24 Januar

Video der Woche: Bestraft ihn! Er hat es nicht anders gewollt.

Verfasst von Diskussion: 34 Kommentare

Bestraf mich - ScreenshotLiebe Leser. Das nun nachfolgend präsentierte Video der Band Arise-X könnte zart besaitete Dunkelgeister nachhaltig verstören, schockieren, beeindrucken oder wahlweise auch belustigen. Je nach dem welche der unzähligen schwarzen Schubladen unserer Szene ihr Euch zugehörig fühlt, welche Weltanschauung ihr vertretet oder auch wo Eure sexuelle Präferenzen liegen. Ich möchte darauf hinweisen, dass der folgende Text nur die persönliche und subjektive Meinung des Autors darstellt und nicht etwa den Anspruch einer fundierten Auseinandersetzung erhebt.

Der akustische Verführer („Sonic Seducer“) präsentierte mir dieses Werk in meinem – bis zur dieser Stunde – recht jungfräulichen Nachrichtenstrom, der sich bis dahin unschuldig in immer neuen Trump-Karikaturen, Björn Höcke-Zitaten und heimwerkenden Orang-Utans wälzte. „Abwechslung!“ schrien freudig die eingerosteten Synapsen, denn was das Fachblatt der schwarzen Subkultur verbreitet, muss einen gewissen Mehrwert inne haben. Einen beherzten Klick auf den „Play Button“ und mutig in den Vollbildmodus gesprungenen Augenblick später sehe ich mich nicht nur mit in schwarzen Klamotten gehüllten Lustmolchen konfrontiert, sondern auch mit äußerst verstörenden Textzeilen wie „Bestraf mich! Ich will mich leiden sehen!“ zugedröhnt, die vom hämmernde Techno-Beat getragen, durch die Windungen des Gehörgangs dringen. 

 

Ich bin fassungslos fasziniert. Selten habe ich so viele Klischees in einem Video versammelt gesehen uns selten sind mir so viele (für mich) unangenehme Stereotypen ins Auge gesprungen, wie in diesem vier Minuten langen Machwerk. Cyber-Gothics, Bondage-Gothics, Latex-Gothic und natürlich auch Uniform-Heinis, die sich von knapp bekleideten Damen aus einem der genannten Lager begrapschen, auspeitschen oder angraben lassen. Dazu die gewohnten Tanzmoves aus den neonfarbenen Knicklichthöhlen der Nation, die ich eigentlich schon für ausgestorben hielt.

Soll dieses Gefummel und angedeutete Gerammel etwa erotisch, anzüglich oder lasziv wirken? Hoppla, da bin ich wohl nicht die Zielgruppe. Das ändert sich übrigens auch nicht, wenn ich den Ton ausmache. Für mich wirkt das stellenweise so, als wäre das Video eine Momentaufnahme aus einem Swingerclub, der ein mal im Monat eine schwarze Nacht veranstaltet im Wald veranstaltet. Ist ja alles Geschmackssache. Oder etwa nicht? 

Gestern im Bett, ich konnte wegen der schrecklichen Bilder nicht einschlafen, hatte ich dann die zündende Idee. Früher hat uns der Glaube, in der Szene fände man Satanisten, Friedhofsschänder uns Rattenopferer, die Normalos vom Leib gehalten, während die Medien verzweifelt versuchten dem Kern der Sache habhaft zu werden. Heute wissen alle, das wir genau das nicht sind und so werden Veranstaltungen der Szene zu dunkelbunten „Ich-will-mal-böse-und-anzüglich-sein“ Parties, weil wir ja alle überhaupt nicht böse sind.

Warum also nicht den Swingerclub-Schutzschild ausfahren? Lassen wir doch alle in dem Glauben, Gothics von heute würden alles und jeden auspeitschen, anbumsen und angrapschen, der irgendwie dazugehörig erscheint, während eine Drohne alles filmt und live bei YouTube streamt! Und zack! Schon ist unsere Subkultur wieder unzurechnungsfähig, absonderlich und unerklärlich, wird von den Normalos gemieden und von der Presse völlig falsch dargestellt. Das finden bestimmt auch die Rechtspopulisten ziemlich unanständig und „undeutsch“ und vermuten dann nicht weiter irgendwelche Anknüpfungspunkte an ihre verschwurbelte Ideologie.  

34 Kommentare

  1. Am besten ist der Typ in der zusammengebastelten Uniform der Nationalen Volksarmee (NVA) der DDR. Das waren auch ganz arme Wichte. Ich habe sehr über das Filmchen gelacht und denke, das geht anderen Betrachtern ähnlich. Nur ärgert mich dann wieder, dass sie damit am Ende auch über die Schwarze Szene lachen. Wer möchte ihnen in dem Fall widersprechen?

    Es ehrt den Autor, dass er den nötigen Text (danke dafür!) als „persönliche und subjektive Meinung“ meint extra kennzeichnen zu müssen. Ich finde allerdings, es wird langsam Zeit, objektiven Müll auch faktisch so zu nennen!

    Hier, etwas zur Reinigung:

  2. Also Robert, wie kannst Du dieses hochgradig kunst- und anspruchsvolle Machwerk innovativer Künstler und ihrer Musen nur so herabwürdigen? Allein schon der musikalische Anspruch lässt eine abwertende Kurzzeitbeschäftigung mit diesem epochalen Meisterstück nicht zu. Diese Melodien, diese glasklare Stimme, der lyrische Text und die liebreizenden Tänze verwöhnen das geplagte Auge und Ohr. Echt, nee.

    *jetzt mal im Ernst* :
    Wenn die das alles völlig ernst meinen, gut finden und sich auch noch selbst dabei gefallen, kann ich nur den Kopf schütteln. Klingt ja wohl absolut x-beliebig, ist einfach nur lächerlich (im Sinne von zum-Lachen) und regt wirklich zum Fremdschämen an. Das kann eigentlich nur eine Parodie sein, möchte man hoffen. Nun ja.

    Sehr „geschmackvoll“ finde ich auch die edle und sehr dezente Bandlogo-Platzierung auf der grünen Wiese.

    Folgendes Zitat entstammt der Band-Homepage:
    „Der markante Black Metal Scream Gesang sorgt dafür sich von den anderen Bands deutlich abzuheben“
    => Black Metal? Solch verfremdete Stimmen (Gesang würde ich es nicht nennen) gibt’s doch zuhauf im Elektro-Kosmos… man denke nur an Wumpscut.

  3. Persönliche Meinung dazu: das ist Mist.

    Aber Angst, dass deswegen irgendwer entsprechende Rückschlüsse auf die Szene oder in letzter Konsequenz gar auf mich zieht, habe ich deswegen nicht. Man hat doch besseres zu tun als sich stellvertretend für allerlei Blödsinn zu schämen, den andere mit einer wie auch immer gearteten, noch so geringen gemeinsamen Schnittmenge fabrizieren. Berührungspunkte hab ich damit jedoch absolut keine und aufgerechnet gegen die Gesamtheit menschlicher Verirrung und Verwirrung bleibt dieses filmische Zeugnis des Wald- und Wiesenwandertags einer fetischistisch veranlagten Aerobic-Gruppe doch eher unbedeutend.

