3 Juli

Sommer 1987 - Spontis Mixtape

Kategorie: Stöckchen und Paraden — Jahrgang 2009

beetFreeQ blogparade

Es ist 34 Grad in die­sem Juli 1987, noch haben die Ferien nicht begon­nen, aber die Sonne brennt so gna­den­los vom Him­mel, das selbst das Ei nicht in der Pfanne bleibt. Die Schule an die­sem Frei­tag ist vor­bei. Hit­ze­frei. Sol­che Gele­gen­hei­ten haben wir immer genutzt, den Nach­mit­tag im Frei­bad zu ver­brin­gen. Ich habe mich dann immer an die coo­len Jungs mei­ner Schule ran­ge­han­gen, denn die hat­ten einen Kas­set­ten­re­cor­der. Jeder der was auf sich hielt, hatte ein selbst gemischte Kas­sette dabei, wenn die gespielt wurde und die Leute die Mischung cool fan­den, war man ein Held.

beet­FreeQ hat die­ses Phä­no­men der Jugend auf­ge­grif­fen und eine Blog­pa­rade mit dem Titel Das per­fekte Mixtape draus gemacht. Von den kos­ten­lo­sen Online-Diensten, die eine eigene Zusam­men­stel­lung von Musik anbie­ten habe ich mich für groo­ve­shark ent­schie­den, denn das bie­tet die größte musi­ka­li­sche Aus­wahl. Ein Thema und rund eine Stunde Lauf­zeit schränk­ten meine per­sön­lich Aus­wahl zwar ein, war aber zu bewerk­stel­li­gen. Wo ich mir so das Wet­ter angu­cke und im Radion was von Feri­en­be­ginn höre, muss ich gleich an das Frei­bad den­ken in das ich seit mei­ner Jugend gehe. Aus meine Erin­ne­rung (ohne den Anspruch auf chro­no­lo­gi­sche Rich­tig­keit der Daten) habe ich ein Mixtape zusam­men­ge­stellt wie ich auch damals ein beses­sen habe. Wer noch mit­ma­chen möchte, hat bis zum 31.07.2009 Zeit. Hier jeden­falls meine per­sön­lich Interpretation:

kassette

Meine Kas­set­ten hat­ten immer ein furiose Ein­lei­tung, so etwas wir einen Vor­spann der die Sache mög­lichst span­nend machen sollte, für die­ses Mixtape habe ich mir Blue Mon­day von New Order aus­ge­sucht, zu sei­ner Zeit außer­ge­wöhn­lich. Das sollte uns den Weg in Frei­bad so cool wie mög­lich gestal­ten, eine halbe Stunde brauch­ten wir ja. Kein Som­mer in den 80er ohne den Som­mer­hit Wake me up before you Go Go von Wham!, für mich ver­kör­pert der Song Sonne, nackte Kör­per und Was­ser mit Chlor. In unse­rem Frei­bad gab es immer eine Beson­der­heit, denn pünkt­lich um 13:00 sen­dete man über die Laut­spre­cher der Anlage die WDR 1 Hit­pa­rade, in der eine Stunde lang die aktu­el­len Charts und Neu­vor­stel­lun­gen gespielt wur­den, I Engi­neer von Ani­mo­tion habe ich so ent­deckt. Wenn ich übri­gens mit dem Fahr­rad unter­wegs war, habe ich sehr gerne Today von Talk Talk gehört, es fühlt sich schnell an und macht unbe­sieg­bar. Wirklich!

Immer öfter dudelte Enola Gay von OMD durch das Kas­set­ten­ra­dio der coo­len Jungs, das klang beson­ders lus­tig wenn die Bat­te­rien auf­ga­ben und es zusätz­lich zum eigent­li­chen Lied noch lei­erte. Wenn man so auf sei­nem Hand­tuch liegt und die Sonne durch die geschlos­se­nen Augen die Welt blut­rot färbt, habe ich geträumt. Dabei half mir immer Good­bye Hor­ses von Q-Lazzarus, das ich wun­der­schön fand, von wem es war wusste ich noch nicht, daher war die Auf­nahme heilig.

