4 Juli
Ohne Worte: Kleider machen Leute
Reclams Moder & Kostüm Lexikon, Stuttgart 1994: »Der Mühlsteinkragen war dem Typ nach eine überdimensionierte steife Halskrause, die, von Spanien ausgehend, im 16./17. Jahrhundert. gleicherweise von Frauen und Männern »von Stand« getragen wurde. Im 17. Jh. gehörte der Mühlsteinkragen in vielen Gebieten zum Habit protestantischer Geistlicher. Selbst heute noch ist der Mühlsteinkragen in manchen evangelischen Landeskirchen als Teil der Amtstracht gebräuchlich.« (via coisas do arco da velha)
Veröffentlicht von Robert
Robert berichtet über alle Facetten der schwarzen Szene und ist aktiver Verfechter der deutschen Meckerbewegung. Überzeugter Gruftie mit einem Hang zum Vergangenem, der jedoch unverbesserlich optimistisch ist und stets positiv denkt. Du findest mich auch
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Kategorie: Dunkelkunst, Schwarzes Netz, Vernetzt
Schlagwort: Kleidung



hat bereits 230 Kommentare abgegeben und schrieb am 5. Juli 2010 um 21:50:
Tolles Bild *g* — daß ich das Gewand genial finde brauch ich zwar sicher nicht zu erwähnen, habs jetzt aber trotzdem getan ;)
Schön am Bild an sich ist auch der Kontrast vom historisch angelehnten Monstergwand zur Fetisch-Dame, und dann die Kippen … find ich witzig inszeniert.
Nachtrag zum Auszug aus dem Kostüm-Lexikon: Der Mühlsteinkragen entwickelte sich ab der Mitte des 16. Jahrhunderts aus einer Rüsche die den Abschluss am Kragen der Unterhemden von Männlein und Weiblein bildete. Diese Rüschen wurden immer größer und ausladender und wurden irgendwann separat vom Unterhemd getragen, auch an den Armabschlüssen gab es solche Rüschen, die dann ebenfalls zu extra »Mini-Mühlies« fürs Handgelenk mutierten.
Aber nur wer sichs leisten konnte, denn die Krägen waren neben dem teuren Material das verwendet wurde, schwer zu pflegen, so ergab sich die Nische der »Spezial-Wäscherin« die sich speziell um die Krägen kümmerte, die nicht nur wusch sondern auch mit neuer Stärke tränkte und mit im Feuer vorgeglühten »Poking Sticks« (kenne leider keinen deutschen Begriff dafür, meine Fachliteratur ist fast ausschließlich englisch) wieder in die richtige Anordnung brachte — ich glaub das nannte man »Ruff-Setter«, da muss ich aber mal nachsehen da ich ausm Gedächtnis schreibe momentan).
Einfache Leute die sich die separaten Krägen nicht leisten konnten, blieben bei den am Hemd angenähten Rüschen. In einer Text-Quelle aus der Zeit bin ich über ein Zitat gestoßen wo der Stand eines Mannes an dem Umstand tatsächlich festgemacht wurde, daß er keinen separaten Kragen besaß und entsprechend von niederem Stand war. Ich muss nochmal suchen wo ich das gefunden hab.
Mühlsteine waren vornehmlich aus feinen Leinenstoffen in weiß. Neben schwarz — was als tiefer, satter Farbton schwer zu färben war — war reines weiß eine Farbe die sich vornehmlich adlige Leute leisten konnten — weil es schnell schmutzig wird und entsprechend umständlich beim sauberhalten war. Es gab aber für diese weißen Krägen farbige Waschzusätze, die ihnen pastellige Töne in gelblich, rosa oder hellblau gaben.
Schwarze Krägen sind historisch auch bekannt (eins meiner Kleider basiert auf einem Gemälde von 1632, auf dem ein schwarzer Kragen zu sehen ist), nur weit seltener als die weißen. In anderen Farben ist mir nichts bekannt, abgesehen von den oben genannten pastellig eingefärbten. Diese Farbe hielt wohl auch nur bis zur nächsten Wäsche.
Die Krägen wurden aber bisweilen auch an die Hemden angeheftet, und dann alles im Ganzen geschlossen.
Zuerst um den Hals geschlossen getragen, wurde der Mühlsteinkragen — oder Gran Gola — in den 1590ern immer ausladender, und insbesondere in der Frauenmode, die hier eine kurze Periode franzöischer Beeinflussung erfuhr — bevorzugt offen und an den Ausschnitt des Gewandes befestigt, getragen. Zur Unterstützung wurden unter dem Kragen Drahtgestelle befestigt, die Supportasse oder englisch »Underpropper«. Im frühen 17. Jahrhundert wurde der gefaltete Kragen dann von einem flach liegenden ersetzt, der ebenfalls deftig gestärkt, auf der Supportasse befestigt wurde, das Ding wird heute auch »Stuart-Kragen« benannt. Dabei handelte es sich um extrem feine Leinengewebe die mit kostbaren Nadelspitzen verziert waren, oder gänzlich aus Nadelspitze waren — ich mach ja viel bekloppten Scheiß, aber beim Nadelspitze selbermachen ist mir dann der Geduldsfaden gerissen *g*
Der geschlossene Mühlsteinkragen nahm Anfangs des 17. Jahrhundert dann die enormsten Ausmaße an. Bei Hofe (offizielle Ereignisse) und insbesondere in Spanien hielt sich der Mühlstein als Stilelement am längsten.
Noch Fragen? *frechgrins* :D
hat bereits 1744 Kommentare abgegeben und schrieb am 6. Juli 2010 um 15:29:
Wenn ich behaupten würde, ich hätte nicht mit einem Kommentar von Dir gerechnet, würde ich lügen. Ich bin aber überrascht durch den Umfang deiner Ausführungen, die tatsächlich keine Fragen mehr offen lassen — vielen Dank dafür!
»ich mach ja viel bekloppten Scheiß, aber beim Nadelspitze selbermachen ist mir dann der Geduldsfaden gerissen *g*« Du machst bekloppten Scheiß? Aus meiner Sicht bist du vielleicht normaler als ein großer Teil der Bevölkerung :)
hat bereits 230 Kommentare abgegeben und schrieb am 7. Juli 2010 um 12:26:
*g* der Rosa Steilvorlagen in Bezug auf Modegeschichte geben endet virtuell fast immer in Textfluten, oder reel in stundenlangen Ausführungen *g*
Lieben Dank — kommt halt immer auf die Sichtweise an, manche halten meine Hobbies für irre doof, meine Oma ist angetan daß ich mich für sowas überhaupt interessiere ;)
hat bereits 1744 Kommentare abgegeben und schrieb am 8. Juli 2010 um 22:45:
Andere Sichtweisen sind diesbezüglich NICHT akzeptabel :) Wenn man so möchte ist doch jedes Hobbie für jemand anderen doof, dabei gilt oft: Je vehementer jemand gegen das eigene Hobbie ist, desto größer der Wunsch es einmal selbst auszuprobieren.