7 November
Schwarze Zeitzeugen - Melissa aus London
Melissa ist 39 Jahre alt und lebt in London, aufgewachsen ist sie in einer kleinen Stadt in Wiltshire im Süd-Westen Englands. In Devizes, so wie der kleine Ort heißt, ist es kein Zuckerschlecken anders zu sein als die anderen und schon gar nicht, wenn man auch noch so aussieht. Melissa war ein Gothic, jedenfalls würde man sie heute so bezeichnen. Früher gab es noch keinen Begriff und einordnen lassen wollte man sich sowieso nicht. Schwarze Haare, schwarze Klamotten, Schminke, Haarspray und spitze Schuhe waren die Merkmale, an denen man Melissa und ihre Freunde erkannte. In Magazinen fand sie ihre Vorbilder Danielle Dax und Poison Ivy Sie trieben sich auf Friedhöfe rum und hörten Musik nach Punk.
"Es ging eigentlich nie darum in einer Szene zu sein” sagt Melissa heute, „sondern nur darum seine Haare senkrecht zu stellen.” Szenezugehörigkeit war kein gewolltes Phänomen, sondern eine Zuordnung. Vielleicht wird die Szene von damals idealisiert, schöner und allumfassender dargestellt, als sie wirklich war. 1988 verließ sie den kleinen Ort und zog nach London, sie arbeitet als Illustrator und Animateurin und gibt darin auch Unterricht.
Melissa war unbewusster Teil einer Jugendbewegung, die man heute als Gothic bezeichnet, dabei ging es ihr nur um Individualismus und darum, so zu sein wie man wollte. Es ist schwierig, eigene Vergleiche zu einer Szene zu ziehen, die es unter diesem Namen zunächst gar nicht gegeben hat. Gothic ist ein Begriff, der Mitte, eher Ende der 80er Jahre zu finden war und deshalb ist es umso schwieriger sich darin zu definieren. Ich führte ein Interview mit Melissa und war zugegebenermaßen überrascht, wie sie auf meine Frage antwortete. Schön wenn meine Erwartungshaltung über den Haufen geworfen wird und ich etwas neues dazulernen kann. Melissa ist der erste Teil meiner Interviewreihe Schwarze Zeitzeugen.
Spontis: Wann bist Du der Goth Scene verfallen? Melissa: "Ich bin jetzt kein Goth mehr. Ich war nur so angezogen als die Bilder 1983-1985 geschossen wurden, da war ich 13, bzw. 15 Jahre alt. Es wurde da nicht Goth genannt - John Peel spielte Zeug von Bands wie den Sex Gang Children, Gene Loves Jezebel und Alien Sex Fiend, aber niemand lachte darüber oder nannte es Goth. In Magazinen wie dem Zig Zag berichtete man darüber und nannte es „Positive Punk” oder einfach nur Post-Punk. Es war ein Gemisch aus der Szene der Psychobillys, den Straight Hardcore Punks und den Skins, jedenfalls dort wo ich aufgewachsen bin. Eigentlich ging es nur darum seine eigenen Klamotten zu machen und die Haare senkrecht zu tragen, eine richtige Szene war das nicht.”
Das kultige T-Shirt das sie auf dem 84′ er Bild trägt, hat sie leider nicht mehr. Manchmal stecken so viele Erinnerungen in Dingen, die es bei erster Betrachtung gar nicht wert sind, auf den zweiten Blick aber eine Brücke in eine Zeit schlagen, an die man sich gerne erinnert. Ist die schwarze Mode eigentlich nur eine modische Erscheinung, oder war man in seiner Jugend schon so weit, über das Outfit ein Nachricht zu transportieren? In einem perfekt gruftigen Outfit steckte 1984 viel Geld, Herzblut und Selbstgemachtes, während man heute seine Szenezugehörigkeit in Katalogen oder Geschäften kaufen kann. In der heutigen Zeit scheint die Klamotte nur ein Abbild eines verzerrten Zugehörigkeitsgefühls zu sein, das losgelöst von jeder Bedeutung oder Aussage getragen wird.
Spontis: Was ist deine Definition von Goth, ist es Musik, eine modische Stilrichtung oder eine Lebensart? Melissa: „Also ich glaube, es ist eine Lebenseinstellung für einige Menschen und sicherlich auch für mich, als ich mich so anzog. In meinen Zeiten als Jugendlicher fühlte ich mich dadurch definiert und es war mehr für mich als nur so angezogen zu sein. Ich glaube ich habe alle möglichen Kulturen erforscht die sich mit dunkleren Themen, wie der Sterblichkeit, beschäftigten. Vom lesen existenzialistischer Autoren bis hin zu Zombie Filmen und B-Movie Horror. (Vielleicht habe ich nicht alles verstanden, aber ich fühlte mich als ein Teil der Szene nur mit einer Ausgabe des Buches „The Outsider” in meiner Tasche). Ich glaube, ich fühlte die ganze Lebenseinstellung losgelöst von der Musik und den Klamotten.”
