10 Februar

Zeitbilder: Jugendkulturen in Deutschland 1990-2005

Kategorie: Wortkunst — Jahrgang: 2009Keine Kommentare

In Deutsch­land schlie­ßen sich etwa 20 bis 25 Pro­zent der Jugend­li­chen Sze­nen — Jugend­kul­tu­ren — an, doch jeder zweite sym­pa­thi­siert mit ihnen. Sie wol­len nicht wirk­lich voll und ganz dazu­ge­hö­ren, fin­den aber die Mode und die Musik »cool« und neh­men als Zaun­gäste immer wie­der an sze­ni­schen Events teil. Sze­ne­an­ge­hö­rige, vor allem natür­lich Musi­ker, DJs und Mit­ar­bei­tern von Maga­zi­nen sind wich­tige Trend­set­ter und Mei­nungs­füh­rer ihrer Generation.

Der Zweite Band der Reihe Zeit­bil­der ist bewusst auf die Zeit nach der Wende gelegt, denn diese Zeit war nicht nur eine Zeit des Wan­dels für Gesell­schaft, Poli­tik und Staat, son­dern auch für die Jugend aus Ost und West. Wäh­rend es im ers­ten Band mehr um die Ent­ste­hungs­ge­schichte der Jugend­kul­tu­ren in Deutsch­land geht, endet der zweite Band mit einem abschlie­ßen­den Fazit.

Band 2: 1990–2005

jugendkulturen_1990_2005Der zweite Band steht unweigerlich unter dem Einfluss des Mauerfalls und zeigt eine Zeit, in der die Polarisierung der Gesellschaftsschichten eine große Rolle spielt, denn gleich im ersten Kapitel Die 90er-Jahre: Aufbruch und Agonie zeigt Farin beide Seiten der jugendlichen Entwicklung. Es wundert also nicht, das im nächsten Kapitel die Neonazis ein Rollen spielen. In Zeiten in denen der Jugendliche keine Perspektive und Ratlosigkeit vorfindet, sucht er Kameradschaftliche Strukturen und wir vom Opfer als Einzelperson zum Mittäter in der Gemeinschaft der Neonazis. Im nächsten Kapitel Gothics geht es um die uns so vertraute schwarze Subkultur, die löblicherweise aber gleich mit einigen Vorurteilen aufräumt und die Sichtweisen und Einstellungen der Gothic besser darstellt. Für einen tieferen Blick ist der Rahmen leider eng. Im Kapitel Techno beschreibt er sehr passend die "neue Jugend", die rein Spaßorientiert konsumieren möchte und sich um Hintergründe nicht schert. Die Generation Love, Peace & Happiness ohne politischen Anspruch wirkt daher wie eine Retrobewegung der Hippieszene der 70er. HipHop berichtet von den Ursprüngen der jetzt größten Jugendbewegung und beschreibt sie treffend als Kultur zu mitmachen, denn keine andere Kultur hat soviele neue (nicht immer optimale) Einflüsse in die deutsche Jugend gebracht. Im Kapitel Die vermarktete Rebellion beginnt Farin schon damit, ein Fazit zu ziehen und erzählt Cliquen und dem Dazugehörigkeitsgefühl, das alle Jugendlichen teilen. Es erzählt von den Vorurteile derer, die selbst einmal jung waren und mit Mythen versuchen denn Sinn für die Jugend, den sie selbst verloren haben, wiederzufinden. Im Exkurs: No Woman, No Cry ist nachzulesen, das es sich bei den meisten Kulturen um eine Jungenkultur handelt, in der Mädchen eher in der Minderheit sind und nicht zum typischen Bild der Szenen gehören. Die Kommerzialisierung ist Thema des Kapitels Von der Sub- und Massenkultur und zurück und stellt ganz richtig fest, das es sich dabei um ein zweischneidiges Schwert handelt. Zum einen haben die Industrieunternehmen sich zu einem wichtigen Teil der Jugendarbeit gewandelt zum anderen liegt der Idee natürlich der eigene Profit zu Grunde.

Fazit

Beide Bände bilden ein umfassendes und aufklärendes Bild über die Jugendkulturen der deutschen Geschichte. Auch wenn alle Kulturen nur oberflächlich behandelt werden und das wichtigste zusammenfassen, versucht Farin dennoch vorurteilsfrei und unvoreingenommen zu schreiben. Glücklicherweise gelingt ihm das nicht immer, denn seine Schreibweise macht das Buch leicht verständlich. Für jeden interessierten und forschenden sollten diese Veröffentlichungen als Grundlage dienen, sich weiter zu informieren. Denn trotz der Objektivität scheinen einige Bereich der Jugend völlig ausgeblendet, so ist von Drogen nur am Rande zu lesen. Dazu schreibt Farin an anderer Stelle "Jugend­kul­tu­ren & Dro­gen — Die Ursprungs­ver­sion, die für den Band Jugend­kul­tu­ren in Deutsch­land der BPB ist jedoch der Zen­sur zum Opfer gefallen1.

In sei­nem Werk Über die Jugend ist nach­zu­le­sen, was dort eigent­lich geschrie­ben ste­hen sollte und daher wun­dert es mich nicht, das die­ser Teil gestri­chen wurde, denn auch hier beschreibt er Objek­tiv und Vor­ur­teils­frei und räumt mit vie­len Vor­ur­tei­len gegen­über Dro­gen und deren Ver­wen­dung auf, ohne jedoch die The­ma­tik zu baga­tel­li­sie­ren. Der Ein­druck, das das nicht die ein­zige Rot­stift Atta­cke der BPB war werde ich beim lesen bei­der Bände nicht los, denn auch der pro­ble­ma­ti­sche Bezug der Jugend zu Poli­tik, Staat und Sys­tem scheint nicht ganz klar zu sein.

Trotz­dem möchte ich die­ses Werk trotz die­ser Tat­sa­che, nahezu jedem ans Herz legen, der mit Jugend­li­chen zu tun hat, poli­ti­sche Bil­dung hin oder her. Die meis­ten Jour­na­lis­ten die über unsere Jugend schrei­ben soll­ten sich die bei­den Bände unters Kopf­kis­sen legen. Beide Bände wir­ken übri­gens recht hoch­wer­tig und nut­zen das recht unge­wöhn­lich For­mat gut aus. Unzäh­lige Bil­der und Auf­nah­men aus den Archive, sowie viele Zwi­schen­töne und Erklä­ru­nen run­den das gute Gesamt­bild zusät­lich ab. Ein umfang­rei­ches Lite­ra­tur­ver­zeich­nis macht dar­aus eine äußerst glaub­wür­di­ges Werk. Lei­der ist das Buch nicht mehr als sol­ches bei der BPB zu erwer­ben und muss daher auf Alter­na­tive Wegen besorgt zu wer­den. Hier ist eine drin­gende Neu­auf­lage fällig!

  1. Klaus Farin: Über die Jugend und andere Krank­hei­ten — Essays und Reden 1994–2008, S. 73 []

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Veröffentlicht von

Robert berichtet über alle Facetten der schwarzen Szene und ist aktiver Verfechter der deutschen Meckerbewegung. Überzeugter Gruftie mit einem Hang zum Vergangenem, der jedoch unverbesserlich optimistisch ist und stets positiv denkt. Du findest mich auch auf Facebook und Google+ oder auch bei Twitter.

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