6 Dezember

Geschichte(n) im Netz

Kategorie: Vernetzt — Jahrgang: 2008Keine Kommentare
Shorpy Higginbotham, Dezember 1910

Shorpy Hig­gin­bo­t­ham, Dezem­ber 1910

Da ich mich selbst zu den geschicht­lich inter­es­sier­ten zäh­len und von allem fas­zi­niert bin was alt und ver­gan­gen erscheint, möchte ich euch heute 2 Inter­net­sei­ten ans Herz legen, auf denen ich mir schon die ein oder andere Stunde um die Ohren geschla­gen haben. Pri­mär dreht es sich dabei um Bil­der, denn Bil­der schla­gen Brü­cken zur Ver­gan­gen­heit und las­sen bes­ser nach­emp­fin­den wie es ein­mal aus­ge­se­hen hat oder gewe­sen sein könnte.

Auf dem Foto­blog shorpy.com fin­det man 100 Jahre alte Fotos aus den USA die den Zeit­geist von eines Jahr­hun­derts der Indus­tria­li­sie­rung beein­dru­ckend dar­stel­len. Benannt wurde der Blog nach Shorpy Hig­gin­bo­t­ham, der 1910 im Alter von 14 Jah­ren in den Koh­le­mi­nen der Sloss-Sheffield Steel and Iron Co. in Jef­fer­son, Ala­bama arbei­tete.  Shorpy war ein Grea­ser, einer Jugend­kul­tur die­ser Zeit, die durch die mit Gel oder Wachs zurück­ge­kämm­ten und schwarz gefärb­ten Haare zu erken­nen waren.

Seine Auf­gabe war das Schie­ben von Koh­len­wa­gen durch die enge und nied­rige Gänge der Stol­len und Flöze. Dabei kam es des öfte­ren vor, das Kin­der von den Wagen über­rollt wur­den und star­ben. Henry Sharp Hig­gin­bo­t­ham hatte »Glück« und starb erst mit 1928 im Alter von 31 Jah­ren in den Minen des Stahl­wer­kes, 2 Monate nach­dem er gehei­ra­tet hatte.

Fotoblog Shorpy

Foto­blog Shorpy

Doch Shorpy selbst ist nur ein win­zi­ger Teil der Geschich­ten, die die Fotos auf dem Blog zu erzäh­len haben. Mitt­ler­weile sind es tau­sende Fotos aus der Zeit zwi­schen 1850 und 1950, die in Teils beein­dru­cken­den Auf­lö­sun­gen pro­fes­sio­nell ein­ge­scannt und digi­ta­li­siert wur­den. Immer wie­der gelingt es dem Blog mich ein­zu­fan­gen und mit sei­nen Bil­dern zu fas­zi­nie­ren. Obwohl Bil­der immer nur eine Moment­auf­nahme sein kön­nen, ver­schaf­fen sie uns den­noch einen Ein­blick in das Leben in den USA vor 100 Jahren.

Das Pro­jekt eines­ta­ges von Spie­gel Online geht da einen ähnli­chen Weg, macht sich aber die Erfah­run­gen und die Erleb­nisse sei­ner Besu­cher zu nutze, indem sie neben eige­nen Arti­kel immer wie­der Zeit­zeu­gen fin­den, die zu einer Zeit oder zu einem Bild etwas zu erzäh­len haben. Das Pro­jekt kon­zen­triert sich dabei auf das Deutsch­land der letz­ten 80 Jahre und sowohl Geschichte aus West– und Ost­deutsch­land zur Brust.

Durch die teils sehr authen­tisch ver­fass­ten Arti­kel geht eines­ta­ges noch einen Schritt wei­ter als Shorpy, denn es ver­leiht den Bil­dern Leben. Dabei beschrän­ken sich die Arti­kel nicht nur auf Nach­rich­ten im klas­si­schen Sin­nen, son­dern auch Geschich­ten oder gesell­schaft­li­che Phä­no­mene sind Teil die­ses span­nen­den Pro­jekts. So ist es auch nicht wei­ter ver­wun­der­lich das ein Arti­kel über das Fern­se­hen der 50er neben einem Bericht über Mofa-Tuning aus den 80ern fried­lich koexistiert.

Die Seite lädt über eine kos­ten­lose Regis­trie­rung ein, sich zu betei­li­gen um Bei­spiels­weise im Fund­büro dabei mit­zu­hel­fen Bil­der eine Geschichte zu geben, oder selbst Bil­der ein­zu­stel­len, die dann viel­leicht von ande­ren Benut­zern ein Geschichte bekom­men. Die typi­schen Funk­tio­nen eines Blogs, wie Tags oder der Ver­weis auf ähnli­che und rele­vante The­men ermög­li­chen eine erstaun­li­che Quer­ver­lin­kung unter­ein­an­der, die den Besuch zu einer schö­nen Zeit­rei­sen machen kön­nen. Zeit­reise ist bei eines­ta­ges noch ein wei­te­res Fea­ture, das ähnlich einer Tag­wolke die auf vie­len Blogs zu fin­den ist fun­kio­niert. Man hat mir hier die Mög­lich­keit über die Bil­der eine chro­no­lo­gi­sche Reise zu machen. Von den aktu­ells­ten Bil­der fliegt man mit der Zeit­ma­schine rück­wärts durch die Zeit und kann durch einen Klick auf ein Bild den vir­tu­el­len Blin­ker set­zen um mehr zu erfah­ren. Sehr gelungen!

Ein inter­es­san­ter Schritt, den Spie­gel Online da geht, denn User Gene­ra­ted Con­tent ist von vie­len Jour­na­lis­ten ver­pönt aus Angst um die Qua­li­tät ihrer Arbeit. Doch in die­ser eigent­lich schon klas­si­schen Web 2.0 Anwen­dung reicht es eben nicht jour­na­lis­tisch zu recher­chie­ren son­dern eben auf die Erfah­run­gen der Nut­zer zurück­zu­grei­fen und diese even­tu­ell redak­tio­nell zu bear­bei­ten.  Eine umfang­rei­che Part­ner­liste nam­haf­ter Archive run­det die Sache ab.

(Bild­quel­len: Shorpy.com)

Veröffentlicht von

Robert berichtet über alle Facetten der schwarzen Szene und ist aktiver Verfechter der deutschen Meckerbewegung. Überzeugter Gruftie mit einem Hang zum Vergangenem, der jedoch unverbesserlich optimistisch ist und stets positiv denkt. Du findest mich auch auf Facebook und Google+ oder auch bei Twitter.

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