18 Juli

Spontis Wochenschau #21

Kategorie: Vernetzt, Wochenschau — Jahrgang: 20104 Kommentare

Spontis WochenschauWenn der Deut­sche nichts zu meckern hat. Egal wel­che Nach­rich­ten man ein­schal­ten, egal wel­chen Sen­dern man ver­folgt, irgendwo macht sich wie­der einer Sor­gen um das Wet­ter. Hit­ze­welle, Gewit­ter­ka­ta­stro­phen und Orkan­böen; Bau­ern jam­mern um ihre Ernte, Sach­be­ar­bei­ter schwit­zen im Büro;  selbst die Deut­sche Bahn jam­mert. Stel­len wir uns ein­mal geis­tig das Gegen­teil des aktu­el­len Wet­ters vor, ich bin mir sicher, der Deut­sche würde wie­der meckern. Da wer­den Exper­ten­run­den ein­be­ru­fen und Meteo­ro­lo­gen dis­ku­tie­ren um mög­li­che Zusam­men­hänge mit dem ange­grif­fe­nen Klima der Erde und der Zuschauer fragt sich viel­leicht: Wird ein Baum auf mein Auto stür­zen, kann ich vom Blitz getrof­fen wer­den, ertrinke ich im eige­nen Kel­ler, werde ich sterben?

Ja, das ist über­trie­ben — genauso wie die Dis­kus­sio­nen um das Wet­ter. Viel­leicht soll­ten man sich end­lich von dem Gedan­ken ver­ab­schie­den, das Wet­ter beein­flus­sen zu kön­nen. Die Natur sitzt am län­ge­ren Hebel und wird sich auch sicher­lich ein­mal für die Feh­ler unse­rer Ver­gan­gen­heit rächen, nur nicht jetzt, nicht heute. Es ist Som­mer, es ist heiß und Gewit­ter mit Sturm­böen sind typi­schen Ent­la­dun­gen die­ser hei­ßen Tage — neh­men wir es gruf­tig und ver­le­gen unse­ren All­tag in den Kel­ler. Ver­gesst aber nicht das Lap­top um die Links für diese Woche zu studieren.

