5 Oktober

Knicklichtgruftis im Galileo-Szene Check

Kategorie: Vernetzt — Jahrgang: 20098 Kommentare

Galileo.arp.300pixWie oft würde sich der Mann im Grabe umdre­hen, wenn man einen Fern­se­her auf seine Über­reste stel­len würde. Gali­leo Gali­lei war näm­lich nicht nur ein ita­lie­ni­scher Mathe­ma­ti­ker, Phy­si­ker und Astro­nom son­dern auch Namens­ge­ber für die Pseudo-Populär-Wissenschaftliche Unterhaltungs-Sendung Gali­leo, die jedes mal anstrebt, uns die Welt zu erklä­ren. Und weil die Welt der Wis­sen­schaft offen­bar schon erschöpft ist, wid­met man sich seit eini­ger Zeit auch eher Fra­gen die uns wirk­lich alle beschäf­ti­gen. »Wie­viele Leute pin­keln eigent­lich in so ein Frei­bad­be­cken?«  oder auch »Wie­viel Gewicht kann man an einem Tag zuneh­men?«  Mich schüt­telt es immer noch bei dem Gedan­ken, was ich ohne die­ses so erwor­bene Wis­sen gemacht hätte. Wohl mög­lich, dass mich der schiefe Turm von Pisa erschla­gen hätte.

Doch jetzt wagt sich das TV-Magazin auch an die Jugend­sze­nen heran und stellt die bekann­tes­ten davon im Szene-Check vor. Die­ses mal müs­sen die Cyber­n­au­ten dran glau­ben, die im fol­gen­den auch Cyber­gothic genannt wer­den. »Sie sehen aus wie von einem ande­ren Pla­ne­ten, wie Manga-Männchen die in einen Farb­topf gefal­len sind…« so die Ein­lei­tung des Mode­ra­tors. Kann ja hei­ter wer­den. Ich ver­weise an die­ser Stelle an mei­nen Arti­kel: Sub­kul­tur! — Cyber­gothic, in dem ich mich neu­tra­ler und sach­li­cher mit dem Thema aus­ein­an­der­setze, denn ein iro­ni­scher und viel­leicht leicht spöt­ti­scher Ein­druck im fol­gen­den Arti­kel ist beab­sich­tigt und schwingt nicht nur sub­jek­tiv mit.

Die ers­ten Prot­ago­nis­ten über­ra­schen mich also nicht wenn sie Cyber mit »Party, Party, Party!« defi­nie­ren oder von ihren »roman­ti­schen lan­gen Haa­ren« schwär­men. Immer­hin ver­sucht sich der Bericht halb­wegs seriös zu geben und zieht Schlüsse, wo sich sonst noch nie­mand hin gewagt hätte. Eine Split­ter­gruppe der schwar­zen Szene mit düs­te­rer Grund­stim­mung? Das ein­zige was bei den Cyber­n­au­ten düs­ter ist, sind die Räum­lich­kei­ten in denen sie ihre Extre­mi­tä­ten schwin­gen. Viel­leicht hat man auch jemand gefragt, der eine Schwei­ßer­brille auf der Nase gehabt hat, denn die hat mit rich­ti­gen Glä­sern tat­säch­lich einen düs­te­ren Eindruck.

Die Video’s sind bei YouTube nicht mehr ver­füg­bar. Kön­nen aber in der Pro Sie­ben media­thek abge­ru­fen wer­den. Link: http://www.prosieben.de/tv/galileo/videos/szenescout-cyber-galileo-video-31-juli-2009–1.1269148/

Jetzt bekommt die 6 Jahre alte Szene auch noch ein Haupt­dar­stel­ler, der mit sei­ner 1jährigen Erfah­run­gen sicher­lich zu den alten Hasen zählt. Immer­hin redet der junge Mann nicht allzu dum­mes Zeug son­dern erweist sich als durch­aus elo­quent. Aber dann die­ser Aus­rut­scher: »Die Cyber­szene ori­en­tiert sich grob­ge­sagt an einem tech­no­lo­gi­schen End­zeit­sze­na­rio, Nuklear, Holo­caust, ect…« Die Szene ori­en­tiert sich am Holo­caust? Obwohl es im grie­chi­schen für »voll­stän­dig Ver­brann­tes« steht, bezeich­net man damit seit gerau­mer Zeit den Völ­ker­mord an etwa 6 Mil­lio­nen Men­schen, die das natio­nal­so­zia­lis­ti­sche Regime als Juden defi­nierte. Na, wenn das mal kein his­to­ri­scher Back­ground für eine Sze­ne­o­ri­en­tie­rung ist. . Kom­men­ta­tor Phil­ippe merkt völ­lig rich­tig an: »Der Inter­viewte wurde vom Schrei­ber die­ses Arti­kels falsch zitiert; und zwar sagt er nicht »End­zeit­sze­na­rio, Nuklear, Holo­caust, ect.« son­dern ganz klar und eigent­lich gut zu ver­ste­hen ».. ori­en­tiert sich am nuklea­ren Holo­caust etc.«.

