22 März

Menschen Hautnah - Schwarzes Glück

Kategorie: Schwarze Leinwand — Jahrgang: 20097 Kommentare

Menschen Hautnah

Eine sehr inter­es­sante Pro­gram­man­kün­di­gung ereilte mich im Anschluss an die Tages­schau, die ich gewohn­heits­mä­ßig beim WDR gucke, da ich die Lokal­zeit eigent­lich regel­mä­ßig gucke. In der bekann­ten Reihe Men­schen Haut­nah sollte es dies­mal um die Gothics gehen, so habe ich mich hin­rei­ßen las­sen, trotz der bevor­ste­hen­den Früh­schicht am nächs­ten Mor­gen bis 22:30 durch­zu­hal­ten, denn offen­bar ist es mit Bil­dungs­fern­se­hen immer das­selbe, es kommt zu unmög­li­chen Zei­ten. Ob es sich gelohnt hat oder nicht, will ich euch nicht vor­ent­hal­ten. Zuge­ge­ben, ein paar Beden­ken habe ich gehabt, schließ­lich ist Vor­ur­teils­freies und Objek­ti­ves Fern­se­hen kein Dau­er­zu­stand in der deut­schen Fern­seh­land­schaft. Das ich mich irren würde konnte ich nicht ahnen, musste aber nach den 45 Minu­ten zuge­ben, das sich davon jede Minute gelohnt hat.

Petra (44), geschie­dene Mut­ter von Sohn Julian (17) lebt schon seit dem 13. Lebens­jahr in Schwarz. Gemein­sam mit ihrem Sohn hat sich sich nach ihrer Schei­dung einen Traum erfüllt und eine schwarze WG gegrün­det. Für ihren Sohn, gibt sie zu, hätte sie ihre Pas­sion auf­ge­ge­ben, doch die­ser teilt die Inter­es­sen und akzep­tiert seine Mut­ter so wie sie ist, auch ein klei­nes biss­chen Stolz auf die coole Mama wird wohl dabei sein.  Petra, die auch bei Schwar­zes Glück sehr aktiv ist, liebt das schwarze Lebens­ge­fühl und macht auch kei­nen Hehl dar­aus.  Das WGT in Leip­zig besucht sie regel­mä­ßig, beglei­tet von ihrem Sohn, der sich auch für die schwarze Szene begeis­tert, wenn­gleich seine Rich­tung eher in die Indus­trial oder Elek­tro­szene ein­zu­ord­nen ist. Das die Strai­ghte Petra Schwie­rig­kei­ten hat, den Mann ihrer Träume zu fin­den wun­dert mich nicht, sie wirkt sehr andro­gyn, ist Vege­ta­rie­rin, nimmt kei­ner­lei Dro­gen und hat klare Vor­stel­lung davon, wie sie Ihr Leben füh­ren möchte und hat einen gro­ßen, gleich­ge­sinn­ten Freundeskreis.

Elena (21) und Eric (30) sind wohl eher die Hard­li­ner der Gothic­szene und legen sehr viel Wert auf Ihr Äuße­res und schät­zen die Selbst­in­sze­nie­rung. Eric, der als Eve­lin in Polen gebo­ren wurde hat früh gemerkt, das er im fal­sche Kör­per steckt und hat sich einer Geschlechts­um­wand­lung unter­zo­gen, das ihn sei­ner Mut­ter ablehnt und er nur von der eige­nen Oma akzep­tiert wird hat ihn wohl schon früh zum Aus­sen­sei­ter gemacht. Eric und Elena sind Voll­zeit­gothics, die auch in ihrer Frei­zeit immer viel Wert auf ihr Aus­se­hen legen, Oscar Wilde und Edgar Allen Poe lesen, und gerne die Ruhe des Fried­ho­fes genie­ßen. Für den Beruf des Alten­pfle­gers, den Eric aus­übt, musste er jedoch einige Kom­pro­misse bezüg­lich sei­nes Auf­tre­tens ein­ge­hen, da in die­sem Sozial ori­en­tier­ten Beruf ein extre­mes Aus­se­hen eher kon­tra­pro­duk­tiv ist. Es wird deut­lich, das beide nur für die Frei­zeit leben und eine ein­ge­schwo­rene Gemein­schaft bil­den. Wäh­rend Petra mit dem nor­ma­len Leben einen Kom­pro­miss ein­ge­gan­gen ist, ver­kör­pern Elena und Eric nahezu alle Werte und Ideo­lo­gien der Gothicszene.

