8 November

Spielräume düster konnotierter Transzendenz

Kategorie: Wortkunst — Jahrgang: 20087 Kommentare

Wann immer die Wis­sen­schaft ver­sucht gesell­schaft­li­che Phä­no­mene zu erklä­ren wird es theo­re­tisch wenn es um Sub­kul­tu­ren und Jugend­sze­nen geht, wird es abs­trakt. Es gibt unzäh­lige tod­brin­gende Krank­hei­ten, ver­steckte Win­kel unse­rer Erde und die unend­li­chen Wei­ten des Welt­rau­mes, so dass ich mich frage, ob es keine span­nen­de­ren Dinge gibt. Das mensch­li­che Gehirn bei­spiels­weise ist immer noch nicht rich­tig erforscht, aber man ver­sucht trotz­dem seine Ver­hal­tens­wei­sen zu erklä­ren, die viel­leicht so gar nicht erklärt wer­den kön­nen. Aber gut, hät­ten sich bei­spiels­weise Otto Lili­en­thal an Kon­ven­tio­nen gehal­ten wür­den wir heute viel­leicht nicht flie­gen können.

Axel Schmidt, Klaus Neumann-Braun und Judith Platz star­te­ten 2004 den 336 Sei­ten star­ken Ver­such, Die Welt der Gothics zu ana­ly­sie­ren und zu erfor­schen. Dank Googles Buch­su­che gibt es nun einige Ein­bli­cke in das Werk, die ihr unbe­dingt sich­ten soll­tet, denn von lesen kann in mei­nem Fall nicht die Rede sein, jeden­falls nicht ohne Fremd­wör­t­er­le­xi­kon, da bin ich ganz ehr­lich. Manch­mal ver­mute ich, die schrei­ben­den ver­ste­cken sich hin­ter Wor­ten deren Bedeu­tung keine klare Stel­lung­nahme zulässt son­dern eher den Ver­such eine Situa­tion mög­lichst sach­lich zu umschrei­ben ohne Stel­lung zu bezie­hen. Streng wis­sen­schaft­lich also, obwohl es sich ja bei der beschrie­be­nen Sub­kul­tur um ein Stel­lung­nahme an sich handelt.

Ent­wi­ckeln sich Jugend­kul­tu­ren nicht gerade zu dem Zweck aus dem erklär­ba­ren und gesell­schaft­lich Aner­kann­ten aus­zu­bre­chen? Wäh­rend der Erwach­sene Goth ver­sucht eher indi­vi­du­ell, nach­denk­lich und beson­ders zu sein, geht es dem Jugend­li­chen doch pri­mär darum aus­zu­bre­chen um sich so einer Erklä­rung durch die Erwach­se­nen zu ent­zie­hen. Dabei ist es grund­sätz­lich egal um wel­che Art von Sub­kul­tur es sich han­delt, das bestimmt in ers­ter Linie das freund­schaft­li­che Umfeld.

Obwohl auch ich einen star­ken Drang habe alles zu erfah­ren und mich selbst als Infor­ma­ti­ons­jun­kie bezeichne, weiß ich doch, dass Dinge nicht erklärt wer­den kön­nen die nicht erklärt wer­den wol­len. Des­halb sollte sich der Inter­es­sierte lie­ber Lek­türe besor­gen, die kon­tro­vers und pola­ri­sie­rend mit der The­ma­tik umgeht um einen selbst anzu­re­gen nach­zu­den­ken und sich seine eigene Mei­nung zu bil­den. Tei­pels Ver­schwende deine Jugend ist ein solch doku­men­ta­risch gehal­te­nes Buch der eher beschrei­bend als erklä­rend ist und obwohl nicht direkt die Gothics behan­delnd von der The­ma­tik in die selbe Rich­tung geht. Aber das ist nur eine, meine Mei­nung.

