24 August

Guldhans Kolumne: Ein Blick in die (Unter)Welt.

Verfasst von Diskussion: 8 Kommentare

Guldhans Kolumne - 256Das Weltall, unendliche Weiten. So oder so ähnlich schwadronierte vor zweieinhalb Generationen eine melancholisch philosophische Stimme in den jungen Star Trek Himmel. War doch so oder? Denn ehrlich gesagt kenne ich mich da nicht aus. Und fand das Ganze, abgesehen von dem sympathisch unterkühlten »Faszinierend«, zum Erbrechen öde.
Aber dessen ungeachtet träumte auch ich von der unendlichen Weite. Wenn auch damals einzig im Star Wars Universum. Nichts ahnend, dass diese zum heutigen Tage nicht einmal nur mehr passiv über den Flatscreen flimmert, sondern zum aktiven erkunden lockt. Und das nicht etwa in dem tristen Dunkel des Kosmos, sondern innerhalb des schillernden Bunts des Internets. Gibt es somit einen besseren Grund um übermütig zu werden…

Vor allem, wenn man mal aus Versehen die Tabs der Pornoseiten schließt, die einem einen nie endenden Fundus gieriger Gothicgirls bieten. Ein echter Dienst am Kunden in Sachen Frustabbau. Oder war es Fließbandwichsen? Jedenfalls irgendwas mit F. Für das man früher noch eine halbe Pilgerreise zum nächsten »Ehehygiene«-Shop unternehmen durfte. Und dann auch noch zu allem Unglück einzig auf gut Glück. Immerhin hätte das Tape der Begierde vergriffen sein können. Und heute? Heute räkelnde sich in der Regel, und vermutlich vor allem außerhalb, minütlich mehr Mädels vor der Webcam, als das damalige Star Trek-Universum bewohnbare Planeten kannte. Und dieses in bester Drehbuchrammelmanier. Aber nicht nur irgendwelche Weiblichkeit. Sondern allesamt gothlike schwarzhaarig, geschminkt, gepierct sowie tätowiert. Ein Hoch auf die Entdeckung neuer Welten.

Doch das meine ich ja nicht einmal. Schließlich habe ich hier auch dazugelernt. Denn Blog studiert und meine Lehren gezogen. Und weiß nun, dass das gar keine Gotinnen sind. Zumindest keine Goten. »Innen« hingegen sind diese nach aller Darbringung der Beweislage schon. Aber nein, die wahre Goth regelt sich nicht rollig auf dem Bette herum. Bin ja bekehrt worden und schaue mir solche Filme jetzt nur noch an, um beschämt die rechte Hand vor den Monitor zu halten und mit der linken so etwas wie: »Schäme dich, ungruftige Heuchlerin.« oder »Fuck yourself, you untrue piggy bitch.«, zu tippen. Man hilft ja schließlich gerne den Gestrandeten. Und ja, als Kerl besitzt man gewisse Übung darin, vor solchen Videos einhändige zu agieren. Wobei ich schon eingestehen muss, dass ein »fuck yourself« bei derartigem Treiben innerhalb solcher Videos nicht mehr so ganz die Wirkung einer verbalen Abmahnung besitzt. Doch es sei ja der gute Wille, der zählt…

You Black

Aber wie gesagt, das soll dieses eine Mal nicht das Thema sein. Anders die gefühlt unendlichen Weiten von Youtube. Und der mentale Jakobsweg, den man hierbei durch Abgründe der menschlichen Psyche nehmen kann. Bei dem immerwährend Sehenswürdigkeiten am Wegesrand aufwarten, die zum Verweilen einladen. Industrialdance-Videos beispielsweile. Ja, ich tat es mir erneut an. Wurde schwach und gab mich dem multimedialen Rückfall hin. Wollte schauen, ob diese Modeerscheinung nun endlich in jener Belanglosigkeit verschwunden war, die man ihr schon seit Anbeginn diagnostizieren konnte. Und nein, es gibt sie noch. Sogar noch im gewohnten klassischen Kitsch. Mit irgendwas von CyBer oder ToXiC im Namen, mit Fellbesatz an den Armen, Puschelmop an den speckigen Backfisch-Prä-Cellulide-Stampfern, Baumarktsgezottel sowie Kathederzöpfe auf dem Schädel. Und strampelnd vor der Kinderzimmerschrankwand aus düsterem Birkenholz. Die derart bieder wirkt, dass man dem ganzen schon einen gewissen dadaistischen Wert zugestehen muss. Erstaunlich; ich hätte fast darauf gewettet, dass diese ausgestorben, erwachsen oder berufstätig geworden sind. Wobei jetzt alles drei irgendwie auf dasselbe hinausläuft. Doch eines hat sich getan, man findet verstärkt Mädels in ganz ansehnlicher Klamotte. Obendrein sogar ganz niedliche. Nur eben einen scheiß Musikgeschmack.

Guldhans Kolumne - VHS Kassetten

Als es noch kein YouTube gab, musste man seine Schätze noch selbst und in haptischer Form sammeln.

Und das wirklich faszinierend ist, dass man bei Youtube immer das Gefühl bekommt, man unterhält sich angeregt mit seinem Weibchen. Besonders mit einem, das gerne mal so völlig unerwartet andere Sinnzusammenhänge knüpft und, obwohl Mann in aller geistigen Trägheit noch im aktuellen Thema festsetzt, mit Überleitungen die reinste Verwirrung stiftet. Zugegeben, ich stehe drauf. Hält es doch das alte Gedankengrab noch einigermaßen frisch. Und auch, wenn es nervt, man ertappt sich dabei, dass man freudig mit einsteigt.

