Es gibt kein undankbarere Bezeichnung als »Futurepop«, denn ist die Musikrichtung in vielen Kritiker-Ohren ein Synonym für weichgespültes, oberflächliches und mainstreamiges. Dabei formieren sich schon seit Jahren unter dem Genre einige viel versprechende Bands, die sich zwischen den Welten bewegen. Die Absurd Minds, die auch 2011 auf dem WGT zu Gast gewesen sind, bewegen sich seit 1995 in schwarzen Kreisen und wurden von Stefan Großmann und Tilo Ladwig ins Leben gerufen um später durch Timo Fischer verstärkt. Mit ihrem Auftritt im Dresdner Szeneclub »Bunker« im Jahre 1999 erlangten sie schnell Anerkennung und fanden beim Label »Scanner« ein neues Zuhause für ihre elektronischen Schöpfungen. Ihr Debütalbum »Deception« wurde schnell zum Erfolg auf schwarzen Tanzflächen und schwamm auf der Welle der immer populäreren Futurepop-Formationen mit. Das Stück »Deception« vom eben genannten Album aus dem Jahr 2000 darf daher ohne mit der schwarzen Wimper zu zucken als Musikperle bezeichnet werden.
»Jung, zart und so frisch wie Gebirgsbach…« so beschreibt Journalistin Betty Page 1981 den Sound der blutjungen Engländer, die sich nun Depeche Mode und anschicken, den Musikmarkt zu erobern. Daniel Miller von Mute Records, der sich zunächst nicht für die Band interessiert, sieht sie im Vorprogramm von Fad Gadget und ändert seine Meinung. Ein Folgenschwere Entscheidung, denn jetzt stellt sich mit der ersten Single »Dreaming of Me« der Erfolg ein. Obwohl der Song nur auf Platz 57 der Charts einstieg überschlugen sich nun die Ereignisse und fanden in der Hitsingle »Just can’t get Enough« ihren Höhepunkt. Auf der B-Seite ihrer ersten Single findet sich das Stück »Ice Machine«, das es nie auf ein offizielles Album schaffte, sondern immer im Schatten noch erfolgreicherer Stücke versinkt. Grund genug es noch einmal herauszukramen, denn verstecken muss es sich wirklich nicht. Ehrlich, sympathisch und ein klein bisschen naiv — die Jungs aus Basildon.
Mit Stumpffer Feder geschrieben, so präsentiert sich Silvia 1982 mit ihrem auf Schallmauer erschienen Longplayer »Silvia«, denn für diese NDW Perle zeigt sich in erster Linie Tommi Stumpff verantwortlich, der bei der KFC den frühen Punk der Düsseldorfer Szene mit gestaltete. 2003 wurde Silvias »Silvia« dann erneut veröffentlicht und zeigt sich aktueller denn je, denn jenseits vom alten Staub der Neuen deutschen Welle eröffnet sich dem Hörer eine Elektroperle, die neben wirklich eingängigen Klängen auch auf der Textseite etwas zu bieten hat. Obgleich man den Stil mit einer DAF Kopie vergleichen könnte, so legt die eingehende und kühle Art zusammen mit der minimalistische klanglichen Untermalung deutliche Wave-Anleihen offen. Leider ist viel zu wenig von Silvia selbst bekannt als das ich ausschweifend darüber schreiben könnte. Deshalb lassen wir sie und ihre Musik für sich sprechen.
Die neue Deutsche Welle ist schon fast vorbei als sich Ronny Moorings davon inspirieren lässt und 1984 zusammen mit Anke Wolbert die Band Xymox. Zusammen mit den Einflüssen aus der britischen Gothic-Rock Musik formen die Niederländer ihre Musik und veröffentlichen ihre erste EP »Subsequent Pleasures«. Nach einem Auftritt in Barcelona begannen die Dreharbeiten zu dem Video-Clip von »A Day«. Gedreht wurde dann auch gleich in Spanien, genauer gesagt in Cadaqués, einem Fischerdorf an der Costa Brava, unter anderem auch vor Salvador Dalis Haus. Das legendäre Label 4AD wurde neugierig und kaufte das Video, das später auf MTV gezeigt wurde und für den letztendlichen Durchbruch der Band sorgte. Nach zahlreichen Namenswechseln zwischen Xymox und dem Clan of Cymox veröffentlichte letzterer 2009 ihren neuen Longplayer »In Love we Trust«.