Clau­dia Deja und Petra Stahl­bock habe mit ihrem Bei­trag zu Men­schen Haut­nah ein schö­nes und viel­leicht zu idea­les Bild der Gothic Szene gemalt, obwohl die Aus­wahl der Prot­ago­nis­ten nur einen mehr oder weni­ger extre­men Aus­schnitt zei­gen und sicher­lich nicht auf die breite Masse anzu­wen­den ist.  Es sind jedoch gute Bei­spiele für die Viel­falt der Per­sön­lich­kei­ten, die die Gothic Szene aus­ma­chen um sich den­noch auf einen gemein­sa­men Nen­ner zu ver­ei­ni­gen.  Wäh­rend Petra das bür­ger­li­che Leben pflegt und einen Spa­gat zwi­schen der schwar­zen und der bun­ten Welt lebt, haben sich Elena und Eric voll und ganz der Gothic-Szene verschrieben.

Der Bericht hat jedoch einen sehr ange­neh­men Grund­te­nor:  Das schwarze Auf­tre­ten der Gothic Szene ist nicht nur die Koket­tie­rung mit Tod und Trauer, son­dern auch der Aus­druck von Erha­ben­heit und Ele­ganz.  Gothics wol­len nicht Aus­ge­grenzt wer­den, son­dern möch­ten sich Abgren­zen. Für man­che ist das Aus­druck der eige­nen Phan­ta­sie, die ver­su­chen dem grauen All­tag zu ent­flie­hen und in ihrer Welt zu Leben.  Wer ein All­um­fas­sen­des und Erklä­ren­des Bild der Szene erwar­tet in der Musik die Haupt­rolle spielt, irrt sich und wird wohl ent­täuscht wer­den. Es geht nicht um die Szene Gothic als sol­chen son­dern hier ent­steht ein fein­füh­li­ges Bild zweier Men­schen­ge­mein­schaf­ten, die sich der Gothic Szene ver­schrie­ben haben. Mehr nicht, aber auch nicht weniger.

Wer möchte, kann sich den Bericht in der Wie­der­ho­lung am  Mon­tag, 23. März 2009, 12.00 — 12.45 Uhr auf WDR anschauen, oder aber auch bei Youtube:

httpv://www.youtube.com/view_play_list?p=933DF578843ACCBE

(Bild­quelle: WDR, Sen­dung »Men­schen Haut­nah«)

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Veröffentlicht von

Robert berichtet über alle Facetten der schwarzen Szene und ist aktiver Verfechter der deutschen Meckerbewegung. Überzeugter Gruftie mit einem Hang zum Vergangenem, der jedoch unverbesserlich optimistisch ist und stets positiv denkt. Du findest mich auch auf Facebook und Google+ oder auch bei Twitter.

Kategorie: Schwarze Leinwand
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7 Kommentare

  1. Die Doku ist rela­tiv alt, zumin­dest haben Kitty und ich sie schon vor einer gefühl­ten Ewig­keit im Inter­net ent­deckt. Im Ver­gleich zu diver­sen Bei­trä­gen bei Sat.1 oder ähnli­chen Schund­sen­dern ist der Bei­trag ganz gelun­gen, auch wenn bei der BILD-Fraktion auch durch die­sen Bei­trag ein fal­sches Bild ver­mit­telt wer­den kann — aber wen inter­es­sie­ren schon die BILD-Leser?

  2. Ich finde den Bei­trag gut gelun­gen.
    Die Szene hat aller­dings sehr viele unter­schied­li­che Facet­ten … dadurch ist es gar­nicht mög­lich in die­sem oder ande­ren Bei­trag die Ein­zig­ar­tig­keit eines jeden Ein­zel­nen aus der Szene wider­zu­ge­ben.
    Und wie Petra und Julian bei der Oma schon erwähn­ten wol­len sich viele Men­schen mit der Szene und den Hin­ter­grün­den nicht aus­ein­an­der­set­zen … was Fremd und Anse­res ist ist schlecht. Warum also mit­ein­an­der reden und ein Nebeneinander/Miteinander akzep­tie­ren? Das ist nicht gewünscht, weil man müsste sich dann ja mit den Men­schen aus­ein­an­der set­zen und das kön­nen selbst die »Bun­ten« unter­ein­an­der schon nicht, wie soll es dann mit Men­schen aus der Szene funktionieren?

  3. Ich fand die­sen Bei­trag sehr gelun­gen.
    Ich war ja anfangs skep­tisch, als ich die Pro­gramm­vor­schau dazu sah, jedoch ver­flog dies direkt als ich dann den Bei­trag schaute.

    In eini­gen Gedan­ken der Prot­ago­nis­ten habe ich mich selbst sehr wiedergefunden.

