7 August

Totentanz in der Gruftie-Szene 1991

»Ein blas­ser Mond liegt über dem Fried­hof. Vom Kirch­turm tönt es leise zwei Uhr: Schwarze Gestal­ten huschen durch eine Lücke in der Fried­hofs­mauer. Der brave Bür­ger hat längst das Licht gelöscht. Die Gruf­ties zün­den ihre Ker­zen an. Ihr war­mer Schein weist den Weg zu Grä­bern und Gruf­ten. Es ist wie schon so oft — und doch anders. Die Gruf­ties neh­men die­ses mal uns mit. « Eine durch­aus gelun­gene Ein­lei­tung für einen Arti­kel, der etwa 1991 in der Zeit­schrift Neues Leben erschien. Doch auch der Arti­kel selbst scheint sich vom übli­chen Vorurteils-Brei die­ser Zeit abzu­he­ben und einen eige­nen Weg zu gehen.

»Ich weiß, daß es nicht pas­sie­ren wird. Hier, in die­ser Nacht und auf die­sem Fried­hof, wird keine schwarze Messe zele­briert. Kei­ner Katze wird das Fell über die Ohren gezo­gen, um sie Satan zu opfern. Nie­mand trinkt eine Blut­kon­serve leer. Grab­steine und Särge blei­ben unbe­rührt. Die hier auf den Fried­hof gehen ver­ab­scheuen diese Kli­schees, das höchs­tens 2 von 100 Gruf­ties bedie­nen.« Damit geht die Zeit­schrift auf ein Phä­no­men ein, das sich eben­falls Anfang der 90er und vor­wie­gend in den neuen Bun­des­län­dern zu beob­ach­ten war.

Eine Zeit, in der wohl mög­lich eine Gestal­ten sich neu ent­deck­ten und aus­pro­bier­ten. In eini­gen Tages­zei­tun­gen die von 90–93 erschie­nen war immer wie­der von »Toten­mes­sen«, »Teu­fels­be­schwö­run­gen« und »Schwar­zen Mes­sen« die Rede, denen oft als ein­zi­ges Indiz Wachs­spu­ren auf Grab­stei­nen oder gemalte Zei­chen im Sand der Fuß­wege dien­ten. Den gan­zen Arti­kel lesen… »


26 Oktober

Die Gruftis - Liebe, Frieden und Harmonie?

Junge Welt - Grufties: Liebe, Frieden HarmonieNach dem letzten Negativbeispiel "Die Gruf­ties nah­men mir meine Toch­ter« ein Aus­hän­ge­schild für schlechte Presse dar­stellt, habe ich heute ein Bei­spiel, das es tat­säch­lich bes­ser macht und zeigt, das man sich auch anders mit der Mate­rie aus­ein­an­der­set­zen kann. Und noch bevor irgend­wel­che Unken rufen: Nein, die Junge Welt, aus der die­ser Arti­kel hat nicht das geringste mit brau­nen Ideo­lo­gien und rech­ten Rand­er­schei­nun­gen zu tun, auch wenn der Titel einer gleich­na­mi­gen Zeit­schrift der Hitler-Jugend, die von der NSDAP her­aus­ge­ge­ben wurde, gleicht. Der Titel der Zeit­schrift oder seine Gesin­nung hat im übri­gen auch nichts mit dem Arti­kel selbst zu tun, den sollte man ein­fach mal lesen und seine ver­meint­li­chen Ideo­lo­gi­schen Beden­ken bei­seite legen.

Schwarz­ge­wan­det, augen­um­schat­tet und Haare, die zu Berge ste­hen — so wan­deln sie durch die Nacht. Die »Schwar­zen« — düs­ter, schön und bleich. Ihre Kla­mot­ten sind tot-schick. Schwarze wal­lende Gewän­der. Sie tan­zen. Sis­ters of Mercy, The Cure, Sioux­sie & The Bans­hees. Zeit­lu­pen­ar­tige Bewe­gun­gen bei den langsam-meditativen Stü­cken. Traum­wand­le­ri­sche Kör­per­a­ra­bes­ken. Oder ein­fach nur: drei Schritte vor, drei zurück. Las­zi­ves Schlen­kern mit den Armen. Vor vier, fünf Jah­ren tauch­ten die schwarz-gewandeten Gestal­ten mit den umschat­te­ten Augen und den durch­ge­styl­ten Haa­ren in eini­gen Jugend­clubs in Berlin-Hohenschönhausen auf. Natür­lich nicht aus dem Nichts, son­dern wie so man­ches — von Eng­land inspi­riert. Irgend jemand fühlte sich bei ihrem Tan­zen unbe­dingt an das Schau­feln von Toten­grä­bern erin­nert. »Tan­zen hat unheim­lich viel mit mei­nen Stim­mun­gen zu tun«, sagt mir Nora (20) im »Life-Club«, dem Wochen­end­treff der Gruf­tis in Berlin-Friedrichshain. »Du denkst, wir ste­hen nur so da. Aber da ist viel­leicht gerade so ein Gefühl, eine Erin­ne­rung. Die genieße ich. Das Gefühl trägt mich, lei­tet meine Bewe­gun­gen.« Sie sind Indi­vi­dua­lis­ten in der Bewe­gung und Klei­dung. Ihre Emp­fin­dun­gen unter­strei­chen sie: ob Umhang mit Vam­pir­kra­gen oder ohne, Mönchs­kutte mit Kor­del oder Grab­schleife, ob Pum­pho­sen oder sei­dene, spit­zen­be­setzte Blu­sen. Wie über­all wird auch hier viel abge­guckt und selbst­ge­macht. Wich­tigste Regel: schwarz muss es sein. Die Schnal­len­stie­fel sind natür­lich auch schwarz und spitz. Ihre Länge vari­iert. Schwere sil­berne Ket­ten und Ringe mit Sym­bo­len wie Kru­zi­fixe (auch umge­dreht getra­gen), Fle­der­mäuse, Schlan­gen, Toten­schä­del, Dämo­nen­mas­ken bil­den das Bei­werk. Den gan­zen Arti­kel lesen… »