Charles de Goal - Exposition
Was mit den Gorillaz zunächst neu und mysteriös erschien, ist ein alter Hut. Charles de Goal war in den frühen 80er zu einem Mysterium avanciert, denn obwohl jeder den Underground-Kracher Exposition kannte, wusste man nicht das geringste über die Band. Das französische New Rose Label veröffentlichte das Debüt der Band und formte daraus den über die Landesgrenzen hinaus geachteten Longplayer »Algorhytmes«. Die Einflüssen von Kraftwerk, DAF, Der Plan, Gang of Four, XTC oder auch Devo waren nicht zu überhören. Die Franzosen intensivierten den technoiden Zeitgeist und kombinierten die Wurzeln des Punk mit minimalen Beats und senkten die Stimmung auf unter 0 Grad Celcius. Später nannte man es Coldwave. 2008 dann die klanglich überraschende Veröffentlichung von »Restructuration«, das die Idee von Exposition weiterentwickelt und ins Jetzt überführt.
Yazoo - Winter Kills
Synthiepopper können auch anders. Nachdem Synthie-Visionär Vince Clarke bei Depeche Mode 1981 ausstieg, gründete er mit seiner Schulfreundin Alyson Moyet die Band Yazoo. Ursprünglich sollte nur ein Song mit der damals 20-jährigen entstehen, glücklicher wurde mehr daraus. Zwischen 1981 und 1983 agierten die 2 ungleichen sehr erfolgreich und brachten auch die schöne Ballade Winter Kills heraus, die auf dem Album »Upstairs at Eric’s« eine außergewöhnliche schöne Abwechslung darstellt. Hier in einer BBC-Live Fassung, dessen Text ich nicht vorenthalten möchte: »Green in your love on bright days, You grew sunblind you thought me unkind, To remind you how winter kills, Lost in daydreams you drove too fast and got nowhere, You rode on half fare when you got too scared — How winter kills — Tear at me searching for weaker seams, Pain in your eyes makes me cruel, Makes me spiteful tears are delightful welcome your nightfall — How winter kills«
Die stark unterkühlte und ehemalige Frontfrau Anja Huwe hat sich ja mittlerweile der Kunst verschrieben und ist mit ihrer Ausstellung »Listen to the Pictures« auch in Deutschland selbst unterwegs. Sie prägte in den frühen 80ern eine Bühnenpräsenz, die man durchaus als arrogant bezeichnen dürfte. »Wenn ich mich selber so rückwirkend betrachte, ich habe nie mit meinem Publikum gesprochen, ich hab die ja nicht mal angeguckt. Wir haben da irgendwie unsere Nummer abgezogen und sind gegangen. Das war auch so Teil der Zeit das war ein Stil den man irgendwie gepflegt hat und den man auch bis zum Exzess gepflegt hat.« Die Band, die ihre größten Erfolge im Ausland feierte, gehörte zu den Stilikonen dieser Zeit wobei man das sicherlich auch auf die Verhaltensweisen und Gesten übertragen kann. Arroganz als Markenzeichen, Ignoranz als Stilmittel. Mit Mondlicht erreicht auch der Klang eine Kühle, die man bei diesem Wetter wie einen kühlen Schleier des Klangs empfinden kann.
Die Einflüsse sind unüberhörbar, jedoch sind Last Man in Europe mit ihrem Stück, das 1981 erschien der Zeit eine Weile voraus und legen schon jetzt den Grundstein für das, was man später wohl Darkwave oder auch Coldwave nennen würde. Benannt nach einem der Original-Titel des Orwell Klassikers 1984 wurde sie mit ihrer als Single gedachten Platte bei Cocteau Records unter Vertrag genommen und produzierten leider nur diese eine Single. Schade eigentlich. Über die Band wurde nicht viel überliefert, ausgedehnte Recherche im Netz blieb bis jetzt erfolglos und doch hat das Stück auf der 7″ Platte bis heute Kult-Status und Sammlerwert.
