13 April

Roman Rutkowski: Das Charisma des Grabes

Kategorie: Wortkunst — Jahrgang: 2010Keine Kommentare

BuchcoverEine Jugend­be­we­gung wis­sen­schaft­lich zu beschrei­ben ist ein Para­do­xon, denn der Ver­such eine Bewe­gung zu beschrei­ben schei­tert meist an der Bewe­gung selbst. Mit sei­nem Buch Das Cha­risma des Gra­bes — Ste­reo­typ und Vor­ur­teile  in Bezug auf jugend­li­che Sub­kul­tu­ren am Bei­spiel der schwar­zen Szene star­tet Roman Rut­kow­ski einen ernst­haf­ten Ver­such. Im Rah­men sei­ner Magis­ter­ar­beit ent­stand dabei ein rund 180 Sei­ten lan­ges Werk, das sich ganz beson­ders mit den Vor­ur­tei­len und Ste­reo­ty­pen beschäf­tigt, die der schwar­zen Szene hin­ter her­lau­fen wie ein treuer Hund. Okkul­tis­mus und Sata­nis­mus, Todes­sehn­sucht und Sui­zid­ge­fähr­dung sowie der schlei­chende Rechts­ra­di­ka­lis­mus wer­den hier von Rut­kow­ski sach­lich erläu­tert. Das Buch ver­sucht aus den spär­li­chen Ver­öf­fent­li­chun­gen wis­sen­schaft­li­cher Arbei­ten einen Kon­sens zu bil­den und den mit eige­nen Nach­for­schun­gen und Schluss­fol­ge­run­gen anzureichern.

Die Ein­lei­tung liest sich daher schlep­pend und durch­leuch­tet das Phä­no­men der Jugend­be­we­gung als sol­ches, das mei­ner Mei­nung nach eigent­lich gar nicht wis­sen­schaft­lich zu erfas­sen ist, son­dern immer nur ein Ver­such sein kann etwas zu unver­ständ­li­ches zu ergrün­den um es sei­ner Mythen zu berau­ben oder es ein­fach nur ver­ständ­lich zu machen. Den­noch schätze ich den Wert sol­cher wis­sen­schaft­li­cher Arbei­ten, die immer auch Vor­lage für andere Werke sein kön­nen, die sich der Grund­la­gen bedie­nen um diese wei­ter zu ver­fol­gen. Idea­ler­weise natür­lich dann, wenn sach­lich und gut recher­chiert sind und eine tat­säch­li­che Zeit­auf­nahme der Bewe­gung darstellen.

In sei­nen Betrach­tun­gen zur schwar­zen Szene geht Rut­kow­ski sehr gründ­lich vor und ver­sucht, die Szene in ihrer Struk­tur zu erfas­sen. Das er dabei nicht in die Tiefe gehen kann und so viel­leicht einige wich­tige Details außer Acht lässt, ist zu ver­schmer­zen, denn das hier erzeugte Bild der schwar­zen Szene geht völ­lig in Ord­nung auch wenn es zunächst als zu ober­fläch­lich erschei­nen mag. Er unter­teilt die Haupt­ele­mente der Gothic-Kultur in die Roman­tik, die Mys­tik, den Tod, Reli­gion, Kunst, Phi­lo­so­phie und das Kör­per­ge­fühl und baut damit ein sehr soli­des und Vor­ur­teil­freies Gerüst, das das Phä­no­men der Lebens­ein­stel­lung der Gothics auf viel­fa­che Art und Weise trifft.

Inter­es­san­ter­weise deckt sich das mit mei­ner Ver­mu­tung das aus dem Anfangs als musi­ka­lisch ori­en­tier­tes Phä­no­men ein Jugend­be­we­gung wuchs, die sich die Inhalte der Musik zu eigen machte und dar­aus eine Lebens­ein­stel­lung bas­telte. (siehe auch: Gothic — Die Geschichte eines Wor­tes)

