30 August

Gefühl und Kontrolle: Depeche Mode in der DDR

Kategorie: Szene im Blick4 Kommentare

Depeche Mode in der DDRIch mag Depe­che Mode, wirk­lich jetzt. Die Band beglei­tet mich mit ihrer Musik schon mein gan­zes musi­ka­li­sches Leben. War es noch »Just can’t get enough« im Kin­der­zim­mer, sind die Klänge von »The things you Said« stell­ver­tre­tend für weiße Strümpfe in Halb­schu­hen mit Stahl­kappe, für ein Ori­gi­na­les 101-Shirt und auch für meine ers­ten Ohr­ringe. Regel­mä­ßige Leser wis­sen natür­lich, dass ich maß­los unter­treibe, aber eine Ein­lei­tung im Stile von »Depe­che Mode sind total der Ham­mer!« klingt dann doch eher über­schwäng­lich und unglaubwürdig.

Mein ers­tes Kon­zert war ein ent­spre­chende Nahtod­er­fah­rung, jeden­falls schlug der Puls weit über das von Ärzten emp­foh­le­nen Maß hin­aus. Das war 1990. Was müs­sen die Jugend­li­chen in DDR gefühlt haben, als sie 1988 erfuh­ren, dass Depe­che Mode im März ihr ein­zi­ges Kon­zert anläss­lich des FDJ Geburts­ta­ges gaben? In wel­che Sphä­ren schlug der Puls derer, die es tat­säch­lich geschafft hat­ten, eine Karte zu bekom­men? Ihr wuss­test noch nicht, dass Depe­che Mode ein Kon­zert in der DDR gaben?

Ein groß­ar­ti­ger Arti­kel bei eines­ta­ges und ein wie­der auf­ge­tauch­tes Video vom dama­li­gen Jugend­sen­der DT’64 las­sen Erin­ne­run­gen wach wer­den. Nicht weil ich etwa dabei war, son­dern weil ich viel­leicht das Gefühl wäh­rend die­ser beson­de­ren 90 Minu­ten gut ver­ste­hen kann. Heute läuft schon die ganze Zeit Depe­che Mode und ich habe ein­fach Lust, etwas dar­über zu schrei­ben. Etwas von Gefühl, Musik und Kon­trolle. Den gan­zen Arti­kel lesen… »


13 August

Der antifaschistische Schutzwall als Souvenir

Kategorie: Szene im Blick3 Kommentare

Am 13. August 1961 befahl die Füh­rung der DDR unter Wal­ter Ulbricht den Bau der Ber­li­ner Mauer. Noch in der Nacht roll­ten Poli­zei und Armee Sta­chel­draht aus und began­nen damit, Beton­pfähle in den Boden zu ram­men. Was in den nächs­ten Jah­ren folgte, waren Wach­türme, Todes­strei­fen, Nie­mands­land und unzäh­lige Tote , die bei ihrer Flucht ums Leben kamen. Die Mauer beto­nierte die deutsch-deutsche Tei­lung und löst im Wes­ten eine bei­spiel­lose Welle der Gleich­gül­tig­keit aus.

Heute gedenkt man in zahl­rei­chen Ver­samm­lung und Gedenk­ver­an­stal­tung dem 50. Jah­res­tag des Baus der Ber­li­ner Mauer. Das ist gut so, denn wir lau­fen Gefahr, die DDR, die Mauer und alles was dahin­ter gesche­hen ist, zu baga­tel­li­sie­ren. »Wir müs­sen auf­pas­sen, dass die DDR nicht Kult wird«, sagte Ber­lins Bür­ger­meis­ter Wower­eit bereits 2004. DDR-Shops und Sou­ve­nirs, ein Check­point Char­lie als Tou­ris­ten­at­trak­tion oder die Mauer als Welt­kul­tur­erbe? Mir wird schlecht, wenn ich in Fil­men wie »Good bye, Lenin!« sehe, dass die DDR ver­harm­lost und in ein Licht gerückt wird, in dem die meis­ten Dinge einen posi­ti­ven Glanz erhal­ten. Der Mensch neigt dazu, sich nur an das Gute zu erin­nern und spricht sogar davon, was »damals alles bes­ser war«. Die junge Welt geht sogar noch einen Schritt wei­ter und bedankt sich für 28 Jahre Mauer. Den gan­zen Arti­kel lesen… »


4 Mai

Unsere Kinder - Grufties, Skinheads und Neonazis in der DDR 1989 (DEFA)

Unsere Kinder - DEFA 1989Lang­sam fährt die Kamera die Straße hin­un­ter, wäh­rend die Nacht her­ein­bricht oder der Mor­gen erwacht. »Zuerst war es nur ein Gerücht. Doch das Gerücht hat eine selt­same Eigen­schaft, es ver­brei­tet sich schnel­ler als eine Nach­richt. Manch­mal auch, ist das Gerücht glaub­wür­di­ger als die Nach­richt, denn sie bestä­tigt nur, was alle schon wis­sen.« Wie ein Impuls ver­lei­tet die ruhige Stimme des Spre­chers dazu, zuzuhören.

