6 März

Ist Blogging der neue Journalismus?

Kategorie: Stöckchen und Paraden, Vernetzt — Jahrgang: 20092 Kommentare

In der Regel befasse ich mich ja nur mit Blog­pa­ra­den, die sich mit Musik beschäf­ti­gen. Vor einer Weile ent­deckte ich den Bei­trag des Zement­blog, der sich mit der Frage beschäf­tigte, ob Blog­ging der neue Jour­na­lis­mus sei. Lange habe ich mich mit die­ser Frage her­um­ge­schla­gen, denn mit einem Jour­na­lis­ten ver­gli­chen zu wer­den möchte ich nicht, ich erhebe auch nicht den Anspruch die selbe Arbeit zu machen, oder authen­tisch zu sein. Im Gegen­zug habe ich aber auch ein mei­nes Erach­tens gesun­des Miss­trauen gegen­über der schrei­ben­den Zunft, denn viel zu oft wir­ken Arti­kel so, als wären sie nur aus Pflicht­er­fül­lung geschrie­ben wor­den um die Sen­sa­ti­ons­lust der ver­meint­li­chen brei­ten Masse zu befriedigen.

Blog­gen ist genau wie der Jour­na­lis­mus eine Form, Infor­ma­tio­nen zu ver­brei­ten. Anders als beim Jour­na­lis­mus geht es dem Blog­ger aber in ers­ter Linie um die per­sön­li­chen Erfah­run­gen, die eige­nen Gedan­ken und die selbst gebil­dete Mei­nung, hier ist der ursprüng­li­che Tage­buch­cha­rak­ter vie­ler Blogs zen­tra­ler Mit­tel­punkt. Es gibt aber mei­ner Mei­nung nach wich­tige Unter­schiede, die immer wie­der außer Acht gelas­sen wer­den und einen direk­ten Ver­gleich zusätz­lich hin­ken las­sen, auch wenn der man­che Blogs den Tage­buch­stil gänz­lich ver­las­sen haben.

  • Qua­li­tät
    Ein pro­fes­sio­nell recher­chier­ter Arti­kel ist Qua­li­ta­tiv hoch­wer­ti­ger als die Gedan­ken­fet­zen eines Blog­gers, der eine inter­es­sante Nach­richt zu erzäh­len hat. Doch genau wie über­all gibt es auch hier gute und schlechte Bei­spiele. Ein Blog­ger kann bei­spiels­weise durch ent­spre­chende Reche­re­che und einen ver­nünf­ti­gen Schreib­stil durch­aus die Qua­li­tät eines jour­na­lis­ti­schen Bei­tra­ges errei­chen. In Nischen­blogs, die sich ganz spe­zi­ell auf ein Thema bezie­hen wer­den diese sogar noch über­trof­fen. Ebenso fal­len immer mehr schlechte Jour­na­lis­ten auf, die schlecht recher­chierte Bei­träge und Halb­wahr­hei­ten ver­brei­ten und dabei den Anspruch erhe­ben all­ge­mein gül­tig zu sein.
  • Bezah­lung
    Einer der wich­tigs­ten Unter­schiede zum Groß­teil der Blog­ger liegt darin, das Jour­na­lis­ten mit dem Schrei­ben ihre Bröt­chen ver­die­nen und viele Blog­ger das aus Lei­den­schaft oder zur Frei­zeit­be­schäf­ti­gung machen.  Ein Jour­na­list, der schreibt um seine Bröt­chen zu ver­die­nen bringt oft nicht das selbe Inter­esse für ein Thema auf, die ein Blog­ger der aus Lei­den­schaft schreibt, auf­brin­gen kann. Masse statt Klasse.
  • Qua­li­fi­ka­tion
    Jour­na­lis­ten besu­chen Schu­len, stu­die­ren und berei­ten sich inten­siv auf ihre Tätig­keit vor. Sie erler­nen grund­le­gende Tech­ni­ken und erler­nen das Schrei­ben neu. Ein Blog­ger schreibt meist intui­tiv und liest seine Bei­träge oft nicht noch­mal um sie zu kor­ri­gie­ren, er schreibt frei Schnauze und erhebt kei­nen Anspruch auf Objektivität.
  • Glaub­wür­dig­keit
    Sicher, die Glaub­wür­dig­keit, was die Auf­be­rei­tung von Infor­ma­tio­nen aus aller Welt angeht, liegt bei Zei­tun­gen wesent­lich höher. Geht es aber um natio­nale Phä­no­mene, Ent­wick­lun­gen oder Trends, wir­ken Jour­na­lis­ten mit ihren meist schlech­ten Arti­kel recht unglaub­wür­dig. Das fällt mir bei der Aus­ein­an­der­set­zung mit Jugend­sze­nen immer wie­der auf. Durch ihre Wir­kung auf die breite Masse sind sie dabei für viele Kli­schees verantwortlich.