  • Rebel­lie­ren ohne Aso­zial zu sein
    Schreibt Regensburg-Digital in sei­nem Arti­kel über das RGT, das Regens­bur­ger Gothic Tref­fen. „ Bei mir hat alles vor zehn Jah­ren mit Metal ange­fan­gen […] Danach war es nur noch ein klei­ner Schritt zum Gothic.“ Warum gerade Gothic und nicht eine andere Szene? „ Gothic ist eine Lebens­ein­stel­lung, die Gesell­schafts­kri­tik äußern will“, klärt Nuri auf. „ Gegen den Strom schwim­men, aber nicht auf die aso­ziale Art. Die meis­ten haben eine Aus­bil­dung, ein Monats­ge­halt, Abitur und spre­chen mehr als drei Spra­chen.“ Ich stelle für mich fest, ich fühle mich bei die­sem Arti­kel sehr unbe­hag­lich, da die ziem­lich eigen­sin­ni­gen Mei­nun­gen ein­zel­ner hier in einem merk­wür­di­gen Kon­text zum Arti­kel ste­hen. Ist Gegen den Strom schwim­men denn sonst aso­zial? Ist eine Aus­bil­dung, Abitur oder Talent für Spra­chen Aus­druck einer eli­tä­ren Grund­hal­tun­gen einer (ehe­ma­li­gen) Jugend­szene? Ich finde: Eine däm­li­che Über­schrift die einem Zitat ent­springt, des­sen »Quelle« eine frag­wür­dige Reprä­sen­tan­tin der Gothic-Szene ist.
  • Vom Mythos des Unpo­li­ti­schen in der Gothic-Szene
    Ste­fan Kubon von redok schreibt unter einer inter­es­san­ten Über­schrift noch ein­mal über die Ereig­nisse auf dem WGT 2009/2010 und wirft erneut die Frage auf, ob es sich bei der Gothic-Szene immer noch um eine unpo­li­ti­sche Szene han­delt. »Im ver­gan­ge­nen Jahr wurde in der Gothic-Szene sehr inten­siv dar­über dis­ku­tiert, in wel­chem Umfang Sym­bole und Inhalte des Rechts­ex­tre­mis­mus tole­rier­bar sind. Dass diese Dis­kus­sion immer noch statt­fin­det, liegt auch daran, dass der Pro­dukt­an­bie­ter »Ver­lag und Agen­tur Wer­ner Syma­nek« (VAWS) auch in die­sem Jahr an Pfings­ten die Mög­lich­keit hatte, rechts­ex­treme Waren auf dem »Wave-Gotik-Treffen« (WGT) in Leip­zig zu ver­kau­fen. Dem Ver­an­stal­ter des WGTs, der »Tref­fen & Fest­spiel­ge­sell­schaft für Mit­tel­deutsch­land mbH«, scheint es offen­sicht­lich wei­ter­hin gleich­gül­tig zu sein, dass die Prä­senz des VAWS-Verkaufsstands auf dem WGT von vie­len Anhän­gern der Gothic-Szene abge­lehnt wird.« Doch die Frage ist leicht zu beant­wor­ten. Eine Poli­ti­sie­rung fin­det nur sei­tens des Ver­an­stal­ters des WGT statt, der durch frag­wür­dige Stände, Sym­bole und Ver­hal­tens­wei­sen poli­ti­sche Rich­tun­gen in eine Szene bringt, die nie poli­tisch in Erschei­nung getre­ten ist.
  • flog­ging molly vs. drop­kick mur­phys
    Red Flog hat einen Gegen­über­stel­lung eröff­net. Es geht um nichts gerin­ge­res als die Krone des Folk-Punk und zwar heute im Jahr 2010. Mit Flog­ging Molly und den Drop­kick Mur­phys hat er dabei zwei Ver­tre­ter des Folk-Punk gewählt, die für eine äußerst span­nende Runde ver­ant­wort­lich sind. »shane mac­go­wan und seine “pogues” wer­den wohl für (nahezu?) immer das maß aller dinge im irish-folk-punk sein, aber deren beste zeit ist nun auch schon 25 jahre her, und das letzte album kam im jahr 1995, punk ist heute etwas ganz ande­res als in den 80ern – so lang­sam wird es also zeit für ein neues gesicht auf dem thron die­ses gen­res.« Gewin­ner? Link ankli­cken und nachlesen.
  • Punk­foto — Das welt­weit größte Archiv his­to­ri­scher Punk­fo­tos
    Eine ganz groß­ar­tige Idee ver­folgt Karl Nagel, den Auf­bau einer durch Nut­zer gefüll­tes Punk­fo­to­al­bum: »Das ganze fing Mitte der Neun­zi­ger an: Ich hatte die Idee, ein Buch über Punk und den gan­zen Scheiß drum­rum zu schrei­ben und begann, die Foto­al­ben aus mei­nem Bekann­ten­kreis zu durch­fors­ten und weg­zu­scan­nen, was mir unter die Fin­ger kam. Zusam­men mit mei­nen eige­nen Fotos kamen da schon so um die 1000 Bil­der bei zusam­men. Also begann ich Anfang 2007, die Bil­der auf mei­ner eige­nen Web­site im PUNK-FOTOARCHIV zu ver­öf­fent­li­chen. Das fan­den eine Reihe Leute ziem­lich klasse, schick­ten mir eigene Bil­der, bis am Ende über 4000 Bil­der zusam­men­ka­men.« Ein wirk­lich tolle Idee, der ein CC-Lizenz für die ein­ge­stell­ten und bereit­ge­stell­ten Bil­der sicher­lich gut zu Gesicht ste­hen würde.
  • Nina Hagen im Inter­view: “Ich habe einen Auf­trag von Gott”
    Frau Hagen steht der süd­deut­schen Zei­tung in einem Inter­view Rede und Ant­wort. Im Vor­der­grund ihre neu­es­ten Geh­ver­su­che als Gospel-Sängerin und im Hin­ter­grund das inten­sive Leben einer Frau, deren Leben wohl mehr als eine Bio­gra­phie fül­len könnte. »Das war auf einem LSD-Trip. Ich bin gestor­ben, rich­tig gestor­ben. Das war ein Nahtod­er­leb­nis, bei dem ich in der Hölle gelan­det bin und Gott aus tiefs­ter Seele um Hilfe geru­fen habe. Und Gott hat mir gehol­fen. Es war ein sehr geis­ti­ges Erleb­nis. Für eine ganze Nacht war ich nicht mehr iden­tisch mit mei­nem irdi­schen Kör­per. Ich war in einer ande­ren Dimen­sion und habe Gott ins Gesicht geschaut.« Hof­fent­lich hat sie das vom LSD Kon­sum geläutert.
  • Inter­view mit Peter Mur­phy (Bau­haus)
    Nein, Peter Mur­phy ist kein Mit­ar­bei­ter einer gro­ßen Bau­markt­kette, son­dern Sän­ger der Band Bau­haus, denen man mit dem Stück Bela Lugosi’s Dead die Ent­ste­hung des Goth-Mythos in die spit­zen Schuhe schiebt. In einem Vintage-Interview äußert er sich über eben die­ses Stück und der Fas­zi­na­tion Vam­pir und des­sen Ver­kör­pe­rung auf der Bühne. Sehr infor­ma­tiv!