    Also wen kümmert’s? :)

  4. „dieses filmische Zeugnis des Wald- und Wiesenwandertags einer fetischistisch veranlagten Aerobic-Gruppe“
    Danke, jetzt hab ich wirklich Lachtränen in den Augen :-)

  5. Danke, selten so gelacht!

    Es ist erst wenige Tage her, dass ich bei einer meiner bis dato gern besuchten Veranstaltung war (der Love Never Dies in Oldenburg) – und mit Schrecken fest stellte, dass nach dem Brand nicht nur das Interieur durch getauscht wurde, sondern auch die Musikauswahl. Dröhnte doch auf einmal Aggonoize mit Koprolalie aus der Box.
    So schockiert wie ich war, umso amüsierter bin ich nun dank des Videos. Denn stilistisch und auch mit einigen Textpassagen ist dies hier eben genannten Lied angelehnt und nimmt es herrlichst auf die Schippe.
    Ich fühle mich an den Abend im Cadillac erinnert – doch diesmal kann ich zumindest lachen statt darüber zu trauern, dass da ein kleines Stück „Partykultur“ in mir zerbrach.

    Und bitte sagt jetzt nicht, dass die Kapelle ihr hier gezeigtes Stück tatsächlich ernst meinen würde. Das ist einfach viel zu sehr Parodie….auch wenn ich ernsthaft geneigt bin, mir dieses Lied bei der nächsten Love never dies, die ich irgendwann einmal besuchen werde, zu wünschen.

  6. Hallo :-)
    Habe mir das Video Stirnrunzelnd angeschaut.Und der Text……naja. Also mein Geschmack ist es nicht. Muss es ja auch nicht. Aber, dies spiegelt in keinsterweise unsere Szene wieder. Beleidigung für meine Ohren. Sorry.

    Aber ein weinig gelacht habe ich trotzdem ;-)

  7. Ich wußte erst nicht, ob ich weinen, lachen oder brechen soll. Selten sowas Peinliches gesehen und gehört. :-)

  8. Na das ist ja ein Fest zum Feierabend.
    Was soll ich da schon sagen? Musikalisch ist es für mich halt nur das übliche 0815 Elektrogedudel, kombiniert mit einem Text zu dem ich nur sage „Leute, aus dem Alter bin ich raus“. Nunja, gibt mir wirklich gar nix, nicht mal für Entsetzen oder dergleichen reicht es. Allenfalls ein hochziehen der Augenbraue(bitte nur eine^^) und vielleicht noch ein Achselzucken. Nein, ist wirklich nicht meins. Wenn sowas auf Party läuft, denk ich mir eher, „Ach gut, da kann ich ja in Ruhe mal aufs Klo“. Siehe letztes Wochenende, die Ehre des „Ich muss mal wohin“ Songs hatte Steinkind gehabt.
    Ansonsten… ja, über sowas putziges reg ich mich jetzt nicht groß auf, es ist einfach belanglos für mein Ohr. Die Menge an eher uninteressanten Sachen ist es dann auch, die einen die Szenezeitschriften fast immer im Regal der Händler liegen lässt. Bin halt einfach nicht die Zielgruppe. Oder zu wählerisch ;)

    @((tim)) Danke für die „Reinigung“, das war deutlich interessanter zu hören.

  9. Ach, der „Mecker-Freitag“ ist doch noch nicht zu Ende? Oder ist dieses Filmchen samt Sounddreck hier etwa nicht als „Szene“-Kritik(-Punkt) eingestellt worden?
    Naja, jetzt kann man zu dieser allzu medioker wirkenden Stimmungs-Nummer (ist eh bald Fastnacht…) samt optischer Umrahmung (sag ich doch: Fastnacht) vielerlei Deutungsmöglichkeiten aus der „Szene“-Mottenkiste zaubern (eine hatte ich ja schon: Eben, Fastnacht – bis Helloween ist’s aber auch nicht mehr lang hin…), aber werden wir der Belanglosigkeit und Flachheit dieses Machwerks eigentlich gerecht, wenn wir diesem so viel (unangebrachte) Aufmerksamkeit zuteil werden lassen?

    Hmmm, Gedankenspiele, Mutmassungen, etc.: Vielleicht ist dieses Video gar ein mahnender Fingerzeig vs. dem Szeneverfall, geschickt in Satire verpackt… (es bekämen ja irgendwie alle unbeliebten „Szenegänger“ hier – mehr oder weniger „spielerisch“ – ihr „Fett“ weg: die Möchtegern-Fetischs, die Bauerntänzer, die Uniform-nein-ich-bin-kein-Grufti-aber-irgendwie-doch-Kameraden in Schlecht, die evil-abereigentlichbinichdocheineganzliebeundsüsse Schaulaufen-Schlampen). Dafür würde auch folgendes sprechen: eine Mahnung an die „Szene“, ihre Rechtsausleger besser im Auge zu behalten, oder wie deute ich sonst die irgendwie nationalistisch-logohaft anmutenden Aufsteller auf der satten gesunden grünen Wiese, die fast Wahlplakatmässig in Szene gesetzt worden sind, vor einem martialischen Hintergrund (Trutzburgen, auch wenn verfallen, machen sich da immer gut…).
    Nun, da ich ja immer das Gute im „Szene“-Menschen zu finden trachte, so traue ich diesen Machwerkern dieses Videos doch eine differenzierte und intelligente Herangehensweise an brisante Themen und ihrer Entsprechnung in der Kunst zu. Aber wer kann schon in dieser Weise den Gleiches-Feld-Beackerern von z.B. Nachtmahr ernsthaft das Kunstblut reichen? (Verdammt, wo habe ich nur mein „Achtung! Ironie“-Schild verbummelt, sonst könnte ich es an dieser Stelle aufstellen…)

    Aber, wir sehen sehr schön, es existieren immer mehr (Gothic-)Parallelgesellsch…, äh…, -Szenen. Immer weiter abgekoppelt vom Original, immer weiter verzweigt (wenn es sein muß, bis zur Unkenntlichkeit verzerrt) – wenn das mal kein Fortschritt ist, Stagnation sucks… (Hallo, „Ironie“-Schild, wo bist du?)

    Gerade haben wir noch zarte Lichtblicke a la „Postpunk-Renaissance – Hilfe für 2017“ (oder so…) mit vielen Band- und Künstleranregungen abgefeiert, und schon schlägt die allgewaltige (Mainstream/Event/Party/sonstwas)-„Szene“ kompromisslos mit Arise-X zurück. Aber gottseidank tut uns das nicht weh, denn wir haben ja unsere Sub-Nischen, oder?

