23 Dezember

London 1987 - Ghouls and Gothics

Kategorie: Vernetzt — Jahrgang 2009

Goth in the 80sDie YouTube Spürnase Pixella Panik hat wieder zugeschlagen und ein Video aus dem Jahre 1987 ausgegraben, in dem es um die Londoner Gothic-Szene geht. Obwohl der Sprecher von einer neuen Jugendbewegung spricht, haben die Protagonisten des Werkes ihre Jugend schon länger hinter sich gelassen, aber gut, das können auch Wahrnehmungsfehler sein.

Stilecht beginnt die Reportage dann auch auf einem Friedhof, den ich jetzt mal Pauschal den Magnificent Seven zuordne, einem der 7 großen Friedhöfe des 19. Jahrhunderts die schon immer Treffpunkt für allerlei kuriose Gestalten gewesen ist. Wilfred Ernest Firminger antwortet dann auch auf die Frage, ob er sich als Gothic beschreiben lassen würde (2:22) : "Nein, ich würde mich als Vam­pire beschreiben.” Unter­stützt wird seine behaup­tung dann durch zahl­rei­che Attri­bute: Ange­spitzte Fin­ger­nä­gel und eben­falls spitze Eck­zähne zu Kajal umran­de­ten Augen, die mit grauem Lid­schat­ten noch­mals in Szene gesetzt wer­den. Der Screa­ming Mas­ter  der dunkle Lesung Sean Cro­nin ver­sucht dann die Beschrei­bung auf eine mehr sach­li­che Ebene zu len­ken und kon­sta­tiert (2:38): „Die Punks der spä­ten 70er waren auf  der Suche nach einer Aus­drucks­form mit mehr Style und Finesse, weni­ger die aggres­sive Ader mehr eine krea­tive Ader.” Völ­lig rich­tig zusam­men­ge­fasst mein lie­ber Sean.

In einem Laden auf der Cam­den High Street hockt dann auch tat­säch­lich Dave Vanian von The Dam­ned in der Ecke (2:56) und prä­sen­tiert seine eigene, schwarze Kol­lek­tion. „Der Markt für böse Klei­dung wächst”, behaup­tet die Spre­che­rin. Schade das es das ein­zige ist was Ende der 80er von den klas­si­schen Gruf­ties noch wächst, ein paar Jahre spä­ter wird es sehr ruhig um diese Kul­tur. Vanian erklärt dann der Repor­te­rin das die vie­len Toten­köpfe, die die Men­schen ver­wir­ren nur die Ober­flä­che sind und eigent­lich viel mehr dahin­ter steckt. (3:29) Eine inter­es­sante Tat­sa­che, denn heute ist unter der Ober­flä­che nicht mehr viel zu fin­den, schließ­lich sind Toten­köpfe und schwarze Kla­mot­ten im Main­stream angelangt.

Die Besu­cher eines Kon­zerts von Screa­ming Mas­ter Cro­nin schät­zen dann auch das geheim­nis­volle und tief­grün­dige an der Musik (4:27) das sie offen­bar deut­lich von nor­ma­ler Musik unter­schei­det. „Das Make-Up ist unsere Mar­ken­zei­chen, die Haare unser Look” behaup­tet dann der junge Mann ein paar Sekun­den spä­ter. Die Szene selbst ist von ihrem Erfolg als große Eigen­stän­dige Kul­tur über­zeugt, die Spre­che­rin beruft sich auf „die ande­ren”, die behaup­ten, die Szene würde ein­fach wie­der so ver­schwin­den, wie sie auf­ge­taucht ist.

Die Wahr­heit liegt wohl dazwi­schen. Style und Idee wurde wei­ter­ent­wi­ckelt und ret­tete sich durch die Zei­ten bis in das neue Jahr­tau­send, die wahre Szene und das was Gothic damals von einer eigent­li­chen Kul­tur unter­schied und ihm die Tiefe ver­lieh von der die Men­schen in dem Video über­zeugt sind, ver­schwand wie­der in den Schat­ten aus dem es nie her­aus­ge­tre­ten ist.

YouTube Preview Image
(Bild­quelle: lobstar28/flickr.com)

6 Kommentare

  1. Ich finde die­ses Thema immer wie­der fes­selnd… und schwie­rig. Denn meine Mei­nun­gen zu all­dem sind zwie­späl­tig. Ich sehe sol­che ‘Got­cis und Vam­pire’ mit spe­zi­el­len Augen. Es hat sich alles entwickelt.