Als Roland Stei­ner zwi­schen 1985 und 1989 die Dreh­ar­bei­ten des Film »Unsere Kin­der« für die DEFA absol­vierte, wollte er einen Film über rechts­ex­tre­mis­ti­sche Jugend­li­che in der DDR machen, erkannte aber schnell, das mehr zwi­schen Schwarz und Weiß liegt, als sich dem Betrach­ter auf den ers­ten Blick erschließt. »Skin­heads, Neo­na­zis rasen durch unsere Stra­ßen. Sehr schnell haben wir fest­ge­stellt, dass man diese Gruppe jun­ger Leute nicht iso­liert betrach­ten kann, wir sind also auch zu ande­ren jun­gen Leu­ten gegan­gen. Fast scheint es, als gäbe es da noch andere Unter­schei­dungs­mög­lich­kei­ten: Täter, Opfer, Ver­mitt­ler. Aber es sind Men­schen, die Ihren Weg suchen.«

Ein stei­ni­ger Weg. In der DDR gilt man als nicht sys­tem­kon­for­mer Jugend­li­cher mit ande­rem Aus­se­hen oder ande­ren Ideen sowieso als poten­ti­el­ler Staats­feind und wird von einem Appa­rat kri­mi­na­li­siert, der grau­sa­mer nicht sein könnte. »Man nennt sie Gruf­ties, sie selbst nen­nen sich Hol­ger, Ines und Mark. Zumeist in der Nacht über­win­den sie Fried­hofs­mau­ern und die Grenze zwi­schen ihrer Umwelt und sich, jeden­falls, ist es der Ver­such. Warum fin­den sie kei­nen Platz im Dies­seits?« Den gan­zen Arti­kel lesen… »


29 November

Spontis Wochenschau #40

Spontis WochenschauSchnee! Ist es nicht schön wenn der Nie­der­schlag die Welt in Puder­zu­cker hüllt? Ist es nicht schön das nun alles etwas lang­sa­mer voran geht? Als ich nach Hause komme, koche ich mir einen hei­ßen Earl Grey, süße ihn mit etwas Zucker und umschließe die große, wär­mende Tasse mit mei­nen kal­ten Hän­den. Ich sitze auf dem Fens­ter­brett unter dem die Hei­zung Wärme spen­det und schaue still dem Trei­ben auf der Straße hin­ter­her. Nie­mand has­tet, die Autos fah­ren lang­sam und allein der Schnee­fall zer­stört die Illu­sion der Zeit­lupe. Ich bin mir sicher das alle die, die den Schnee als Grund für das Zu-Spät-Kommen ver­teu­feln ihn ins­ge­heim lie­ben und sich dar­auf freuen auch nach Hause zu kom­men um von der Hei­zung gewärmt denen hin­ter­her zu schauen, die ihre Reise noch nicht been­det haben.
Ich erin­nere mich an ein Weih­nachts­fest, an dem es schneite.  Kleine Schnee­hau­ben bedeckte alles was drau­ßen war, hin­ter den erleuch­te­ten Fens­tern fei­erte man das Fest der Feste und der Schnee fiel so leise auf die Erde, man hätte anneh­men kön­nen er wolle nie­man­den stö­ren. Nur das Geräusch von mei­nen lang­sam Schrit­ten war zu hören, des Rest der Stadt war still, so still wie sonst nie. Kein Auto, kein Rau­schen, keine Men­schen, keine Hunde, kein Geräusch. Enjoy the Silence. Den gan­zen Arti­kel lesen… »


7 August

Totentanz in der Gruftie-Szene 1991

»Ein blas­ser Mond liegt über dem Fried­hof. Vom Kirch­turm tönt es leise zwei Uhr: Schwarze Gestal­ten huschen durch eine Lücke in der Fried­hofs­mauer. Der brave Bür­ger hat längst das Licht gelöscht. Die Gruf­ties zün­den ihre Ker­zen an. Ihr war­mer Schein weist den Weg zu Grä­bern und Gruf­ten. Es ist wie schon so oft — und doch anders. Die Gruf­ties neh­men die­ses mal uns mit. « Eine durch­aus gelun­gene Ein­lei­tung für einen Arti­kel, der etwa 1991 in der Zeit­schrift Neues Leben erschien. Doch auch der Arti­kel selbst scheint sich vom übli­chen Vorurteils-Brei die­ser Zeit abzu­he­ben und einen eige­nen Weg zu gehen.