Mitten im Punk gründet sich 1977 die Band Human League, die mit ihrer Musik schon einen ganzen Schritt weiter war, als man das zunächst erfassen konnten. Ihr Stück Being Boiled, das 1978 erschien ist zu dieser Zeit eher ein Untergrund-Hit in der sonst sehr punklastigen Zeit der späten siebziger und wird von der Musikindustrie noch ignoriert, die gerade damit beschäftigt ist, den Punk zu vermarkten. Das Originalstück (Video) gilt als Meilenstein in der musikalischen Entwicklung vom Punk zum New Wave noch bevor überhaupt jemand von dieser neuen Musikrichtung sprach. Erst mit einer neu gemischten, etwas schnelleren Version und 4 Jahre später erreichen sie damit eine Chart-Platzierung in England. Jetzt passte der Sound auch kommerziell besser in die musikalische Landschaft der frühen 80er, denn was Human League mit dem Stück einläutete war nun Realität geworden. Das Original ist weniger geläufig, so das ich mich für den Remix aus dem Jahre 1982 entschieden habe.
Die Explosion der Musikstile Anfang der 80er führte auch zu einigen interessanten Randerscheinungen was Outfit und Selbstinszenierung angeht. Als New Romantic bezeichnete man die Welle der visuellen Außenseiter, die sich selbst zur ästhetischen Avantgarde zählten. Allen voran Steve Strange, der mit seinen Exklusiven Partys für einigen Wirbel sorgte und für die strengste Tür in ganz London bekannt war. Selbst Musiker, deren Platten im Club gespielt wurden verwehrte man den Eintritt. Um seinem Gefühl für Ästhetik auch in der Musik Ausdruck zu verleihen, gründete Steve Strange zusammen mit Midge Ure die Band Visage, die mit ihrem Titel Fade to Grey einen Welterfolg landeten. Wenn Musik arrogant sein kann, dann mit diesem Titel, der rüberkommt wie eine Huldigung des Hedonismus, von vielen aber nur noch darauf reduziert wird. Mit abebben der Modebewegung 1984 starb auch die Band Visage. Der Song ist jedoch Synonym für diese Modebewegung, was im Video auch sehr deutlich rüberkommt und eine Momentaufnahme dieser aufgregende Zeit ist. Die Leidenschaft zur Selbstinszenierung mündete später in der Gothic-Bewegung und beim Visual Kei. Den ganzen Artikel lesen… »
Heute ist mir nach Deutsch. Als Punk noch neu war und New Wave die neue Avantgarde, machte die Berliner Frauen Combo Malaria! 1981 von sich reden. Zum einen natürlich, weil es alles Frauen waren, die mit ihren Durchsetzungsvermögen und ihrer burschikosen Art die männlich dominierte Musikszene aufmischten und zum anderen weil ihre Musik so anders, so experimentell und so Deutsch war. Gerade als Punk sich zu etablieren schien und New Wave für neu gehalten wurde, sprengte die Band den künstlerischen Rahmen und vereinte die meisten Musikrichtungen unter einer neuen künstlerischen Sonne. Gerade in Künstlerkreisen, aus denen auch Frontfrau Gudrun Gut stammt, war man ganz verzückt von der Energie der 4 Berlinerinnen. So war ihr Stück Kaltes klares Wasser auch zunächst als Live-Performance ausgelegt und sollte eigentlich gar nicht auf Platte gepresst werden, doch schnell entdeckte der Underground das Stück für sich und machte es zum Hit. Den meisten wird sicherlich die Dance-Version von den Chicks on Speed ein Begriff sein, mir gefällt das Original aber besser — es ist kühler, dunkler und viel klarer.