  10. Ich bin (wie auch schon von T.S. geschrieben) irgendwie davon ausgegangen, dass das Ganze eine Satire darstellt, nicht nur weil das ganze Video so sagenhaft schlecht gemacht und die Musik so klischeeüberladen und austauschbar ist, sondern auch weil die Website der Truppe (ich mag sie nicht ‚Band‘ nennen, denn das würde sowas wie musikalisches Talent implizieren) mich nicht vom Gegenteil überzeugt…

  11. Ach so, was ich ja noch nachfragen wollte: a propos „Fachblatt der ’schwarzen Subkultur'“ – ich bin da schon lange nicht mehr up to date, welche Gazetten gibt’s denn da noch? Ich meine, solche periodischen Druckschriften, die man auch am Bahnhofskiosk kaufen kann, und damit in Punkto kultureller Seriösität auffällt. D.h., bitte keine Tipps in Richtung übliche Szene-Popo/Busen-Schmuddelblätter oder Hofberichterstattung-Grufti-Bravos. Nach Möglichkeit auch keine mit sinnentleerten karnevalesken Nonsens-CD-Beilagen, die allenfalls als Bierdeckel taugen. Danke im Voraus.

  12. @T.S. Ich glaube, da gibt es eigentlich nichts mehr… selbst „Gothic“ und „Orkus“ haben heute inhaltlich weniger mit der Szene zu tun als die Klatschblätter meiner Oma. Das eine oder andere Onlinemagazine gibt es noch, aber die fallen ja nicht in dein Anforderungsprofil.

  13. @T.S. Als ehemaliger Journalist für die „Fachpresse“ (Orkus, Zillo, Gothic) kann ich nur so viel sagen: den Zeitschriften geht es schlecht – und das ist auch gut so, denn objektive Berichterstattung gibt es da sowieso nicht mehr. Zillo wurde unter etwas mysteriösen Zuständen ad acta gelegt von den Verlegern (es gab einen Brand im Zillo-Lager, danach haben sich die Betreiber nicht mehr bei uns gemeldet). Auch das Gothic-Magazine hat die Pforten dicht gemacht (ebenfalls ohne uns Mitarbeitern davon in Kenntnis zu setzen). Übrig bleiben nur noch Sonic Seducer und Orkus. Bei beiden stehen sämtliche Artikel natürlich in Zusammenhang mit der Anzeigenschalte. Sprich: Label oder Band XY zahlen Geld, dass über sie resp. der/die Künstler/in oder Gruppe berichtet wird. Im Zuge dessen gibt es auch nur wohlwollende Presse, um die Geldgeber nicht zu verprellen. Selten wird noch ein Album verrissen, wenn es das verdient hat.

    Bei diesem Act wird es sicherlich ebenso sein. Dabei sollte so eine Gruppe nicht mal erwähnt werden, denn sie sind in Aufmachung wie auch in musikalisch und textlicher Hinsicht absoluter Bockmist und nicht der Rede wert. Dass sie aber überhaupt zum Gesprächsthema werden, erfüllt den Zweck. Anstatt dass die „wahren“ Gothics dieses Machwerk ignorieren, zerreißen sie sich darüber die Mäuler und helfen ihnen dabei, publik zu werden. Hätte Spontis nicht darüber berichtet, würde ich sie auch nicht kennen. Was nicht das schlimmste wäre ;)

  14. @((tim)): Der Autor ist tatsächlich etwas vorsichtig geworden, seit der neusten Schelte. Um mein eigenes Sicherheitsgefühl zu wahren, habe ich Veranlassung gesehen, das subjektive in den Vordergrund zu rücken. Ich möchte Dir jedoch ein Frage stellen: Ärgerst du Dich mehr darüber wenn man über die Szene lacht oder sie fürchtet? Wie sollte denn die Öffentlichkeit die Szene idealerweise betrachten? Mir persönlich ist es völlig egal, wenn man über mich lacht oder was auch immer von mir hält – ich glaube jedoch nicht, dass es das ist, worauf du hinauswolltest. Oder?

    @Tanzfledermaus: Ich suche die Parodie immer noch. Ich fürchte leider, ich kann sie nicht finden. Und übrigens: Ich kann ebenfalls kein Black Metal entdecken – und „Gesang“ schon gar nicht ;)

    @Julius: Ich hoffe, das es niemanden kümmert. Die einzige Konsequenz die ich sehe, ist sich dagegen zu wehren, dass so etwas als „Subkultur“ betitelt werden darf. Irgendwie ist mir das ein Anliegen.

    @mela: In der Tat würde sich jede Discothek, die mit einem solchen Stück die Szene zu beschallen versucht durch einen dauerhaften Nicht-Besuch bestraft werden! Bei sowas ergreife ich schlagartig die Flucht. Ich hätte viel zu viel Angst davor, dass in mir etwas zerbricht.

    @Sonja: Pass auf deine Stirn auf! Das gibt Falten! (Hat meine Mama immer gesagt). Und was soll ich Dir sagen? Sie hatte recht :)

    @Mone: Lachen ist die beste Medizin. Weinen ruiniert den Kajal und brechen den Patchouli-Duft ;)

    @Heiko: Steinkind, Stahlmann, Eisbrecher und wie sie alle heißen. Fluchtmusik. Leider wird sowas offenbar immer in Blöcken gespielt und veranlasst mich dazu, nach spätestens 3 Stücken von gelebter Melancholie in dunkelste Übelkeit zu schwappen. Da reicht das Klo nicht zur Selbstrettung.

    @T.S.: Ziel des Beitrages ist im Grunde, das Bewusstsein für diesen Abfall zu schärfen und ihn nicht kritiklos als Szene-Beiwerk zu betrachten. Große Festivals, mit dem Anspruch die GESAMTE Szene zu bedienen, führen immer häufiger solche Karnevals-Fraktionen in ihren Ankündigungen. Sowas macht doch auf Dauer alles nur noch anstrengend. Wenn ich mich, um ein Konzert von dem Clan of Xymox zu sehen erst durch so einen Schrott kämpfen muss, haben die Headliner einen schweren Stand, mich wieder in Stimmung zu bringen. Abgesehen davon, ob sie das überhaupt wollen.

    @Victor: Ich stimme Dir zu. Trotzdem riskiere ich gelegentlich einen Blick, um mich auf den aktuellen Stand der Dinge zu bringen. Aber der Markt ist sehr dünn geworden, wie Daniel ja auch in Kommentar 13 erzählt. Leider sind die Nischen zu klein, um Alternativen auf den Markt zu bringen, im Augenblick rechnet sich das nur Online und da wird es immer schwieriger.

    @Daniel: Interessanter Kommentar. Warum geht es den Zeitschriften schlecht? Haben sie den Bezug zur Objektivität verloren? Haben sie als Sprachrohr ihre Bedeutung verloren? Zeitschriften, da gebe ich Dir recht, haben es nicht leicht, da sie sich aufgrund ihrer Finanzierung immer nach der Hand richten müssen, die sie füttert. Du kannst eben keine Band für das beschissenste Album 2016 abstrafen, die 4 Seiten weiter eine ganzseitige Anzeige geschaltet hat. Ist das richtig so? Ich weiß es nicht. Die Auflagen sind doch seit Jahren rückläufig und allein vom Verkauf kann sich kein Magazin mehr über Wasser halten. Aber wem erzähle ich das?

