17 Mai

Sprechende Stille: Geisterstädte

Kategorie: Vernetzt — Jahrgang 2009

OtzenrathEinen ganz beson­de­ren Reiz haben ver­las­sene Orte. Die erschla­gende Ein­sam­keit an sonst oder ehe­mals beleb­ten Plät­zen übt eine starke Fas­zi­na­tion auf mich aus, irgend­wie hat alles etwas zu erzäh­len, es scheint als würde die Stille spre­chen. Als Bewoh­ner des Nie­der­rheins bin ich den Umgang mit Geis­ter­städ­ten gewohnt, der Braun­kohle Tage­bau macht es mög­lich. Das Loch des Ver­ges­sens frisst sich immer wei­ter in die Land­schaft. Hier schla­gen Bil­der einer Brü­cke und schüt­zen davor Dinge ganz und gar aus­zu­lö­schen, sie ver­lei­hen den Gedan­ken ein Fahr­karte und schi­cken es auf eine Reise der Erin­ne­rung oder Phan­ta­sie. Obwohl die klas­si­sche Geis­ter­stadt in den USA zu fin­den ist, gibt es auch viele andere, über die Welt ver­teilte Geis­ter­städte mit mehr oder weni­ger bizar­rem, tra­gi­schem oder schreck­li­chen Ende.

Heute möchte ich euch eine inter­es­sante und viel­leicht unbe­kannte Geis­ter­städte zei­gen und euch die Zusam­men­fas­sung sei­ner tra­gi­schen, mys­te­riö­sen, unglaub­li­chen oder auch trau­ri­gen Geschichte erzählen.

Otzenrath (NRW)

Ein beklem­men­der Ort gleich in mei­ner Nach­bar­schaft und der jüngste Akt von Ver­gan­gen­heits­ver­nich­tung gro­ßer Ener­gie­kon­zerne, aber nur ein Exem­plar von vie­len Gemein­den, die dem Tage­bau zum Opfer gefal­len sind. Wo einst Schüt­zen durch geschmückte Stra­ßen zogen ist heute Leere und Ein­sam­keit. Die meis­ten Bewoh­ner wur­den bereits umge­sie­delt und woh­nen jetzt in Orten ohne Ver­gan­gen­heit, die am Reiß­brett geplant und rea­li­siert wur­den. Was der Drei­ßig­jäh­rige Krieg 1642 und fran­zö­si­sche Revo­lu­ti­ons­trup­pen 1794 nicht schaff­ten, hat Rhein­braun in wenige Mona­ten erle­digt. 1961 leb­ten 1700 Men­schen in Otzen­rath, letz­tes Jahr noch 24. Vie­len beein­dru­ckende und zugleich fas­zi­nie­rende Bil­der fin­den sich unter ande­rem beim Grenz­ge­beat und GeraldS.

Garzweiler Herrenhaus

Centralia (USA)

Die USA ist bekannt für ihre Geis­ter­städte, denn genauso schnell wie Ame­ri­ka­ner den Kon­ti­nent besie­deln, so schnell sind ver­las­sen sie ein­zelne Orte auch wie­der. Gerade in den Zei­ten des Gold­fie­bers ent­stan­den Orte und wur­den nach dem Abflauen wie­der ver­las­sen. Ein beson­ders gru­se­li­ger Ort ist Cen­tra­lia, Penn­syl­va­nia. 1962 ent­zün­dete sich ein unter­ir­di­sches Feuer in einem Berg­werks­stol­len für Kohle, das heute immer noch brennt. 1965 ver­suchte die Regie­rung die Feuer zu löschen und pump­ten dazu Unmen­gen an Sand und Lehm in die Erde, konnte aber nichts errei­chen. Erst Anfang der 80er wurde der Ort eva­ku­iert, nach­dem die Erde an vie­len Stel­len auf­brach und gif­tige Koh­len­mon­oxid Schwa­den ein Leben im Ort unmög­lich mach­ten. Wei­tere Maß­nah­men sei­tens der Behör­den, die bis jetzt schon 70 Mil­lio­nen Dol­lar inves­tier­ten sind nicht geplant, Wis­sen­schaft­ler schät­zen, dass die vor­han­dene Kohle noch 100 Jahre wei­ter­brennt. (Bild: Offroader.com)

centralia

Pryjat (Ukraine)