16 Oktober

Die Grufties nahmen mir meine Tochter

Grufties nahmen mir meine Tochter - Titel und EinleitungIn der Tat, das ist unser liebs­tes Hobby: Unschul­dige Töch­ter poten­ti­ell ver­zwei­fel­ter Müt­ter ent­füh­ren und sie unter unse­ren Klauen auf die dunkle Seite der Macht zu zie­hen. Dies ist das Geständ­nis, die Gruf­ties haben Ana­kin Sky­wal­ker zu dem gemacht was er heute ist. Darth Gruf­tie. Heute ist er zwar untreu gewor­den und mit sei­ner lus­ti­gen Maske ein­deu­tig zu den Cybers über­ge­lau­fen, aber was soll’s, Han Solo war sowieso viel cooler.

Ich habe mich immer schon gefragt, wo die Kli­schees und Vor­ur­teile eigent­lich her­kom­men. Nach eini­ger Recher­che ist mir auf­ge­fal­len das es nicht die Masse der ver­öf­fent­li­chen Arti­kel ist, son­dern viel­mehr das Medium (in die­sem Fall die Zeit­schrift) und des­sen Ver­brei­tungs­grad (Auf­lage) über das die Nach­richt ver­brei­tet wird aus­schlag­ge­bend ist. UNSERE Illus­trierte berich­tet 1991 über den Fall von Elfriede Schulz und ihrer Toch­ter Clau­dia, die spur­los ver­schwun­den ist. Blitz­schnell wird sie in den Fän­gen der Gruf­ties ver­mu­tet, die zu die­ser Zeit und vor allem nach der Wende in Ber­lin ihr Unwe­sen treiben.

Elfriede Schulz (53), eine Kran­ken­schwes­ter aus Berlin-Friedrichshain ist ver­zwei­felt. Seit August ’91 hat sie ihre Toch­ter Clau­dia (13) nicht mehr gese­hen! Nachts fahre ich im Bett hoch. Schweiß­ge­ba­det. Habe Alp­träume. Sehe Clau­dia dalie­gen. Tot. Ermor­det. Mein armes Kind! Meine Kleine! Mein Nesthäkchen…«

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11 Oktober

Gruftis - die den Tod zum Gott erheben

Bild vom Zeitungsausschnitt mit SchlagzeileJetzt gibt’s was auf den Deckel. Den Sarg­de­ckel natür­lich, denn in einem im Okto­ber 1991 erschie­ne­nen Arti­kel eines Boulevard-Magazins wer­den die Gruf­tis mit dem Frei­tod jun­ger Men­schen in Ver­bin­dung gebracht. Die­ses mal ver­lässt man sich nicht nur auf den Autor des Arti­kels, son­dern holt sich auch noch Exper­ten mit an Bord, die zu dem Thema etwas sagen können.

Beson­ders inter­es­sant finde ich die­ses mal die Ver­mi­schung von Pole­mik, Fak­ten und blan­kem Unsinn der wie­der an einer Per­son auf­ge­han­gen wird um sie dann auf eine ganze Jugend­be­we­gung zu pro­ji­zie­ren. Es ist immer wie­der erschre­ckend, wie leicht man Men­schen fin­det, die einem das erzäh­len was man hören möchte. Schnell wer­den noch ein paar naive Freunde zusam­men­ge­trom­melt und schon gibt es ein prima Grup­pen­foto, viel­leicht sogar direkt beim Bestat­ter, da gibt es die not­wen­di­gen Austat­tungs­ge­gen­stände. Behaupte ich jetzt mal ein­fach so. Aber was hat uns der Arti­kel zu erzählen?

»3 Tote in 30 Tagen — Was treibt so viele junge Men­schen ins Reich der Schat­ten? In Leip­zig wur­den Toten­schä­del aus der Gruft der Fami­lie Knaur geraubt. In Chem­nitz schlach­te­ten Jugend­li­che Kat­zen und opfer­ten sie dem Teu­fel. In Suckow fei­er­ten »Gruf­tis« schwarze Mes­sen mit Toten­ge­sän­gen zu Rock­mu­sik. In Frei­tal schließ­lich lie­ßen sich bin­nen einer Woche drei junge Män­ner vom Zug über­rol­len — insze­niert als mar­ka­bre Todesrituale.«

Schon beim lesen des ein­lei­ten­den Tex­tes wird klar, hier wur­den Schlag­zei­len mit­ein­an­der ver­knüpft bei dem nur in einer expli­zit von Gruf­tis die Rede ist, doch der Text­auf­bau und die Wort­wahl brin­gen die ande­ren eigent­lich zusam­men­hang­lo­sen Zei­len in einen ande­ren Kon­text. Den gan­zen Arti­kel lesen… »