    Bist du der Meinung, dass man solche Dinge „totschweigen“ oder „ignorieren“ sollte anstatt sich damit – auf die ein oder andere Art – auseinanderzusetzen? In der Tat was das eine der wichtigsten Fragen, die ich mir vor der Veröffentlichung eines solchen Fundstückes gestellt habe. Abgesehen davon, dass sich die „wahren“ Gothics darüber das Maul zerreißen, soll das aber auch eine Art von Warnung für den Nachwuchs sein, ein Anhaltspunkt für die Suche nach Gothic, das so etwas eben nicht dazugehört. Im Laufe der Jahre habe ich schon einige Nachwuchsgruftis kennenlernen dürfen, die durch solche Irrungen und Wirrungen dann doch irgendwann unter die Oberfläche getaucht sind. Ich verstehe mich da als Wegweiser oder meinetwegen als „Hinweisschild“. Weiterhin bin ich der Ansicht, dass ich über das anbieten von „vernünftiger Musik“ gleichzeitig einen Gegenpol bieten, den Horizont erweitere und vielleicht das ein Stück weit übernehme, was die Szene-Magazine nicht mehr leisten können. Ist es verwerflich, potentielle Hörer auf diese Art „einzufangen“? Du betreibst selber einen Blog, ich würde mich freuen, deine Meinung dazu zu hören.

  15. „Fürchten“ ist ein großes Wort … Ist die Szene je wirklich gefürchtet worden? Sicher von einigen übereifrigen Pfarrern, aber im Wesentlichen konnten wir uns in einem freien Land doch frei entfalten. Gelächter hat mich nie gestört, wenn über Inhalte gelacht wurde, die andere einfach nicht verstanden haben. Es gab etwa in Tonstudios oder bei Beschallern in der Anfangszeit etwa viel Spott. Da zählte vor allem Rock’n’Roll-Handwerk – Gruftie-Musikanten sind da oft belächelt oder verhöhnt worden. Das war mir immer vollkommen egal, weil da eben ein Inhalt war, etwas für gewisse Menschen sehr Bedeutendes. (Nebenbei war das dann auch das Einfallstor, über das viele vermeintlich handwerklich besser Musik in die Szene kam. Diese ganzen gut gespielten, aber komplett abgelutschten Metal-Riffs zum Beispiel. Du weißt was ich meine …)

    Nicht egal ist mir aber berechtigtes Lachen. Lachen, das daher kommt, weil die Szene sich selbst lächerlich macht. Weil ich in einer lächerlichen Szene keine Inhalte mehr finde. Weil da nur noch die Hülle ist. Wir wissen doch alle, dass das Video absolut nicht als Parodie gemeint war – einfach, weil da ja nichts parodiert, sondern nur gezeigt wird was gerade ist.

  16. @Robert Natürlich gilt für die Szene-Presse: „Wes‘ Brot ich eß, des‘ Lied ich sing“. Nur lassen sie sich ja vollkommen vereinnahmen. Selbst diese von T.S. erwähnten, beigelegten CDs existieren nur, weil Bands und Labels willens sind, dafür zu bezahlen, auf diesem Beipack gepresst zu werden. Es sind nicht die Redakteure, die sagen: „Die Band finden wir gut, hört die Euch mal an“, sondern sie halten Ausschau, wer liquide genug ist, dieses Gimmick zu finanzieren (billig ist der Spaß jedenfalls nicht, Musiker können ja mal anfragen bei den Redaktionen).

    Als weitaus problematischer sehe ich aber die mangelnde handwerkliche Qualität der Magazine. Es läuft ja immer nach dem gleichen Schema ab: Interview oder Artikel zur Band und neuem Album nebst vorhersehbarer Review desselbigen am Ende des Magazins. Geschrieben von „ungelernten“ Journalisten, die sich nur dadurch auszeichnen, dass sie vielleicht ein wenig Ahnung von Musik haben. Das merkt man den Artikeln einfach an. Der Stil ist meistens mittelprächtig bis unterirdisch. Interviews besitzen immer die gleichen Fragen und Fließtexte werden noch im ersten Absatz gähnend langweilig. Zugegeben: Ich bin nicht wirklich besser, gerade wenn man einen Artikel in letzter Sekunde zugeschustert bekommt, den man dann unter Hochdruck fertigschreiben muss. Da bleibt die Kreativität auf der Strecke und der Bericht ergeht sich dann in einer Floskelaneinanderreihung („atmosphärisch dichtes Album“ ist so einer meiner Lieblings-Nullsätze).

    Was den Zeitschriften übergreifend fehlt, ist der Mut, sich auch mal quer zu stellen. Kolumnen schreiben, die vielleicht auch mal den Finger in die Wunde legen (das ewige Thema der „Rechtslastigkeit“ der Szene wird quasi nie oder nur ganz dünn angeschnitten). Vielleicht auch mal ein bisschen über die Szene klatschen und tratschen, sie auch satirisch aufarbeiten. Denn viele mögen es immer noch nicht, wenn man der „Heiligen Kuh“ Gothic einen Zerrspiegel vorhält. In diesem Zusammenhang würde ich dann auch mal so eine Band wie Arise-X vorstellen, um zu zeigen, wieviel Klischees in einem Video und einem Song möglich sind.

    Auf der anderen Seite wären mal philosophische Themen, und die Szene sieht sich ja selbst als hochgeistig und literaturaffin, in solchen Magazinen interessant. Meistens ist es aber nur seichter Fantasy-Kram oder irgendwelcher Sci-Fi und Krimi, der besprochen wird. Kurzum: Szenemagazine sind nicht nur nicht mehr objektiv, sie haben auch den Bezug zur Szene und was sie ausmacht verloren. WGT und M’Era Luna sind ja nicht die einzigen Eckpunkte der Schwarzen Szene. Auch nicht nur Mode. Da in den Zeitschriften aber nichts mehr anderes als diese Themen als Inhalt gibt, sind sie nicht mehr beliebt, zumal sie auch nicht wenig kosten. Zeitschriften wie „Rolling Stone“, „Spex“ oder „Musikexpress“ kosten ähnlich viel und existieren nachwievor. Natürlich, weil sie aus einem großen Verlagshaus stammen, aber auch, weil ihre Inhalte und die Qualität der Artikel so gut sind, dass man sie gerne liest.