Und damit eines dem anderen folge leistet. Sinngemäß als Trostpreis dafür, dass man diese angestrengt zappelnden Teletubbies ertragen musste, zu vernünftigen Live-Mitschnitten diverser ansehnlicherer Elektro-Combos gelangt… Was rannte man damals noch VHS-Kassetten nach und hütete diese wie einen Schatz. Und wehe dem Unwürdigen, der sich mit seinen schmierigen Pfoten oder magnetbandzersetzenden Ausdünstungen diesen unerlaubt näherte. Wenn, dann wurden diese nur zum abendlichen Freundesgelage ausgepackt. Mit Samthandschuhen. Nachdem ein Dekontaminationsteam den Raum steril verpackte sowie bei nebenstehendem Wachschutz. Und wenn sich diese jemand ausleihen wollte, dann einzig gegen dessen Testament, Kadavergehorsam sowie dessen Seele. Oder auch mal ein rares Bandshirt als Pfand, was vom Marktwert her ohnehin das bessere Geschäft gewesen war.

Anschließend wurde das Band in einer Sänfte zu diesem Glücklichen getragen. So dass jeder Passant andächtig in die Knie gefallen war, im Glauben man transportierte die Bundeslade. Und wehe dem undankbaren miese Unmenschen von einem unwürdigen Fadenwurm, wenn das Band bei Rückgabe nicht wieder komplett sowie ordnungsgemäß zurückgespult worden war. Vor allem ordnungsgemäß. Soll heißen, bis ganz zum Ende und anschließend wieder zurück zum Anfang. Egal wo man aufgehört hat zu schauen. Gnade dem, der es mittendrin einfach nur zurückspulte und damit ein ungleichmäßiges Aufrollen des Bandes riskierte… Wohl einer der Gründe, weswegen ich kaum mehr Freunde von damals habe…

Heute hingegen findet man ja alles zu Hauf. Project Pitchforks »Glowing like IO« -Tour von 1995? Kein Problem. Oomph! Live von Anfang 90? Wenige Klicks. Cat rapes Dog vom Konzert damals Mitte 90? Klar, und schau, da irgendwo muss ich gestanden haben. Rare Stücke der längst ins Reich der Mythen und Sagen abgetauchten :wumpscut: -Tracks. Nichts leichter als das. Und so klickt man sich weiter. Findet von den Live-Mitschnitten zu kostbaren Gotenstücken. Von den Gotenstücken zu depressiver Musik mit potenzieller Randüberschneidung. Schließlich können sich diverse Künstler auch über Einnahmen aus dem Mainstream freuen. Nein, das oblag nicht nur dem unheilig kahlköpfigen Ex-Nosferatu mit Schlagersymptomatik. Youtube hingegen empfiehlt munter weiter. Lässt nun indirekt über gebrochene Liebe plaudern. Zieht den Herzschmerz in die Manege der Belustigung. Und provoziert bei mir fast einen mitleidigen Blick auf den Monitor. Denn gebrochen zurückgelassene Mädels, das rührt einen schon fast zu Tränen… denn sind diese niedlich, dann schickt sich das nun wirklich nicht. Zumal ich dann auch schon mal darauf reagiere wie auf beispielsweise Welpen. Diese können einen ja auch nicht kalt lassen. Hunde, Sex und Tränen… ich schätze, da wird jedem warm ums Herz.

You Death

Ein paar eifrige Schwenks Richtung Videovorschlag, und die Trümmerfelder der gebrochenen Herzen dürfen verlassen und weiter gepilgert werden. Gelegentlich sieht man noch die letzten Trauerweiden an sich vorüber ziehen und erlebt, wie der Weg mehr und mehr im Urnenhain versinkt. Einem Sammelsurium von Todesanzeigen für junge Mädels und Kerle. Für Freunde, Klassenkameraden, Geschwister und manchmal Eltern. Das Requiem der Erinnerungen. Von heiter bis schwer. Keine Ahnung, wie oft ich dabei schon auf »My Immortal« von Evanescence gestoßen war; oder Enya. Aber was soll´s, klasse Songs. Selbst hinterlegt hinterlegt mit exorbitant emotionalem Text und schwerverdaulichen Bildern. Die zwar zu oft scheißen verpixelt sind oder nur plump zusammengeschnitten, aber in dem Fall sehe ich da schon mal drüber hinweg. Schaue mir das ja auch außerdienstlich an. Zudem findet man ebenso Videos, mit soliderer Auflösung. So, um ein Beispiel zu nennen, jenes von der Meggie Le, welches sie mit wohl Schulfreunden zeigt, kurz bevor ihr Stiefvater sie erschoss…