Durch den anderen Bezug zum Outfit und den Interessen entwickelt man vielleicht ein andere Form der Zugehörigkeit, als es heute der Fall ist. Das Bild, auf dem sie auf ihrem Bett sitzt unterschreibt sie mit „Ich war so stolz.” Vielleicht eine bezeichnende Eigenschaft dafür, etwas zu leben und nicht etwas zu tun, weil es die anderen machen. An der Wand Poster von Pete Murphy und Gene Loves Jezebel.
Spontis: Was ist, oder war dein spezieller Stil? Bis du mehr ein Schwarzromantiker, ein Waver, ein Tradgoth oder ein Batcaver? Melissa: "Ich glaube ich war einzigartig. Ich wurde aber von Zeug wie in den frühen iD-Magazinen, dem Zig zag und den Bands im NME und der Sound beeinflusst. Ich wollte ein bisschen nach Batcave aussehen, so wie Danielle Dax oder Poison Ivy. Ich machte meine eigene Kleidung und wollte wie niemand anderes aussehen. Ich belächelte die Leute, die nach London fuhren und zerissene, mit Nieten besetzte oder Spinnwebenartige Klamotten beispielsweise auf der Kings Road kauften.”
Ist das bis heute nicht so geblieben? Der Wettkampf nach sogenannter Echtheit in der Szene hält immer noch an, während man diesen Kampf scheinbar nur noch über den Geldbeutel gewinnen kann, zählte damals Geschick, Talent und Leidenschaft. Während man damals die Leute belächelte, die sich ihr Szene-Outfit zusammenkauften, so belächelt man heute die, die sich mit selbstgemachtem Schmücken oder bewundert still und heimlich die, die sich nur über selbstgemachtes integrieren. Dabei spielt auch Schminke eine große Rolle, während man in den 80er mit aufkommen der New-Romantics schrieb „Jetzt schminken sich auch Jungs”, gehört das mittlerweile zum guten Ton, sich „Tot” zu schminken.

Melissa und Coyner in seiner Wohnung. Sie war furchtbar in ihn verknallt und droht mit ihrer Hand die Tasse zu sprengen.
Doch was ist dran am Tod? Man sagt den Gothics ja nach, sie würden sich mehr damit beschäftigen, während der normalsterbliche das eher ausblendet oder ignoriert. Die Faszination des Todes ist eine mehrdeutige und gerne Zitierte Überschrift, doch das muss man differenzierter sehen.
Spontis: Ist der Tod faszinierend oder nur ein Teil des Lebens? Melissa: "Beides. Ich glaube ich bin sensibler für unsere Sterblichkeit geworden, aber ich denke es lässt mich das Leben auf mehr genießen — zu wissen, das es irgendwann endet.”
Ein realistischer Umgang mit dem Tod ist auch für Melissa Antrieb, das Leben bewusster zu erleben. Doch das entwickelt sich und ist nicht jedem in die schwarze Wiege gelegt. Melissa ist sich bewusst, das Leben hat ein Anfang und ein Ende und die Zeit dazwischen ist einzigartig und kostbar. Die Zugehörigkeit zu Szene 1984 hat ihren Teil dazu beigetragen. Doch was hält sie von der heutige Gothic-Szene?
Spontis: Was denkst du über die heutige Gothic Scene? Ist sie eine billige Kopie der Vergangenheit, eine neue Retrowelle oder ein normale Entwicklung? Melissa: Ich habe keine Ahnung. Ich kenne keine Goths oder sehe welche. Man sieht selbst in London kaum noch welche. Ich habe eine große Szene gesehen als ich in Leeds gewesen bin, es war schön zu sehen das sie so viele Anhänger hatten und Orte an denen sie sich treffen konnten. Vor 25 Jahren war es sehr einsam ein Goth in einer englischen Kleinstadt zu sein.
Ein hartes Los anders zu sein, als andere Jugendliche. Einfach die "Erwachsenen" mit Outfit oder Ansichten zu provozieren. Heute sind viele Menschen einfach offener für die Spielarten ihrer Heranwachsenden oder haben teilweise selbst schon einer ähnlichen Jugendbewegung angehört. Die Punks von einst sind nun Eltern, Gruftige Mädchen liebevolle Mütter und geschminkte Jungs liebevolle Väter. Melissa hat sich von der Gothic-Szene gelöst, sich entwickelt und verändert. Doch sie ist stolz darauf, etwas besonderes gewesen zu sein, sich vor 25 Jahren deutlich von dem zu unterscheiden was man eine normale Entwicklung nennt. Doch wie jeder Lebensabschnitt hinterlässt auch eine noch so kurze Zeit Spuren und Erinnerungen denen man folgen und die man pflegen sollte. Viele Goth's von früher haben sich einige ihrer Leidenschaften bewahrt. Sehr oft nennt man die Musik als gemeinsamen Nenner.