    Was Deinen Post angeht: Ich denke, dass ein jeder für sich entscheiden kann, was er in seinem Blog thematisch aufarbeitet. Ich habe es mir zum Ziel gemacht, nur über Bands zu schreiben, hinter denen ich auch stehe und die meiner Idee von guter und wahrhaftiger Musik (nicht unbedingt nur Gothic) entsprechen. Arise-X fallen da schon gleich durch mein Raster, weil das tatsächlich in meinen Augen eine Kirmesveranstaltung ist – und eine schlechte obendrein. So etwas könnte ich höchstens als Teil eines grundlegenden, kritischen Kommentars einfließen lassen. Deine Art, damit umzugehen, ist auf jeden Fall nicht falsch. Aber dass Sonic Seducer Dir dieses Video empfohlen hat, deutet wohl darauf hin, dass sie dafür auch ein paar Öcken eingestrichen haben. Wenn sie dieses Video kommentarlos oder lobend verbreiten, steht da sicherlich ein Scheck mit einer hübschen Summe dahinter. Wie gesagt: „Weß Brot ich eß…“

  17. Hallo Zusammen,

    mittlerweile entwickelt sich hier eine wirklich interessante Diskussion, die über die Mecker-/Kritik-/es-stört-mich-die-Fliege-an-der-Wand-Befindlichkeiten weit hinaus geht. Letztendlich nähern wir uns dem Kern, bzw. dem Dreh-und-Angelpunkt des „internen“ (Teil-)Szene-Bashings ganz erheblich: dem Ausverkauf, dem des der Lächerlichkeit preisgebens und quasi Redundantwerdens der „Schwarzen Szene“, die nicht zuletzt von Langzeit-Involvierten, Aktiven, Machern, sog. „Veteranen“, kurz: von Leuten, die es eigentlich besser wissen müssten, mit verschuldet worden ist. Und hier nehme ich mich nicht aus. Die Beweggründe/Umstände mögen verschiedensten Ursprungs sein, jedoch wurde das Feld oftmals kampflos zum grossen Teil Leuten überlassen, die die kommerzielle und inhaltlose Party-„Kultur“ der Szene zielgenau aufspürten, filterten, ausschöpften und eine „Gothic“-(Jugend-)Massenkultur einer aufnahmebereiten Öffentlichkeit hoffähig präsentierten.
    Dazu zähl(t)en natürlich auch die effektheischenden Hochglanz-„Szene“-Magazine, die auch einen Voyeurismus ermöglichten, der die ehedem „hermetisch“ funktionierende Szene in ihren Strukturen aufbrach.
    Das Ergebnis kennen wir alle – und es wurde in den letzten Jahren (und hier in den letzten Wochen als Schwerpunktthema) oft genug bejammert. Wirkliche Lösungen haben wir alle keine parat gehalten. Man kommt sich schon ein bisschen vor, wie der Zauberlehrling, der die gerufenen Geister nun nicht mehr los wird, nicht wahr?
    Was spricht eigentlich dagegen, die „kommerzielle“ Event-/Party-/Tralala-„Gothic“-Szene doch (ganz abgekoppelt) ihrer Wege gehen zu lassen, und selber wieder sub(sub-)kulturell aktiv zu werden. Wer nicht wagt… (ächz, Allgemeinplatzalarm, ich weiß…) – aber auch grandios an die Wand gefahrene Mißerfolge bei diesem Unterfangen können „kultig“ (Worthülse, jaja, aber mir fiel gerade nichts besseres ein…) sein, wenn man aufhört, mit einem neidischen Auge auf die ach-so-erfolgreichen Massen-Goth-Events zu schielen. Sich mit diesem Komödienstadl zu messen und/oder zu vergleichen, kann nur von einer Art Schwäche zeugen und ist letztendlich nur kontraproduktiv (also: bitte nicht die gleichen Fehler erneut machen!). Also, wo sind die mutigen Veranstalter, Fanzine-Wiederauflebenlasser, Individualisten (die diesen Terminus auch verdient haben), auch ohne sich (optisch) gleich dem üblichen „Goth“-Habitus anhängen zu müssen?

    Anyway, noch ein paar Worte zu den vorherigen Kommentaren:
    @((tim)) – gehe mit Deinem Beitrag (No. 15) völlig d’accord. Besonders die Passage bezüglich der „handwerklichen“ (Rock-)Anbiederung ist sozusagen eines meiner langjährigen „Lieblingsthemen“ (leider!). Danke, ich bin also nicht alleine… ;-)

    @Daniel: ebenfalls vollste Zustimmung. Genau diesen Eindruck habe ich bereits schon vor gut 20 Jahren von Heftchen a la „Orkus“ und „Sonic Seducer“ (und Konsorten) gewonnen. Daß diese jetzt – bzw. auch schon seit geraumer Zeit – natürlich ebenfalls unter dem sog. „Medienwandel“ zu leiden haben, lässt mich eigentlich schon irgendwie kalt. Man möge mir mangelnde Empathie vorwerfen, aber ich sage nur: jeder, wie er es verdient… (vor allem, weil ich das von Dir geschilderte Procedere bereits vor etlichen Jahren selbst erleben „durfte“, und Deine Schilderungen nur bestätigen kann)

    Und: Truppen wie Arise-X werden ganz sicherlich in der Musik-Historie so gut wie keine tragende Rolle spielen, noch nicht einmal in der der „schwarzen Szene“. Und man muß kein Prophet sein, um dies vorherzusagen. Also, cool down – und weiter im Text…

  18. Daniel hat in allem Recht. Noch vielleicht so viel: Unter Webzines sieht es teilweise nicht besser aus. Auch dort wird nur das abgearbeitet, was von den größeren Labels kommt. Eigeninitiative ist da schlicht nicht gefragt. Und wenn man keine Beziehungen (oder Geld) hat, ist es auch schwer dort stattzufinden. Daher unterscheidet sich das was medial aufbereitet wird diametral von dem was in der Subkultur so gehört wird (oder wer kann Ad-Hoc Artikel zu Selofan, Kriistal Ann oder Box and The Twins verlinken?).

    Wer diese Orkus / Sonic CDs hört würde ich gerne mal wissen wollen. Diese Zeitschriften geben seit über einem Jahrzehnt keine IVW-Zahlen raus. Das natürlich nicht ohne Grund. Man muss schon richtig mies performen um diese zu verschweigen (was besonders heutzutage interessant ist, wo kleine Auflagen nix besonderes sind). Wieviele werden die schätzungsweise wirklich verkaufen? Maximal 10.000 Einheiten? Wenn überhaupt, im normalen Zeitschriftenhandel findet man Sonic und Orkus immer weniger, das spricht Bände. Und wer von den Käufern hört sich diese schlecht gemasterten und stilistisch desaströsen Zusammenstellungen vollständig an?

    Ich denke, wären die tatsächlichen VKZ bekannt – niemand würde da noch Geld ausgeben. Wir haben ne Wette laufen, wer von beiden eher dicht macht. Ich sag ja Orkus, die haben ja kaum Webpräsenz, was der Sonic immerhin hat (wie der Artikel hier beweist. ;-) )

    Dabei kann ein aufwendiges, gut recherchiertes und handwerklich ansprechendes Hochglanzmagazin gerade heutzutage unter den älteren Menschen noch sehr gut performen, auch weil man hier höhere Preise abfragen kann. Man müsste nur Mut zur Nische haben.