Guldhans Kolumne - Screenshot ToddFrüher brauchte es die dörflichen Totenglocken. Den Zug der Trauernden, um einem wieder den Memento-mori-Schlag auf den Hinterkopf zu geben. Heute dröhnen anstelle schwerer Bronze depressiv düstere, aber auch melancholisch heitere Musikstücke. Gepaart mit dem Abbilden vergangener Lebendigkeit, anstatt eingesetzter Leichenstarre. Lebendigkeit und Lebensfreude junger Menschen. Zumeist junger Frauen oder einfach gesagt: Teenager. Die mitten im Leben standen. In den Jahren, in denen man sich der Komplexität des Lebens erstmals überhaupt bewusst sein konnte. Und damit erscheint eines gewiss, das Alter zwischen 14 und 19 Jahren ist wirklich das beschissenste um abzutreten. Egal wie. Als Kind hat man noch zu viel zu lachen, da trägt man es mit naiver Fassung. Mit Mitte 20 vermisst man kaum mehr die Erfahrungen, einzig nur deren Routine. Doch als Teenager aus irgendwelchen Gründen nicht mehr zu sein, das dürfte schon für unangenehme Stimmung sorgen.
Und die Bandbreite des Wie erstreckt sich durch sämtliche Abgründe der »Menschlichkeit«. Tod durch Amoklauf eines unentdeckt mental Defekten. Tod durch Krankheit. Sei es Krebs, sei es ein Tumor. Tod durch Selbstmord, weil das Mobbing oder Bullying irgendwelcher Sozialversagen nicht ertragen wurde. Oder das Vergehen der Liebe. Depression sowie Borderline. Tod durch Magersucht, da irgendwelche Modesadisten meinen, Photoshopoptimierung als Naturstandard zu etablieren. Oder Tod durch Autounfall. Nebenbei die vorherrschende Todesursache. Und davon Platz Eins, wer es errät bekommt einen Lolli… korrekt, Alkohol am Steuer. Und dann schaut einen der Durchschnittsproll blöde an, wenn man sich dem Alkohol verweigert.

Oder der Tod durch einen defekten Regenschirm. Na… innerlich beim letzten Argument gegrinst? Dann willkommen im Abgrund der Seele. Die Schirmspitze bohrte sich ins Herz einer 14jährigen. War ein Unfall, aber gerettet werden konnte sie nicht mehr. Gibt auch einen Nachruf dazu. Und damit einen kleinen Test zum Thema Empathiefähigkeit. By the way, ist Gott eigentlich parthenophil oder wie lässt sich es unter Bezugnahme der christlichen Glaubenslehre begründen, dass ich auch bei meinen Streifzügen über diverse Grabacker verstärkt von Teenagern lese.

Dennoch gibt es einem schon zu denken. Vor allem wenn man sich die Fotografien oder besonders die Videos anschaut. Portraitaufnahmen, Schnappschüsse, Spaßbilder. Bilder voller Wirklichkeitsnähe. Abbilder sympathisch aufmüpfiger Lebensbejahung. Bilder die Geschichten erzählen. Auch wenn diese dabei Gedanken verbergen. Und diese doch zumindest vermuten lassen. Sowie Bilder, die das Wesen einfingen. Das Wesen eines Menschen, der zu dem Zeitpunkt an alles dachte, nur nicht daran, dass er jetzt, in diesem Moment, nicht mehr sein wird. In keinem Himmel, keinem Paradies und in keiner Hölle. Einfach nur noch nichtexistent. Das Bild, das einem selbst für später einmal als Erinnerung dienen sollte, dient nur noch als visuelle Untermalung für den Nachklang einer Bindung zu anderen.
Und lässt dem Betrachter bewusst werden, dass auch er kein Anrecht auf die folgende Minute besitzt. Das nächste Selfi womöglich nicht für das Ego, sondern für den allgemeinen Nachruf dient. Man schwelgt in der Selbstverständlichkeit des nächsten Augenblicks, so borniert wie arrogant, und versteckt sich gleichzeitig vor dem Gedanken, dass dieser nächste Augenblick im Nichts verpuffen könnte. Und genau diese eigene Vergänglichkeit spiegelt sich in den Augen der zumeist abgebildeten Mädels wider.
Sowie in deren Lächeln, das ihren Nahestehenden keine Wärme mehr spendet, sondern nur noch tiefe Trauer. Oder zumindest eine Emotion, die ich für mich nicht in Worte bringen kann. Ein Gefühl der Faszination, des Unbehagens und des Neides zugleich. Denn diese fanden die Antwort auf eine der ältesten und unantastbaren Fragen der Menschheit: Was kommt nach dem Tod. Sie erfuhren es. Wir nicht. Wenn wir es erfahren werden nützt es uns auch nichts mehr. Will es doch nur der Lebende wissen. Somit ist diese Frage in ihrem Kern wiederum allzu sinnlos. Paradox, da der Tod keine Lebende einholt. Sondern einzig Sterbenden begegnen kann. Aber dennoch ist die Frage so fesselnd, dass sie jeder Generation nicht aus dem Kopf geht.

Screenshot - Lizzies Tabs ChannelWer weiß, vielleicht wird dieser Artikel in einem Jahr wieder gelesen werden. Einem Jahr, in dem auch ich womöglich nicht mehr sein werde. So wie man die letzten Minuten, die man jene Worte las, auch nie wieder sein wird. Und wenn der Betrachter diese Zeilen überfliegt und mich ebenso über die Frage des Todes spekulieren sieht, wie er sich in dem Moment, dann wird diesem der Gedanke beschäftigen, dass ich schon die Antwort fand, die ich hier nebenbei suchte. Und die für mich nun allein diesen Jugendlichen vorbestimmt geblieben war. All jene, die vor zwei, drei oder vier Jahren noch voller Erwartung in ein Morgen und in ein Bald sahen.

Ich gebe es offen zu. Es ist für mich nicht angenehm darüber nachzudenken. Und ich gebe somit auf den gotischen Klischeemist, der das Nachdenken über die Vergänglichkeit nur zur heiter bis wolkigen Gelegenheitskopfkirmes verkommen lässt, einen Scheiß. Da ich im Kern kein Fundament besitze, was die damit einhergehenden Emotionen trägt. Und so bin ich in solchen Momenten fast schon froh, dass es den Menschen gibt. Froh, dass ich über Videos andere stolpere. Die in enger Beziehung mit der letzten Leidensgeschichte der Toten standen und in den neueren Clips wieder in die Kamera strahlten. Obwohl ich diese noch in vorigen Videos habe Rotz und Wasser heulen sehen. Ja, bei einigen, deren Hintergründe man über ihren Kanal kennt, lächelt man dezent mit. Auch für sich. Selbstmordgefährdete.