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Robert berichtet über alle Facetten der schwarzen Szene und ist aktiver Verfechter der deutschen Meckerbewegung. Überzeugter Gruftie mit einem Hang zum Vergangenem, der jedoch unverbesserlich optimistisch ist und stets positiv denkt. Du findest mich auch auf Facebook und Google+ oder auch bei Twitter.

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4 Kommentare

  1. Ich finde das mit der rech­ten Sym­bo­lik zum kot­zen. Sorry für die Aus­drucks­weise, aber das trifft es ein­fach. Mir wird echt schlecht, wenn ich sehe, wie hoch­in­tel­lek­tu­ell dar­über dis­ku­tiert wird, ob es nicht viel­leicht doch okay ist, wenn Idio­ten mit Uni­form und roter Arm­binde, die im weis­sen Kreis ein schwar­zes Sym­bol zeigt, rum­lau­fen dür­fen, weil sie es ja wahr­schein­lich ganz anders meinen.

    In den Kom­men­ta­ren zu den oben ver­link­ten Arti­keln wird tau­send­fach erwähnt, dass ja nicht jeder weiß, was die schwarze Sonne und ähnli­che Sym­bole bedeu­ten. Kann schon sein, aber die Künst­ler wis­sen es und die Ver­an­stal­ter wis­sen es und ein Groß­teil der Besu­cher weiß es auch. Da gibt es nichts zu dis­ku­tie­ren und das hat auch nichts mit freier Mei­nungs­äu­ße­rung oder Pro­vo­ka­tion zu tun.

    Ein­zige Kon­se­quenz: Die Künst­ler tre­ten nicht mehr auf und die Besu­cher gehen nicht mehr hin. Allein der wirt­schaft­li­che Scha­den wird dafür sor­gen, dass die Ver­an­stal­ter ganz schnell Stel­lung bezie­hen, das Ruder rum­rei­ßen, die Sym­bo­lik nicht mehr benut­zen und ent­spre­chende Ver­kaufs­stände, Bands und Besu­cher rausschmeißen.

    Die­ses ganze »Spiel« mit der Nazi-Symbolik geht mir sowas von auf den Sen­kel– ging es mir in den 80ern schon!Unabhängig davon, wie es auch immer gemeint sein mag! So einen Schwach­sinn wie Han­zel und Gretyl will ich ein­fach nicht sehen. Es gibt erschüt­ternde Doku­men­ta­tio­nen, Berichte und Bücher zu die­sem Thema. Finde ich sinn­vol­ler als Amis im däm­li­chen Kostüm.

    Ganz neben­bei hat ein »Uniform-Fetisch«, der in den ver­link­ten Arti­keln erwähnt wird, mal abso­lut gar nix mit Gothic zu tun.

  2. Ein­zige Kon­se­quenz ist der Boy­kott? Wohl­mög­lich. Ich halte jedoch Pro­test und Mei­nungs­äu­ße­rung eben­falls für einen Weg, allein schon vor dem Hin­ter­grund, das das WGT bei­spiels­weise für viele ein­zige Jah­res­treff­punkt ist und Gruf­ties aus aller Welt ver­bin­det . Es wäre fast schade das zu boy­kot­tie­ren, finde ich jeden­falls. Viel­leicht hast du Recht und ein groß­flä­chi­ger Boy­kott wäre ein wirk­sa­mes Mit­tel. Doch wir müs­sen »klein« anfan­gen. Mit einem inter­es­san­ten Neben­ef­fekt, irgend­wann gibt es keine Top-Acts auf dem WGT mehr.

    In gewis­ser Weise hast du Recht. Auch mir geht das mit dem Nazi-Symbolik Kram auch auf den Sen­kel, doch ich habe sie auch nicht in die Szene gestreut, das liegt wohl in der Natur der Sache, wenn man alte Sym­bole zweck­ent­frem­det. In gewis­ser Weise gibst du aber auch ein gutes Bei­spiel mit dem mög­li­chen Umgang. Du hast eine Mei­nung dazu und baust auf Hin­ter­grund und Erfah­rung. Ich pflege einen ähnli­chen Umgang möchte dar­über hin­aus aber auch der Dis­kus­sion darum nicht aus dem Weg gehen, auch wenn es sich manch­mal um Eso­the­ri­sches Gequat­sche handelt :)

    Und noch­mal rich­tig: Uniform-Fetisch hat nichts mit der Gothic-Szene zu tun, son­dern ist ein­fach nur furchtbar :)

  3. Ich finde die Sache in der Theo­rie eigent­lich recht ein­fach und halte Dis­kus­sio­nen des­halb zwar für abso­lut okay, aber für wenig effektiv.