    Naja, auch von mir gibts was für den Seelenheil nach Arise-X, nämlich eine der derzeit geilsten Post-Punk-Bands:

  19. Danke für das Teilen dieses erheiternden „Machwerkes“.

    Einerseits muss ich lachen, andererseits ist die Fremdscham doch sehr groß.

    Nur die Burgruine ist schön.

  20. Herzlichen Dank für das wohltuende „Kontrastprogramm“ im Anhang in Beitrag 18.
    Die „Whispering Sons“ gehören auch zu meinen Favoriten der neueren/aktuellen sog. „Post Punk“-Bands/Künstlern. Auch wenn bei deren VÖs jede Menge Retro(-seligkeit) mitschwingt, so ist deren Output weitaus spannender, Inhalte tiefgründiger (von mir aus kann man gerne auch „intellektueller“ sagen, was im Vergleich ja nicht viel heisst…) und natürlich qualitativ hochwertiger als dieser ganze plakative „haschmichoderichfressdich“-Gothic-Klischeekrempel a la „Arise-X“, „Nachtmahr“, „ASP“ und wie sie sich alle nennen. Die natürlich sofort als reine Zielgruppenbeschaller sondiert und erkannt werden wollen, auch wenn es oftmals über das reine „pseudo“ nicht hinaus kommt… (dabei denkt man schon manchmal an den „groben Klotz“, auf den ein „grober Keil“ niedersaust…)

    Da fungieren (und funktionieren) diese ganzen (Neo-)“Post Punk“-Geschichten einfach differenzierter, sympathischer und sind nicht sofort als allzu-Goth/“schwarze Szene“-affin zu begreifen. Obwohl dort mittlerweile immer mehr Fuß fassend. Hoffentlich hält dieser (Mini-)“Trend“ noch eine Weile an und etabliert sich auch bei einem grösseren und breiter gefächerten Publikum. Ich weiß, ein frommer Wunsch. Denn, immer noch ist ein Großteil der „Zielgruppe“ auf (billige und klischeehafte) Effekthascherei konditioniert, und würde Künstler wie z.B. die Whispering Sons, Motorama, A Projection, Rendez-Vous, Agnes Circle, vorgenannte Kriistal Ann nicht wirklich als „ihr“ „Beuteschema“ betrachten, geschweige denn erkennen…
    Was mich irgendwie tatsächlich auch an eine Zeit von vor ca. zwei Jahrzehnten denken lässt (früher war keineswegs alles besser…), in der eine „szenemässig“ aufgerüschte Dame sich bei mir beschwerte, weil ich Joy Division auflegte (ich ging damals einem Freizeit-D.J.-„Job“ nach, in einem längst vergessenen „Club“), weil (sinngemäss): „die gehören doch nicht zur Szene, die laufen doch gar nicht in Schwarz rum“ – Tatsachenbericht und vollkommen Ironiefrei, ich war nicht nur damals baff, sondern muß mich bis heute noch wundern – oh Herr, wirf Hirn herab…

    Von daher würde es mich schon mal rein persönlich interessieren, wie die zielgrüpplerische „Eventfraktion“ der „typischen“ Goth-Szene auf Bands a la „Whispering Sons“ reagieren würden…

    Zum Abschluß nur noch ein Tipp: wer gut mit „Whispering Sons“ kann, der höre doch auch mal bei „Holygram“ nach.

  21. @T.S.

    Ja, so ticken leider noch viel zu viele Leute. Da wird erstmal geschaut, wie denn die Musiker so aussehen. Dabei hat sich die Optik der heutigen subkulturellen Musiker sehr stark an anderen Strömungen angepasst. Toupierte Haare, Undercuts, Kalkleisten, aufwendige Kleidung – findet man heute unter Musikern kaum noch. Wenn Du die Helene mit ihrem Hante Projekt auf der Bühne siehst, also rein optisch macht sie kein Unterschied zu szenefremden elektronischen Projekten. Oder schau Dir mal die Bandphotos von Winter Severity Index an. Da siehst Du eher zwei Mädels wie man sie zu hunderttausenden auf Instagram findet. In den letzten Jahren hat sich international sehr verändert wie man als Szene-Künstler auftritt. Ich erkenne da klar einen Trend zum optischen Understatement, weniger Show und mehr Wert auf Musik. Mir gefällt die Entwicklung, ich habe lieber gute Musik als ne optische Show.

    Eines meiner Lieblingsbeispiele aus dem letzten Jahr ist das Projekt The Whisper Game aus Kanada. Habe ich über die Scary Lady Sarah entdeckt, die immer ziemlich tolle Musik auf FB etc. teilt. Einfach mal reinhören und sich überlegen: Wie könnte der Musiker dahinter aussehen?

    Sehr melodischer und melancholischer Wave-Pop im Stil von The Cure. Und Du bekommst zwangsweise so eine klischeebeladene Vorstellung, dass das doch bestimmt jemand ist der auch „danach aussieht“ – bis man auf die Bandcampseite geht und feststellt: Ah, ein weiterer 08/15 Typ mit kurzen Haaren und einfachem schwarzen Hemd. Könnte Dein Nachbar sein.

    Und Du hast ja schon ein gutes Beispiel auch gesagt: Joy Division sahen auch nicht danach aus, was man dann ende der 80er und vor allem in den 90ern optisch als „szenig“ etablierte. Man definierte sich anfang der 80er über die Musik die man so gemacht und gehört hat und tut das auch heute wieder vermehrt. Ich finde das gut, denn darauf kommt es am Ende an. Da haben aber die Leute, die in der sehr medialen oberflächlichen Phase sozialisiert wurden, natürlich auch Probleme diese Musiker als „Beuteschema“ zu erkennen. Vor allem in einer Zeit wo jeder Dritte DSDS-Zuschauer mit Undercut, Piercings und Tattoos rumläuft.
    (Man könnte annehmen, das optische Understatement ist wiederum als Abgrenzung zur normalen Gesellschaft zu verstehen…)

  22. @Axel:

    gehe mit Deinen Ausführungen völlig d’accord, was „optisches Beiwerk“ bei Künstlern (und nicht nur bei denen…) angeht. Natürlich ist ein gewisses „Nicht-stylen“ – in Punkto (nicht-)Auffälligkeit/Aufwendigkeit (aber nicht nur) – auch eine Art Style, was mit dem Begriff „Understatement“ wohl recht gut und sympathisch beschrieben ist.
    Und so wird womöglich auch bisweilen – von Fall zu Fall – ein Schuh draus: mancher Zeitgenosse möchte vielleicht nicht mit gewissen allzu klischeebehafteten Erscheinungsformen (die wie ein dresscode fungieren können) in Verbindung gebracht werden. Und der Faktor „Abgrenzung“ mag zwar mittlerweile manchmal zu gewollt, lanciert, ebenfalls künstlich motiviert – von Fall zu Fall gar kindisch – wirken, kann jedoch in reduziert angewandter Form (ergo: weniger ist oft mehr) ganz wirkungsvoll und clever sein.
    Hatten wir ja vor Jahrzehnten schon einmal: als Bands/Künstler (z.B. Heaven 17, Palais Schaumburg, O.M.D., Kraftwerk, etc.) in schicken Anzügen und/oder smartem Look sich von den Stereotypen des Rock(isten) – we name it: lange Haare, prolliges machohaftes Klischee-Benehmen, Spandexhose, usw. usf. – bewusst distanzierten.