Mobbingopfer, wie beispielsweise Lizzie. Deren Youtube-Kanal mit seinem »Okay… Hello I´m Lizzie. And this is my story…« und seinen gerade einmal vier Videos, über einen Zeitraum von zwei Jahren, mehr erzählt als die Kanäle diverser YT-Sternchenschminktutorialscheißdreckschnepfen, die hunderte Takes trivialen Tittenbonus-Spam absondern, zusammen. Borderliner. Magersüchtige. Man sieht Abstieg, erlebt den Fall mit und verfolgt die Auferstehung. Erkennt den Menschen als jenes vernunftbegabte Wesen. Und erfährt das, was uns vom Tier unterscheidet. Nämlich die Hoffnung auf Menschlichkeit.
Oder nicht? Nein, drauf geschissen. Der Mensch ist abnormal. Weil er es auch ganz unbewusst vermag, einen aus der Melancholie sowie der befremdlichen Emotionen wieder in eine solide Bahn zu werfen. Nämlich in die der Verachtung. Und damit meine ich nicht die ökonomisch begründete Ohrfeige für jene Totengedenken, welche aus so netten Sätzen wie »Dieses Video enthält Content von WMG und Sony Music Entertainment. Es ist in deinem Land nicht mehr verfügbar« oder »Dieses Video enthält einen Audio-Track, der nicht von WMG autorisiert wurde. Der Track wurde deaktiviert. Weitere Infos zum Urheberrecht« bestehen. Mitnichten, dieses stört mich auch nur in erster Sekunde. Ich meine diverse Kommentare. Aus Gründen der Persönlichkeitswahrung erstelle ich hier prinzipiell keine Verknüpfungen, zu keinem der genannten Videos. Glaubt mir oder findet es selber heraus, beides ist wohl noch möglich. Denn das Internet vergisst nicht, nicht einmal die Verbalausdünstungen solcher Fleshlight-Ficker:

»How did this SLUT die?«
»I stuffed her head in my turkey as my dinner«
»I would BANG her.
1#WACK PACK«
»a good lorry driver. God bless this driver«
»SIE WAR VOLL DIE GEILE SAU«
»war immer oofen angezogen geile dicke titen
zum titenfick
ich würde sie gerne ficken«

Mir persönlich fällt es nicht schwer, diesen Posts die Reaktion zukommen zu lassen, die diese verdienen. Mir fällt es auch ebenso leicht, der Menschheit damit allgemeines Versagen zuzugestehen. Da ich längst keine weiteren Argumente mehr brauche, um dieses Denken auch zu leben. Was mir aber schwer fällt, ist dem geheimen Wunsch danach, diesen Alpharüdenabschaum würden doch bitte die Klöten abfaulen, irgendwie in euphemistischen Wortwitz zu packen. Vielleicht fällt ja der geneigten Leserschaft dazu eine humoristische Phrase ein.

You Creep

Wer jetzt glaubt, das wäre schon ein Zenit an Widerwärtigkeit, der irrt. Das ist einzig pietätlos, respektlos und entgegen aller Humanität gewesen, die man selbst als Misanthrop an den Tag legt. Da dem jegliches, ja, ich benutze diese Wort nur sehr ungern, …Ehrgefühl… abhanden geht. Und zwar gegenüber sich selbst. Zynismus, sexistischer Sarkasmus, Ironie, derber schwarzer Humor. Gerne, aber ich entstamme noch aus einer Epoche, in der man aufhörte, sobald der Gegner am Boden lag. Und wir pissten nicht auf Gräber. Wir gossen zum Abschied allerhöchstens Met darüber.
Und wir feixten nicht über schwächere. Beispielsweise wenn sich Teenager mit augenscheinlicher Trypanophobie oder Vaccinophobie panisch heulend sowie kreischend auf dem Patientenstuhl winden. Und mit fast achtzehn Jahren bei der Impfung noch von ihren Müttern festgehalten werden müssen. Ja, da klopft sich der halbstarke Brüllaffe prustend auf die Schenkel. Und Hauptsache tausende dergleichen Primaten gefällt das. Daher brach ich nur zu gerne mit der weiteren Führung von Youtube und gesellte mich zu den vergnügteren Mädels.

Challanges. Kennt keiner? Richtig, ich vergaß, der geneigte Gote sinniert nicht über derart plumpe Albernheiten des Spaßgeschaftsgesindels. Er fährt zum WGT-Jubiläum lieber Achterbahn. Ich hingegen schon. Alles lohnt zur Beobachtung. Und wenn es nur Teenies sind, die sich bei dem Versuch, Jelly Belly »Bean boozled« zu futtern, fast übergeben. Oder wenn es denen auch reihenweise bei der Banana-and-Sprite-Challange gelingt. Kotzende Mädels… ganz ehrlich, das stellt die treffende Reaktion auf die, zum Glück schon wieder etwas in den Hintergrund geratenen, Kommentare dar. Und ja, viele von denen sind »sweet« oder »cute«, um auch mal in anderem Kommentar-Vokabular zu schreiben. Und laden ein, innezuhalten, kurz mitzugrinsen und für einen Moment das gezeigt zu bekommen, was man wohl ein Leben in Leichtigkeit nennen könnte.