Was ich haben will das krieg ich nicht, und was ich kriegen kann, das gefällt mir nicht. (Fehlfarben - Paul ist tot)

(Bild­quelle: amazon.de)

Veröffentlicht von

Robert berichtet über alle Facetten der schwarzen Szene und ist aktiver Verfechter der deutschen Meckerbewegung. Überzeugter Gruftie mit einem Hang zum Vergangenem, der jedoch unverbesserlich optimistisch ist und stets positiv denkt. Du findest mich auch auf Facebook und Google+ oder auch bei Twitter.

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7 Kommentare

  1. Also ich muss dir auf jeden Fall zustim­men. Eine Szene, die stän­dig einem Wan­del unter­liegt, kann man nicht in Worte fas­sen. Man kann »Moment­auf­nah­men« anfer­ti­gen, aber die kann man dann vor allem nicht begrün­den. Die Sozio­lo­gie befasst sich mei­nes Wis­sens schon sehr lang mit dem Phä­no­men der Gothic-Szene. So ste­hen auch in der Bochu­mer Uni­ver­si­täts­bi­blio­thek einige Bücher zu dem Thema herum. Letz­tens waren sie alle aus­ge­lie­hen. Sonst hätte ich mir doch gleich mal eines davon ange­schaut. Schreibt wohl jemand gerade eine Arbeit drüber.

    Wahr­schein­lich haben die Auto­ren wirk­lich einen zu erns­ten, wis­sen­schaft­li­chen Ver­such unter­nom­men, wel­cher dem Phä­no­men Gothic nicht gerecht wird.
    Aber sind wir ehr­lich: So viele gute Bücher aus der Szene ging es nicht. Eben, weil man eine Szene nicht gänz­lich beschrei­ben kann. Man kann nie alle Facet­ten und Gedan­ken­mus­ter auf­neh­men, son­dern ver­all­ge­mei­nert viel zu stark. Soviel von mir für jetzt.

  2. Rich­tig, denn gute Bücher ver­su­chen nicht Sze­nen zu erklä­ren son­dern einen Ein­blick in die Beweg­gründe und Motive zu geben um den inter­es­sier­ten in sei­ner Mei­nungs­fin­dung zu unter­stüt­zen und mit Vor­ur­tei­len auf­zu­räu­men, oder Eltern die Angst vor den Ver­än­de­rung ihrer Kin­der zu neh­men. Ich bin immer auf der Suche nach guten Büchern über die ich hier berich­ten kann, so habe ich mir neu­lich erst für 1€ beim gro­ßen Ver­sand­haus das Gothic-Lexikon besorgt, lei­der bestä­ti­gen erste Sich­tun­gen des Inhalts fast den Preis. Aber auch nur fast, denn es ist noch nicht ein­mal einen Euro wert. Dazu aber an die­ser Stelle spä­ter mehr ;)

  3. Ich bin auf jeden Fall dar­auf gespannt.
    Das Beschrei­ben der Szene gelingt ja zumin­dest in den meis­ten Büchern ganz gut, wenn sie von die­ser ober­fläch­li­chen Sicht­weise ein wenig Abstand neh­men und in das, was wir als Szene bezeich­nen, ein­zu­tau­chen ver­su­chen. Manch­mal gelingt es, manch­mal nicht ;).

  4. Kling sehr inter­es­sant, aber ich hab ja lei­der kaum Zeit mal­was ande­res aus­ser Stu­di­en­lek­türe zu lesen…

    Ich denke ein wis­sen­schaft­li­cher Ansatz diese Sub­kul­tur zu ergründen/erklären bie­tet eigent­lich gleich­zei­tig auch Ein­bli­cke in ihre Motive, aber für Laien eben meist nicht ver­ständ­lich. Ob Vor­ur­teile über­haupt aus­ge­merzt wer­den kön­nen ist frag­lich. Zuerst soll­ten viele Men­schen über­haupt die Bereit­schaft ent­wick­len ihren Hori­zont zu erwei­tern. Nur wie soll das gehen?