    Der Mensch lebt um sich selbst zu befrie­di­gen. Für man­che Men­schen kann Auf­merk­sam­keit reine Befrie­di­gung sein. Oder auch die Provokation.

    Ist die künst­li­che Ver­wand­lung in einen Hollywood-Vampir das Ver­ste­cken sei­nes wah­ren Ichs? Spielt man sei­nen Lieb­ling­s­cha­rak­te­ren um ihm einen ree­len Hauch einzuflösen?

    Warum es ein­zelne Per­so­nen machen, kön­nen nur diese sagen.

    Aber ich weiß das ich Hoch­ach­tung vor ihnen habe. Den Mut sein Wesen so zu ver­än­dern , egal was die Welt dazu sagt.
    Ich könnte es nicht. Schon allein wegen mei­nem Beruf.

    Und ich merke das ich wie­der aus­sschweife. Ende

    schöne Weih­nach­ten dir morgen.

  2. Schö­nes Video=)

    Ich finde auch dass die frü­he­ren Gruf­ties in einer ele­gan­te­ren, krea­ti­ve­ren Weise rebel­lier­ten. Im Ver­gleich zu heute eben­falls, wo es ja oft nur noch um das Äussere geht. Könnte auch daran lie­gen, dass es heute nicht mehr allzu viel gibt, woge­gen man sich auf­leh­nen könnte, und das was es noch gibt kann nicht nur von die­ser Szene ver­tre­ten wer­den. Aller­dings wird es wohl ewig ein Streit­thema sein, diese Werte der Szene…

    Ich finde aller­dings man sollte sol­che Lesun­gen bei Ker­zen­schein wie­der ein­füh­ren und mehr Men­schen mit Poe bekannt machen, hehe

    Wünsch dir ein schö­nes Weihnachtsfest!

    Liebe Grüsse

  3. Ah, kenne ich auch ^^
    Ich mag den Bei­trag irgend­wie, auch wenn ich immer herz­lich schmun­zeln muss über die­ses „I con­sider mys­elf a vampire” :)

    Lesun­gen, tra­di­tio­nelle Gothic-Künstler wie Poe und Ker­zen­schein — das ist genau das, was ich ver­su­che so inten­siv wie mög­lich aus­zu­le­ben, und wofür ich glück­li­cher­weise auch den rich­ti­gen Freun­des­kreis habe.

    Ob sowas jetzt allzu ver­brei­tet ist, und ob es einer „Szene” ent­spricht ist mir dabei erst­mal ziem­lich wurscht. Ich emp­finde es als gothic und fühle mich sehr wohl damit.

  4. @Äwe: Was indi­vi­du­ell dahin­ter steckt ist sehr ver­schie­den und indi­vi­du­ell. Es muss nicht immer das Ver­ste­cken der eige­nen Per­son sein, man­che machen es aus Pro­vo­ka­tion, um dazu zu gehö­ren, weil sie es schön fin­den oder weil es ihnen ein­fach Spaß macht. Bei den meis­ten ist sowieso eine ganze indi­vi­du­elle Mischung aller­lei Gründe zu sehen.

    Ich finde man kann Per­sön­lich­keit und Beruf gut unter einen Hut brin­gen. Ich für meine Per­son ver­kleide mich hald für die Arbeit und passe mich soweit an um dann nach der Arbeit wie­der in mein Ich zu schlüp­fen. Ich finde daran nichts ver­werf­li­ches :) Im übri­gen: Auch Dir ein schö­nes Weihnachtsfest!