Und so wandere ich entspannt diesen Weg der Unterhaltung entlang. Wettbewerbe mit drei Litern Milch oder zwei Gallonen Wasser. Selbst mit Salz oder einem vollen Esslöffel Zimt. Wer spukt hat verloren. Wer kotzt ebenso. Weiche dem Erbrochenen aus und höre allerhand dreckiges Gelächter der Beteiligten. Sowie ich eine Hundertschaft an verschiedene Sprache verfolgen kann. Englisch, klar. Aber auch Französisch, Spanisch, allerlei aus dem weiter nördlichen Raum und vor allem Russisch. Kryptisches Kyrillisch, welche frei übersetzt auf Dusch-Challenges hinweisen. Nein, nicht der Blödsinn, bei dem sich dutzende Tölpel einen Eimer Eiswasser über den Kopf kippten; und ja, meist auch mit Eimer. Zumindest, bis die Medienwelt endlich von dem erhabenen Jean-Luc Picard aufgeklärt wurde. Welcher nun nicht nur die Verbindung zum Einstiegsabsatz bildet, sondern scheinbar als einziger auch die Aufgabenstellung verstanden hatte.

Die gefundene Challenge erlaubte einen wärmeren Wasserstand und stellte das alltägliche Duschritual als Forderung. In Alltagsklamotten wohlgemerkt. Dramaturgisch geschickt inszeniert und hochgeladen auf Youtube. Albern, klar, und »who cares«. Scheinbar eine ganze Menge; vor allem wieder eine Menge der falschen. Amüsieren sich im Schnitt Dreiundzwanzigjährige über das Wiederkäuen ihrer Mitstreiterinnen, so standen nun wieder verstärkt Teenager unter der Dusche. Achtzehn, siebzehn, sechzehn, fünfzehn, vierzehn, dreizehn. Und lockten, über jene beginnenden Abwärtsspirale des Alters, Rotten von Flachwichsern an die Flachbildschirme.

Klar ist es amüsant, diesen dabei zuzuschauen, wie sie sich giksend oder feixend darin zu überbieten versuchten, länger im kalten Wasser ausharren zu können. Oder sich eben einseifend einzusauen. Dafür ist man jung. Oder wenn man Glück hat, und sich nicht von Biederkeit sowie Spießbürgerlichkeit der Gesellschaft kontaminieren ließ, auch älter. Somit fände ich es lustig, wenn ich nicht mittels der Kommentare an das erinnert werde würde, was einige der zwölf- bis vierzehnjährigen Mädels dezent übersehen hatten. Nämlich dass es einen Grund gibt, warum ihre volljährigen Geschlechtsgenossinnen das Wesen des Wet-Shirt-Contests zur paraolympischen Disziplin erhoben haben.

Und so scrollt man sich erneut durch Kommentare, die einem den Magensaft auf Kinnhöhe schwappen lassen. Liest sich ungewollt durch Anmachen, bei denen »Hot Girl« innerhalb der geifernden Lobesbekundungen für die beginnende weibliche Form, noch als hochgradig anständig angesehen werden darf. Jedenfalls zwischen all den »nice tiny tits« und »sweet nips« und diverses proletenhafteres. Oder den Zeitstopps innerhalb der Kommentare. Bei welchen man den optimalen Ausblick, oder besser gesagt: Einblick, betrachten kann. Quasi eine kostenlose Dienstleistung für die ganz faulen oder eiligen Wichsköpfe. Alle anderen duften übrigens zumeist die freundliche Anfrage, ob sie die Challange nicht noch einmal wiederholen könnten, dann aber doch bitte »without bra«, in ihren Kommentaren vorfinden.

Selber Schuld? Das halte ich für ein Gerücht. Zumal auch hier die Wegweisung Youtubes das passende Gegenargument ausspuckt und es einem so verdammt einfach macht. Denn das nenne ich Service, dass solche Grottenolme mit dem schlabbrigen Schwanz in der Pranke nicht erst noch großartig neue Suchbegriffe eintippen müssen um weiter zu kommen. So werden pflichtbewusst weitere Videos vorgeschlagen. In freier Fahrt und weiter rückwärts. Zwölf, elf, zehn. Alles das geschätzte Alter der nun folgenden Protagonistinnen, die stolz ihre Stickeralben in die Kamera halten, von ihrem Tag erzählen, ihre Pussy zeigen… übrigens Empathietest Nummer zwei. Ich spreche von deren Kätzchen. Und du?
Protagonistinnen die erste Schminktipps geben, selbstgemachte Accessoires bzw. das »OOTD« präsentieren oder sich an der Challange »my morning routine« beteiligen. Und ja, viele begeistern sich dabei früh für die Teenage-Mode. Und ja, viele übersehen dabei auch, dass es nicht nur ein Modetick der älteren ist, darunter einen Sport-BH zu tragen. Oder das man nicht unbedingt nur im Slip vor laufender Kamera sitzen sollte, auch wenn es im eigenen Zimmer durchaus als bequem angesehen werden darf.

