Das London der 80er war ein Schmelztiegel für musikalische Stile, Bands und Jugendkulturen. Mit dem Punk hatte man der Jugend die Lust am Dilettantismus mitgegeben, jeder konnte und wollte Musik machen. Im Stadtteil Soho, genauer auf der Dean Street 69 eröffnete im Juli 1982 das Batcave im Gebäude-Komplex des Gargoyle Clubs. Unzählige kuriose Gestalten belagern den Sargförmigen Eingang der in einen mit Spinnweben geschmückten Raum führte, es ist die »Nacht der brennenden Märtyrer« und das Motto Blasphemie, Lüsternheit und Blut. Gründer es Clubs war die Band Specimen, und Mitgestalter Nik Fiend, Sänger der Band Alien Sex Fiend. Den ganzen Artikel lesen… »
29 Juni
Eine Fledermaushöhle - Das Batcave (1982-1985)
5 April
Leute die lebten, als seien sie schon Tot
Eigentlich ist es doch egal, welche Leidenschaft man hat, passt diese nicht zum aktuellen Zeitgeist der Gesellschaft erfährt man eine Ausgrenzung, gerade wenn man seine Mitmenschen damit gewollt oder ungewollt konfrontiert. »Meistens schauen wir nicht erst und definieren dann, wir definieren erst und schauen dann.« Von Klischees kann sich niemand freisprechen, ich behaupte, das jeder irgendein Vorurteil mit sich herumschleppt, sei es aus persönlichen Erfahrungen oder negativen Erlebnissen. Der Schritt vom Klischee zur eigenen Meinung machen sich viele zu leicht. Anstatt sich zu informieren übernehmen sie das Klischee, oder sind zu verbohrt die persönlichen Eindrücke zu hinterfragen.
Von den größten Irrtümer über Gothics habe ich ja bereits berichtet, aber woher stammen die eigentlich? Deutschland Februar 1989, als die eigentliche Gothic-Szene schon ein sinkendes Schiff war, wollte die Medien mit Berichten über eben diese für Zuschauer sorgen. Traurig, das Stefan Aust, ehemaliger Spiegel-Chefredakteur, der für seine großartige Recherche zum Baader Meinhof Komplex einige Preise einkassiert hat, sich hergibt einen solchen Schundbericht anzusagen. Den ganzen Artikel lesen… »
26 Januar
Le Petit Mort - Sex, Drugs und Mukoviszidose
Jörn Ranisch, der seit seiner Lehre von allen »Pfeffi« genannt wird, wurde 1969 in Greifswald geboren und gehört seit den späten 80ern zu der auch in der DDR existierenden Gothic oder Gruftie-Szene an. In seiner Autobiographie Le Petit Mort erzählt er von guten und negativen Erfahrungen mit der Szene und der übrigen Gesellschaft, vom trotzigen Aufbegehren gegen staatliche Bevormundungen und seine lebensbedrohende Krankheit, vom Spaß am Leben in der düster-melancholischen Welt der schwarzen Subkultur.
Als Pfeffi in der Mitte der 80er durch seine Mukoviszidose den Anschluss zur restlichen Jugend in der DDR verlor und ausgegrenzt wurde, interessierte er sich mehr und mehr für alternative Jugendszenen, in denen Ausgrenzung und Anderssein zum Leben gehört. Im Lehrlingsinternat entwickelte er zunehmendes Interesse für die Punk und Gruftie Szene und erfuhr so Zugehörigkeit zu einer Clique. Seit nunmehr 20 Jahren lebt er als Gruftie unter Punks, Skinheads und anderen unangepassten Jugendlichen. Eine Zeit der Freiheit und der Selbstverwirklichung, abseits kommerzorientierter Spießer und Doppelmoral.