    Und daß das „Abgrenzen“ mittlerweile durch die (z.T. seltsamen und fragwürdigen) „Blüten“, die die „Gothic“-Szene in all den Jahren getrieben hat, manchen (involvierten) Leuten nicht zu verdenken ist, ist für mich völlig nachvollziehbar und allzu verständlich.
    So ging es mir persönlich ebenfalls damals, als ich beschloß, in optischem Auftreten auf den erkennbaren „Goth“-Codex-Look zu verzichten, weil ich eben nicht mit irgendwelchen (pseudo-)S/M-Freaks, mediengeilen „part time goths“ (vgl. „Part Time Punks“ von Television Personalities), Mittelalterbesessenen Schranzen, „Gothmetal-Heads“ und/oder Rammstein-/Marilyn Manson-Prolls (sorry für die harsche Ausdrucksweise, war aber nicht selten so, daß man es bei dieser Zielgruppe mit relativ, ähem, „schlichten Gemütern“ zu tun bekam…) in einen Topf geworfen werden wollte… (diese ganzen „cyber“/“visual kei“/Rollenspieler/“Industrial“-Polkatänzer, etc.-Figuren gab’s damals noch nicht in der bekannten Ausprägung, da wäre ich nämlich erst recht geflüchtet…)

    Die entsprechende Musik, Literatur, Kunst, Subkultur etc. kann man nämlich auch ganz gut ohne Schnickschnack, Aufrüschen, Klunker und zentimeterdicker Farbe im Gesicht geniessen. Wahre Werte kommen eh von innen… (jaja, ein alter Hut und Allgemeinplatz – aber es soll was dran sein…)

    Aber möglicherweise gibt es ja wiederum Zeitgenoss(en)/(innen), die ganz gerne als „Arise-X“-Fans erkannt werden wollen…(?) ;-)

  23. Vorhin wieder auf FB gesehen, das finde ich ehrlich gesagt noch peinlicher als dieses Arise X Video. Man muss schon sehr, nun ja, verzweifelt sein sowas zu veröffentlichen. Sicher könnte man hier seitenlang auseinandernehmen, was die Herrschaften versuchen damit sagen zu wollen. Aber das wäre der Mühe nicht wert, ist halt derselbe belanglose Mono Inc Song wie sie seit eh und je veröffentlicht werden. Also genau der immer gleiche Song mit dem immer gleichen Aufbau. Interessant finde ich eher, dass es eine nicht kleine Fraktion der „Gothic-Szene“ gibt, die das Werk hier tatsächlich als „Hymne“ verstehen und toll finden.

    Allein musikalisch ist das beängstigend-gruselige Nichtigkeit. Zeigt mir einmal mehr, dass wir da wohl mittlerweile in einer ganz anderen Subkultur stecken.

    Nett ist aber dieser Kontrast zwischen diesem Video hier und den Neo-Post-Punk-Bands, die wir ja schon aufgezählt haben. Bei dem Video hier zählt einzig und allein Vermarktbarkeit und Style over Substance. Es ist künstlich, nichts womit man sich identifizieren könnte. Aber auch so schlageresk, dass es wiederum nicht weh tut.
    Während viele moderne Post-Punk-Bands musikalisch anecken, ihr Ding durchziehen – aber sich selbst als Musiker komplett raus nehmen und eben auf Vermarktbarkeit in dem Sinne pfeiffen, dass sie es nicht nötig haben sich großartig zu inszenieren. Diesen Kontrast finde ich tatsächlich hochinteressant.

  24. Kleiner Nachtrag: im letzten Jahr ist ein Stück herausgekommen, das mich seitdem nicht mehr loslässt. Weil sowohl das Lied selbst als auch das Video atemberaubender Wahnsinn sind. Es handelt sich um „Lang lebe der Tod“ des HipHoppers Casper. Er hat es zusammen mit dem Schweizer Sänger Dagobert, der deutschen Elektroformation Sizarr und – obacht! – Blixa Bargeld als Gastsänger eingespielt. Erschreckend und faszinierend zugleich. Ein „artfremder“ Musiker ist in seiner „Gthic-Attitüde“ weitaus authentischer als die meisten Musiker, die sich gerne dieses Label ans Revers heften.
    [youtube https://www.youtube.com/watch?v=Ls-U01un_Bk&w=640&h=360%5D

  25. Noch ein kurzer Kommentar zu der Mono Inc.-„Hymne“: nun, sollten die illustren Herrschaften tatsächlich verzweifelt gewesen sein, so spende ich ein wenig Trost. Mit dieser Nummer schafft man es auch ganz sicher ins Vorprogramm von Bon Jovi oder den Scorpions (die ja schliesslich für ihre rührseligen Schunkel-Hymnen berühmt berüchtigt sind…). Und bestimmt ist die Wahrscheinlichkeit recht hoch, ein Teil des Publikums auch dort wieder zu treffen, das sich nicht zu schade war, für dieses Video zu posieren…

  26. Ich war und bin immer noch Fan von Tilo Wolff – vertrete aber diese „Hymne“ überhaupt nicht . Ob es gewollt ist ,auf den Mainstream ausgerichtet zu sein oder nicht , sei dahin gestellt . Ziemlich flach und billig produziert …. die kleinen „Grufti´s“ von heute , wird es sicher gefallen. Mir Nicht .

  27. Ein bißchen verspätet aber vielleicht kann meine Meinung auch noch den ein oder die andere zum Denken anregen.
    Will nicht groß um den heißen Brei faseln.
    Das Problem ist, denke ich dass diese Leute versuchen etwas darzustellen und da liegt der Hund begraben.
    #
    Das ist einfach nur Päh!
    Achja und mit Scheiße macht man Geld! Denn Scheiße zieht an! Der arme Bohlen muss ja auch gucken wo er bleibt!
    Im Gegenteil ist gute Musik halt einfach nur…gut

  28. @Ronny Rabe:

    Wo siehst Du den Unterschied zwischen dem „Gastbeitrag“ des Herrn Wolff bei Mono Inc. und dem Output, das er ansonsten veröffentlicht?