RIP_TTEinmal so unüberlegt wie ungünstig in die Webcam gebeugt und schon strömten sie erneut herbei. Wie die Kakerlaken aus der Kloake. Kommentierten animiert und aufgegeilt. Stoppten sekundengenau die Zeit für den perfekten Einblick mitsamt optimalem Lichteinfall. Man sei ja schließlich Ästhet. Was man schon anhand der Avatare mit den gesellschaftlich anerkannten Gillettefressen erkennen kann. Den DIN-Norm-Prolls und Geschäftsessenfrönfrisuren. Bei denen man sich unweigerlich fragen muss, ob diese Post-Pädophilie das aus Hobbygründen betreiben… oder wie das verstanden und gedeutet werden soll. Oder ist das in gewissen Kreisen angesagt. Gehört sozusagen zum guten Ton. Haben die zuhause kein Aufblasschaf oder eine Mopszucht zum ficken. Oder hängt deren Ego ebenso knapp über Null wie deren Lattenhärte, dass diese jene Mädels so derart verbal begrabschen müssen, wie ich es mir nicht einmal bei einer Volljährigen trauen würde, die darauf steht. Zumindest nicht in erster Instanz und so ganz ohne nachzufragen. Muss ja echt scheiße sein, wenn einen jede gestandene Frau nur auslacht und man deshalb jene für sich sexuell instrumentieren muss, die einem auf jeglicher Ebene nur unterlegen sein können.

Doch man verstehe mich jetzt nicht falsch, das soll keine Schmalspur-Hetze à la »Todesstrafe für Kinderschänder« sein. Nein, soll es nicht. Was ich davon halte, habe ich hier und hier wohl schon genug verdeutlicht. Und ich halte mich für weitblickend genug, um zu begreifen, dass sich niemand seinen Trieb aussuchen kann. Ebenso wie dieser weder abzuschrecken noch therapierbar ist. Und ich, der sich seines Triebes sehr wohl bewusst ist, weiß auch nur zu gut, wie es sich anfühlt, wenn man nur eines kann: kompensieren bzw. sedieren. Mit dem Unterschied, dass ich mir ebenso darüber bewusst sein darf, dass dieses nur temporärer Natur ist. Und zwar bis zu dem Zeitpunkt, an dem mich im Club ein Weibchen lüstern angrinst. Somit kein falsches Wort gegen jene, die mit anderen Vorlieben gezeichnet sind und diese Tag für Tag, ihr Leben lang, unterdrücken. Aber ich hetze zu gerne ganze Hasstiraden falscher Wörter gegen solche Sackgänger, die auf Youtube in ein derartiges Horn blöken.

Aber so ist der Mensch. So ist die Gesellschaft. Egal ob in Jogginghose und Bier an der Haltestelle steht oder in Nadelstreifen und Aktentasche am Taxistand. Und so ist das Internet. Nicht einmal das Deep Net oder Dark Net, bei dessen unbedachtem durchstöbern man sofort eine Freundschaftsanfrage vom FBI in seinem Google+ Account wiederfindet. Mitnichten. Das ganz normale scheiße Mammi-Papi-Internet. Diese jämmerlichen paar Prozent des gesamten Webs, die jeder Gerontengigolo mit seinem uralt Internet Explorer erreichen kann. Und schon auf dahingehend thematisierten Youtube-Playlisten fündig wird. Diese paar Prozent, in denen man schon soviel unendliche Weiten genießt, dass man sich unter der Illusion der unendlichen Freiheit hinreißen lässt, unendlich beschränkten Geistesmüll abzusondern. Und das nicht nur kleinlaut im Vertrauen, sondern in aller Öffentlichkeit. Um den halbwegs sprachversierten Mitleser dazu zu provozieren, dass dieser am liebsten den Monitor ausschalten möchte. Energisch. Mit geballter Faust. Und frontal.
So wie es die Urheberinnen diverser Videos schon alleine dazu animieren, sämtliche Kommentarfunktion zu deaktivieren. Zumindest das machten diese richtig. Warum diese Videos dennoch noch immer im Netz zu finden sind? Ich weiß es nicht. Zum Glück weisen viele der Playlists schon gewaltige Lücken auf. Ich weiß nur, dass es einen seltsamen Beigeschmack gibt, dass derart kommentierte Streifen des Öfteren die letzten Videos auf den dazugehörigen Kanälen waren; seit Jahren.
Was aus denen geworden ist? Das weiß wohl nur das Internet. Hoffentlich weiß es nicht mal das, sondern nur die Protagonistinnen selbst. Und es bleibt zu hoffen, dass über diesen nicht das gleiche unscheinbare Läuten der Todenglocke liegt… besonders, wenn man noch die letzten Videos der Amanda Todd im Kopf hat.

In diesem Sinne

8 Kommentare

  1. Danke für diese wieder einmal wort- und inhaltgewaltige Kolumne. Mittlerweile weiß ich ja, worauf ich mich einlasse, wenn ich Guldhans Werke lese. Bei manchen Wortgruppenkreationen schleicht sich ein Lächeln ein, welches im nächsten Satz schon wieder im Hals stecken bleibt.
    Zum Thema: kann ich leider nicht wirklich mitreden. Youtube dient mir einzig als Musikquelle und ab und zu brauche ich eine Anleitung, wie ich mit meiner Nähmaschine umzugehen habe. Mehr nicht. Warum? Nun, meine Fremdschämgrenze ist relativ niedrig angesetzt und kotzende Mädchen interessieren mich nicht die Bohne.
    Immerhin habe ich das Internet zu Rate gezogen, um mehr über Amanda Todd zu erfahren. Ihre Geschichte kannte ich nicht. Es ist traurig, dass so etwas passiert, aber leider gar nicht mal so unüblich. Laut WHO passiert alle 40 Sekunden ein Selbstmord. Hier rückte es eben durch Youtube in die Öffentlichkeit.
    Und das ist eben der springende Punkt und da gebe ich dir Recht. Das WWW vergisst nie. Nur macht man sich eben mit 12 oder 13 noch nicht so die Gedanken darüber wie mit Mitte 20 oder 40.

