Abwärts/Camilla Motor/Shadocks) oder zu seicht (Sandra) empfunden werden, was natürlich nicht verwerflich wäre. Für mich wirkt z.B. die Musik der 60er oder 70er auch recht „altbacken“, obwohl es auch hier Songs gibt, denen ich etwas abgewinnen kann.
    Mich würde interessieren, wer von den Jüngeren, die die 80er nicht miterleben konnten, mit dieser Art von Musik etwas anfangen kann oder sie gar nicht leiden kann, und wenn es möglich ist, das auch begründen kann, was daran als reizvoll oder gruselig empfunden wird. Die Älteren sind da vermutlich voreingenommen ;-)
    Jede Zeit hat ja so ihre Musik, für Zeitgenossen ist sie ein Spiegel ihrer Zeit und Bestandteil der eigenen Entwicklung. Etwas Neues ist immer spannend, irgendwann wird es dann vertraut und normal und rückblickend durch die Erinnerung und daran gebundene Verknüpfungen wiederum anders eingefärbt. Dieser Bezug fehlt denjenigen, die sie erst später entdecken, dafür haben diese wiederum ihre eigenen Bezüge aus der jüngeren Musikgeschichte. Und manchmal fühlen sich Menschen von etwas angesprochen, was einen ganz anderen Zeitgeist atmet als den, dem sie entstammen. Sowas finde ich schon spannend.

  10. Ich kannte überwiegend vorher nur die Bandnamen und eventuell nur einzelne Songs von denen. Als ich dann anfing, mich mit den Bands zu beschäftigen, die eben unter dem Banner Gothic Rock, Dark Wave usw. laufen, waren die Songs für mich gleichwertig, im Sinne von, aha ich wusste nicht, dass das nur ein kleiner Szenehit war oder das mal im Radio lief. (Edit: Kann man dann natürlich nicht wissen, ob das Lied als peinlich galt oder nicht ^^)
    Meine Musiksozialisation fing ja mit der Kelly Family und den Spice Girls an, ging dann in eine kurze Technophase über. Ab 2001 ging’s dann los mit Grunge, Britpop, Punk. Ehrlich gesagt, war Grunge oder manches aus dem Punk nur Lärm für mich und musste mir das erst Mal anlernen zu mögen. Abwärts machte da eben eine Ausnahme. Nachdem ich viele Bücher über Musikgeschichte, wie z.B. Verschwende deine Jugend, gelesen hab, verschob sich der Fokus eben immer mehr auf Post Punk usw. Nachdem ich ja mitten in der Pampa wohnte und erst ab 2008 einen vernünftigen Internetzugang bekommen hab, konnte ich dann endlich über YouTube die vorgestellten Bands aus den Büchern hören. Ab 2010 wurde ich dann zur Babybat, von da ab war es dann endgültig vorbei mit Grunge usw. (Was ich da so angezogen hab, würd ich heut auch nicht mehr tragen. Und ja, mir gefielen durchaus auch ein paar Sachen aus der Hellectroecke : ))
    Hab den Sound nicht als komisch empfunden, dass diese Bands teilweise aus den 70ern stammten, hat meine Wahrnehmung nicht beeinflusst. Diese Mischung aus Kühle, Melancholie, Resignation, allgemein als „negativ“ eingestufte Emotionen haben mich einfach sofort angesprochen, weil es dementsprechend meiner eigenen Gefühle zu der Zeit waren. Insofern ist es nur konsequent, dass ich mir ein paar Lieder von Cure nicht anhören kann, ohne dass nicht sofort die Stimmung runtergeht und die Erinnerung an diese Zeit aufkommen.
    Das ist für mich eben auch das Tolle an der Szene, dass ich zu jeder Emotion die passende Musik habe. Quietschehappy – Depeche Mode Just can’t get enough, nervös – Abwärts Computerstaat, traurig – The Cure Pornography Album. Find ja eher die Vorstellung fürchterlich, sollte ich je in ein Altenheim kommen, wieder die Spice Girls anhören zu müssen, weil die ja zu meiner Teeniezeit in waren. Was mir eben auch an Musik wie z.B von Bronski Beat gefällt, war (Synth)Pop, behandelte durchaus ernste Themen und war in den Charts drin. Könnte jetzt nicht behaupten, dass die ganzen Eurodance „Bands“, Boygroups Musik mit Hirn hatten.
    Abschließend kann ich sagen, dass es mich emotional ansprechen muss, und eben auch mein Hirn, dann isses mir egal, aus welchem Jahrzehnt es stammt und aus welcher Musikrichtung es stammt, sei es jetzt Gothic Rock oder New Wave.

  11. Danke, gagates, das hast Du gut beschrieben!
    Ja, Musik spricht Gefühle an und man sucht sich die passende „Untermalung“ zu seinen Gefühlen.
    Auch mir geht es so, dass ich die Bandbreite an der dunklen Musik sehr schätze, weil für so ziemlich jede Stimmung das Passende dabei ist, sie zu spiegeln.
    Es wird nicht eintönig und langweilig, wie es mir bestimmt gehen würde, wenn es nur eine einzige Stilrichtung innerhalb der Szene gäbe
    (z.B. nur die tieftraurigen oder verspielt-minimalistischen Klänge), da würde ich dann bestimmt (noch) mehr über den Tellerrand schielen ;-)

  12. Moin, Ich wollte mal in die Runde meine Ansichten zum totgeglaubten NDW der ersten Stunde schmeissen, plus Links zum Untermauern.
    Post-Punk und die Wave(s) sind für mich immer die Fortsetzung des Punk mit anderen Mitteln gewesen. Die Energie und die einfachen Strukturen zeichnet doch alle Post-Punk-Genres aus, verliert dabei aber das Laienhafte und Krachige. Gerade diese Entwicklung sieht man auch in der jetzigen deutschsprachigen Punkszene. Ein Beispiel für einen gelungenen Anschluss an Fehlfarbentraditionen ist Front aus Wiesbaden: https://frontpunk.bandcamp.com/album/zur-lage-der-automation
    Das ist natürlich eher Tradierung als Weiterentwicklung des deutschen Punks, das gibt’s aber auch, zum Beispiel bei den ganz furchtbar guten Pisse aus Hoyerswerda (Nicht vom Namen abschrecken lassen): https://pisse.bandcamp.com/album/kohlr-benwinter
    Oder auch FCKR: https://fckr.bandcamp.com/album/dummlandschweine

    Ich finde diese Bands deswegen so interessant weil es Punkbands sind die das machen was in den frühen 80ern passierte: Sie entwickeln den Punk weiter und kommen dabei an einen Zwischensound an, der etwas anderes ist als dreckiger Rocknroll. Es fühlt sich auch anders an als Retro. Erfrischend kreativ und eine spannende Entwicklung, und dabei oft an die frühen 80er erinnernd.
    PS: Zu den Texten: Ganz ehrlich, gerade in Deutschland gibt es einen sehr fliessenden Übergang von Punk ins Wavige. Syph und Male sind natürlich nicht (schwarz)romantisch wie Xmal Deutschland oder , aber immer negativ. Überhaupt geht es im Punk ja immer viel um Frustration, Machtlosigkeit und die dunklen Seiten des Lebens. Funpunk natürlich ausgenommen (aber hat der nicht auch viel mehr mit Skins und Oi zu tun?)

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