Natür­lich, ich habe den Prot­ago­nis­ten falsch zitiert und die Worte aus dem Zusam­men­hang geris­sen. Bei erneu­ten anse­hen des Inter­view heißt es wirk­lich »Nuklea­rer Holo­caust«, was in die­sem Zusam­men­hang natür­lich voll­kom­men legi­tim ist und mit oben genann­ter Asso­zia­tion nichts zu tun hat, ich bitte um Entschuldigung.

Man steht auf apo­ka­lyp­ti­sche Acces­soires und will damit die Fol­gen unsere See­len­lo­sen Tech­nik­ge­sell­schaft ver­kör­pern. Hurra! Wenn ich also auf der Arbeit Brenn­schneide oder Löte (denn zu etwas ande­rem tau­gen die­sen Bril­len nicht, schon gar nicht zu schwei­ßen) bin ich Apo­ka­lyp­tisch! Ja, und über­teu­er­tes Geschenk­band in den Haa­ren steht für die Zukunft in einer Post-Nuklearen Welt! Warum ich das erst durch die­sen Bericht erfah­ren muss.

Die Wur­zeln sol­len im Gothic lie­gen? Im ver­mute die lie­gen im Techno, aber dar­über lässt sich strei­ten. Das man optisch Filme wie Matrix anstrebt wage ich zu bezwei­feln, denn wäre dort so ein Cyber rum­ge­lau­fen, hät­ten sich wohl höchs­tens die Maschi­nen erschreckt. Immer­hin stellt unser Haupt­dar­stel­ler Rae­done Moha­med fest, das ein Ideo­lo­gie fehlt und stellt fest, das es auch keine Ver­bun­den­heit mit Fried­hö­fen gibt, die natür­lich bei allen ande­ren Gothics ange­bo­ren ist.

Die musi­ka­li­sche Defi­ni­tion… Ich lasse es lie­ber blei­ben, ich rege mich sonst nur wie­der auf. Immer­hin geht man mit dem Bei­spiel »Party’s für Cybers«, dem EOD in der Essig­fa­brik in Köln mit gutem Bei­spiel voran und formt den tanzwil­li­gen ein spe­zi­el­les Refu­gium ein. Am Tanz­stil übri­gens soll man erken­nen woher ein Cyber kommt. Aha. Gibt es dazu eine Landkarte?

Freunde und Feinde, rich­tig, wir mögen die Cyber’s nicht und ja, wir bezeich­nen sie als Knicklichtgrufti’s. Im Prin­zip ist das wie im Fuß­ball­ver­ein, ein Dort­mun­der Fan kann einen aus Schalke ein­fach nicht mögen, was mit dem Men­schen nicht wirk­lich was zu tun hat. Ich kann eben auch nicht alle mögen und wenn mich alle mögen würde, wäre mein Name Knut.»Das ist eben Mensch­lich…»1 Ja, das ist es.

(Bild­quelle: Wiki­pe­dia)
  1. Moo­nica von Fly me to the Moon in den Kom­men­ta­ren zum Arti­kel Sub­kul­tur! Cyber­gothics. []

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Robert berichtet über alle Facetten der schwarzen Szene und ist aktiver Verfechter der deutschen Meckerbewegung. Überzeugter Gruftie mit einem Hang zum Vergangenem, der jedoch unverbesserlich optimistisch ist und stets positiv denkt. Du findest mich auch auf Facebook und Google+ oder auch bei Twitter.

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8 Kommentare

  1. Das mit dem Holo­caust war mir gar­nicht auf­ge­fal­len… ^^
    Ein aus­ge­spro­chen ungüns­ti­ger »Ver­spre­cher« (oder was auch immer da schief gegan­gen ist), zugegeben ^^

    Im Gro­ßen und Gan­zen habe ich den Bericht aber rela­tiv posi­tiv auf­ge­nom­men, da doch die meis­ten Power­ran­ger eben rela­tiv deut­lich machen, dass es Par­ty­kul­tur ist und mit Gothic nichts zu tun hat.

