15 Juli

Punk - No One is Innocent

Kategorie: Wortkunst — Jahrgang: 20108 Kommentare

Gudrun Gut 1978Als Kunst den Punk infi­zierte. Das war meine erste Wor­tas­so­zia­tion als ich bei Nerd­core über den kos­ten­los vefüg­ba­ren Aus­stel­lungs­ka­ta­log Punk — No One is Inno­cent der Kunst­halle Wien gestol­pert bin. Beein­druckt zeigt ich mich jedoch vom Inhalt des recht umfang­rei­chen Wer­kes. Künst­ler neh­men in der Geschichte des Punks einen ganz inter­es­san­ten Stel­len­wert ein, denn Künst­ler und Mode­ma­cher waren es, die die Ener­gie der Jugend­kul­tur für sich ent­deck­ten und so man­chen Punk– und Post-Punk Act in den frü­hen 80er zu einer Ver­nis­sage erho­ben und sich mit der Non-Konformität und ver­meint­li­chen Avant­garde umga­ben. Daher betrachte ich das Phä­no­men »Kunst« in Jugend­kul­tu­ren als zwie­späl­tig und Missverstanden.

Umso erfreu­ter war ich, das Punk als sol­ches nun eine künst­le­ri­sche Betrach­tung erhält, die es durch­aus ver­dient hat. Der Aus­stel­lungs­ka­ta­log wie er hier genannt wird, kann mit durch­aus beein­dru­cken­den Foto­gra­fien und Tex­ten ver­schie­de­ner Auto­ren punk­ten und wird dem Wort »Kata­log« als sol­cher nicht gerecht. Allein das Bild auf dem Cover, das Gudrun Gut von Mala­ria! zeigt, als sie etwa 1978 von ihrer Schwes­ter Anja abge­lich­tet wird, hat meine Neu­gier geweckt, denn bei Gut han­delt es sich nicht um einen Punk im klas­si­schen Sinne.

Die Kunst­halle selbst schreibt dazu: »…Punk inter­es­siert uns als Kunst­halle im Anschluss an die Gitarren-Ausstellung Go Johnny Go! (2003) und die künst­le­ri­sche Refle­xion des Sum­mer of Love (2006) weni­ger als musi­ka­li­sches Phä­no­men, denn als Geste der Nega­tion, als eine Pforte der Wahr­neh­mung, durch die man ein­tritt in ein Reich der chif­frier­ten Bot­schaf­ten: Signal to Noise…«

Link zum kom­plet­ten Kata­log (240 Sei­ten, 220 Abbil­dun­gen) als kos­ten­los ver­füg­bare PDF

Nicht nur ein flüch­ti­ger Blick lohnt sich, son­dern auch das Lesen der darin ent­hal­te­nen Texte lohnt sich. So finde ich das abge­druckte Gespärch mit dem lei­der ver­stor­be­nen Mal­com McLa­ren für groß­ar­tig und lasse es mir nicht neh­men dar­aus einige Text­stel­len zu zitie­ren, die mich schon eine ganze Weile beschäftigen:

War man als Punk aufmerksam auf dasjenige, was sich in elitären Kunstszenen Londons, New Yorks oder anderswo abspielte?
Nein. Die Punks waren viel zu beschäftigt mit ihrer eigenen Eitelkeit – ihren Körpern, dem Dreck. Sie interessierten sich nur für Extreme. Sie interessierten sich für nichts, außer dafür, das 20. Jahrhundert zu verlassen und nie wieder ins normale Leben zurückzukehren. Das war ihre Mission. Sie waren elitär und ich war – ohne das beabsichtigt zu haben – dafür verantwortlich.
[...] Die gegenwärtige Internetkultur ist eine Erweiterung des Punk Do-it-yourself Lifestyles: Blogs, Facebooks, Youtube … alle tragen dazu bei. Dort wird heutzutage der Kulturterrorist geboren. Dort wird ein Großteil an Populärkultur vertrieben, die sich nicht länger dem Kapitalmarkt anbiedern muss, oder an ihn gebunden ist. Deshalb ist es heute schwieriger denn je, der jungen Generation etwas zu verkaufen. Aber Punk bleibt so geheimnisvoll wie eh und je und wird über unser Leben hinaus als
etwas so Wildes, Romantisches, für die Jugend sexier als Sex selbst wahrgenommen. Punk ist im Kern all unserer Träume.

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Robert berichtet über alle Facetten der schwarzen Szene und ist aktiver Verfechter der deutschen Meckerbewegung. Überzeugter Gruftie mit einem Hang zum Vergangenem, der jedoch unverbesserlich optimistisch ist und stets positiv denkt. Du findest mich auch auf Facebook und Google+ oder auch bei Twitter.

Kategorie: Wortkunst
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8 Kommentare

  1. pff, ohne den kom­mer­zi­el­len Erfolg wäre Punk noch nicht mal auf­ge­fal­len.
    Mal­com litt unter einer unglaub­li­chen Selbst­über­schät­zung. Meine Träume sind nicht Punk.