So lang­sam berei­tete man sich auf den Abend vor. Jugend­disco im evan­ge­li­schen Gemein­de­haus klingt jetzt ziem­lich doof, war aber zu mei­ner Zeit die ein­zige adäquate Mög­lich­keit der Tanz­ver­gnü­gung. But not Tonight von Depe­che Mode war immer so etwas wie die offi­zi­elle Eröff­nung, ich habe meis­tens dabei geba­det oder mich hübsch gemacht, was nicht lange dau­erte, denn ich war ein 13-jähriger Junge und die Haare waren kurz. Under­pass von John Foxx war wie­der so ein Song von dem kei­ner wusste wie er heißt, ich hatte ihn einige Tage zuvor aus dem Radio mit­ge­schnit­ten, des­halb endet der Song in mei­nen Erin­ne­rung immer mit: „Es ist 19:00, sie hören Nachrichten.”

Damals war ich noch kein Waver, fand die Leute die dann in der Disco zu And­re­no­chrome von The Sis­ters of Mercy abge­tanzt haben sehr cool und habe dann gleich mit­ge­zap­pelt, nicht nur weil mir den Song gefal­len hat, son­dern weil ich dazu gehö­ren wollte. Wenn der DJ bei Love Like Blood von Kil­ling Joke die Spie­gel­ku­gel ange­macht hat, oder bei 51st State von New Model Army das Stro­bo­skop ein­ge­schal­tet hat fand ich das toll, sowas wollte ich auch zu Hause haben — hei­mi­sche Expe­ri­mente mit Haus­halts­ge­gen­stän­den waren aber grund­sätz­lich zum schei­tern ver­ur­teilt. Die glei­chen coole Waver haben dann auch zu She sells Sanc­tuary von The Cult die Tanz­flä­che gestürmt um dann zur Maxi-Version von Tain­ted Love der Band Soft Cell in exta­ti­schem Gehüpfe zu enden. Ich natür­lich mittendrin.

Die Zeit war knapp, denn ich musste mit Ein­bruch der Dun­kel­heit gegen 22:30 zu Hause sein, so ist die Aus­wahl nicht zusam­men­ge­fasst, son­dern stellte für mich einen durch­aus gelun­ge­nen Abend dar, der mit Pic­tures of You von The Cure immer einen krö­nen­den Abschluss fand. Wenn er nicht gespielt wurde, habe ich ihn zuhause im Bett gehört und bin dabei eingeschlafen.

10 Kommentare

  1. Da war ich zwar erst in Ansät­zen vor­han­den, aber ich muss schon sagen, ihr hat­tet die bes­sere Musik. Ich meine, als ich so alt war, waren Retor­ten­bands in. Ich kann froh sein, dass wir unsere Kas­set­ten nicht ver­gli­chen, ich wäre ansons­ten wohl noch ver­prü­gelt wor­den XD

  2. Uiui, das geht ja auf und ab — sowohl in Qua­li­tät als auch in Stimmung :)

    Aber ein sehr gutes Thema, her­vor­ra­gend umge­setzt — dippdippdidipp!

  3. Ich kann mich Atanua eigent­lich nur anschlie­ßen — im Gro­ßen und Gan­zen ein­deu­tig bes­ser als das, was Ende der 90er, Anfang der 2000er-Jahre so auf meine pri­va­ten Mixtapes gewan­dert ist. ^^ Und Som­mer 1987… tja, jetzt weiß ich also, was bei mir zur prä­na­ta­len Musik­prä­gung so gelau­fen sein könnte.

