13 Mai

Matzke und Seeliger: Gothic!

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Eine ganze Zeit lang habe ich geboten und mitgefiebert, bis ich eine Ausgabe von Gothic! in den Händen halten durfte. Das Buch von Peter Matzke und Tobias Seeliger das schon im Vorfeld immer wieder als Standardwerk für die deutsch Gothic-Szene angepriesen wurde, sollte nun auch den Weg in mein Bücherregal machen. Die Szene in Deutschland aus der Sicht ihrer Macher heißt es im Untertitel und diese Aussage ist Programm. Das Buch ist Beitrags und Kurzgeschichtenmäßig aufgebaut und liest sich stellenweise wie ein Blog in Papierform.

Mit Beiträgen von Bruno Kramm (Das Ich), Mozart (Umbra et Imago), Sven Friedrich (Dreadful Shadows) und Thomas Rainer (L‘ Ame Immortelle) sowie vielen anderen1 namhaften Künstlern gibt das Buch tatsächlich rein namentlich einen guten Schnitt durch die schwarze Szene im Jahre 2000.

Peter Matzke2  und Tobias Seeliger3 machen in ihrem Vorwort deutlich, das es sich nicht um Kompendium handelt das keinerlei lexikalische Anspruch erhebt, sondern beim dem nur die sogenannten Macher der Szene zu Wort kommen.

Es wird deutlich, das es sich bei der Gothic Szene um eine stark musikalisch definierte Szene handelt, die in unzählige Facetten existiert. Die meisten Musiker möchte sich nicht in eine bestimmte Richtung drängen lassen, sondern streben nach ihrem ganz eigenen Stil und liefern in diesem Buch eine eigene Sicht auf die Dinge. Wie sie aufgefasst werden, überlassen die Autoren dem Leser meist selbst, aufgeworfene Fragen werden nicht beantwortet sondern dem Leser überlassen. Dabei bietet das Buch einen sehr breiten Schnitt und wird daher so gut wie keinem in seinem ganzen Umfang zusagen, was aber auch nicht weiter schlimm ist, denn der Kurzgeschichtenstil erlaubt den Sprung zwischen den Artikeln.

Das Buch enthält rund 27 Beiträge und wird von drei Interludien unterbrochen, die ein wenig Romantik und visuelle Ästhetik einstreuen. Der Beitrag über das misslungene 9. WGT im Juni 2000 wirkt zwar etwas abseits, ist aufgrund der Aktualität bei der Erscheinung des Werkes durchaus nachzuvollziehen. Außerdem liefert es einen sehr interessanten Einblick hinter die Kulissen des größten europäischen Gothic Festivals. Auch ein durchaus interessanter Beitrag des umstrittenen Künstlers Josef Maria Klumb (von Thronstahl) hat genug Potential einige Gemüter zu erregen, denn neben durchaus gelungenen Statements werde ich den Eindruck nicht los, Klumb versteckt sich hinter ein Wörterwand aus Begrifflichkeiten und mischt verschiedene gesellschaftliche Ansichten zu einem undurchsichtigen Brei.

Diesen Eindruck habe ich, ganz nebenbei bemerkt, auch bei einigen anderen Beiträgen. Das mag an meiner Erwartungshaltung liegen, ist aber mit Sicherheit auch so gewollt. Schließlich möchte man möglichst viele Bereiche der Gothic-Szene abdecken, denn diese ganz zu beschreiben dürfte wohl nicht möglich sein. Dieses Buch gibt einen guten Einblick in die schwarze Welt aus der Sicht ihrer Macher und stellt damit nur eine mögliche Sichtweise dar. Die Protagonisten sind sehr gut gewählt, es ist für jeden Geschmack was dabei. Die Fotos lockern das Buch ganz angenehm auf, bieten aber keinen wirklichen Bezug zum Text.

Sicherlich ein Werk das in jedes gepflegte und interessierte Bücherregal gehört, das ultimative Gothic Buch ist es  jedoch nicht. Es gleicht in seiner Herangehensweise einigen von Klaus Farin’s Werken, der die Jugendszenen aus der Sicht der Mitglieder zeigt, während Matzke und Seeliger die „Macher“ als solche zu Wort kommen lassen. Das Wort „Macher“ finde ich in diesem Zusammenhang übrigens sehr konfus, denn aus meiner Sicht wird die Szene von den Mitgliedern gemacht, denn Musiker im Allgemeinen wehren sich stets gegen eine Kategorisierung und bieten eine vielleicht kommerziell interessierte Sicht der Dinge. Das sich die Szene dann an den Musikern rein Stilistisch orientiert reicht meiner Meinung noch lange nicht, sie zu den „Machern“ einer Szene zu erheben.

Das 2000 im Schwarzkopf & Schwarzkopf Verlag erschienen Werk ist heute für rund 20€ zu bekommen. Ein Gebrauchtpreis von 12€ ist angemessen. Das Buch ist sehr hochwertig, die 272 Seiten angenehm lesbar und ein Muss für jeden Gothic Anhänger, ich jedenfalls habe das Buch nahezu in einem Rutsch verschlungen, einer sehr angenehme Abwechslung im täglichen Lerndrill. Die Nachfolgewerke Gothic II und III habe ich auch schon beim großen Versandhaus gesichtet, mal sehen ob es klappt.

  1. Weitere Beiträge von: Christofer Johnsson (Therion), Gitane Demone (ex Christian Death), Kaaja Hoyda (Stendal Blast), Andrea Haugen (Hagalaz Runedance), Anke Hachfeld (Mila Mar), Rose McDowall (Sorrow), Dirk Hoffmann (Zillo), Michael W. Brunner (WGT), Kazhiko Kimra (Morphing Process), Kate Weill, Meister Selbfried (Corvus Corax), Alexander Krull (Atrocity), Josef Maria Klumb (Von Thronstahl) und Uwe Marx (DJ, Bakterielle Infektion) []
  2. Historiker, freier Journalist seit 1990, fester freier Musikredakteur der Stadtmagazins BLITZ! und einige anderen Magazinen ist auch Programmchef der Moritzbastei und war Organisatorischer Leiter des 7. WGT 1998 []
  3. Szenefotograf mit eigener Agentur, arbeitet für alle wichtige Szenepublikationen und hat schon mehrere eigene Ausstellungen iniziiert []

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