21 April
Punk - Großbritannien oder USA, wer hat's erfunden?
Die Fronten scheinen verhärtet, jedes Land beansprucht den ursprünglichen Gedanken für sich. Wikipedia definiert geschickt um den heißen Brei und verallgemeinert »Punk ist eine Jugendkultur, die Mitte der 1970er Jahre in New York und London entstand.« Erfahrene Diskutanten halten es für eine Ansichtssache oder schieben es feige auf die Art der Betrachtung. Ein bisschen Recht haben sie alle irgendwie, das lässt sich nicht abstreiten. Der Knackpunkt liegt wie im immer beim Wort, der daraus einen Begriff macht. Treue Leser werden sich sicherlich an meine Artikel zu Geschichte des Wortes Gothic erinnern, zudem es eindeutige Parallelen gibt, die nicht nur aus dem Ursprung der Musik wachsen.
Ich zu dem Schluss, das ein solcher Überbegriff zunächst eine wörtlichen Bedeutung hat und dann dazu benutzt wird eine musikalische Richtung zu bezeichnen um schließlich die Anhänger dieser Musik als (Jugend-)Bewegung zu definieren.
Aber zurück zur Quelle. Während das Wort selbst schon von Shakespeare dazu benutzt wurde eine Prostituierte zu bezeichnen1, erhält es erst Mitte des 20. Jahrhunderts einen Bezug zu Musik. Und hier liegen die Wurzeln ganz klar in den USA, denn The Stooges, die New York Dolls, Patti Smith und die Ramones definieren hier eine neue Musikrichtung die aggressiv und direkt das wiedergibt, was die Künstler denken.
Als die Musik nach Großbritannien schwappt, fühlen sie die Jugendlichen verstanden. Zwischen Wirtschaftskrise, Establishment, Klassensystem und Zukunftsangst fällt die Musik auf fruchtbaren Boden. Hier wird gelebt was die Musik rüberbringt, Punk wird zur Bewegung. Sie bietet die Möglichkeit, seiner eigenen Kreativität, seinen Gedanken, seiner Wut und Verzweiflung Form zu verleihen. Dilettantismus wird zum Programm, das Schocken der Gesellschaft durch die Art des Auftretens eine Form des Protestes. In den 80er ist dann ganz Europa vom Punk infiziert. Kalter Krieg, Umweltzerstörung und Atomenergie schüren die Ängste der Jugendlichen. Punk ist das Ventil, dagegen zu sein wurde In.
Um zu beantworten, wer den Punk erfunden hat muss also die Gegenfrage gestellt werden: »Die Musik oder die Bewegung?« Anders und vor allem abschließend lässt sich das nicht beantworten, dem Gothic geht es als Post-Punk Bewegung genauso. Das dürfte auch für alle anderen musikalischen Bewegungen gelten und lässt sich übertragen. Wenn man sich also für etwas interessiert sollte man sich zunächst die Frage stellen, was faszinierender ist, die Musik oder die Szene?
Das Video (via PCL LinkDump), was mich auf die Idee dieses Artikel gebracht hat, will ich euch nicht vorenthalten, hier gehen John Holmström & Legs McNeil, die seinerzeit das Punk Magazine veröffentlichten, auf die Frage der Kontinentalen Unterschiede ein. Es zeigt die verschiedenen Auffasssungen des Begriffes Punk und dürfte auch internationale Unterschiede in Definition wie Punk und Punk-Rock oder auch Goth und Gothic ein wenig erhellen.
(Bildquelle: The Acid Sweatlodge)
- Beispiel aus dem 5. Akt zum Stück Measure for Measure von William Shakespeare (1596): »DUKE VINCENTIO Upon mine honour, thou shalt marry her. Thy slanders I forgive; and therewithal Remit thy other forfeits. Take him to prison; And see our pleasure herein executed. — LUCIO Marrying a punk, my lord, is pressing to death, whipping, and hanging.« [↩]
Veröffentlicht von Robert
Robert berichtet über alle Facetten der schwarzen Szene und ist aktiver Verfechter der deutschen Meckerbewegung. Überzeugter Gruftie mit einem Hang zum Vergangenem, der jedoch unverbesserlich optimistisch ist und stets positiv denkt. Du findest mich auch
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Kategorie: Schwarze Szene, Vernetzt
Schlagwort: 70er, Punk, szene, video


hat bereits 52 Kommentare abgegeben und schrieb am 21. April 2010 um 20:53:
tolle einstellung von den typen, engländer sind morons und australier naiv, hätte mich interessiert was sie kurze zeit später von joe strummer dachten, der ließ so manche ami-punks als morons aussehen.
aber zum eigentlichen thema stimme ich sofort zu, dass musik und bewegung getrennt werden müssen, aber selbst dann wird es schwer. the stranglers und the ramones wurden beispielsweise im selben jahr gegründet, von daher gibts auf beiden seiten des großen teichs wurzeln, aber ich würde zustimmen dass die ursprüngliche musik stärkere wurzeln in new york hat. dafür hatte england mit seiner klassengesellschaft und den skinheads bessere ausgangsmöglichkeiten daraus eine bewegung zu machen, und sie war politischer denke ich.
auf »gesamt-punk« würde ich ganz klar die behauptung unterschreiben, der geburtsort des punk sei new york und london :)
hat bereits 1744 Kommentare abgegeben und schrieb am 6. Mai 2010 um 00:00:
Punk ist für mich persönlich ein englisches Phänomen, da erst hier ein Schuh daraus wurde, vielleicht aber auch weil ich Punk als Bewegung verstehen und nicht als musikalischen Oberbegriff, so ähnlich wie ich es mit dem Gothic mache. Die Wörter sind mittlerweile zu »voll« um den Kern oder eine einzelne Musikrichtung zu beschreiben. Um sie darauf zu reduzieren muss man zwangsläufig in der Vergangenheit schwelgen. Mit Amerikanischen Trends tue ich mich in der Regel sehr schwer auch wenn die Geburtsstunde anderer und noch populärerer Jugendkulturen dort liegt (Hip-Hop, Rap) .