  2. Ich fand den Bericht auch nicht wirk­lich schlecht, da gab es deut­lich schlech­te­res. Es ging mir auch eher um eine iro­ni­sche Auf­ar­bei­tung die­ses Berichts über die Inhalt­lo­seste Szene der schwar­zen Gemeinde. Wie bereits Ein­gangs erwähnt sehe ich das ganze lie­ber sach­lich, so fällt es mir nicht schwer eine gewisse Akzep­tanz die­ses Phä­no­mens zu generieren.

  3. Das mit der »schwar­zen Sonne« kann man jetzt aber auch falsch ver­ste­hen, zumin­dest wenn man vor­her auch noch »Holo­caust« liest. Ich hoffe ein­fach mal, das war Absicht. :D

    Der Bericht ist wirk­lich gut, erst recht für Galileo-Niveau und sollte uns eigent­lich allen sagen: Nächs­tes mal in der Disco schreien wir alle »BEATDOWN« und wer­fen nicht die Emos durch den Raum son­dern die Knicklicht-Fetischisten. >:)

  4. Ja, so schnell tritt man in das Fett­näpf­chen ethi­scher Moral­vor­stel­lun­gen. Mein unbe­dach­tes ver­wen­den des Begrif­fes »schwarze Sonne« bitte ich natür­lich zu ent­schul­di­gen. Ich wollte damit nur die Gesamt­heit der schwar­zen Szene im Wort dar­stel­len und nicht einen Bezug zu einem Sym­bol des Natio­nal­so­zia­lis­mus zie­hen. So schnell geht das :)
    Des­halb halte ich den »Holo­caust« eben­falls für einen Aus­rut­scher. Ich habe mei­nen korrigiert.

  5. Weil das hier wohl Kei­ner rich­tig auf­ge­fasst hat, die Erklä­rung zur Holocaust-Thematik:

    Der Inter­viewte wurde vom Schrei­ber die­ses Arti­kels falsch zitiert; und­zwar sagt er nicht »End­zeit­sze­na­rio, Nuklear, Holo­caust, ect…« son­dern ganz klar und eigent­lich gut zu ver­ste­hen ».. ori­en­tiert sich am nuklea­ren Holo­caust etc.«.

    Er meint damit natür­lich den Welt­un­ter­gang durch einen Atom­krieg (pas­send zur Endzeitszenario-Thematik der Cybers), wie in der Zeit des Kal­ten Krie­ges häu­fi­ger benutzt und obv nicht die Ver­nich­tung von 6 Mil­lio­nen Menschen.

    Der Gute hat sich also nicht ver­spro­chen son­dern wurde ein­fach nur falsch verstanden.

    Nur als Korrektur,

    Phil­ippe

  6. Stimmt, du hast völ­lig recht. Ich habe mir das Video noch­mals ange­se­hen und die betref­fende Stelle noch­mals zu Gemüte geführt. Die ent­spre­chende Pas­sage im Text habe ich ent­spre­chend kor­ri­giert. Danke für den Hinweis!

  7. Prima, vor Iro­nie und Zynis­mus trop­fen­der Bei­trag. Gerne mehr davon.

    Lei­der kann ich mir den Bericht nicht mehr anse­hen, da schon ent­fernt von SevenOne. Aber dank des Arti­kels kann ich mir ein gutes Bild machen — hab wohl nicht viel ver­passt. Die (musi­ka­li­schen) Ursprünge von Cyber im Gothic zu sehen ist ja Schwach­sinn, aber mehr »Tiefe« kann man vom rei­ße­ri­schen Gal­li­leo auch nicht erwarten.

    Ich mag die Cyber»goths« als Teil der Szene auch nicht und blende sie bei Begeg­nun­gen ein­fach aus. Nicht per­sön­lich bezo­gen auf den Ein­zel­nen, aber ich kann das nicht mit Gothic in Ver­bin­dung brin­gen, es hat kei­nen Anspruch, den ich respek­tie­ren kann. Eigent­lich tun sie mir leid, weil sie so schon kaum noch aber nun nach der dies­jäh­ri­gen Love­pa­rade gar kei­nen Spiel­platz zum Par­ty­ma­chen mehr haben. Blei­ben ja nur noch die Electro-/Futurepop-Events der schwar­zen Szene. Schauen wir mal, wie sich das ent­wi­ckelt — ob es mehr oder weni­ger werden.

  8. Vie­len Dank. Ich werde mich bemü­hen mehr davon zu lie­fern ;) Einst­wei­len habe ich die defek­ten Videos gegen einen Link zu Media­thek bei Pro Sie­ben nach­ge­reicht, auf der man sich das Video nach wie vor anschauen kann. (siehe im Beitrag)

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