Bücher, die vermeintliche Innenansichten einer Szene vermitteln wollen, gibt es wie Sand am Meer. Mit lächerlichen Versuchen den Reiz der Szene zu erklären, zu erfassen oder zu beschreiben hält sich Jörn Ranisch gar nicht erst auf und hebt sich damit positiv vom Einheitsbrei selbsternannter Gothic-Bibeln ab. Das Buch ist eine akribische Auflistung seines Lebens mit allen Höhen und Tiefen die ihm sein Umfeld oder seine Krankheit beschert hat. Seine unverblümte und direkte Schreibweise machen das Buch zu einer angenehmen Lektüre die kein aufgeschlagenes Fremdwörterlexikon zum verstehen benötigt. Die Paarung mit Sarkasmus und Wortkreativität (»Schichtkotzen«) machen aus diesem Werk eine der besten Innenansichten der deutschen (und ostdeutschen) Gothic Szene. Darüber hinaus zeigt es die Wende aus der Sicht eines Jugendlichen, Leben mit einer Behinderung aus der Sicht eines Behinderten und Deutschland aus der Sicht eines Grufties.
Nachdem ich das Buch gelesen hatte, erschien mir mein Leben als zu kurz um alles das nachzuholen, was Jörn Ranisch erlebt hat. Es wird deutlich, dass unser Leben das wichtigste Geschenk ist, das wir jemals bekommen haben — den Tod täglich vor Augen lebte er seinen Leben so, wie es der ein oder andere gern leben würde.
Le Petit Mort bedeutet wörtliche Der kleine Tod, steht im Französischen aber für einen Orgasmus. Damit beschreibt er unter anderem die Dualität in seinem ereignisreichen Leben, denn eigentlich muss Ranisch jeden Tag mit seinem Tod rechnen, die durchschnittliche Lebenserwartung eines an Mukoviszidose erkrankten Menschen hat er bereits deutlich überschritten, sein Lebenshunger ist dabei ungebrochen, seine sexuellen Phantasien vielfältig und seine Kreativität großartig. Autor Jörn Ranisch lebt (immer noch) in Berlin, ist 38 Jahre und ist als Yoran Nesh auf seiner Internetseite zu genießen. Außerdem engagiert er sich noch für das Projekt Culture on the Road und informiert Jugendliche was es heißt, Gothic zu sein.
Dass seine 422 Seiten starke Autobiographie nicht allen gefallen hat, zeigen 8 geschwärzte Textpassagen, die der Verlag nach Prozessandrohung bedecken musste. Als Ausgleich hat Pfeffi die Erstauflage von 3000 Bücher alle persönlich signiert. Das Buch ist beim Archiv der Jugendkulturen erschienen und für 18€ zu haben, von denen sich wirklich jeder Cent lohnt.
(Bildquelle: Yoran Nesh)
17 Dezember
Subkultur! - Gothic
Eigentlich kennzeichnet dieses Wort in der Form Gotik einen Baustil alter Gemäuer die in der relativ kurzen Epoche von 1150 bis 1500 hauptsächlich Kirchen geprägt hat. Der Kölner Dom ist zum Beispiel so ein gotischer Bau. Das der Begriff Gothic mit Baustilen dieser Zeit zu tun hat bezweifele ich doch sehr stark. Den Ursprung hat dieses Wort im italienischen gotico das soviel wie fremdartig und barbarisch bedeutet und von einem Kunsttheoretiker Names Giorgio Vesari als Schimpfwort missbraucht wurde, um seinerzeit seine Geringschätzung für Bauten in diesem Stil zu äußern.
Fremdartig charakterisiert die Gothic Szene schon mal ganz gut aber barbarisch? Nein, das ist Unsinn genau wie die 1000 anderen Gerüchte die diesem Begriff hinterhergeistern. Neben vielen anderen Schriftstellern schrieb auch Edgar Allan Poe Schauerromane, die im englischen als Gothic Novel bezeichnet wurden und damit ein Genre für Romane bezeichnen. Da kommen wir der Sache natürlich schon näher, so könnte man den Kleidungsstil und die eventuelle Verwendung von weißer und schwarzer Schminke in die Kategorie schauerlich einordnen.