  2. hmm, inter­es­sante ver­bin­dung auf­ge­baut zwi­schen dem diy des punk und den ver­öf­fent­li­chungs­mög­lich­kei­ten im inter­net heute … mir kommt da ne idee ;)

  3. @Vizioon: Das sehe ich völ­lig anders. Der kom­mer­zi­elle Erfolg kam erst, als man Punk zu ver­mark­ten begann. Wäre Punk nicht auf­ge­fal­len, hätte sich auch nie ein kom­mer­zi­el­ler Erfolg ein­ge­stellt. Ob McLa­ren unter Selbst­über­schät­zung litt, lasse ich mal dahin­ge­stellt, dazu kenne ich seine Per­son zu wenig um mir ein Urteil dar­über zu erlau­ben. Der Erfolg, Pro­vo­ka­tion zu ver­mark­ten, gibt ihm jedoch in mone­tä­rer Hin­sicht recht.

    @tobi: Genau das finde ich übri­gens auch, gerade vor dem Hin­ter­grund all­ge­gen­wär­ti­ger Ver­mark­tung, denn sämt­lich Instru­mente sich selbst im Netz dar­zu­stel­len wer­den doch Kon­se­quent von der Kom­mer­zia­li­sie­rung unter­gra­ben. Viel­leicht wün­sche ich mir wie­der ein gesunde Spur von Unan­ge­passt­heit in der Blo­go­sphäre, es immer etwas anders zu machen als es andere erwarten.

  4. @Robert: Ich nicht :) Der kom­mer­zi­elle Erfolg kam unter ande­rem als Mal­com auf die Idee kam, eine Punk-Band zu cas­ten, näm­lich die Sex Pis­tols. Und diese ent­spre­chend auf­re­gend zu ver­mark­ten. Und erst da war Punk ein Auf­re­ger. Vor­her waren es nur unwich­tige Nebenfiguren.

  5. Das bleibt eine Sache der Betrach­tungs­weise, denn ohne schon vor­her auf­zu­fal­len wären die Pis­tols wohl nie von McLa­ren ver­mark­tet wor­den. Unbe­strit­ten bleibt jedoch die Tat­sa­che, das du McLa­ren die Ver­mark­tung des Punk begann und damit eine Ver­brei­tung der Idee dahin­ter. Mut zum Dilet­tan­tis­mus wurde Pro­gramm und prägte nach­hal­tig die Musik­bran­che. Als McLa­ren 1975 aus »The Strand« die Sex Pis­tols machte, war Punk bereits in den Start­lö­chern, der Name war weni­ger geläu­fig. The Ramo­nes, The Stoo­ges, die New York Dolls brach­ten eine Rich­tung in die Musik, die unter den Jugend­li­chen beliebt war und von Mana­gern wie McLa­ren ent­spre­chend erfolg­reich ver­mark­tet wur­den.
    Sicher, ohne die Kom­mer­zia­li­sie­rung wäre Punk nie so schnell popu­lär gewor­den. Ein Auf­re­ger war es vor­her schon, nur blieb das den meis­ten ver­bor­gen. Nie­mand weiß wie die Ent­wick­lung ohne seine Tätig­keit aus­ge­se­hen hätte, viel­leicht hätte es ein wenig län­ger gedau­ert, doch von unwich­ti­gen Neben­fi­gu­ren kann man höchs­tens in Bezug auf »The Strand« spre­chen, nicht aber vom Punk.

  6. schön an die­ser austel­lung, von der die­ser kata­log nur sehr wenig beleuch­tet, war das künst­le­ri­sche nega­tion aus der zeit von punk und wave mal ver­eint war. ein ori­gi­nal­set der neu­bau­ten, tampon-kunstwerke von throb­bing gristle, blitzkids-fotos, non-stop-videos von mala­ria aus zig moni­to­ren sowie die ent­wick­lung am zeit­strahl in lon­don, ber­lin, new york. das beste aber waren per­sön­li­che erin­ne­rungs­stü­cke, foto­al­ben, tage­bü­cher etc. von öster­rei­chi­schen punks (im klas­si­schen sinne) im obe­ren stockwerk.

  7. @ronjaRT: Ich ver­stehe kein Wort. Ich ver­mute, daß es um Pseudo-Kunst geht?

  8. @ronjaRT: Davon habe ich lei­der nichts mit­be­kom­men. Ich bin mir aber sicher, etwas ver­passt zu haben. Ich denke auch, das sich Punk hier nicht allein auf ein musi­ka­li­sches Genre bezieht, son­dern viel­mehr auf Per­for­mance und Hand­lung. Kunst oder Kitsch lag damals eng zusammen.

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Trackbacks

  1. tonnendreher schreibt:

    RT @biotechpunk: Buch: Punk — No One is Inno­cent im spon­tis blog : http://www.spontis.de/auseinandergesetzt/druckerschwarze/punk-no-one–