25 Februar

Schattenwelt - Helden und Legenden des Gothic Rock

Kategorie: Wortkunst — Jahrgang: 2010Keine Kommentare

Schattenwelt - Dave ThompsonSel­ten wird mir ein Buch so voll­mun­dig ange­kün­digt wie das Werk Schat­ten­welt von Dave Thomp­son. Der eng­li­sche Autor und Musik­jour­na­list gehört zu einem der flei­ßigs­ten Schrei­ber der alter­na­ti­ven Musik­szene und brachte schon in frü­hen 80ern Fan­zines und Bücher her­aus, mit die­sem Buch möchte er die Ent­ste­hung des Gothic Rock anhand sei­ner Hel­den und Legen­den nach­zeich­nen. Ich habe mich 424 Sei­ten durch die sehr gute Über­set­zung von Kirs­ten Bor­chardt gewühlt und mir ein eige­nes Bild von dem Buch gemacht, über das der Zillo schrieb: »Einen defi­ni­ti­ve­ren Über­blick über die Geburt der schwar­zen Szene wird es wohl nicht mehr geben.«

Das Buch zeich­net den Ver­lauf der schwar­zen Szene sehr genau nach und beginnt etwa 1976 mit den ers­ten Live-Auftritten von Sioux­sie & The Bans­hees und eröff­net die musi­ka­li­sche Chro­nik mit Iggy Pop und sei­nem legen­dä­rem Album The Idiot, das sich wie ein roter Faden durch das Buch zieht. Sehr detail­liert beschreibt Thomp­son das Erschei­nen sämt­li­cher Prot­ago­nis­ten auf der Bühne des Gothic Rock und kon­zen­triert sich dabei auf die Haupt­dar­stel­ler und ihre musi­ka­li­schen Pro­jekte. Als sich The Cure, Bau­haus und Joy Divi­sion vom fast schon eta­blier­ten Punk lösen sucht man förm­lich nach einem neuen Ober­be­griff, der den Bands der ers­ten Stun­den anhef­ten wird wie eine Täto­wie­rung. Mit The Mis­sion, The Dam­ned und The Sis­ters of Mercy macht er die Bewe­gung dann ein­deu­tig zu einem eng­li­schen Phä­no­men, woran ver­ein­zelte Aus­flüge mit The Birth­day Party, Chris­tian Death oder den Fields of the Nephilim nichts ändern kön­nen. Der Wech­sel zwi­schen den vie­len par­al­le­len Ent­wick­lun­gen ist mit­un­ter etwas umständ­lich und kon­fus gera­ten, so das man als Leser immer wie­der reflek­tie­ren muss, in wel­chem Teil der Zeit man sich befindet.

Die romantische Todessehnsucht des Gothic wurde von der Rockpresse gern belächelt, und der Humor hinter den Vampiroutfits gern übersehen. Dieses Buch räumt nun endgültig mit den Vorurteilen gegenüber diesem Genre auf: Statt um Satanisten, Friedhöfe und endlose Traurigkeit geht es Dave Thompson um die musikalischen Wurzeln, von Bertolt Brecht und Leonard Cohen bis Iggy Pop, um lustige Horrorfilme und wahrlich schwarzen Humor – und um den Einfluss eines Sounds, dem die Musikszene nicht nur Marilyn Manson, sondern letztlich auch Guns N’Roses verdankt. Thompson zapfte die wichtigsten schwarzen Quellen an und holte sich die Informationen aus erster Hand von Bauhaus, The Cure, The Mission oder New Order. Schattenwelt bildet eine wichtige Grundlage zum Verständnis der großen deutschen Gothic-Szene, die sich noch heute auf den Sound und das Image der Düsterrocker aus England beruft. (Inhaltsangabe des Buches Schattenwelt - Helden und Legenden des Gothic Rock)

Trotz eini­ger musi­ka­li­scher Ein­zel­pro­jekte wie denen von Nick Cave, Kil­ling Joke oder Nico beschränkt sich Thomp­son in sei­ner Dar­stel­lung haupt­säch­lich auf eng­lisch­spra­chige Künst­ler und würzt die Chro­nik mit unzäh­li­gen Ein­drü­cken der ein­zel­nen Band­mit­glie­der vie­ler Bands. Damit bezieht sich das Buch haupt­säch­lich auf das musi­ka­li­sche Genre des Gothic Rock, denn die andere Seite der Bühne fin­det kaum Bedeu­tung  und ist daher nicht in der Lage Gothic als Gesamt­kunst­werk zu erfas­sen. Auch das Kom­men­tar des Zil­los trifft kei­nes­wegs zu, das Buch ist kein defi­ni­ti­ver Über­blick über die Geburt der Szene son­dern ledig­lich die eng­li­sche Sicht auf das Phä­no­men des Musik­genre. Ernst­hafte Ver­such die Szene zu erfas­sen blei­ben aus, ebenso ein genaue­rer Blick in andere euro­päi­sche Länder.

Wer Inter­esse daran hat, den eng­li­schen Gothic Rock näher ken­nen zu ler­nen und etwas über die Fett gedruck­ten Bands zu erfah­ren, lan­det einen Voll­tref­fer, einen defi­ni­ti­ve­ren Ansatz gibt es tat­säch­lich nicht. Selbst der Abste­cher ins Rich­tungs­wei­sende Batcave mit Alien Sex Fiend, The Cult oder den Sex Gang Child­ren ist sehr gelun­gen und eine schöne the­ma­ti­sche Abwechs­lung. Als Basis­werk, wie es der Ver­lag beschreibt, kann das Buch nicht gel­ten, eher als Teil eines schwar­zen Puz­zels das nicht mit Ende der Chro­no­lo­gie endet, son­dern dar­über hin­aus und links und rechts dane­ben zahl­rei­che Blü­ten getrie­ben hat.

Sehr gutes Buch, das hoch­ge­steckte Erwar­tun­gen erfül­len kann — Es bie­tet einen der bes­ten Ein­bli­cke in die bri­ti­sche musi­ka­li­sche Szene des Gothic Rock.

Erschie­nen im Hannibal-Verlag und für 19,90€ über­all zu erwer­ben (ISBN 3−85445−236−5)

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Veröffentlicht von

Robert berichtet über alle Facetten der schwarzen Szene und ist aktiver Verfechter der deutschen Meckerbewegung. Überzeugter Gruftie mit einem Hang zum Vergangenem, der jedoch unverbesserlich optimistisch ist und stets positiv denkt. Du findest mich auch auf Facebook und Google+ oder auch bei Twitter.

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Trackbacks

  1. Markus Grampp schreibt:

    RT: @Spontis: Neuer Arti­kel: Schat­ten­welt — Hel­den und Legen­den des Gothic Rock http://bit.ly/b7Zh6n

  2. Gothic Friday - schreibt:

    […] für den, der sich die musi­ka­li­schen Wur­zeln von »Gothic« inter­es­siert, denn in Schat­ten­welt fin­det man das Kom­pen­dium, nicht mehr, aber auch nicht weni­ger. Es gibt nicht viele […]