    Ich werde jedenfalls weiterhin ausschließlich Youtube als Musiksuchmaschine nutzen und nicht, um menschliche Auswüchse zu beobachten.

  2. Für mich stellt Youtube, wie keine andere der populären Seiten, das perfekte Ebenbild des Internets, und damit der Gesellschaft, dar. Egal was man sucht, man wird es finden. Und jenachdem wie tief man „gräbt“, findet man Dinge, die man gar nicht suchte. Egal ob Fremdschämen oder nicht, die Authentizität besitzt schon eine gewisse Faszination.

    Bei dem, was ich so in sozialen Netzwerken erlebe, bedeutete Alter nicht unbedingt einen gedankenvolleren Umgang mit dem WWW. Aber im Grunde gebe ich Recht. Einer der Gründe, weshalb ich mich an unserer Schule für Medienkompetenztraining stark gemacht habe. Doch eigentlich sollte das auf Initiative des Schulamtes an allen Schulen zum Pflichtprogramm erhoben werden. Und dahingehend nicht nur von gealterten Informatiklehrern, die im Grunde gar nicht wissen, wovon sie da reden…

  3. Medienkompetenztraining wäre eigentlich das Gebot der Stunde, wird aber wohl auf absehbare Zeit daran scheitern, dass man nach wie vor meint, dem Problem mit repressiven Mitteln (Indizierung, Altersverifikationssysteme, Filtersoftware u.ä.) wirksam begegnen zu können.

    Hierzu ein interessanter Kommentar von einem Medienpädagogen:
    http://www.korrupt.biz/1777/zur-medienpadagogik-und-der-jugendschutzdebatte-ein-wenig-input/

  4. Oha, da wollte ich nur gucken, wer da auf alte Jugendschutzbashings linkt, und dann längere Lektüre. Warum ich eigentlich da bin: ich bin kein Medienpädagoge. ich hab das unter anderem studiert, aber in ziemlich anderen Gefilden unterwegs. Wen die Jugenschutz/Porndebatte interessiert, die ist auch unter Medienpädagogen seit 2009 deutlich gediehen und es scheint mir nicht fair, den (berechtigten) bash von vor sieben Jahren ohne den Verweis auf meine letzten Tagungserfahrungen mit Monsterdildo stehen zu lassen.
    Und zum Rundum-Weltverachten hier im (durchaus fein geschriebenen) Kolumnentext: Gothenkulturdissen ging auch schon vor zehn Jahren gut, ich erinnere mich an ein umfassendes Bashing der Szene, das ich mal wo verfasste und viel Lob einstrich und viel Gedisse von Leuten, die nicht auf die Idee kamen, dass jemand, der SITD verreisst, die offenbar gut kennt. Es ist abgedroschen, aber ich glaube, all das hier beschriebene ist mitnichten neu, sondern allenfalls sichtbarer. Die Menschheit wurde nicht schlechter durch die Youtube-Kommentarspalte. Die Jugend verdirbt nicht. Naja, nicht mehr als sonst. Im Ernst, vor zwanzig Jahren waren die Popper scheiße und was EMP gelegentlich auf T-Shirts druckte, ließ einen leise weinen. Vor vierzig Jahren wurden englische Schlager zu deutschen Schlagern übersetzt und ein Großteil der durchaus auch jugendlichen Wohnbevölkerung fand das toll. Vor sechzig Jahren hauten die Gemmrigheimer den Besigheimern beim Dorffest die Bierkrüge in die Fresse, und von der zeit davor will ich gar nicht anfangen. Auf was ich rauswill: es ist viel Aktuelles korrekt als scheiße bezeichnet worden. Daraus aber ein „das war früher besser“ ableiten zu wollen, ist meiner Ansicht nach praktisch immer das Resultat einer verständlichen, aber vollkommen unzutreffenden Romantisierung welcher Vergangenheit auch immer.

  5. Argh, noch kurz nachgetragen. Klingt nebenan ja an, ich mach Onlinemarketing und hatte auch schon eine Reihe von Kunden/Projekten mit, nun, moralisch streitbarem Hintergrund. Ich halte mich für gewissenstechnisch durchaus noch nicht merkbefreit, aber mir macht vieles, grade in einschlägigen Sex/Porn/whatever-Kisten wenig bis keine Bauchschmerzen. Grade im Kontext Youtube finde ich da aber Geschichten aus der Beauty/Mode/Kosmetikbranche nicht wirklich einfach. Ich bin recht sicher, die junge Generation wird sich damit arrangieren, dass es Sauf- und Kotzbilder/Videos/etc. im Netz gibt und angesichts dessen, dass der größte Teil der Menschheit schon mal gesoffen und gekotzt hat, scheint mir das eine angenehme Normalisierung und das Phänomen Kotzbilder mittel- und langfristig tendenziell unproblematisch. Die Flut der erwähnten OOTD, Schmink- und Styletutorials scheinen mir aber gerade geeignet, so dermaßen Rollenstereotypen und Geschlechterklischees zu zementieren, dass mir ganz sechziger wird. Konkret: Der Durchscheinenippel bei ner Pannenaufnahme macht mir extrem viel weniger Bauchschmerzen und wird längst nicht so nachhaltig gesellschaftlich prägend werden als diese unfassliche Masse an platten Stereotypen, die gerade die Beautychannels flutet. Und damit meine ich mitnichten (nur oder insbesondere) Gothstyle. Klar sehen da alle auch ganz individuell gleich aus und sind die Styleproduktionsmittel gnadenlos kommerzialisiert, aber die „normalen“ Bilder von dem, was aktuell das Mädel macht und insbesondere, wie es aussieht… aber ich widersprech mir, das stand auch schon in der Bravo Girl. Aber trotzdem: dazu beizutragen, würde mir wahrscheinlich mehr Sorgen machen als die Vermarktung einer einschlägigen Tube-Farm.