    Oder anders gesagt: daß dieser Herr zu solch einem Liedlein wie eben „Children Of The Dark“ sein Stelldichein gibt, hat mich nicht wirklich überrascht…

  29. @T.S. :

    Ich bin Lacri Fan seid der ersten Stunde , habe seinen “ Weg“ mitverfolgt , bzw. hat mich Lacri immer begleitet.
    Der „Gastbeitrag“ ist einfach so dahin beplätschert . Im allgemeinen ist dieser Song einfach nur so bla bla bla …
    Klar hat Tilo auch schon andere Gastparts gehabt – aber der hier , ist echt nicht meins.
    Klar muß Tilo auch sehen wo er bleibt , schließlich muß er auch Rechnungen ect. bezahlen.
    Naja, warten wir mal auf das neue Lacri Album und dann sehen wir weiter. Die letzten beiden waren ja auch nicht so berauschend. Dafür aber SnakeSkin !

    Und zum Eingangs video …. warum „singt“ Krächzt ein aussehender Black Metaller auf einer grünen Wiese einher?
    Sorry , das hat nix mit Musik oder Geschmack zu tun – einfach nur bähhhhhhhh

  30. Nun noch einmal zum Mono Inc. Video, die Band hat auch schon bessere Lieder gebracht. Ja, ich gebe zu, mir gefällt Mono Inc. an sich recht gut. Aber eben diese Sache mit der Hymne…. allgemein ist der Gedanke, so eine „Szenehymne“ zu schreiben ja ganz drollig, rauskommen tut aber nicht das Wahre. Ich denke da an „Alliance of hellhounds“ von Destruction, was den Metalbereich angeht. Viele Gastsänger aus der Metalszene, aber so… so… weiß nicht, so platt(?)… In beiden Fällen ein sich selbst beweihräuchern, was ich bei beiden Liedern nicht verstehe.
    Wie du es schon gesagt hast Ronny, flach und billig produziert.

    Und nochmal zu dem Video… der Herr sieht nicht mal wirklich wie ein Black Metaller aus in meinen Augen. Ok, das drollige Pandagesicht… Und das Gekrächze klingt in dem Black Metal den ich bisher gehört habe doch deutlich anders. Hier ist es nur das typische Aggrotech Gekeife.
    Und ja, auch hier wieder Zustimmung, das hat nichts mit Musik(Wo? Ich hör keine) oder Geschmack zu tun.

    Bin wirklich gespannt, wie lange es dauert, bis das hier auf einer Veranstaltung läuft.

  31. Nun, ich sehe schon, daß (ganz) früher (z.B. in den „seligen Achtzigern“, als auch nicht alles besser war…), doch einiges sehr viel einfacher war: da hat man sich lediglich an – damals (subjektiv) so empfundenen – Epigonen und Posern a la Fields Of The Nephilim „abarbeiten“ können – oder müssen… (tja, war auch nicht alles eitel Sonnenschein und Gold, aber ein wahres zu ertragendes Los im Gegensatz zu den aktuellen Auswüchsen…)
    Da hat man es so als (leidgeprüfter?) Szenemensch doch heute weitaus diffiziler zu handeln, wenn man sich durch den Wust an „Goth“-Geschredder, -Blender, -Stangen/Ramsch-Ware hindurch ackern muß, nicht wahr? (Naja, für viele sicher auch ein Fest der unberechenbaren Wundertüten, die da zu öffnen sind…)
    Und deshalb – bevor mir das jetzt zu anstrengend und allzu deprimierend wird, oder gar zu belanglos – lasse ich in diesem „Thread“ jetzt den Connaisseuren und Direktkonfrontierten der wuchernden musikalischen, ähem, „Vielfalt“ den Vortritt. (Und auch besser so, bevor ich mich auch noch mit „Black“- oder „Goth“- oder „Sonstwie“-Metal befassen müsste…)

    Aber, abschliessend noch @Heiko:

    Dochdoch, das ist Musik, als solches ist Ausdrucksweise, Aufbau und Klang des Machwerkes schon zu bezeichnen. Es ist nur über die Qualität derer zu urteilen. Und in diesem Zusammenhang: ab welchem Punkt bist Du bereit, Klänge als Musik zu bezeichnen, bzw. objektiv (!) in der Lage zu sein, über „Geschmack“ befinden und urteilen zu können?

  32. Das klingt wie Krümelmonster feat. Culture Beat. Ne also was die Melodie im „Chorus“ betrifft ist es jetzt wohl wirklich im 90er Jahre Eurodisco Sound angelangt. Eignet sich vielleicht als krönender musikalischer Abschluss einer Kinder-Fernsehshow..natürlich nur die entschärfte Version..obwohl heute ist es wohl sowieso egal.
    Dieser „Gotik-Fans United“ Song von Mono Inc. ist auch super…ein Hoch auf das kollektive schwarze Identitätsgefühl..aber bloß ganz viel von unserem Kram konsumieren, das mystische Luftschloss muss erhalten bleiben.

  33. Soo, bevor noch der Verdacht auf kommt, ich verkrümel mich jetzt, da ich direkt angesprochen werd^^
    Also, @ T.S. natürlich hast du Recht, es ist schon Musik, von der rein handwerklichen Seite gesehen, so wie du es beschreibst. Da kann ich gar nichts dagegen sagen. Meine Äußerung war, wer hätte es gedacht, wiedermal rein subjektiv.
    Und da kommt auch schon der interessante Teil, also deine Frage: ab welchem Punkt bin ich denn bereit, Klänge als Musik zu bezeichnen? Tja, etwas knifflig bei einem solch emotiomsgeladenem Thema.
    Ich versuche es mal zu beschreiben(ob es mir gelingt, sei dahingestellt): Musik muss, ganz kurz ausgedrückt meinen Nerv treffen. So, was heißt das nun? Sie muss mir von der Art der Klangerzeugung und des Aufbaus zusagen, was dann wieder die Frage des persönlichen Geschmacks ist. Was aber noch wichtiger ist, sie muss es schaffen, auf die eine oder andere Art Emotionen zu wecken/erzeugen/hervorzuholen, was es einem ermöglicht, irgendeine Art von Verbindung aufzubauen. Das Ergebnis ist dann halt, das es einem gefällt. Mal mehr, mal weniger, mal irgendwie mittelprächtig. Wenn sie einen kalt lässt, oder sogar abstößt, gefällt es nicht.

    Was die Frage der objektiven Beurteilung von Geschmack betrifft… schwierig. Da muss ich wohl zu meiner Schanden gestehen, dass ich das immer recht subjektiv sehe. Wenn es rein um die objektive Sicht geht, dann steht es mir auch eigentlich gar nicht zu, über Geschmack zu urteilen(was ich mit meiner Aussage im letzten Post wohl ganz offentsichtlich doch getan habe). Ein schwieriges Thema.

  34. Das ist anstrengend und gar nicht schön umgesetzt. Vom Stil her erinnert es mich arg an die Schlager Videos die hin und wieder im mdr laufen.
    Ich finde das alles einfach nicht schön umgesetzt. Von der Bildsprache und Szenengestaltung her.

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