Die eigentliche Bedeutung der heutigen Verwendung dieses Wortes verdankt es aber der Musik, denn wie die meisten Subkulturen identifizieren sich die meisten Menschen über die Musik. Im Januar 1978 benannte sich die Band Warsaw in Joy Division um. Auf die Frage eines BBC Reporters, welche Stilrichtung Joy Division denn bedienen würde, antwortete der Manager A. Wilson dann »gothic music«. Vermutlich war Wilson begeisterter Leser von Edgar Allen Poe. So kam es dann, dass Joy Divsion die erste Gothic Band waren.
Die Jugend ende der 70er Jahre, brannte sowieso wie die zu kurze Zündschnur einer Dynamitstange, witterten doch viele eine musikalische Revolution die die Punk-Bewegung auslöste. Anfang der 80er war dann die europäische Musiklandschaft eine brodelnder Fluss aus Lava in dem unablässig neue Musikstile und Spielarten emporragten.
Musik von The Cure, Christian Death und Bauhaus setzten sich von der schnellen und lauten Punkmusik ab und spielten melancholisch und düster klingende Stücke, die zusammen mit Ihren hauptsächlich schwarzen Outfits Stilprägend waren.
13 Dezember
Subkultur! - Mittelaltergrufties
Der Mittelaltergruftie glaubt an das romantische Mittelalter. Man nennt sie auch beweglichen Glockenspiele, die Straßen wandeln und permanent bimmeln. Sie leben in dem Glauben, das Mittelalter besteht nur aus Musik, Ritterfestspielen und Handwerkern. Diskussionen über Mundfäule, Pest, Vierteilung und Hexenverfolgung gehen sie durch melodischen Sing Sang geschickt aus dem Weg. Lieben das Rollenspiel ohne Peitsche und werden in den Sommermonaten in Auffanglagern, den sogenannten Mittelaltermärkten, gehalten. Tragen gerne Gewandung, Korsette und ausladende Kleider zu Lederlatschen, vornehmlich lange Haare im Naturkosmetiklook. Sind wohl durch die erstmals 1974 erwähnten Rollenspieler entstanden und Mitte der 80er durch die Gotik im Stil zum Gothic in der Musik gekommen. Hörte und hört Subway to Sally, Corvus Corax, Faun und Schandmaul.
Die Stilrichtung ist dabei sehr kontrovers, die Begrifflichkeit Mittalterrock wird häufig mit dem Neofolk in Zusammenhang gebracht, hat aber schon rein musikalisch nichts damit zu tun. Die Retrowelle hat das Mittelalter vor etwa 20 Jahren getroffen und ist jetzt bereits bei der Kommerzialisierung angekommen, denn die typischen Mittelaltermärkte die Rollenspielern einst als Sommerlagern dienten, wurden mittlerweile von der breiten Öffentlichkeit akzeptiert. Den ganzen Artikel lesen… »
25 November
Subkultur! - Gruftie
Der Gruftie, auch Tradgoth genannt (Traditional Gothic) ist der ursprüngliche Typ, der fest mit dem Kern der Szene verwurzelt viel von der Vergangenheit schwärmt. Er trägt selbstverständlich nur schwarz, auch im Sommer. Benutzt Kajal wie andere Buntstifte und hinterlässt damit fraktale Formen im Gesicht. Weiß genau wie Gläserrücken geht, findet mit Tarrotkarten heraus wie es beim Fussball ausgeht. Rainer Maria Rilke liest er auf dem Klo, sein Deo riecht nach feuchter Friedhofserde.
Eigentlich keine eigene Subkultur sondern nur die deutsche Version von Goth. Gothic klingt natürlich viel cooler und allumfassender. Die aktuelle dunkle Jugend fühlt sich Gothic, Gruftie wird das Beleidigung empfunden. Sie wurden so genannt, weil die breite Masse der Deutschen die damals unbekannte Kultur wegen ihre Vorliebe für morbides mit Grabschändern verwechselten. Außerdem sah man sie tagsüber nur müde und mit hängenden Extremitäten durch die Gegend laufen, in Fachkreisen auch schlurfen genannt. Hörten The Cure, Siouxsie & The Banshees, Bauhaus und Joy Division, heute dasselbe. Den ganzen Artikel lesen… »


