26 Januar

Le Petit Mort - Sex, Drugs und Mukoviszidose

Kategorie: Wortkunst — Jahrgang: 2009Keine Kommentare

Buchcover von le petit mortJörn Ranisch, der seit sei­ner Lehre von allen »Pfeffi« genannt wird, wurde 1969 in Greifs­wald gebo­ren und gehört seit den spä­ten 80ern zu der auch in der DDR exis­tie­ren­den Gothic oder Gruftie-Szene an. In sei­ner Auto­bio­gra­phie Le Petit Mort erzählt er von guten und nega­ti­ven Erfah­run­gen mit der Szene und der übri­gen Gesell­schaft, vom trot­zi­gen Auf­be­geh­ren gegen staat­li­che Bevor­mun­dun­gen und seine lebens­be­dro­hende Krank­heit, vom Spaß am Leben in der düster-melancholischen Welt der schwar­zen Subkultur.

Als Pfeffi in der Mitte der 80er durch seine Muko­vis­zi­dose den Anschluss zur rest­li­chen Jugend in der DDR ver­lor und aus­ge­grenzt wurde, inter­es­sierte er sich mehr und mehr für alter­na­tive Jugend­sze­nen, in denen Aus­gren­zung und Anders­sein zum Leben gehört. Im Lehr­lings­in­ter­nat ent­wi­ckelte er zuneh­men­des Inter­esse für die Punk und Gruf­tie Szene und erfuhr so Zuge­hö­rig­keit zu einer Cli­que. Seit nun­mehr 20 Jah­ren lebt er als Gruf­tie unter Punks, Skin­heads und ande­ren unan­ge­pass­ten Jugend­li­chen. Eine Zeit der Frei­heit und der Selbst­ver­wirk­li­chung, abseits kom­mer­z­ori­en­tier­ter Spie­ßer und Doppelmoral.

Bücher, die ver­meint­li­che Innen­an­sich­ten einer Szene ver­mit­teln wol­len, gibt es wie Sand am Meer. Mit lächer­li­chen Ver­su­chen den Reiz der Szene zu erklä­ren, zu erfas­sen oder zu beschrei­ben hält sich Jörn Ranisch gar nicht erst auf und hebt sich damit posi­tiv vom Ein­heits­brei selbst­er­nann­ter Gothic-Bibeln ab. Das Buch ist eine akri­bi­sche Auf­lis­tung sei­nes Lebens mit allen Höhen und Tie­fen die ihm sein Umfeld oder seine Krank­heit beschert hat. Seine unver­blümte und direkte Schreib­weise machen das Buch zu einer ange­neh­men Lek­türe die kein auf­ge­schla­ge­nes Fremd­wör­t­er­le­xi­kon zum ver­ste­hen benö­tigt. Die Paa­rung mit Sar­kas­mus und Wort­krea­ti­vi­tät (»Schicht­kot­zen«) machen  aus die­sem Werk eine der bes­ten Innen­an­sich­ten der deut­schen (und ost­deut­schen)  Gothic Szene. Dar­über hin­aus zeigt es die Wende aus der Sicht eines Jugend­li­chen, Leben mit einer Behin­de­rung aus der Sicht eines Behin­der­ten und Deutsch­land aus der Sicht eines Grufties.

Jörn Ranisch mit TotenkopfNach­dem ich das Buch gele­sen hatte, erschien mir mein Leben als zu kurz um alles das nach­zu­ho­len, was Jörn Ranisch erlebt hat. Es wird deut­lich, dass unser Leben das wich­tigste Geschenk ist, das wir jemals bekom­men haben — den Tod täg­lich vor Augen lebte er sei­nen Leben so, wie es der ein oder andere gern leben würde.

Le Petit Mort bedeu­tet wört­li­che Der kleine Tod, steht im Fran­zö­si­schen aber für einen Orgas­mus. Damit beschreibt er unter ande­rem die Dua­li­tät in sei­nem ereig­nis­rei­chen Leben, denn eigent­lich muss Ranisch jeden Tag mit sei­nem Tod rech­nen, die durch­schnitt­li­che Lebens­er­war­tung eines an Muko­vis­zi­dose erkrank­ten Men­schen hat er bereits deut­lich über­schrit­ten, sein Lebens­hun­ger ist dabei unge­bro­chen, seine sexu­el­len Phan­ta­sien viel­fäl­tig und seine Krea­ti­vi­tät groß­ar­tig. Autor Jörn Ranisch lebt (immer noch) in Ber­lin, ist 38 Jahre und ist als Yoran Nesh auf sei­ner Inter­net­seite zu genie­ßen. Außer­dem enga­giert er sich noch für das Pro­jekt Cul­ture on the Road und infor­miert Jugend­li­che was es heißt, Gothic zu sein.

Dass seine 422 Sei­ten starke Auto­bio­gra­phie nicht allen gefal­len hat, zei­gen 8 geschwärzte Text­pas­sa­gen, die der Ver­lag nach Pro­zes­san­dro­hung bede­cken musste. Als Aus­gleich hat Pfeffi die Erst­auf­lage von 3000 Bücher alle per­sön­lich signiert. Das Buch ist beim Archiv der Jugend­kul­tu­ren erschie­nen und für 18€ zu haben, von denen sich wirk­lich jeder Cent lohnt.

(Bild­quelle: Yoran Nesh)

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Robert berichtet über alle Facetten der schwarzen Szene und ist aktiver Verfechter der deutschen Meckerbewegung. Überzeugter Gruftie mit einem Hang zum Vergangenem, der jedoch unverbesserlich optimistisch ist und stets positiv denkt. Du findest mich auch auf Facebook und Google+ oder auch bei Twitter.

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