Der Ort in der Ukraine steht Unweit des Atom­kraft­wer­kes Tscher­no­byl und bedarf daher kei­ner beson­de­ren Erklä­rung über die Enste­hung die­ser Geis­ter­stadt. Viele der ehe­mals 50.000 Ein­woh­ner habe im Kraft­werk gear­bei­tet. Als 1986 das Kern­kraft­werk hava­rierte wurde die kom­plette Stadt eva­ku­iert, die Bewoh­ner soll­tes alles zurück las­sen, denn es wurde Ihnen ver­spro­chen, in den Ort zurück­keh­ren zu kön­nen. Doch dazu kam es nie. Die Regie­rung sah sich gezwun­gen das Kern­kraft­werk und die umlie­gen­den Orte auf­zu­ge­ben. Der Ort wurd als Sla­wut­ytsch an ande­rer Stelle neu erbaut. Nur einige Stra­ßen und Plätze wurde für viel Geld dekon­ta­mi­niert um mit Rei­se­grup­pen Geld zu ver­die­nen. Viele wei­tere Bil­der gibt es im Album von Carl Mont­go­mery, bei Stuff­mo­pork habe ich diese entdeckt.

Prypjat

Oradour-sur-Glane (Frankreich)

Zwei­fel­hafte Berühmt­heit erlangte der Ort durch das Mas­sa­ker von Ora­dour am 10. Juni 1944, bei dem nahezu alle  Ein­woh­ner von der deut­schen Wehr­macht unter dem Kom­mando von SS-Sturmbannführer Adolf Diek­mann erschos­sen wur­den.  SS-Leute teil­ten die Ein­woh­ner auf dem Markt­platz in Män­ner, Frauen und Kin­der auf. Die Frauen und Kin­der wur­den in die Kir­che getrie­ben. Die SS-Leute zün­de­ten dar­auf­hin die stei­nerne Kir­che,  an und spreng­ten den Kirch­turm, der in das Kir­chen­schiff ein­schlug, war­fen Hand­gra­na­ten und schos­sen wahl­los in die Menge. Die ca. 200 Män­ner, die zuvor in Gara­gen und Scheu­nen gebracht wor­den waren, wur­den danach erschos­sen. An die­sem Tag star­ben 642 Men­schen in Ora­dour, von denen nur noch 52 zu iden­ti­fi­zie­ren waren. Unter den Toten befan­den sich 207 Kin­der und 254 Frauen. Nur in einer der Scheu­nen, in die die Män­ner zur Erschie­ßung gebracht wor­den waren, gab es fünf Über­le­bende. Der Ort wurde in dem Zustand erhal­ten, in dem er sich befun­den hatte. Wenn Mau­ern schreien könn­ten. (Bild: Wiki­pe­dia)

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Hashima (Japan)

Eine win­zige Insel, die als Wohn­ort für ein unter­see­isches Koh­le­ab­bau Gebiet diente und seit 1974 ver­las­sen ist. Zeit­weise leb­ten 5000 Arbei­ter mit ihren Fami­lien auf der 160 x 450 Metern gro­ßen Insel. 1959 rech­ne­ten Sta­tis­ti­ker hier die höchste jemals auf­ge­zeich­nete Bevöl­ke­rungs­dichte der Welt. Wäh­rend des zwei­ten Welt­krie­ges arbei­te­ten hier Zwangs­ar­bei­ter von denen 1.300 gestor­ben sind und in den still­ge­leg­ten Koh­len­schäch­ten ver­scharrt wur­den. Nach Kriegs­ende ent­wi­ckelte sich das Insel­chen zu einem der kleins­ten mensch­li­chen Bio­tope.  Die Infra­struk­tur wurde lau­fend aus­ge­baut und ent­hielt neben Wohn– und Ver­wal­tungs­ge­bäu­den — zum Teil unter­ir­disch — auch Tem­pel­an­la­gen und Schreine, Poli­zei­sta­tion, Post­amt, Bade­an­stal­ten, Klär­an­lage, Kin­der­gar­ten, Grund– und wei­ter­füh­rende Schu­len, eine Turn­halle, ein Kino, Gast­stät­ten, ein Kran­ken­haus und sogar ein Bor­dell. Am süd­li­chen Ende wurde ein Swimming-Pool ange­legt. Elek­tri­zi­tät und Was­ser kam über unter­see­ische Lei­tun­gen von der Haupt­in­sel. Auf Dach­gär­ten bau­ten die Bewoh­ner Gemüse, Tee und Kräu­ter an. Am 20. April 1974 legte das letzte Boot ab. Nicht nur die Gebäude, son­dern viele per­sön­li­che Gegen­stände deren Gegen­wert den auf­wen­di­gen Abtrans­port nicht recht­fer­tigte, wur­den an Ort und Stelle zurück­ge­las­sen. (Bild: Jür­gen Specht)

hashima

Kolmanskuppe (Namibia)