»Ich weiß, daß es nicht pas­sie­ren wird. Hier, in die­ser Nacht und auf die­sem Fried­hof, wird keine schwarze Messe zele­briert. Kei­ner Katze wird das Fell über die Ohren gezo­gen, um sie Satan zu opfern. Nie­mand trinkt eine Blut­kon­serve leer. Grab­steine und Särge blei­ben unbe­rührt. Die hier auf den Fried­hof gehen ver­ab­scheuen diese Kli­schees, das höchs­tens 2 von 100 Gruf­ties bedie­nen.« Damit geht die Zeit­schrift auf ein Phä­no­men ein, das sich eben­falls Anfang der 90er und vor­wie­gend in den neuen Bun­des­län­dern zu beob­ach­ten war.

Eine Zeit, in der wohl mög­lich eine Gestal­ten sich neu ent­deck­ten und aus­pro­bier­ten. In eini­gen Tages­zei­tun­gen die von 90–93 erschie­nen war immer wie­der von »Toten­mes­sen«, »Teu­fels­be­schwö­run­gen« und »Schwar­zen Mes­sen« die Rede, denen oft als ein­zi­ges Indiz Wachs­spu­ren auf Grab­stei­nen oder gemalte Zei­chen im Sand der Fuß­wege dien­ten. Den gan­zen Arti­kel lesen… »


30 März

Spiegel TV 1990 - Rechtsradikale in der DDR

Zu einer Repor­tage über Rechts­ra­di­kale im jun­gen wie­der­ver­ei­nigte Deutsch­land, die ich beim Kraft­fut­ter­mi­sch­werk gefun­den habe, sind mit spon­tan ein paar Gedan­ken auf­ge­stie­gen, die ich gerne auf­schrei­ben möchte:

Wir sind das Volk! Das mora­lisch und poli­ti­sche gela­dene Volk der DDR wehrt sich, soli­da­ri­siert sich, pro­tes­tiert, mar­schiert — am 9. Novem­ber 1989 fällt die Mauer. Das Ende der Kon­trolle und der Unter­drü­ckung ent­lädt sich wie ein Gewit­ter, das Wort Nach­hol­be­darf bekommt eine beson­dere Bedeu­tung. Jugend­sze­nen aus Ost und West ver­ei­ni­gen sich wie­der, die aus­ster­bende Gothic-Bewegung erhält völ­lig neue Impulse und unglaub­lich viel Ener­gie, die neue Frei­heit sorgt für das Inten­sive ver­lan­gen sich zu individualisieren.

Doch wo Licht ist, das ist auch Schat­ten, denn das poli­ti­sche Vakuum Anfang der 90er sorgt für eine neue poli­ti­sche Ori­en­tie­rung vie­ler jun­ger Men­schen. Auch faschis­ti­sches Gedan­ken­gut trifft auf frucht­ba­ren Boden, die Ableh­nung aus­län­di­scher Ver­trags­ar­beit­neh­mer ent­lädt sich in auf­ge­stau­ter Wut und blan­kem Hass. Jedem ist der Ort Hoyers­werda ein Begriff, an dem es 1991 zu mas­si­ven Aus­schrei­tun­gen gekom­men ist. Am 20. April 1990, dem Geburts­tag von Adolf Hit­ler tref­fen unzäh­lige Rechts­ra­di­kale am Alex­an­der­platz auf eine völ­lig über­for­derte Staats­macht. Den gan­zen Arti­kel lesen… »


9 November

20 Jahre Mauerfall - Wir sind das Volk

Kategorie: Ansichtssache4 Kommentare

Bild 183-1990-0922-002Da wird der Hund in der Pfanne verrückt. Ich habe mich tatsächlich schon während des ersten Kaffees und auch noch am frühen Morgen aufgeregt. Die ganze Welt feiert den Jahrestag des Mauerfalls, aus aller Welt gibt es Meldungen über Feierlichkeiten zum Fall der Mauer am 9.11.1989 und irgendwie werde ich das Gefühl nicht los, das sich Leute auf die Schulter klopfen, die damit überhaupt nichts zu tun haben.