    Das WGT ist aus Veranstalter-Sicht eine wirt­schaft­li­che Geschichte. Es mag Herz­blut dabei sein, aber es geht auch bei die­ser Ver­an­stal­tung — im Zusam­men­spiel mit der Stadt Leip­zig und den Ein­zel­händ­lern, Hote­liers, Restau­rant­be­sit­zern, Pri­vat­leu­ten mit Frem­den­zim­mern usw. — ums Geld. Das ist auch voll­kom­men in Ord­nung so, denn sonst wäre es schon längst nicht mehr exis­tent. Das WGT wird inhalt­lich so gestal­tet, dass es eine mög­lichst große Ziel­gruppe inner­halb der Szene anspricht — abwechs­lungs­reich und eben­falls voll­kom­men okay!

    Die Gruppe der­je­ni­gen, die rechte Sym­bole als Aus­druck für wasau­chim­mer benut­zen ist ver­schwin­dend gering. Ebenso auch die Ver­kaufs­stände mit ent­spre­chen­dem Mate­rial. Der Groß­teil der Besu­cher befür­wor­tet das nicht und fühlt sich extrem unwohl, wenn jemand mit zwei­fel­haf­ter Uni­form und Schwar­zer Sonne am Revers vor­bei mar­schiert und Bands wenig sen­si­bel mit rech­ter Sym­bo­lik auf der Bühne rum­fuch­teln. Der Groß­teil der Besu­cher kann auch gut auf Ein­tritts­kar­ten mit sol­cher Sym­bo­lik verzichten.

    Es gab erheb­li­che Ein­wände gegen besagte Umstände und der Ver­an­stal­ter hat erst die Dis­kus­sion auf der WGT-Webseite unter­bun­den und dann selbst auf Anfra­gen von Bands (ASP) keine Stel­lung bezo­gen. Dis­kus­sio­nen sind also offen­sicht­lich weder erwünscht noch mög­lich. Da kön­nen sich die Leute tot dis­ku­tie­ren — wenn der Ver­an­stal­ter nicht mit­spielt, hat das alles kei­nen Sinn.

    Die ein­zige Mög­lich­keit, das WGT wie­der dem Wunsch der Besu­cher anzu­pas­sen, ist also ein Boy­kott bis sich was ändert. Die Bands, die diese Ent­wick­lung nicht unter­stüt­zen wol­len, soll­ten absa­gen und die Besu­cher, die vom Ver­an­stal­ter mit ihren Wün­schen offen­sicht­lich nicht ernst genom­men wer­den, soll­ten weg­blei­ben. Wenn die Kohle nicht mehr stimmt, wird der Ver­an­stal­ter ganz von sel­ber aktiv. Da bin ich mir sehr sicher.

    Um was zu ändern, braucht man aus mei­ner Sicht kei­nen Brief an die Stadt­ver­ord­ne­ten son­dern eine eigene Mei­nung und den Arsch in der Hose, zu sei­ner Mei­nung zu ste­hen und Kon­se­quen­zen zu ziehen.

    Ich bin mir ziem­lich sicher, dass die Okto­ber­fest­be­su­cher auch mit einem Schlag weg­blei­ben, wenn dort plötz­lich Insustrial-Bands auf­tre­ten, die Leute statt im Dirndl in Toten­kluft rum­ren­nen und statt Bre­zel und Bier, Soja­würst­chen und Met ver­kauft wer­den. Ein Ver­an­stal­tung wird so aus­ge­rich­tet, dass sich die Ziel­gruppe, die die Kohle mit­bringt, wohl fühlt und nicht so, dass der Ver­an­stal­ter sei­nen Kopf durchsetzt.

    Soweit die Theo­rie. In der Pra­xis wird aber wahr­schein­lich wie immer Fun über Ideo­lo­gie sie­gen. Wer schert sich schon um klein­li­che Über­zeu­gun­gen, wenn es auch mit rech­tem Gedan­ken­gut und igno­ran­tem Ver­an­stal­ter, der sich dazu nicht äußert, Spaß auf dem WGT macht?

  4. @Orphi:
    .. Ach, ich darf ja nichts mehr zu ihr sagen.…und ich will auch nicht!

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