1905 blieb Name Cole­man mit sei­nem Och­sen­kar­ren mit­ten in der Wüste ste­cken und ver­durs­tete, der Ort wurde nach ihm benannt. Beim Bau der Lüdritz-Eisenbahn in die ehe­ma­lige Sied­lung Deutsch-Südwestafrika fan­den zwei Eisen­bahn­ar­bei­ter einen Dia­man­ten und lös­ten damit einen Boom aus. Obwohl der Ort mit­ten im Nichts von Gar Nichts liegt, sie­del­ten hier 400 Men­schen an und suhl­ten sich im neu Erwor­be­nen Reich­tum durch den Abbau von Dia­man­ten. Hier lebte man nach deut­schem Vor­bild: Kran­ken­haus, Eis­fa­brik (!), Tante-Emma Laden, Metz­ge­rei, Thea­ter, Turn­hal­len, Kegel­bahn, Schule und Schwimm­bad, alles war vor­han­den. Nöti­ges Was­ser wurde aus dem 1000km ent­fern­ten Kap­stadt her­an­ge­schafft. Sie galt damals als reichste Stadt Afri­kas. Es kam wie es kom­men musste, die Dia­man­ten­quel­len war zuneige gegan­gen, die Men­schen über­lie­ßen den Ort der Wüste. In der unbarm­her­zi­gen Umge­bung holte sich die Natur schnell das zurück, was einst ihr gehörte. Erst 1990 ent­deckte man Kol­manns­kuppe als Museeum wie­der. (Bild: Griot­photo)

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San-Zhi (Taiwan)

Der Ort an der Nord­küste Tai­wans ist ein bizar­rer Ort. In den frü­hen 80er wurde er für wohl­ha­bende Urlau­ber gebaut, aber nie für die Öffent­lich­keit eröff­net. Nach einer Reihe mys­te­riö­ser Unfälle bei Bau der Anlage hat man es ein­fach ein­ge­stellt, diese jemals fer­tig zu bauen. Ein­hei­mi­sche berich­ten sich, das die Geis­ter der ver­stor­be­nen Arbei­ter nur jeden töten, der ver­sucht die Gebäude abzu­reis­sen. Warum das Regie­rungs­pro­jekt nun letzt­end­lich wirk­lich abge­bla­sen wurde und wer hin­ter der Idee zu die­sem Stück Moder­ner Archi­tek­tur steckt, bleibt wohl das Geheim­nis des Gebie­tes San-Zhi. Gefun­den habe ich die Bil­der beim Roll­mops. (Bild: cyper one/flickr.com)

San-Zhi

5 Kommentare

  1. Schade um Otzen­rath und um die gan­zen Dör­fer der Erkelen­zer Börde.
    Ist eigent­lich Bor­sche­mich auch schon verlassen?

  2. Der Bag­ger gräbt sich gna­den­los durch die Land­schaft, Bor­sche­mich ist noch nicht ganz ver­las­sen. Sein Schick­sal ist aber besie­gelt. Eine inter­es­sante Seite, auf der du die Zer­stö­rung ver­fol­gen kannst, fin­dest du hier

  3. Oh, wie schön, sowas ist in der Schweiz äusserst sel­ten. =( Nicht mehr benutzte Gebäude wer­den sofort abge­ris­sen, Geis­ter­städte haben wir glaube ich keine..Dörfer auch nicht. In der Nähe von Bern gibt es aber einen Auto­fried­hof, mit von Pflan­zen über­deck­ten Old­ti­mern. Lei­der habe ich erst jetzt davon erfah­ren, wo der Park geschlos­sen ist, weil er höchst­wahr­schein­lich noch die­ses Jahr geräumt wird =(
    Jeden­falls schö­ner Bei­trag, ich liebe Rui­nen und ver­las­sene Orte! Beson­ders die Wohn­an­lage in Tai­wan finde ich faszinierend.

    LG

  4. @Robert: danke für den Link, auch wenn´s trau­rig macht.

  5. Sehr inter­es­sante auf­lis­tung. Geis­ter­städte und deren Geschichte finde ich ziem­lich interessant.

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