  4. Sehr gelun­gene Repor­tage!
    Für mich sehr inter­es­sant, weil Petra auch noch mit weit über 40 in der Szene lebt — in die­sem Aus­maß.
    Ich habe mei­nen Stil gemä­ßigt — schwarz, aber nicht lackig, led­rig oder latexig;-)

  5. @Tears: Soweit ich das nach­voll­zie­hen kann, ist die Repor­tage von 2008, lei­der ist sie mir bis dato ent­gan­gen. Aber so ist das mit halb­wegs gutem Fern­seh­pro­gramm, man muss zwar danach suchen, aber es ist zu fin­den. Die BILD-Fraktion guckt sich eher Berichte auf Sat.1 oder RTL an, die decken sich dann eher mit dem Inhalt der besag­ten Zeitung.

    @Ricarda: So ist es. Mit kei­nem der Prot­ago­nis­ten konnte ich mich wirk­lich iden­ti­fi­zie­ren, aber einen Groß­teil der Gedan­ken teile auch ich. Ich denke es war aber auch nie Absicht des Berichts gewe­sen die Gothic-Szene zu erklä­ren, dafür zeigt sie einen sen­si­blen Ein­blick in Men­schen, die sel­bi­ger ange­hö­ren. Hier wird (wie bereits Stof­fel kom­men­tiert) die Viel­falt der Szene trotz der gemein­sa­men Klei­dungs­farbe sehr deutlich.

    @Stoffel: Mit­ein­an­der reden und ein Neben­ein­an­der akzep­tie­ren sind durch­aus rit­ter­li­che Ansin­nen, die auch ich mir als Ide­al­si­tua­tion vor­stelle, lei­der ist die Rea­li­tät eine andere. Des­halb freue ich mich immer wenn gute Berichte zumin­des­tens die Sicht­weise eini­ger weni­ger ver­bes­sern kön­nen. Einen inter­es­san­ten wei­ter­füh­ren­den Gedan­ken dei­nes Kom­men­ta­res finde ich trotz­dem sehr gut. Nicht nur die »Bun­ten« ken­nen sich auf­grund man­geln­der Kom­mu­ni­ka­tion nicht unter­ein­an­der. Lei­der wird das auch inner­halb der Gothic-Szene immer schlech­ter, was sicher­lich der Tri­but an die Ver­wäs­se­rung ist. Ich finde, hier sollte man anfangen.

    @Lilly: Lackig, Led­rig und Lat­exig sind Begriffe die ich mir unbe­dingt mer­ken muss :) Zumal Petra als Vege­ta­rie­rin mit Sicher­heit kein Leder auf die Haut kommt. Ich fand ihren Klei­dungs­stil auch nicht immer schön, aber das ist Geschmacks­sa­che, dafür teile ich viele von Petras Ansich­ten und bewun­dere defi­ni­tiv ihre Ein­stel­lung zum Leben, definitiv.

  6. Grund­sätz­lich, und das zeigt sich ja auch in den Kom­men­ta­ren, ist die Gothic-Szene nicht mehr so homo­gen wie sie gerne wollte, wie ich ver­mute. Ich habe das schon mal geschrie­ben, wo hört Gothic auf und wo fängt es an. Zum Glück ist sie noch keine Mas­sen­be­we­gung, aber allein durch Emos und z.T. Visus wird sie es zumin­dest optisch. Für Außen­ste­hende ist der Unter­schied kaum zu erken­nen. Wenn man dann noch diverse Fetisch– oder Sex-Vorlieben inte­griert, wie Lackig, Led­rig, Lat­exig, mit ent­spre­chen­den Spiel­ar­ten, dann wird die Szene immer undurch­schau­ba­rer. Auch für Mit­glie­der der Szene, wie mich z.B.: Ver­bin­det sich mit Latex, Leder, Lack nun eine wie auch immer gear­tete sexu­elle Vor­liebe, oder geht es um den Style?

  7. Nein, eigent­lich kann man gene­rell davon spre­chen, das das äußere Sty­ling (Latex, Lack, Leder) mei­ner Erfah­rung nach kei­ner­lei Rück­schlüsse auf die sexu­elle Ori­en­tie­rung der Szene Mit­glie­der hat. Diese Mate­ria­lien haben sich ledig­lich als modi­sches Acces­soire durch­ge­setzt, denn auch in der Gothic Szene ist der Trend zu immer mehr Haut gegan­gen. Waren Gruf­tie Mäd­chen in den 80ern noch hoch geschlos­sen, ist Haut heute im Vor­der­grund.
    Viel­leicht ist das auch ein Tri­but an die Akzep­tanz, den Gewöh­nungs­fak­tor. Viel­leicht fühlt man sich mit schwar­zen Kla­mot­ten allein nicht aus­ge­grenzt genug, son­dern greift daher zu aggres­si­ve­ren Materialien?

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