Hier Melissas Top 5 der Songs, die für sie "Gothic" repräsentieren und zu der Zeit in alternativen Discos gespielt wurden, die sie seinerzeit besuchte:
Third Uncle — Bauhaus
Spellbound — Siouxsie and the Banshees
Some new kind of kick — The Cramps
Psyche — Killing Joke
Walk into the Sun — March Violets
Definitiv eine gruftige Auswahl und ein schöner Querschnitt. Die Wurzeln zum Punk sind hier deutlicher als bei den Wavigen Stücken die einige Jahre später die schwarzen Märkte eroberten. Post-Punk nannten es die Magazine zu dieser Zeit, oder auch die Überführung des Punk in eine neue, dunkle und nachdenkliche Spielart.
Spontis: Bist du immer noch ein Teil der Szene? Melissa: Nein, ich bin da rausgewachsen. Ich interessiere mich sehr für andere Musik und Kulturen, aber lege mich nicht auf einen einzelnen Stil fest. Ich bin immer noch stolz einer gewesen zu sein als ich jung war und ich liebe diese alten Bilder.
Als ich Melissas Bilder zum ersten mal in ihrem Flickr-Album entdeckte war ich fasziniert und neidisch zugleich. Früher war es mir einfach zu lästig und zu teuer, viele Bilder von mir zu machen und außerdem habe ich mich nie für fotogen genug gehalten. Früher, da gab es noch keine Handys mit eingebauten Kameras. Das waren klobige Geräte, in die man noch einen Film legen musste, den man dann wegbringen musste um dann erneut für seine Bilder zu bezahlen. Ob die Bilder dann letztendlich was geworden sind, war immer eine Überraschung und oft genug verdeckte ein Daumen die schönste Landschaft. Daher ist es mehr als verständlich seine alten Bilder zu lieben und neidisch, weil ich davon so wenig habe. Schön das es Menschen wie Melissa gibt, die ihre alten Schätze zeigen und bereitwillig einen kleinen Einblick in ihre Vergangenheit geben.






hat bereits 72 Kommentare abgegeben und schrieb am 9. November 2009 um 01:23:
Wunderbarer Bericht, danke! Jedes Mal wenn ich lese,dass seine Kleider selber macht(e) wünsch ich mir ne Nähmaschine^^
Und dass ich auch solche Fotos hätte, ich meine, mit 13 oder so sah ich grässlich aus *g*
Schöne neue Serie hast du da gestartet!
Liebe Grüsse
hat bereits 131 Kommentare abgegeben und schrieb am 10. November 2009 um 02:57:
Fantastische Serien-Idee und ein sehr schöner Einstieg ^^
Aber wenn doch ein oder zwei Bilder vom jungen Waver-Robert zu existieren scheinen, warum kennen wir sie dann noch nicht? ;)
hat bereits 1007 Kommentare abgegeben und schrieb am 10. November 2009 um 10:21:
@Atanua: Bitte, gern geschehen :) Jedes mal wenn ich lese, dass die Kleider selbstgemacht sind wünschte ich mir neben einer Nähmaschine auch noch eine Portion Talent. Aber meine Fähigkeiten liegen eher im grobmotorischen Bereich.
@Karnstein: Danke für die Blumen! Ehrlichgesagt existieren solche Bilder nicht. Ich fand es damals verwerflicherweise uncool fotografiert zu werden. Das ist bestimmt postraumatisch, mein Vater war Hobbiefotograf und „produzierte” während der Familienurlaube Unmengen an Bildern. Dafür habe ich noch ein paar Pikes, die ich mir mit 17 gekauft habe :) (ca. 1989)
Und sowieso: Diese Serie liegt mir sehr am Herzen, sind doch seit der Idee und der Realisation schon fast 4 Monate vergangen, ich freue mich aber, das es sich offensichtlich gelohnt hat und verspreche weitere Interessante Geschichten :)
hat bereits 84 Kommentare abgegeben und schrieb am 10. November 2009 um 16:55:
Ich finde das auch eine ganz tolle Idee, ein schönes Interview, bin ebenfalls gespannt auf noch mehr.
hat bereits 23 Kommentare abgegeben und schrieb am 14. November 2009 um 10:57:
Dem kann ich mich nur anschließen. Finde das Interview klasse.
V.a. dieses nicht konkret Goth sein weil es das damals noch nicht gab finde ich interessant.
Gibt mir ein wenig zum Nachdenken, weil ich ja auch immer sag ich gehör nicht zur Szene