29 Juli

Grufties - Jugendkultur in Schwarz

Kategorie: Wortkunst — Jahrgang: 2010Keine Kommentare

Eine Sisy­phus­ar­beit ist das akri­bi­sche Ana­ly­sie­ren des Gruf­tie– oder viel­leicht bes­ser ver­ständ­lich Gothic-Stils in all sei­nen nach außen hin sicht­ba­ren Merk­ma­len. Zu recht bemän­geln Kri­ti­ker, das man sich einer Jugend­kul­tur und ins­be­son­dere der Gothic-Szene nicht allein von die­ser Seite aus näher kann um sie über­haupt als sol­che zu erfas­sen und in Ansät­zen greif­bar zu machen. Man bezwei­felt sogar, das dies über­haupt mög­lich ist.

2000 machen sich Doris Schmidt und Heinz Jana­lik daran, die bis dahin bekann­ten Erschei­nungs– und Aus­drucks­for­men der Gruf­ties zu erfas­sen. Das sie dabei den wesent­li­chen Kern nicht errei­chen ist ihnen bewusst: »Wer als Außen­ste­hen­der Erkennt­nisse über jugend­kul­tu­relle Sze­nen gewin­nen will, um Ver­ste­hen und Ver­ständ­nis als Grund­lage für humane Koexis­tenz zu ent­wi­ckeln, muss in einen vor­be­halt­lo­sen und viel­sei­ti­gen Dia­log mit den Reprä­sen­tan­ten der Szene tre­ten, wohl wis­send, dass ein Beob­ach­ter von außen die von den Jugend­li­chen gezo­ge­nen Gren­zen aner­ken­nen muss und des­halb in gewis­ser Weise immer außer­halb ver­blei­ben wird.«

Bevor im mir das Buch bei Ama­zon bestellt habe, kam ich nicht daran vor­bei, die Kri­ti­ken der Leser zu stu­die­ren, die sich bis dahin dem Buch genä­hert haben. Die durch­weg schlech­ten Kri­ti­ken lie­ßen min­des­tens eine Sache erah­nen, ent­we­der wur­den Erwar­tun­gen nicht erfüllt weil das Buch dafür nicht geeig­net ist, oder die gestell­ten Erwar­tun­gen waren ein­fach falsch, wir wer­den sehen und erfah­ren warum Bril­len die Mas­ken der Gruf­ties sind.

In ers­ter Linie geht es in dem Buch um das äußere Erschei­nungs­bild der Gruf­ties, deren Unter­schei­dung und Bedeu­tung ein­zel­ner Stil­ele­mente. Die Szene als sol­che zu erfas­sen, zu beschrei­ben und zu ana­ly­sie­ren strebt das Werk nicht an. Dafür wird jedoch fein säu­ber­lich aus­ein­an­der­ge­legt, was die Gruf­tie­szene und die Unter­grup­pie­run­gen (Wave, Roman­tic, SM-Stil und Normal-Stil) aus­macht, wor­aus ihr Look besteht, wel­che Acces­soires man ver­wen­det, wel­che Fri­su­ren man sich macht und wie das Make-Up getra­gen wird. Wenn man so möchte ist das Buch ein ulti­ma­ti­ver »Wie muss ich mich anzie­hen um gruf­tig zu sein?« Leit­fa­den, der nicht viel aus­lässt — wenn man sich am Erschei­nungs­jahr 2000 orientiert.

Die Eck­werte des Buches sind ernüch­ternd. Für rund 15€ (Ama­zon) erhält man ein 126 Sei­ten umfas­sen­des Werk, das sich gespickt mit unzäh­li­gen Quel­len und Bil­dern in schlech­ter Qua­li­tät einem Thema nähert, was eine starke emo­tio­nale Kom­po­nente besitzt, die in dem Buch als sol­che gar nicht zum tra­gen kommt. Es bleibt eine sach­li­che Auf­zäh­lung des­sen, was 2000 das Gruf­tie Dasein aus­machte, das mit­un­ter in über­trie­bene Detail­ver­liebt­heit aus­ar­tet. Ich möchte als stell­ver­tre­ten­des Bei­spiel für den Stil des Buches, sei­nen Infor­ma­ti­ons­ge­halt und die stel­len­weise Absur­di­tät ein Kapi­tel über die Son­nen­bril­len zitieren:

10.3 Brillen - Etliche Grufties beiderlei Geschlechts schmücken wie ihre Vorläufergruppe der New Waver ihr Gesicht mit dunklen Brillen. Solche Brillen mit dunklen Gläsern dienen üblicherweise als Sonnenbrille dem Schutz vor UV-Strahlen und werden seit den 50er Jahren als modisches Accessoire mit vielfarbigen Fassungen getragen. Neben ihrer Schutzfunktion haben Brillen mit dunklen Gläsern zuweilen auch die Funktion, den Träger oder die Trägerin vor den Blicken anderer zu schützen [...].

Solcherart verwendete Brillen sind letztlich Masken, die den Träger oder die Trägerin unkenntlich machen und manchmal auch Distanz schaffen sollen. Sie verweisen damit auf die Masken im 16. und 17. Jahrhundert. Damals wurden von der Stirn bis zur Nase reichende Halbmasken aus schwarzem Samt oder aus Seide getragen. Sie hatten ursprünglich ebenfalls eine Schutzfunktion, nämlich den Teint gegen die Witterung zu schützen. Im 17. Jahrhundert bekam diese Halbmaske, die sog. Chanez eine andere Funktion. Sie wurden von beiden Geschlechtern benutzt, um unerkannt zu bleiben. Diese Absicht, Identität zu verbergen oder eine andere Identität zu verkörpern und für diese Aufmerksamkeit zu erregen, steht hinter den Glanzmasken der griechischen Schauspieler in der Antike und kann noch heute beim Karneval in Venedig identifiziert werden.

Auch Grufties eröffnen sich mit ihren dunklen Brillen die Möglichkeit, einerseits in auffälliger Weise unerkannt zu bleiben. Andererseits provozieren sie mit diesem Accessoire die Neugier des Betrachters und wecken dessen Interesse am Träger.

Fas­zi­nie­rend. Zwi­schen dem Gefühl aus Ober­fläch­lich­keit, Geschichte und Absur­di­tät steckt ein Funke von dem wofür sich die­ses Buch letzt­end­lich dann doch eig­net. Für Hin­ter­grund­wis­sen über den eige­nen Stil und das kon­se­quente Ver­fol­gen geschicht­li­cher Ansätze — von der Ein­rich­tung der schwar­zen Woh­nung, die Unter­schei­dung grund­sätz­li­cher Äußer­lich­kei­ten bis hin zu Son­nen­bril­len. Wer wis­sen will, warum Gruf­ties spitze Schuhe tra­gen ist hier rich­tig, wer wis­sen will was hin­ter der Szene steckt, was Men­schen dazu bewegt und warum es für man­che über einen ein­fa­chen Klei­dungs­stil hin­aus­geht, ist hier falsch auf­ge­ho­ben. Kauf­tipp? Fehlanzeige.

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Robert berichtet über alle Facetten der schwarzen Szene und ist aktiver Verfechter der deutschen Meckerbewegung. Überzeugter Gruftie mit einem Hang zum Vergangenem, der jedoch unverbesserlich optimistisch ist und stets positiv denkt. Du findest mich auch auf Facebook und Google+ oder auch bei Twitter.

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  1. dominanz schreibt:

    Gruf­ties – Jugend­kul­tur in Schwarz – Spon­tis Web­log: Dafür wird jedoch fein säu­ber­lich aus­ein­an­der­ge­legt, was die … http://bit.ly/bI0o3i