    LG

  5. Ich stimme zu, manch­mal ist das schlicht und ergrei­fend unmög­lich. Men­schen die ihren Hori­zont nicht erwei­tern wol­len wird es immer geben. Je indi­vi­du­el­ler der Mensch als sol­che ist, umso indi­vi­du­el­ler auch die Metho­den mit Vor­ur­tei­len auf­zu­räu­men. An ers­ter Stelle steht doch die Berüh­rungs­angst, in der Stadt an einem Outs­ide Goth vor­bei­zu­lau­fen trägt nicht unbe­dingt dazu bei. Viele Men­schen brau­chen das kalte Was­ser, bei­spiels­weise das eigene Kind, das sich für diese Sub­kul­tur inter­es­siert, oder ein neuer Arbeits­kol­lege oder der Freund des bes­ten Freun­des.
    Erst wenn der Mensch so »gezwun­gen« wird nach­zu­den­ken ist über­haupt eine Hori­zont­er­wei­te­rung mög­lich, der Schritt dann auf »so jeman­den« zuzu­ge­hen und nach sei­nen Moti­ven oder Idea­len zu fra­gen ist dann noch schwe­rer.
    So wurde ich neu­lich erst auf einer Geburts­tags­party auf meine schwar­zen Ran­gers ange­spro­chen, jedoch nicht kon­fron­ta­tiv — »Warum trägst du die«, son­der eher sub­til — »Ich habe noch nie so glän­zende Ran­gers gese­hen«, mit dem Unter­ton ich weiß was das ist, aber warum hast du das?
    Selbst­ver­ständ­lich kam dann auch gleich das Thema in Rich­tung Rechts­ra­di­ka­lis­mus, wohin auch sonst.
    Aber auf­re­gen darf ich mich nicht, schließ­lich tue ich das ja auch um zu pro­vo­zie­ren und meine gesell­schaft­li­che Unab­hän­gig­keit und mei­nen Indi­vi­dua­lis­mus zu prä­sen­tie­ren. Der ein oder andere der sich die­ser Szene zuge­hö­rig fühlt sollte sich dann auch an die eigene Nase packen und bereit sein zu erklä­ren warum und wieso er das tut, denn da tun sich viele noch schwer.

  6. Nur sind Motive und Ideale immer etwas sehr per­sön­lich, des­we­gen wohl Bücher die das Ganze zusam­men­fasse resp.Gemeinsamkeiten auf­zei­gen. Was ist schon indi­vi­du­ell, eng­stir­nig sein und dazu zu ste­hen ists doch auch? Ich finde übri­gens auch, dass man unab­hän­gig und indi­vi­du­ell sein kann, ohne äusser­lich auf­zu­fal­len. Schlicht­weg weil man halt ein­fach diese Klei­dung mag. Die zwei Sachen soll­ten vor allem im Kopf statt­fin­den. Ich find kaum was schlim­mer, als wenn jemand Sachen anzieht nur um zu pro­vo­zie­ren und sie der Per­son nicht mal gefal­len. Gibts ja über­all, also nicht nur bei Gothics. Indi­vi­du­ell sein heisst für mich zumin­dest auch, nicht mehr dar­über nach­zu­den­ken indi­vi­du­ell zu sein.

    Abge­se­hen führt das Stre­ben nach Indi­vi­dua­li­tät schluss­end­lich wie­der zu einer Gemeinsamkeit.

    LG

  7. Dein letz­ter Satz bringt die Sache ganz herr­lich auf den Punkt.

    Ich teile deine Mei­nung das Indi­vi­dua­li­tät im Kopf statt­fin­det, aber der Indi­vi­dua­lis­mus ist mei­ner Mei­nung nach ein Ent­wick­lung und wird einem irgend­wie in die Win­del gelegt. Genau das zu tun was einem gefällt und nur das zu tun ist Selbst­ver­wirk­li­chung und Indi­vi­dua­lis­mus. Ich habe erst spät ange­fan­gen wirk­lich das zu leben was ich bin, es hatte einige Zeit gedau­ert zu erken­nen wo ich hin will.

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