All das hat zu einem klei­nen Krieg zwi­schen den Jour­na­lis­ten und den Blog­ger geführt, denn der eine fürch­tet um seine Exis­tenz­grund­lage, der andere um sei­nen guten Ruf. Das ZDF hat jüngst gezeigt, was sie vom Blog­gen hält und belie­fert Blogs nicht mit sei­nem Bil­der­dienst. Ist ja auch irgend­wie ver­ständ­lich, die eine Krähe kratzt der ande­ren kein Auge aus. In einem Kom­men­tar zum Ein­trag bei der Blog­pa­rade nennt Heike zwei wei­tere inter­es­sante Argumente:

Die Inhalte sollten möglichst ganz exklusiv sein, Journalisten sollten Neuigkeiten als erste wissen und weiter verbreiten. Beim Bloggen kann man auch mal ein Thema von gestern nehmen. Journalisten müssen auch besonders anspruchsvoll recherchieren. [...] Journalisten schreiben nur sehr selten für Blogs, da die Bezahlung nicht angemessen ist.

Das kann man zwei­ge­teilt sehen, wäh­rend Jour­na­lis­ten sicher­lich über die Pres­se­dienste und Nach­rich­ten­agen­tu­ren bes­ser über das Welt­ge­sche­hen infor­miert sind, hat der Netz­am­bi­tio­nierte Blog­ger bei Netz­in­ter­nen The­men die Nase vorn. Bevor irgend­eine Online-Ausgabe eines Nach­rich­ten­ma­ga­zins einen Arti­kel über ein Net­zer­eig­nis schreibt, wurde es sicher­lich in einem Blog bereits erwähnt. Aber hier ist ein Ver­gleich, wie Heike schon rich­tig erwähnt, nicht angebracht.

Ich denke jeder der bei­den Par­teien sollte bei sei­nen Leis­ten blei­ben und nicht den Bereich des ande­ren für sich Bean­spru­chen. Die Glaub­wür­dig­keit einer Zei­tung oder der Tages­schau wird ein Blog sel­ten errei­chen, die Jour­na­lis­ten soll­ten Blogs als eigen­stän­di­ges Medium betrach­ten, was ihnen unter Umstände hel­fen kann, die eige­nen Bei­träge zu recher­chie­ren. Das die meis­ten Jour­na­lis­ten keine hohe Netz­af­fi­ni­tät besit­zen, bestä­tigt sich durch die karge Ver­lin­kung der Online Arti­kel vie­ler Zei­tun­gen. Nie­mand sollte den Anspruch erhe­ben bes­ser zu sein, son­dern viel­mehr ein fried­lich Koexis­tenz anstre­ben.  Der neue Jour­na­lis­mus muss deut­lich mehr auf die Infor­ma­ti­ons­quel­len zurück­grei­fen, die der Kunde selbst benutzt.

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Robert berichtet über alle Facetten der schwarzen Szene und ist aktiver Verfechter der deutschen Meckerbewegung. Überzeugter Gruftie mit einem Hang zum Vergangenem, der jedoch unverbesserlich optimistisch ist und stets positiv denkt. Du findest mich auch auf Facebook und Google+ oder auch bei Twitter.

Kategorie: Stöckchen und Paraden, Vernetzt
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2 Kommentare

  1. Um ein­mal »Masse statt Klasse« umzu­dre­hen: Wer nicht nur einen Blog liest son­dern meh­rere unab­hän­gige zu den ver­schie­dens­ten The­men, der wird sich ein freie­res Bild zu einem Thema machen kön­nen als der, der sich eine Tages­zei­tung kauft und das glaubt/denkt was da drin steht, ganz vorn dabei natür­lich die BILD. Mir sind fünf frei nach Schnauze und sub­jek­tiv ver­fasste Blog-Artikel wesent­lich lie­ber als das Gela­ber einer Tageszeitung.

    Trotz­dem wer­den die Blog­ger beim Welt­ge­sche­hen wohl nie den Zei­tun­gen den Rang ablau­fen, allein was die Quel­len und Mög­lich­kei­ten angeht.

  2. Deine ers­ter Satz ist mir auch durch den Kopf geschos­sen. Die Mei­nung vie­ler sum­miert und fil­triert sich zur eige­nen Mei­nung, da stimme 100% zu. Die BILD betrachte ich nicht als Zei­tung, son­dern als Fantasy-Comic, so fällt es mir leich­ter sie zu akzeptieren.

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  1. […] Robert — sehr umfang­reich, ein­wand­frei zu lesen, gut gegliedert […]