1378 km lang war die Grenze zwischen den beiden deutschen Ländern, mit rund 1,4 Millionen Minen bestückt, 55.000 Selbstschussanlagen hinderten die Bürger der DDR am "illegalen" Grenzübertritt. Die Stasi zählte 38.063 Fluchtversuche, wieviele Menschen davon ermordet wurden, ist immer noch unklar. Die, die dem Tod entkamen, wurden ins Gefängnis gesteckt. 221 Todesurteile wurden in der DDR verhängt, 164 vollstreckt. Werner Teske wurde im Juni 1981 durch einen Genickschuss hingerichtet und war das letzte Opfer der Todesstrafe. 180.000 hauptamtliche Mitarbeiter der Stasi sorgten für 112 km Akten, an denen man heute noch zu knabbern hat. Die Berliner Mauer mit ihren rund 168 km nur das Symbol dieses Wahnsinns.

In Paris feiert man mittlerweile auch den Mauerfall und freut sich für die Deutschen. Die Bedenken, die Frankreichs damaliger Präsident Francois Mitterrand kurz vor Weihnachten 1989 äußerte, scheinen zerstreut. Gebranntes Kind scheut das Feuer - Ist den Franzosen zu verdenken Angst vor einem "starken" Deutschland zu haben? Die Narben der Vergangenheit sind tief. Schön das man sich jetzt gemeinsam freut, selbst über einen gemeinsamen Feiertrag wird spekuliert, Frankreichs Europastaatsekretär Lellouche: "Wir haben viele Ideen gemein­sam mit den Deut­schen. Im neuen Jahr wird eini­ges ange­kün­digt werden!« Ein gemein­sa­mer Fei­er­tag? Den gan­zen Arti­kel lesen… »


18 März

Too much Future - Ost!Punk

 

Von eben die­ser Zeit berich­tet Cars­ten Fie­be­lers Doku­men­ta­tion Too much Future — Ost!Punk,  der bereits 2007 fer­tig­ge­stellt wurde. Darin erzäh­len zwei Frauen und vier Män­ner von ihren unter­schied­li­chen Lebens­ent­wür­fen, deren Gemein­sam­keit der Schnitt­punkt Punk ist die sich alle wäh­rend ihrer Zeit mit der Frei­heits­be­rau­bung durch den Staat DDR aus­ein­an­der­set­zen muss­ten. Wäh­rend die Punk im Wes­ten gegen die Atom­kraft pro­tes­tier­ten und ihre Abnei­gung gegen den Staat offen­bar­ten, war das Leben des Punk im Osten des Lan­des geprägt von dem ewi­gen Zwie­spalt und der Grat­wan­de­rung zwi­schen Pro­vo­ka­tion und Knast. Der Film lebt dabei von den sehr leb­haft erzähl­ten Geschich­ten und den Ein­spie­lun­gen von Video­schnip­seln und Super-8-Filmen die­ser Zeit. Inter­es­sant ist jeder ein­zelne, das was er ein­mal war steht nicht immer in Har­mo­nie mit dem, was aus den sech­sen gewor­den ist.

Neben Jür­gen Tei­pels Buch Ver­schwende deine Jugend zeigt diese Doku­men­ta­tion den feh­len­den Teil der Gesamt­deut­schen Geschichte des Punk. Die eigent­lich völ­lig glei­chen Ideen in ver­schie­de­nen staat­li­chen Sys­te­men zu sehen, hat ihren ganz eige­nen Reiz und erwei­tert den eige­nen Hori­zont. Die Aus­wahl der Prot­ago­nis­ten des Films erscheint nicht zufäl­lig sehr exklu­siv, denn schon im Vor­feld hat sich das Team um die Doku­men­ta­tion inten­siv mit Men­schen und Per­sön­lich­kei­ten befasst und prä­sen­tiert mit den Inter­view­part­nern einen fei­nen Schnitt durch die alte und neue Punk­szene der DDR.