Die Väter des Gothic-Rock mit einer Bandharmonie wie eine Sinuskurve gehört sicherlich zu den einflussreicheren Bands der 80er Jahre. Der sehr eigene Stil aus dem düsteren Gesang von Andrew Eldritch und der größtenteils gelungenen Mischung aus Gothic, Rock und New Wave zeichnen sich meiner Meinung nach Verantwortlich für den großen Erfolg, den die Band Mitte der 80er Jahre feierte. Der Bandname The Sisters of Mercy (SoM) ist eine Anlehnung an Leonard Cohens gleichnamigen Song und steht im englischen ebenso für eine umgangssprachliche Ausdrucksform für Prostituierte und hat weniger mit dem Orden der Barmherzigen Schwester zu tun. Die SoM distanzieren sich heute von der Gothic Bewegung, deren Zugehörigkeit ihnen von Journalisten angeheftet worden ist. Klingt plausibel, schließlich sprach zu dieser Zeit noch niemand von Gothic. Nachdem sich die Band einige male trennte um gleich wieder eine Reunion zu feiern sind sie seit 1996 wieder zusammen und treten auf. Erstaunlicherweise immer noch mit den alten Stücken, denn seit 1993 (!) ist kein offizielles Album mehr erschienen. So wirken die alternden Schwestern heute wie Aufziehmännchen und werden wohl nie wieder an alte Erfolge anknüpfen. Aus besseren Zeiten habe ich das grandiose Stück Adrenochrome herausgesucht.
Spontis berichtet über alle Facetten der schwarzen Szene und ist aktive Gegenkultur zur Meckerbewegung. Leidenschaftlich optimistische Artikel zwischen Melancholie und Lebensfreude mit einem Hang zum Vergangenem.
eztaKezrawhcs: Mein kleiner Schatz ist “Jagd der Vampire”. Ich kannte es noch aus Kindheitstagen und habe es mir von ein paar Jahren dann gebraucht ersteigert. Das Design ist schön...
Kleine_Punkerin: Ich finde das Bild so toll! :) Kann nicht aufhören es anzuschauen, werds mir jetzt gleich mal ausdrucken und ihn meinem Zimmer aufhängen! :) Man ist das süß!
Neo van Goth: Lest mal den Roman “Biochips” von William Gibson. Dort wird nicht nur besser als in jedem peinlichen Tanzvideo beschrieben, was Cyberpunk eigentlich ist, sondern auch das...
Neo van Goth: Bin jetzt gerade erst durch einen Link bei FB auf den Artikel gestoßen. Die angesprochene Kritik finde ich (leider) sehr berechtigt, aber teilweise aus einer zu eingeschränkten Ecke...
Death Disco: Ich hab noch einen Thread im Geschichtsforum entdeckt. Dort diskutieren sie das schon seit knapp einem Jahr, wenn ich die Daten richtig überflogen habe. http://www.geschichtsforum....
Death Disco: Ja, von den Hollywood-Pharaonen sollte man dringend Abstand nehmen. Aber in naher Zukunft wird dieses Bild eh zum Kippen gebracht. Da ist wohl seit längerem ein Film in Vorbereitung,...
Krähe von Nebenan: *Nachschlag* laut unserer ehemaligen Kunstprofessorin mit antiken Zaubertick ursprünglich ein Kupferspiegel. Vll. sollte ich mich mal wieder mit ihr in Verbindung setzten. Ich...
Robert: Vielen Dank für euer ergänzendes Wissen! @Benziel: Interessante Kombination, ich bin mir unsicher, welche Kultur für die Schaffung des Wortes verantwortlich ist, womöglich ist das...
Death Disco: Ich kann mich noch daran erinnern, dass Peter Murphy in den 80ern Werbung für Maxell-Kassetten machte. Hab den Clip sogar gefunden: http://www.youtube.com/watch?v =nZUIxGJ-ykI :D
Robert: Man beachte dann auch noch die kryptischen Texte, die er oder einer seiner Kumpels ins Mikrophon spricht: “Exorcizamus te, omnis immunde spiritus, omnis satanica potestas, omnis...