    @Atanua: Stimmt, viele der Gründe sich damals auf­zu­leh­nen sind ver­schwun­den, dafür sind aber auch viel dazu­ge­kom­men. Ich behaupte jetzt ein­fach mal das viele vom Leis­tungs­druck des eige­nen Daseins daran gehin­dert wer­den „Zeit” dafür zu fin­den. Ich hatte als Jugend­li­cher viel mehr Zeit als die Jugend­li­chen von Heute. Bei man­chen ist ein­fach auch das Bewusst­sei „Ich kann sowieso nichts ändern…” das das Han­deln bestimmt. Für mich spielt die Ästhe­tik eine große Rolle, gerade in mei­nem per­sön­li­chen Umfeld. Irgendwo sind die schwar­zen Kla­mot­ten immer noch ein Zei­chen für mich, sich gegen das schmü­cken mit Sta­tus­sym­bo­len auf­zu­leh­nen. Seit es jedoch zu einer mas­si­ven Ver­mark­tung der Kla­mot­ten auch im Gothic-Bereich kommt, hat jedoch genau das eben­falls Ein­zug erhal­ten. Und anstatt das zu regis­trie­ren, haben sich viele Leute inner­halb der Szene dem unter­wor­fen und mit dem gebro­chen, woge­gen man einst rebellierte.

    Auch Dir ein schö­nes Weihnachtsfest!

    @von Karn­stein: Ja, das finde ich auch. Zunächst ein­mal muss man sich mit dem was man gut fin­det auch iden­ti­fi­zie­ren. Was die ande­ren davon hal­ten, ist sowieso wurscht :) Lesun­gen bei Ker­zen­schein sind klare Indi­zien für schwar­zes Gedan­ken­gut und ent­spricht durch­aus mei­ner Defi­ni­tion von Gothic.

    Dir auch ein schö­nes Weihnachtsfest!

  5. Allzu ernst kann Sean Cro­nin sei­nen Life­style auch nicht genom­men haben, denn schon Anfang/Mitte der 90er spiel­ten die Mario­net­tes nur noch Cross­over (Sean mit kahl rasier­ter Birne und Zie­gen­bart). Book of Shadows war übri­gens auch keine Meisterleistung. ;-)

    Und Leute, die sich für Vam­pire hiel­ten, wur­den damals schon belä­chelt, es sei denn, sie waren so über­zeu­gend wie Dave Vanian, der die­sen Style bereits Ende der 70er lebte (hier zu sehen ab 03:30).

    1987 war Gothic übri­gens an einem Tief­punkt ange­langt. Bands gab es so gut wie keine mehr, die meis­ten ver­such­ten so gut wie mög­lich nicht mit dem Gothic-Umfeld in Ver­bin­dung gebracht zu wer­den. Als Gothic-Band hatte man näm­lich Null Chan­chen auf dem Markt, es sei denn, man hieß And­rew Eldritch. Für die bri­ti­sche Presse war Gothic prak­tisch nicht exis­tent. Der wurde ganz gezielt ignoriert.

    Nik Fiend von Alien Sex Fiend meinte übri­gens mal, dass eine Szene alle zehn Jahre wie­der­kommt. Wenn man das auf Gothic bezieht, scheint er damit sogar recht zu haben. Der Start­punkt liegt in den frü­hen 80ern, ein neuer Auf­schwung kam in den frü­hen 90ern und das Batcave-Revival star­tete genau zehn Jahre spä­ter. Die zweite Hälfte eines Jahr­zehnts scheint hin­ge­gen immer von Nie­der­gang geprägt zu sein.

  6. Letzt­end­lich sind es ja sowieso nur die Fans und die Presse gewe­sen, die dem gan­zen den Gothic-Stempel auf­ge­drückt haben, liest man sich Inter­views mit den „Begrün­dern” die­ser Bewe­gung durch, leh­nen die meis­ten den direk­ten Bezug zu einer Gothic Szene ab, sei es jetzt Steve Seve­rin, And­rew Eldritch oder auch Robert Smith. Ich finde, das der Tief­punkt bereits mit dem Ende des Batcave mehr als besie­gelt war. Man darf aber auch nicht außer Acht las­sen, das sich die düs­tere Musik wei­ter­ent­wi­ckelt hat und auch heute noch Bands in die­ses Gefüge pas­sen, das man einst Gothic nannte. Viel­leicht darf man ver­mu­ten, das die Lifestyle-Geschichte erst durch die Eigen­dy­na­mik der Szene selbst ent­stan­den ist, ebenso wie sie jetzt dafür ver­ant­wort­lich ist, auf eine rein äußer­li­che Erschei­nung redu­ziert zu werden.

    Und Nik Fiend hat völ­lig recht, die meis­ten Jugend­kul­tu­ren holen uns irgend­wann wie­der ein, sie tar­nen sich nur hin­ter neuen Namen :)

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