Bei Good!Movies ist der Film für rund 13€ zu bestel­len, Google lie­fert die Mäu­se­ki­no­ver­sion, die ich euch nicht vor­ent­hal­ten möchte und die hier in vol­ler Länge zu sehen ist. Für jeden Inter­es­sier­ten oder Ehe­ma­li­gen gehört die­ser Film aber zum Pflicht­pro­gramm und sollte in kei­nen spieß­bür­ger­li­chen EX-Punk Regal feh­len. Die DVD Ver­sion ergänzt die Doku­men­ta­tion mit vie­len der zu Grunde geleg­ten Film im Ori­gi­nal­for­mat und Inter­views mit den Regis­seu­ren, sowie zahl­rei­chen exklu­si­ven Fotos.

Film: ost!Punk — too much future — Doku­men­tar­film 2007
Regie: Cars­ten Fie­be­ler, Michael Boehlke
Dar­stel­ler: Cor­ne­lia Schleime, Colo­nel, Daniel Kai­ser, Bernd Stra­cke, Mita Scha­mal, Mike Göde
Lauf­zeit: 93 Minuten

Die Doku­men­ta­tion gibt es übri­gens bei Google Video in vol­ler Länge zu sehen, es langt zwar nur für ein Mäu­se­kino, reicht aber um einen ver­nünf­ti­gen Ein­blick zu bekom­men und sich nicht nur auf den mage­ren Trai­ler zu ver­las­sen. (via Kraft­fut­ter­mi­sch­werk)

(Bild­quelle: Ama­zon)

26 Januar

Le Petit Mort - Sex, Drugs und Mukoviszidose

Kategorie: WortkunstKeine Kommentare

le petit mortJörn Ranisch, der seit sei­ner Lehre von allen »Pfeffi« genannt wird wurde 1969 in Greifs­wald gebo­ren und gehört seit den spä­ten 80ern zu der auch in der DDR exis­tie­ren­den Gothic oder Gruftie-Szene an. In sei­ner Auto­bio­gra­phie Le Petit Mort erzählt er von guten und nega­ti­ven Erfah­run­gen mit der Szene und der übri­gen Gesell­schaft, vom trot­zi­gen Auf­be­geh­ren gegen staat­li­che Bevor­mun­dun­gen und seine lebens­be­dro­hende Krank­heit, vom Spaß am Leben in der düster-melancholischen Welt der schwar­zen Subkultur.

Als Pfeffi in der Mitte der 80er durch seine Muko­vis­zi­dose den Anschluss zur rest­li­chen Jugend in der DDR ver­lor und aus­ge­grenzt wurde, inter­es­sierte er sich mehr und mehr für alter­na­tive Jugend­sze­nen, in denen Aus­gren­zung und Anders­sein zum Leben gehört. Im Lehr­lings­in­ter­nat ent­wi­ckelte er zuneh­men­des Inter­esse für die Punk und Gruf­tie Szene und erfuhr so Zuge­hö­rig­keit zu einer Cli­que. Seit nun­mehr 20 Jah­ren lebt er als Gruf­tie unter Punks, Skin­heads und ande­ren unan­ge­pass­ten Jugend­li­chen. Eine Zeit der Frei­heit und der Selbst­ver­wirk­li­chung, abseits kom­mer­z­ori­en­tier­ter Spie­ßer und Doppelmoral.

Bücher, die ver­meint­li­che Innen­an­sich­ten einer Szene ver­mit­teln wol­len, gibt es wie Sand am Meer. Mit lächer­li­chen Ver­su­chen den Reiz der Szene zu erklä­ren, zu erfas­sen oder zu beschrei­ben hält sich Jörn Ranisch gar nicht erst auf und hebt sich damit posi­tiv vom Ein­heits­brei selbst­er­nann­ter Gothic-Bibeln ab. Das Buch ist eine akri­bi­sche Auf­lis­tung sei­nes Lebens mit allen Höhen und Tie­fen die ihm sein Umfeld oder seine Krank­heit beschert hat. Seine unver­blümte und direkte Schreib­weise machen das Buch zu einer ange­neh­men Lek­türe die kein auf­ge­schla­ge­nes Fremd­wör­t­er­le­xi­kon zum ver­ste­hen benö­tigt. Die Paa­rung mit Sar­kas­mus und Wort­krea­ti­vi­tät (»Schicht­kot­zen«) machen  aus die­sem Werk eine der bes­ten Innen­an­sich­ten der deut­schen (und ost­deut­schen)  Gothic Szene. Dar­über hin­aus zeigt es die Wende aus der Sicht eines Jugend­li­chen, Leben mit einer Behin­de­rung aus der Sicht eines Behin­der­ten und Deutsch­land aus der Sicht eines Gruf­ties. Den gan­zen Arti­kel lesen… »