  6. Oh, sorry wegen der Fehlinformation. In dem verlinkten Text steht, dass du Jugendschutzbeauftragter warst, deswegen dachte ich, dass du das auch beruflich machst.

  7. Pornografie ist für mich nicht das Problem. Dafür ist das Internet ja dar. Und auch wenn schon Studien herausgefunden haben wollen, dass das altersfreie kostenlose Angebot derartiger Drehbuchrammelei dazu führte, dass die Kiddies meinen, beim ersten Mal genau das nachmachen zu müssen, weil sie denken das muss so sein, finde ich das weniger problematisch. Der Trieb ist menschlich und ich zeige im Fernsehen ja auch essende oder atmende Gestalten. Auch die Pannenvideos. Es ist die natürliche menschliche Anatomie, warum demnach so tabuisieren, als wäre es ein Stigma.
    Was mir aufstößt sind einzig die Kommentare. Das tippen unverblümter menschlicher Widerwärtigkeit. Und das nicht, um irgendwelche gesellschaftliche Nachhaltigkeit zu provozieren, sondern einfach nur, um sich in der eigenen Erbärmlichkeit zu suhlen und anderen auf das Niveau ziehen zu wollen.

    Was die Beautykanäle angeht… da habe ich ebenfalls weniger ein Problem mit geschlechtlichen Stereotypen. Und um dafür mal eine Lanze zu brechen. Mir scheint es in manchen Debatten ohnehin so, als müsse man sich dafür rechtfertigen, dass man sich so ganz freiwillig mit dem Klischee seines Geschlechts identifiziert. Das fast wahnhaft jede klassische Geschlechterrolle als aufgezwungenes Laster gebrandmarkt wird, ohne erst einmal zu hinterfragen, ob es die oder derjenige nicht sogar gerne auslebt.

    Unabhängig davon, dass ich es als fragwürdig erachte, dass diverse BetreiberInnen von VLogs oder Beauty Channels, gefeiert werden wie Stars. Ohne je eine andere Leistung erbracht zu haben, als die Selbstvermarktung. Und dieses dann dazu zu nutzen, um sich in die Sparte des Product Placement zu grinsen… unabhängig davon, kann jeder auf seinen Kanals machen was er will. Und auch die Zielgruppe ansprechen, die sich angesprochen werden lassen will.

    Und für mich wäre es ein größerer gesellschaftlicher Gewinn, wenn man sich bei Ü-Eier nicht darüber ereifern würde, dass es dabei geschlechtsklischeehafte Unterschiede gibt. -Als ob man keine anderen Sorgen hätte. Alle drei Sekunden verhungert ein Kind. Aber der übersättigte Europärer entrüstet sich darüber, dass dem Sohn blauverpackte Schokoscheiße mit Fußballmotiv auferlegt wird.- Sondern wenn man es an der Kasse als absolut gegeben ansieht, dass ein Junge das pinke Ei mit Prinzessin Lilifee kauft.

    Oder soll ich als Linkshändern irgendwann darüber streiten, dass es sämtlichen Haushaltskrempel auch extra formgerecht für die linke Pranke gibt, obwohl ich selbst Scheren oder Dosenöffner mit rechts bedienen kann. Und mich dadurch womöglich in meiner Souveränität diskriminiert fühlen sollte…?

  8. Yorick, no Prob, an sich bin ichs auch noch, der Begriff ist nicht wirklich geschützt, man muss mehr oder weniger einschlägige kenntnisse haben :)
    Guldhan, ich denke nicht, dass wir da weit auseinander sind. Ich muss auch zugeben, dass ich teils vielleicht am eigentlichen Thema deiner Kolumne vorbeidiskutiert habe. Fürs jeweilige „Priorisieren“ der Aufreger scheint mir aber die Perspektive „seit jeher scheiße“ vs. „Rollback“ hilfreich: mit dem Argument, dass anderswo Kinder verhungern, konnte und kann man jederzeit und überall alles, was an sich kritikwürdig wäre, abtun. Es mag manchmal angebracht sein, um die Perspektiven zu kriegen, aber die konkreten Handlungs- und Einflussmöglichkeiten sind eben vielfältig, und wenn man nach dem Brot für die Welt-Dauerauftrag die Hände in den Schoß legt/die Klappe hält, ist auch niemandem geholfen.
    Ohne das nun kleinreden zu wollen: die Kinder sind schon immer verhungert und es ist immer notwendig gewesen, was dagegen zu tun. Andererseits haben viele Leute viel zeit und Mühe drauf verwendet, dass die Frauen eben nicht nur an den Herd, wahlweise ins Bett gehören, und da kann ich schon nachvollziehen, dass es unglaublich an die Substanz geht, wenn nicht nur das Schlechte schlecht bleibt, sondern auch noch Verbesserungen nun wegen der potentiellen Absatzchanchen von rosa Ü-Eiern zurückgefahren wird. Es ist eine Sache, wenn was scheisse ist und bleibt, es ist nochmal was anderes, wenn mühevoll erreichtes wieder mit dem halben Arsch umgekippt wird, weil scheiß drauf.

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