  4. @Atanua: Ich ver­prü­gel dich nicht :) Denn obwohl du mit Retor­ten­bands auf­ge­wach­sen bist, wen­dete sich dein Blatt des Lebens letzt­end­lich zum guten ;)

    @juliaL49: Vie­len Dank für das Lob. Was meinst du mit Qua­li­tät? Haben die Lie­der ein schlechte Qua­li­tät? Da könnte ich viel­leicht noch­mal nach ande­ren Ver­sio­nen gucken. Oder Qua­li­tät im Sinne von Geschmack? Die Stim­mung ist durch­aus viel­fäl­tig, denn soweit ich mich erin­nern kann, war ich damals noch nicht auf ein Genre fixiert, ich wusste noch nicht mal, das es sowas über­haupt gibt :)

    @Jü: Womit bewie­sen wäre, das Musik­hö­ren wäh­rend der Schwan­ger­schaft durch­aus Ein­fluss auf das unge­bo­rene Leben aus­üben kön­nen. Stel­len wir uns vor, deine Eltern hätte nur WDR4 gehört! Die Fol­gen wären grau­sam bis schrecklich ;)

  5. Die Qua­li­tät war auf den Geschmack bezo­gen — ein Sprung von New Order zu Wham! ist ziem­lich gewagt :) Da aber der Rest über­wie­gend gut bis unbe­kannt ist (wobei ich da schon eine Fest­le­gung auf Pop und Wave sehe), fällt das nicht so ins Gewicht.

  6. Ja, stimmt. So fin­gen meine Mix­kas­set­ten aber tat­säch­lich fast immer an. Ich wollte unbe­dingt durch ein unge­wöhn­li­ches Stück direkt die Auf­merk­sam­keit der Zuhö­rers fes­seln, so eine gran­dio­ses Intro wie man es von guten Fil­men kennt. Der Wech­sel von New Order zu Wham! ist daher in der Tat gewagt, da stimme ich Dir zu. :D

  7. Vie­len lie­ben dank, bin grade wie­der 22 Jahre jünger ;)

  8. Einen ganz ähnli­chen Mix hätte ich damals auch zusam­men­ge­stellt. Und (@Julia) viel­leicht wäre bei mir auch Wham drauf­ge­we­sen, aber dann eher mir Club Tro­pi­cana (fand ich cooler).

    Nicht dabei wäre Q-Lazzarus gewe­sen — ein­fach weil ich es nicht kannte. Gefällt mir hat was von Yazoo/Alison Moyet.

  9. So, jetzt hab ich auch end­lich rein­ge­hört! Ein wirk­lich tol­les Thema und eine genau so tolle Umset­zung! Ich war im Som­mer 1987 selbst gerade erst 7 Jahre alt und hab mich da, wenn über­haupt, nur für David Has­sel­hoff und ähnli­che Musik inter­es­siert. Aber bei dem Tape wer­den trotz­dem schöne Erin­ne­run­gen wach, vor allem weil ich einige der Songs ja spä­ter wäh­rend der lang­sa­men Bes­se­rung mei­nes Geschmacks doch zu schät­zen gelernt hab.

    Wit­zi­ger­weise hab ich zu mei­ner eige­nen Jungenddisco-Zeit in den frü­hen 90ern einige der Songs sogar auch ser­viert bekom­men, denn die ja etwas älte­ren DJs haben damals auch regel­mä­ßig die 80er-Sachen von Sis­ters Of Mercy und The Cure aufgelegt!

  10. @Sabine: Das sollte ich mir paten­tie­ren las­sen, 22 Jah­ren in 60 Minu­ten, mini­ma­ler Ein­griff, keine Narben ;)

    @funkygog: Ja Club Tro­pi­cana war auch sehr geil, aber bei uns damals nicht so popu­lär. Ebenso erging es mit bei Q-Lazzarus und Yazoo, von bei­den dachte ich damals, es handle sich um Män­ner, Weich­eier viel­leicht, aber Män­ner. Die Zukunft zeigte aber: Auf­ge­klärte Irr­tü­mer zer­stö­ren kein Weltbild.

    @beetFreeQ: Bes­se­rung dei­nes Geschmacks :) Sehr schön for­mu­liert, aber nach­voll­zieh­bar — meine ers­ten musi­ka­li­schen Erin­ne­run­gen ist das Jingle von WDR4 — mehr muss ich nicht sagen. Ich glaube auch das der Begriff Ever­green auch hier durch­aus legi­tim ist, solange es nicht tot­ge­spielt wurde.

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