Die Aus­ein­an­der­set­zung mit den Vor­ur­tei­len Sata­nis­mus, Todes­sehn­sucht und Rechts­ra­di­ka­li­tät zeigt wie­der ein­mal deut­lich, nichts davon ist  die Wahr­heit. Rut­kow­ski ver­sucht durch eine Viel­zahl von Quel­len eine Bele­gung und fasst diese in sei­ner Magis­ter­ar­beit zusam­men. Eine empi­ri­sche Umfrage bei Sze­n­e­mit­glie­dern wirkt gut gemeint und ist im Rah­men die­ser Arbeit sicher not­wen­dig gewe­sen, sie ver­liert aber wegen man­geln­der Betei­li­gung (98 Befragte) der Tat­sa­che das es sich nur um eine zeit­li­che Moment­auf­nahme eine Szene han­delt an Rele­vanz. Gedank­li­che Trends und Mei­nun­gen las­sen sich aber trotz­dem erken­nen und spie­geln den Zeit­geist sei­ner Erhe­bung sehr deutlich.

Das obli­ga­to­ri­sche Quel­len­ver­zeich­nis unter­liegt dem Phä­no­men sei­ner Zeit, denn die meis­ten Internet-Links zu Arti­keln oder Quel­len stim­men ein­fach nicht mehr und sind unbrauchbar.

Fazit

Rut­kow­ski ent­schloss sich »aus per­sön­li­chen Enthu­si­as­mus sowie dem Man­gel an wis­sen­schaft­li­cher Lite­ra­tur zu die­ser Jugend­szene etwas abzu­hel­fen, ent­schloss ich mich zur Ver­öf­fent­li­chung»1. Das diese so kurz aus­ge­fal­len ist liegt wohl am Rah­men der Magis­ter­ar­beit, lässt aber im Rah­men einer Buch­ver­öf­fent­li­chung eini­ges an wei­ter­rei­chen­den Infor­ma­tio­nen ver­mis­sen. Daher bleibt das Buch hin­ter den Mög­lich­kei­ten des Autors zurück und lässt allen­falls eine erste wis­sen­schaft­li­che Aus­ein­an­der­set­zung erken­nen, die aber als Basis sehr solide und Qua­li­ta­tiv hoch­wer­tig ist und so den Kauf durch­aus recht­fer­tigt.  Es beschreibt genau das, was Gothic als Lebens­ein­stel­lung bie­tet, was diese aus­macht und wel­chen Vor­ur­tei­len man sich kon­fron­tiert sieht. Der Preis von 19,90€  ist aller­dings etwas hap­pig (Ama­zon) und lohnt sich nur bedingt für Szene-Interessierte und bleibt eher eine Emp­feh­lung für Infor­ma­ti­ons­jun­kies und sol­che, die es wer­den wol­len. Rut­kow­skis per­sön­li­ches Fazit möchte ich jedoch nicht uner­wähnt las­sen, denn genau das ist es, was 6 Jahre spä­ter ein­ge­trof­fen zu sein scheint:

Und nun, auf den letzten Zeilen dieser Arbeit, möchte sich der Verfasser anmaßen, der Schwarzen Szene einen gewonnenen Eindruck mit auf den Weg zu geben. Ob sich die Schwarzen in einem natürlichen Wandlungsprozess befinden oder langsam und kaum sichtbar vom Mainstream aufgesogen werden, haben spätere Generationen zu beurteilen. Doch eines offenbart sich leider öfter und öfter: ein Verlust an Authentizität. Denn mittlerweile verursacht die Konfrontation mit realen Objekten des Todes, einem Schädel etwas, bei vielen Schwarzen mehr Unbehagen, als man doch gemeinhin vermuten sollte... Und es wäre höchst bedauerlich, wenn sich Gothics am Ende lediglich nur noch über Musik und eine möglichst extravagante Mode definieren würden. Dann nämlich hätte sie ihre Einstufung als "Subkultur mit Inhalten und Werten" beinahe verwirkt.2

  1. Roman Rut­kow­ski: Das Cha­risma des Gra­bes — 2004,  Books on Demand Gmbh, S. 9 []
  2. Roman Rut­kow­ski: Das Cha­risma des Gra­bes — 2004,  Books on Demand Gmbh, S. 170 []

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Veröffentlicht von

Robert berichtet über alle Facetten der schwarzen Szene und ist aktiver Verfechter der deutschen Meckerbewegung. Überzeugter Gruftie mit einem Hang zum Vergangenem, der jedoch unverbesserlich optimistisch ist und stets positiv denkt. Du findest mich auch auf Facebook und Google+ oder auch bei Twitter.

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